Einführung in die Noomachie

20.05.2021
Es gibt so viele verschiedene Kulturen, dass wir uns das kaum vorstellen können.

Was ist Noomachie? 

(Erste Einheit)

Liebe Freunde! Dies ist die letzte Einheit unseres experimentellen Kurses zur Serbischen Schule der Geopolitik. Diese Vorlesung baut auf den vorhergehenden Einheiten auf, die bereits gehalten wurden. Ich gehe davon aus, dass Sie die vorhergehenden Kurse gut verstanden haben. Sie sind die notwendige Voraussetzung, um diese endgültige metaphysische und philosophische Zusammenfassung des multipolaren Zuganges und damit die eigentliche Essenz der Moderne hinsichtlich Kulturen, Zivilisationen, Gesellschaften und dem Platz der Identität in diesem Zusammenhang verstehen zu können. Die Noologie ist die neue philosophische Disziplin bzw. der Zugang, welcher von der rumänischen und russischen Denkschule entwickelt wurde. Innerhalb der Noologie gibt es zwei Zweige, einen russischen und einen rumänischen Zweig. Der rumänische Zweig wird vom Philosophen  Lucian Blaga  und seinem modernen Erben, Professor Badescu  repräsentiert. Die russische Noologie ist zwar ganz anders, bezieht sich aber auf die selben Quellen der Inspiration, welche von meiner Person und von meinen Freunden entwickelt wurden. Ich habe bereits 18 Bände der Noomachie (Abgeleitet vom griechischen Wort Noomakhia, Anmerkung AM) veröffentlicht, von denen jeder mehr oder weniger 800 Seiten umfasst. Es handelt sich dabei also bereits um ein abgeschlossenes Werk. Es ist aber noch nicht vollendet. Ich arbeite gerade am 20. Buch, sie wird aber 21, vielleicht 22 Bände insgesamt umfassen. Dabei handelt es sich um ein Projekt, das auf einem besonderen philosophischen und metaphischen Zugang aufbaut, welchen ich im Rahmen dieses Kurses im Umfang von zehn Vorlesungen versuchen werde, zu erklären. Sie sind insofern sehr wichtig, als sie die Zusammenfassung von allem darstellen, was bisher gesagt und getan wurde. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Englisch spreche, aber das Problem liegt nicht nur darin, dass es uns an einem qualifizierten Dolmetscher vom Russischen ins Serbische mangelt, sondern auch in der Tatsache, dass es auch einige neue Begriffe im Russischen gibt. Für einen Russen ist es schwer die Noomachie auf Russisch zu verstehen. Für Serben ist es fast unmöglich, weil niemand eine korrekte Übersetzung anfertigen kann. Wenn ich die serbische Sprache gut genug beherrschen würde, würde ich es vorziehen diese Vorlesung auf Serbisch zu halten, aber ich zweifle daran, dass es jemand anderen als mich selbst gäbe, der solch eine philosophische Übersetzung anfertigen könnte. Also entschuldigen Sie bitte, dass ich diese Vorlesung auf Englisch halte, aber ich kann so jederzeit eine Pause machen und zu einem bestimmten Punkt zurückkehren, falls sie etwas nicht verstehen können. Sollten Sie etwas nicht verstehen oder einen wichtigen Begriff nicht begreifen, fragen Sie mich oder Jovana.  Wir werden dann versuchen den Begriff ins Serbische zu übersetzen, da eine zutreffende philosophische Terminologie weder im Russischen, noch im Serbischen ausreichend entwickelt wurde. Wir haben immer Deutsche, Englische oder Französische Wörter im Kopf um diese Konzepte zu übertragen. Ich verwende Englisch auf eine konzeptuelle Weise, um diese Konzepte zu übertragen, nicht die Begriffe unserer Muttersprachen.

Wir werden in den kommenden Tagen bis Freitag zehn Vorlesungen abhalten. Es ist sehr wichtig, bei allen anwesend zu sein, weil sie nicht verstehen werden, worum es in der nächsten geht, wenn Sie eine verpassen. Heute werden wir zwei einführende Vorlesungen hören, welche die Wichtigsten von allen sind. Daher müssen wir uns heute konzentrieren und alle anderen Gedanken beiseite schieben. Wenn Sie das begreifen, werden Sie verstehen und die Schlüssel in der Hand halten, um alle intellektuellen Türen in diesem Kurs öffnen zu können. Wenn Sie nicht dazu in der Lage sind, wird das zukünftig ein Problem sein. Daher lade ich Sie dazu sein, sich zu konzentrieren. Vielen Dank für Ihre Anwesenheit.

Die erste Vorlesung des heutigen Tages ist eine Einführung in die Noologie. Noologie ist ein neuer Begriff, der diese Wurzeln hat: Die griechischen Wörter “nous” und “logie” (Logik, Logos, Wissenschaft, Lehre). Also ist die Noologie die Lehre vom “nous”. Was bedeutet “nous” auf Griechisch? Es handelt sich dabei um ein sehr ernstes Wort und wenn man versucht es zu übersetzen, erhält man im Russischen das Wort ‘ум‘ . Es ist das Wort für Intelligenz und Intellekt. “nous” bedeutet aber auch Geist, Ordnung, Denken oder eine Art von Bewusstsein. Im Deutschen wird es mit “Bewusstsein” übersetzt. Es ist etwas, dass in den Tiefen des menschlichen Denkens liegt. Aber was ist menschlich? Menschlich ist das Sein, das sich von allem anderen Sein darin unterscheidet, dass es denkt. Es ist das denkende Sein. Jede andere Qualität teilen wir mit anderen Wesen, aber menschlich zu sein bedeutet, zu denken. Denkende Kreaturen und denkendes Sein sind menschlich. Also macht das Denken den Menschen aus. Zu denken bedeutet, Mensch zu sein. Wir besitzen Körper, aber auch Instinkte und Schmerzen, Leiden und Freude. Aber die anderen Kreaturen haben sie auch. Also ist das Denken oder der nous die Essenz des Menschen. Niemand außer uns besitzt in der lebendigen Welt die Fähigkeit zu denken. Also ist das Denken oder der nous die Essenz des Menschen. Der Mensch ist das Denken. Alles andere ist menschlich, aber nicht menschlich alleine. Das Denken ist daher der einzige Aspekt des Menschen, der uns menschlich macht. Menschlich zu sein bedeutet zu denken. Daher ist der nous als eine Art des Denkens und des Bewusstseins die tiefste Wurzel des menschlichen Seins, der Menschlich-keit, der Menschheit. Wir sind menschlich wegen des Denkens und wegen des nous. Wir sind wir, weil es den nous gibt. Ohne nous gibt es keinen Menschen. Wir sind Menschen, weil es das nous gibt. Daher ist das Nachdenken über den nous und der Versuch, die Noologie zu erforschen das selbe, wie wenn wir uns selbst erforschen würden. Dabei handelt es sich nicht um ein entfremdetes Objekt. Über den nous nachzudenken ist das selbe, wie wenn man über uns und unsere tiefste Natur nachdenken würde. Das ist kein abstrakter Vorgang, sondern eine Art Introspektion. Wir sprechen und lernen über unsere Tiefe. Wir sind lernende Menschlichkeit. Das ist der nous.

Wir könnten das menschliche Sein aber auch von einem anderen Standpunkt aus darstellen. Die Noologie stellt das menschliche Sein von einem bestimmten Standpunkt aus dar, von ihrem grundlegenden Gesichtspunkt aus. Bei ihr handelt es sich um ein Studium des Denkens als solches. Das ist sehr, sehr wichtig. Die Noologie ist weiters auch die philosophische Grundlage der Multipolarität. Warum der Multipolarität? Weil der Grundgedanke der Noologie darin besteht, dass es nicht nur eine Art des Denkens gibt, welche universal und der ganzen Menschheit gemein ist. Es gibt Unterschiede. Wenn wir also versuchen, den nous vorsichtig zu studieren, den Intellekt, das Bewusstsein, das Denken, entdecken wir, dass der Denkprozess kulturabhängig ist. Wenn Sie in einer Kultur denken, denken Sie auf eine bestimmte Art und Weise. Wenn Sie zu einer anderen Kultur, einer anderen ethnischen Gruppe, zu einer anderen Religion, zu einem anderen Zeitalter gehören, denken Sie komplett anders. Aber Sie sind noch immer ein Mensch. Sie sind noch immer Serbe, Russe, Franzose, Engländer, Chinese oder Afrikaner. Aber wenn Sie anderen Kulturen, Räumen und Epochen angehören, denken Sie anders. Wenn wir also das Nous und das Denken an sich studieren wollen, müssen wir diese Unterschiede berücksichtigen. Und ohne das Studium dieser anderen Denkwege, werden wir nie die Essenz des Denkens erreichen. Wenn wir zum Beispiel annehmen, dass jeder so denkt wie wir, werden wir unser eigenes Denken studieren. Aber es ist nur ein Teil. Weil die Kroaten, Albaner, Russen, Engländer, Amerikaner, Afrikaner, Chinesen, Muslime zum Beispiel nicht nur über sekundäre Aspekte anders denken, sondern auch ganz andere Gedanken hinsichtlich der menschlichen Natur, über das Leben, den Tod, Gender, Geschichte, Raum, Zeit, Gott, Materie, die Welt, einfach über alles haben. Die Noologie ist eine Art Phänomenologie des Geistes. Wir schreiben nicht vor, wie der nous sein sollte oder was er sein müsste. Wir versuchen ihn so zu erforschen, wie er ist, wie das Denken funktioniert und stellen ihn in verschiedenen Zusammenhängen dar. Und diese Anerkennung der Unterschiede ohne jegliche normative Vorschreibungen, wie der Mensch normalerweise denken sollte, ist die besondere Eigenschaft der Noologie. Daher beginnen wir mit der Anerkennung der Unterschiede und wir versuchen diese besser und tiefer zu verstehen, sowie nicht zu versuchen etwas Einheitliches oder Universales aufzuzwingen, sondern zu entdecken. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Aus diesem Grund widmet sich die Noologie dem Studium konkreter Kulturen. Die meisten meiner Bücher innerhalb des Noologieprojekts sind der europäischen Kultur gewidmet, wie etwa jene über den französischen logos, den englischen logos und den osteuropäischen logos, aber auch für den russischen logos, den amerikanischen logos, den chinesischen logos, den iranischen logos und so weiter. Wir studieren Kulturen und aufbauend auf den Kulturen leiten wir aus diesen Kulturen ihre Art des Denkens ab. Auf diese Art und Weise kommen wir zu einer Gesamtschau des menschlichen Denkens. Wir sagen nicht “der Mensch sollte ein moderner Europäer, weiß, atheistisch, materialistisch und liberal sein.” Dabei handelt es sich um das konkrete Ergebnis der angelsächsischen Europäischen Zivilisation. Sie ist geographisch beschränkt und nicht universal. Es ist der englische Weg, die eigene englische, amerikanische und europäische Geschichte zu entwickeln. Wenn wir aber nach Osteuropa, in die slawische, russische und chinesische Welt oder die muslimische Welt gehen, entdecken wir, dass sich die Menschen nicht entlang dieses amerikanischen, englischen oder europäischen Weges entwickeln. Jeder geht seinen eigenen Weg.

Die Noologie dient genauso dazu, den Konflikt zwischen den Zivilisationen besser zu begreifen, wie sie auch den Schlüssel zum Verständnis darstellt, was mit Ihrem Land oder unserem Land passiert, wie wir uns im Umgang mit dem Westen verhalten, wie er uns behandelt, warum sie uns so behandeln, warum wir darauf antworten, warum wir Widerstand leisten oder warum wir nachgeben. Die Essenz der Noologie liegt in der Anerkennung der Vielheit der Geister der Kulturen. Vielheit bedeutet, dass es nicht nur einen universalen, normativen Weg der Entwicklung des Geistes gibt. Es gibt viele Geister, nicht einen Geist. Oder es existieren verschiedene Manifestationen eines Geistes, des nous, die aber so verschieden und besonders sind, dass wir jeden Fall einzeln und mit Sorgfalt studieren müssen, sowohl den serbischen, russischen, französischen als auch den deutschen Fall. Es geht nicht darum, eine Hierarchie zu schaffen oder zu sagen, dass der eine “entwickelter als der andere ist”, sondern darum zu verstehen, wie jeder unter verschiedenen Bedingungen denkt. Das ist Noologie.

Die Noologie ist eine Mehrebenenanalyse. In der Noologie greifen wir auf die Philosophie zurück. Ein grundlegendes Verständnis der Philosophie ist notwendig, um zu verstehen, was vor sich geht, eben weil die Philosophie einen Spiegel des Denkens darstellt. Indem wir Philosophie studieren, sparen wir Zeit, um die anderen Gebiete zu studieren, wie Geschichte und Politik, weil in der Philosophie alles miteinander in Zusammenhang steht. Sie werden gleichzeitig in der Philosophie repräsentiert. Wenn wir die Geschichte der Philosophie lesen, lesen wir die Geschichte der Menschheit. Warum? Weil es menschlich ist, zu denken. Und die Philosophen weihen ihr ganzes Leben und all ihre Bestrebungen den Anstrengungen des Denkens. Daher sind sie menschlicher als andere. Sie sind klarere Menschen als andere. Sie machen das gleiche, wie alle anderen auch, aber auf eine spezielle Art und Weise. Sie konzentrieren sich auf die Menschlichkeit der Menschen. Und die anderen nehmen daran auch teil. Wir können sagen, dass jeder Mensch ein Philosoph ist. Aber der Philosoph ist der komplett vollendete und perfekte Mensch. Sie verschreiben sich dem Hauptziel des Menschens, zu denken. Aus diesem Grund ist die Philosophie so wichtig für die Noologie. Die Geschichte der Religionen ist sehr wichtig, weil Religion der andere Weg zu denken ist. Die Religion gründet auf den Vorbedingungen des Denkens. Ohne ein grundlegendes Verständnis der verschiedenen Religionen können wir nicht die Noologie verstehen, weil es sich bei der Religion auch um ein Spiegelbild des Denkens handelt. Hier sehen wir die Projektion unseres Denkens auf die Götter, auf die Beziehungen zwischen dem Grund des Seins und der Quelle des Seins, der Schöpfung, Gott, der Zeit und vielen anderen Dingen in der Religion, welche die Strukturen des nous reflektieren. Daher müssen wir in der Noologie ein bisschen über die Religion wissen.

Weiters ist es wichtig, dass wir in der Noologie einiges an Wissen über die Geopolitik benötigen, weil wir in der Geopolitik die Konkretisierung der Zivilisation sehen. Das ist jetzt eine Art Generalisierung, aber wenn wir die geopolitische Position eines Denkers nicht entdeckt haben, können wir nicht verstehen, was er meint, weil wir nicht nur durch eine philosophische und religiöse Tradition definiert werden, sondern auch durch unsere Position in der Welt und unsere Art des Denkens. Unsere eigene kulturelle Noologie wird durch unsere geopolitische Position definiert. Wenn Sie der Zivilisation des Meeres (Seemacht) oder der Zivilisation des Landes angehören, denken Sie anders. Das ist ein sehr wichtiger Unterschied. Die Position auf der geopolitischen Karte der Welt ist sehr wichtig, um das konkrete Denken zu interpretieren. Die Geopolitik ist daher absolut unausweichlich. Die Weltgeschichte ist das zentrale Thema. Wir müssen die Geschichte der verschiedenen Völker und Kulturen kennen. Wir müssen auch ein grundlegendes Wissen der Soziologie erwerben, weil die Soziologie jene Disziplin ist, die uns zeigt, wie sehr unsere Art des Seins von der Gesellschaft definiert wird. Das ist so wichtig, weil die Gesellschaft ein sehr wichtiger Weg zur Selbstreflexion ist, weil erst wenn wir wissen, wie sehr die Gesellschaft und ihre Prinzipien in uns verwurzelt sind, werden wir entdecken, dass unsere Individualität und Originalität fast bei null liegen, in einer fast inexistenten Qualität bestehen. Alles in uns kommt aus der Gesellschaft. Wenn wir denken “Ich denke das.” ist es nicht das “Ich”, das denkt. Die Gesellschaft denkt durch mich. Die Soziologie ist sehr wichtig. Ebenso die Anthropologie und zuallerst die neue anthropologische Schule von  Franz Boas und Claude Lévi-Strauss sowie anderen Denkern aus dieser Tradition. Und ich schlage vor, dass wir im Verlauf dieses Kurses auch dringend eine Art anthropologischen Kurs über die Anthropologie benötigen. Das ist ein sehr wichtiger Bestandteil. Die moderne Anthropologie zeigt uns die ethnische Tradition und Lebensweise sowie wie Natur und Kultur und wie das Gleichgewicht zwischen Natur und Kultur die Werte der Gesellschaft definiert und wie andere Gesellschaften sind. Das ist der sehr wichtige Erkenntnisgewinn durch die moderne Anthropologie. Die alte Anthropologie des 19. Jahrhunderts baute auf der Evolutionstheorie auf. In ihr entwickelt sich jeder. Es gibt entwickelte Gesellschaften und unterentwickelte Gesellschaften. Die moderne Anthropologie zeigt uns dagegen, dass es so etwas wie Entwicklung nicht gibt. Es gibt Unterschiede. Und während wir die archaischen Gesellschaften studieren, können wir Gesellschaften entdecken die komplexer und komplizierter sind, als unsere Gesellschaft, aber vor allem anders. Sie sind nicht unterentwickelt.

Sie sind nicht die kindische Phase der selben Kultur. Sie sind vielleicht erwachsene, vielleicht kindische, vielleicht alte Phasen der anderen Kultur, welche wir gründlich studieren müssen, ohne unsere eigenen Ideen auf sie zu projizieren. Das ist der Gewinn der modernen Anthropologie. Das ist eines der grundlegenden Prinzipien der Noologie und der Noomachie.

Es gibt eine Ethno-Soziologie, welche Ethnologie und Soziologie zusammenführt. Sie haben bereits einen Kurs über Ethno-Soziologie besucht. Es ist ein sehr wichtiger Schlüsselkurs. Die Theorie der Vorstellung – ich würde dazu raten die Bücher von Carl Gustav Jung, Gaston Bachelard, aber allen voran Gilbert Durand (einem französischen Autor) über die Soziologie der Vorstelung zu lesen. Das ist sehr wichtig. Seine Methoden und Lehren werden in diesem Kurs als eine Art methodologische Grundlage verwendet werden. Ich werde in kurzen Zügen erklären, was die Soziologie der Vorstellung von Gilbert Durand ist. Ich habe eine Doktrin über die Soziologie der Vorstellung formuliert und sie wird von Nutzen sein. Hinsichtlich der Phänomenologie schlage ich vor, Heidegger und Husserl zu studieren. Die wichtigste Idee der Phänomenologie ist, dass das Ding, über das wir nachdenken, in unserem Geist existiert. Alle Qualitäten der Dinge gehören zu unserem Geist. Wir können also nur raten, was das Ding jenseits unseres Geistes ist. Es gibt keinen Beweis und keine Qualität. Es ist fast gar nichts. Zum Beispiel ändert die Existenz oder Nichtexistenz des Dings außerhalb unserer Wahrnehmung absolut nichts an unserer Beziehung zu dem Ding. Das ist das Hauptgesetz der Phänomenologie. Die Dinge sind in unserem Denken und unserem Denkprozess präsent. Das ist das Hauptgesetz der Phänomenologie, entwickelt von Edmund Husserl und Martin Heidegger sowie anderen Philosophen der selben Schule.

Auch der Strukturalismus von  Ferdinand de Saussure, Lévi-Strauss, und Paul Ricoeur ist sehr wichtig, weil er als philosophische Methode erklärt, dass alles in Strukturen existiert. Die Struktur ist etwas Unsichtbares, aber definiert die Bedeutung. Die Sprache ist also viel wichtiger, als der Diskurs oder die Dinge, welche in der Sprache gesagt werden. Die Sprache definiert vor, was wir sagen werden. Was wir sagen sind also Zitate aus der Sprache und dem Wörterbuch. Es ist also unsere Sprache auf die wir so stolz sind und von ihr denken, dass sie etwas Originelles sei. Zum Beispiel der Satz “Lasst uns ins Kino gehen!”, wir sagen ihn wie “Es werde Licht!” oder “Es werde eine Feste zwischen den Wassern!”, wie Gottes Ankündigung aus dem Nichts heraus, aus der Leere, aber es ist ein reines Zitat von dem, was andere Männer und Frauen einander sagen. “Lasst uns ins Kino gehen!” Das ist ein Zitat und es wird durch die Struktur der Sprache definiert. Darin liegt nichts, absolut nichts Originelles. Und mit allen unseren Urteilen ist es das Selbe, all unseren Wörtern und Diskursen, wir wiederholen die Dinge, welche bereits Millionen und Millionen mal vor uns von anderen gesagt worden sind. Und es gibt keinen Autor. Es gibt aber eine Wiederholung der Struktur. Sie ist die Sprache, die für sich selbst spricht. Das ist das Konzept und die Philosophie des Strukturalismus. Sie ist ein sehr interessanter und sehr wichtiger methodologischer Aspekt, den wir in der Noomachie verwenden.

So wie in der Vierten Politischen Theorie schlage ich vor, Heidegger zu lesen. Ich schlage außerdem vor, die Philosophen der traditionalistischen Schule Rene Guenon und Julius Evola zu lesen. Sie sind sehr wichtig. In Bezug auf Gender und das Matriarchat schlage ich vor, Bachofen zu lesen. Das ist sehr wichtig, weil das Studium des Matriarchats ein grundlegender Teil der Noomachie ist. Ich werde erklären warum. Bachofen hat ein Buch mit dem Titel  ‘Das Mutterrecht’ geschrieben. Das Buch ist ein klassisches Werk darüber, wie das präindoeuropäische Matriarchat war. Hierbei handelt es sich um ein sehr wichtiges, klassisches Grundlagenwerk. Wir erwähnen ebenfalls die strukturalistischen Autoren Georges Dumezil und Claude Levi-Strauss, bei welchen es sich um Vertreter der modernen strukturalistischen Anthropologie und Ethnologie handelt. Das sind mehr oder weniger jene Felder, Methoden und Schulen, welche wir im Rahmen der Noologie verwenden. Aber es gibt viele, viele Studien, multidisziplinäre Studien solcher Art, also ist an dem was ich gesagt habe nichts neu oder nicht konkret. Und worin liegt die Originalität der Noomachie als solcher? Das ist der wichtigste Punkt. Alle genannten Disziplinen und Methoden sowie Felder sind hilfreich. Sie helfen uns zu verstehen. Sie sind Werkzeuge. Aber was ist die eigentliche Methode? Die Hauptmethode ist das Konzept über die Existenz der drei logoi, welches diesmal etwas teilweise Neues ist (und ich werde erklären warum).

Was sind die drei logoi? Meine Idee lautet, dass sich der nous als Gedanke oder Geist oder Intellekt in drei unterschiedlichen, verschiedenen Formen manifestiert. In genau drei Formen – nicht mehr und nicht weniger. Das ist die Annäherung als methodologischer Zugang. Es ist das was die Franzosen ‘grilles de lecture.’ (Raster, Anmerkung AM) nennen. Das ist eine Möglichkeit der Deutung. Wenn wir sie annehmen, wird alles in den Zusammenhang dieses methodologischen Zugangs gestellt. Also gibt es einen Geist mit drei Hauptausprägungen und vielen Unterteilungen, vielen anderen Formen, alle einbegriffen in dem globalen und allgemeinen Prozess, den ich logos nenne. Es gibt also ein nous und drei logoi. Wie sich die drei logoi zum nous verhalten, stellen wir außer Frage. Das ist zu metaphysisch und nicht wichtig für uns. Die wichtigste Erkenntnis lautet, dass sich der nous nicht manifestieren kann ohne durch einen der drei logoi durchzugehen. Es gibt kein Denken außerhalb dieser drei logoi. Aber diese drei logoi können wir in jeder Kultur finden. Sie haben kein Schicksal für eine von ihnen. Es gibt keine Hierarchie zwischen den drei logoi. Und wir finden alle drei logoi notwendigerweise in jeder Art von Kultur. Das ist das Resultat meiner Arbeit und das Ergebnis meiner Studien und Forschung. Ich bin von der Hypothese ausgegangen, dass wir sie vielleicht in jeder Kultur finden werden, vielleicht aber auch nicht. Nachdem ich alle Kulturen auf der Welt studiert habe, miteingeschlossen die archaischsten in Ozeanien, Afrika, und den Indigenen Süd- und Nordamerikas, bin ich an dem Punkt angelangt, der meine Hypothese bestätigt hat. In jeder Kultur und jeder Gesellschaft, gleich ob archaisch, modern oder postmodern, europäisch oder nicht europäisch, zu jeder Zeit und in jeder Form von Gesellschaft, können wir die drei logoi in verschiedenen Proportionen und unterschiedlicher Ausprägung vorfinden. Sie können auf viele Arten kombiniert werden, es gibt millionen Möglichkeiten. Das ist dynamisch. Ich werde das Gleichgewicht des logos erklären und wie es sich ändert. Aber sie sind überall anwesend. Keine Kultur, kein Volk, keine Religion, keine Region kann sagen “wir haben dieses logos und nur dieses oder nur diese zwei.” Jede Kultur hat drei logoi. Das ist sehr wichtig. Das zeigt uns, dass wir keine Hierarchie zwischen den Kulturen oder Völkern herstellen können, da sich die drei logoi auf eine besondere Art und Weise miteinander verbinden. Das ist unsere Geschichte. Unsere tiefe Idenität des Volkes, der Kultur, der Religion besteht genau aus dieser Kombination und dem Wandel im Gleichgewicht dieser drei logoi. Weil es so viele Möglichkeiten gibt, sie zu kombinieren, gibt es unbegrenzte Möglichkeiten menschlicher Gesellschaften und keinen Weg eine Hierarchie zu schaffen, weil die archaische Gesellschaft mit der Herrschaft eines logos existieren kann und die Moderne mit jener eines anderen und vice cersa. Es gibt keine allgemeine Regel die universal sein könnte.

Dieser Punkt ist sehr wichtig, da er uns zeigt, dass wir es in unserer Wissenschaft, unserer Methodologie, unserer Politik und unserer Kultur mit einer Art rassistisch-kolonialistischen Zugang zu jeder Kultur zu tun haben. Wir projezieren unser eigenes logos als etwas Universales. Ein eingehendes Studium dieser Kultur zeigt aber, dass dieser Anspruch illegitim ist.  Rassismus ist die Idee, dass “mein logos oder meine besondere Kultur universal ist” ohne die anderen Kulturen zu studieren oder zu fragen. Und nachdem wir unsere Kultur für universal erklärt haben, stellen wir uns als Vorbild für alle anderen hin. Das Andere ist entweder das Selbe wie wir oder weniger entwickelt. Und das ist der Fall hinsichtlich der modernen europäischen Zivilisation und uns, der wir ihr angehören. Wenn wir das akzeptieren, nehmen wir eine rassistische Haltung gegenüber der Geschichte, der Vergangenheit und uns selbst gegenüber ein. Und wir erklären, dass “das universal ist und der einzige Weg sich zu entwickeln, den jeder gehen wird.” Es gibt nur eine Kultur und einen logos. Und unser logos ist universal und das Maß aller Dinge. Das ist komplett falsch und eine Übertreibung unseres eigenen selbst. Und es ist etwas, dessen komplette Illegitimität ich nachweisen werde. Es gibt hier nicht nur offen biologischen Rassismus. Der moderne Liberalismus, der Kommunismus und jede Art der Globalisierung sind absolut rassistisch, weil sie auf dem Universalismus der historischen Erfahrung eines Teils der Menschheit basieren und diesen der gesamten Menschheit als Ziel setzen. Wer ist zum Beispiel in den Augen der Globalisten der afrikanische Neger? Er ist ein Mensch auf dem Weg ein weißer, moderner, kapitalistischer, liberaler europäischer Mann zu werden. Er ist ein unterentwickelter Europäer. Er ist nicht der Vertreter einer Kultur, die ihren eigenen Weg geht. Diese Kultur ist etwas Unentwickeltes. Und die moderne Idee der Toleranz besteht exakt darin, dass wir ihn als etwas Unvollkommenes, gewissermaßen Ungültiges, etwas das auf dem Weg ist so zu sein wie wir tolerieren, was komplett rassistisch ist. Wir anerkennen das Andere nicht als ein vollständiges und perfektes menschliches Wesen an, dass anders ist als wir. Wir denken, dass sie unsere Weg gehen und dazu verpflichtet sind und dass es keinen anderen Weg gibt und wir uns ihrer erbarmen müssen. Es gibt einen sehr netten Film von Werner Herzog mit dem Titel ‘Wo die grünen Ameisen träumen.’ Er beweist, dass die indigenen Australier nicht nur dem westlichen Beispiel nicht folgen können, sondern das auch nicht wollen. Sie gehen ihren eigenen, vom Westen unabhängigen Weg und das ist die Entscheidung ihrer Kultur. Darin besteht der Zusammenstoß der rassistischen angelsächsischen Version der Geschichte und der aboriginalischen australischen Version ihrer Identität. Sie sind keine Westler zweiter Klasse. Sie sind Australier erster Klasse für sich selbst.

Das ist der ethische Aspekt der Noologie. Die Noologie ist der Kampf für die menschliche Würde jeder Gesellschaft, ohne Hierarchie und ohne diese Projektion. Sie ist die Grundlage der antikolonialen Metaphysik. Viele Lehren haben im Laufe der Geschichte vorgetäuscht antikolonial zu sein (sowohl der Marxismus, als auch der Liberalismus.). Aber sie gründeten auf einer universalistischen Version der Geschichte. Für den Marxismus müssen wir die afrikanische Gesellschaft entwickeln, um sie sozialistisch und die Afrikaner gleich zu machen, dabei werden aber ihre Werte und ihr System zerstört, da sie in ihrem Naturzustand als unerentwickelt angesehen werden. Das selbe gilt für den Liberalismus. Der Liberalismus und der Kommunismus sind genauso rassistisch wie der Rassismus Hitlers. Darin besteht die Hauptgrundlage der Vierten Politischen Theorie, dass wir einen Weg aus den drei politischen Theorien herausfinden müssen. Die Noologie bildet dabei die metaphysische Grundlage, wir brauchen sie deswegen so dringend, weil wir uns sonst anders verhalten und die anderen Völker anders behandeln und dabei unseren rassistischen Zugang projezieren und uns mit dem Normativen und Universalen gleichsetzen. Aber das ist eine Verletzung der Wahrheit. Es ist ein rein kolonialistischer Kampf um die Macht und weder um Verstehen noch Wissen, noch Weisheit, noch Wahrheit. Es ist etwas ganz anderes. Das ist der Grund warum die Noologie so wichtig ist. Sie ist die philosophische und metaphysische Grundlage für die Multipolare Welt. Und das Konzept der drei logoi zeigt, dass Unterschiede in Verbindung und in verschiedenen Kulturen existieren können.

Was sind also diese drei logoi? Hier können wir uns an das Nietzscheanische  Konzept der griechischen Götter Apoll und Dionysos erinnern. Apoll und Dionysos sind zwei griechische Götter aber Friedrich Nietzsche hat sie nicht als Objekte des Kults und der Verehrung interpretiert. Sie wurden als Metaphern genommen, als eine Art von Symbolen oder Figuren. Sie müssen also keine Anhänger des Apolls sein, um apollinisch zu sein. Sie müssen kein Kultist des Dionysos sein und an den Orgien teilnehmen, um dionysisch zu sein. Dionysisch oder apollinisch zu sein bedeutete für Nietzsche etwas ganz anderes. Apollinisch zu sein bedeutete hierarchisch zu sein und einem logischen Verständnis der Welt zu folgen, wohingegen dionysisch zu sein bedeutet, irrational zu sein und einem intuitiven Verständnis der Welt zu folgen. Nietzsche unterscheidet hier zwischen dem Denken des Tages (apollinisch) und jenem der Nacht, der Dämmerung, des Anbruchs der Dunkelheit (dionysisch). Nietzsche teilt die Kulturen in Apollinische und Dionysische auf. Die Kulturen teilen sich nach Nietzsche also in zwei Arten auf. Diese Einordnung stammte von Nietzsche und wurde von vielen anderen Autoren entwickelt und ist nun ein Allgemeinplatz in der Geschichte und dem Studium der Kulturen. Wir sprachen vom dionysischen Stil und dem apollinischen Stil indem wir Nietzsche folgen aber über ihn hinaus gehen. Und ich akzeptiere das und denke, dass wir es annehmen können und dass es einen logos des Apolls und einen logos des Dionysos gibt. Der nous (Geist, Denken) drückt sich selbst durch den apollinischen und dionysischen logos aus. Das ist sehr wichtig. Das hört sich nach dem Zugang Nietzsches an und ist es auch, weil ich in dieser Hinsicht von Nietzsche inspiriert wurde.

Bei dem Versuch dem dionysischen logos auf den Grund zu gehen habe ich als eine Art Vorgeschichte zur Noomahia das Buch “Auf der Suche nach dem dunklen logos” geschrieben. Meine Idee war es, hier die Geschichte nicht vom apollinischen Gesichtspunkt darzustellen, der heute vorherrscht und dominiert, sondern die Philosophiegeschichte von einem dionysischen Standpunkt aus zu erzählen. Wir wissen genau, wie eine apollinische Lesart der Ideengeschichte aussieht. Dies fällt mit der Philosophiegeschichte zusammen, wie wir sie heute kennen. Wir kennen das apollinische Denken, weil die Philosophiegeschichte apollinisches Denken ist, also dachte Apolll genauso wie ein Philosoph im Laufe der Zeiten. Meine Idee lag darin herauszufinden, wie Dionysos in Bezug auf die selben Themen, die selben Kategorien, die selben Gegensätze und Beziehungen denken würde. Das war auch eine Einladung von Nietzsche und ein kleines bisschen von Heidegger und vielen postmodernen Denkern, welche ebenfalls versuchten, diesen dionysischen Zugang anzuwenden, um die Geschichte der Philosophie zu entschlüsseln. Es ist nichts außergewöhnliches, aber ich habe es selbst versucht. Ich habe es das dunkle logos genannt, weil es für mich eindeutig ist, dass der apollinische logos das Licht ist und der Dionysische die Nacht, den Schatten oder die Dunkelheit darstellt. Man geht in das Feld des dunklen logos und versucht Hegel, Heidegger, Kant, Platon, Aristoteles und die anderen durch die Augen des dunklen logos zu beschreiben  (all das wird mehr oder weniger in meinem “Auf der Suche nach dem dunklen logos” getan, welches die Vorgeschichte oder den nullten Band der Noomachie darstellt), auf dem Forschungsfeld der Metaphysik und nicht der Idee, welche ich davor hatte, aber dem Ziel einer alternativen Ideengeschichte, aufbauend auf dem dionysischen Zugang, hinarbeitend, habe ich auf praktischem Wege die ausgesprochen wichtigen Grundlagen der gesamten Noomachie entdeckt. Es gibt einige Phänomene, eingeschlossen solche im Bereich der Kultur, der Religion, der Ideengeschichte, der Wissenschaft, der Kunst, der menschlichen Psychologie und im Unterbewussten, welche nicht in den Bereich des dionysischen logos eintreten können. Also fügt es sich ein, aber es gibt einen neuen Bereich, der sich weder in den apollinischen logos noch in den dionysischen logos einfügen lässt. Dabei handelte es sich um eine Art praktisch-empirische Entdeckung auf dem Feld der Metaphysik, weil es ein konzeptuelles Feld gab, zum Beispiel die Philosophie des Heraklit oder Demokrits, die Atomtheorie oder die moderne Wissenschaftstheorie, welche absolut nicht apollinisch oder dionysisch sind. Den dunklen logos suchend, bin ich zur Erkenntnis gekommen, dass es etwas außerhalb dieses neuen Logos gibt. Es gibt einen Dritten. Hinter dem logos des Dionysos versteckte sich etwas im Schatten des Dionysos. Wenn Dionysos der Schatten des Apolls ist, dann gibt es einen anderen Schatten des Schattens.

Diesen habe ich in meinen Studien den logos der Kybele genannt. Kybele ist der Name einer sehr alten anatolischen Gottheit (die selbe wie die griechische Göttin Rhea). Kybele war der Name der antiken Muttergottheit Anatoliens. Vor den Hethitern gab es das besondere prä-indoeuropäische Volk der Hattier  und die indoeuropäisch sprachigen Hethiter nahmen diese Göttin und integrierten sie in ihren religiösen Kontext sowie nach ihnen die Pyhrger und entwickelten daraus den Kult der Kybele. Dies war ein sehr interessanter Kreis, dessen Konzept auf der rituellen Kastration des Mannes und der Herrschaft der Großen Mutter beruhte. Also wurden die Priester der Kybele kastriert und in Eunuchen verwandelt. Das war die Entmannung des Mannes und Teil der großen Vision des Matriarchats, in welchem die Position des Mannes eine ganz andere war, wie wir wissen. Sie unterscheidet sich komplett von der dionysischen Position, weil Dionysos im Zentrum seines Kultes die Interaktion zwischen den Bakkanten, den Frauen, aber auch den Männern stehen hat. Dies bedeutet die Anwesenheit des Mannes im Zentrum der menschlichen Existenz. Dionysos ist kein transzendenter Dionysos. Er ist immanent, aber er ist ein Mensch. Das ist die Immanenz des Mannes, des Gott-Mannes, Gott als ein Mann, nicht als ein Mensch. Und diese Präsenz ist eine Art immanente Anwesenheit des Transzendenten. Dionysos ist nicht die Dunkelheit oder der dunkle logos. Er ist die Anwesenheit des Lichts in der Dunkelheit. Er ist ein Kind der Sonne in der Nacht. Er ist der Mann innmitten der chthonischen, femininen Existenz. Also der männliche Punkt innerhalb der weiblichen Realität. Er ist eine Art Sonnenstrahl der die Dunkelheit durchschneidet und ihr Zentrum erreicht, um eine neue Morgendämmerung zu schaffen. Das ist Dionysos. Und man kann ihn nicht mit der Dunkelheit oder dem Chaos identitifizieren. Und alle Orgien und Riten und Rituale sowie alle Themen welche mit Dionysos verbunden werden sind nicht so leicht zu interpretieren. Sie sind nicht die Umkehr der apollinischen Ordnung. Das war keine Revolution. Dionysos ist das selbe wie Apoll aber er kommt nicht am Tag, sondern in der Nacht. Das war das Männliche in der Nacht, das Licht in der Dunkelheit, aber eben “in” der Dunkelheit. Das ist die Sonne, welche am Abend untergeht um am Morgen wieder erneut aufzugehen. Aber wenn sie untergeht, im Moment der Mitternacht, dann ist er unsichtbar, versteckt und es scheint keine Sonne in der Mitte der Nacht, aber die Sonne existiert. Würde er komplett verschwinden, gäbe es keinen Morgen und keine Dämmerung. Er ist nicht der Tag, aber die Sonne der Nacht. Die Sonne am Tag ist das Selbe wie Apoll oder Helios. Wo ist die Sonne, wenn sie nicht scheint? Wo ist der Himmel, wenn es keinen Himmel gibt? Wo ist der Mann, wenn kein Mann da ist und nur die Dunkelheit, die Erde, die Immanenz und das weibliche Prinzip präsent sind? Er ist verborgen, aber er existiert. Das ist der Dionysische logos. Er ist sehr besonders. Er schafft eine neue dynamische Vision, eine Art Gleichgewicht zwischen Gender und Metaphysik, ein Gleichgewicht zwischen Transzendenz und Immanenz, zwischen Himmel und Erde. Er ist der Himmel auf der Erde und das ist die himmlische Erde, die Erde im Himmel. Wir haben es hier mit einer Verbindung von Gegensätzen zu tun. Das ist Dialektik. Das ist der dionysische logos.

Aber um wirklich zu verstehen was der logos des Dionysos ist, müssen wir den dritten lvorstellen und dieser ist etwas, was alle anderen Konzepte und Theorien ändert, die davor existierten, ebenso wie die Prinzipien oder Werkzeuge der modernen Kultur, der Kulturgeschichte und Kulturforschung. Also ist der dritte logos etwas absolut Neues. Die grundlegende Eigenschaft der Noologie liegt darin, dass es einen dritten logos gibt, einen Schwarzen, den logos der Kybele. Warum wurde der logos der Kybele so spät entdeckt? Warum hat niemand zuvor über die drei logoi gesprochen? Als ich begann es zu verstehen und dieses metaphysische Problem zu lösen, habe ich eine sehr interessante Sache entdeckt. Für den dominanten logos des Apolls kann es nicht existieren , weil wenn man die Situation von einem rein apollinischen Standpunkt aus sieht, dann kann es keinen logos jenseits des Apollinischen geben, weil das apollinische Konzept ausschließend ist und rein männlich und auf einer Art von Gleichung aufbaut. Der Mensch als Mann ist ein Mann und der Mann ist menschlich, also ist es das Selbe, ein Mann und ein Mensch zu sein und alles, was nicht in dieses Konzept passt, hat nicht das Recht, sich als logos zu bezeichnen. Der logos ist also Apoll, männlich und menschlich. Und alles, das nicht männlich ist (zum Beispiel weiblich), das nicht logisch ist gehört nicht zum logos und gehört nicht zum Menschen. Es ist eine Bestie oder ein Objekt und kein Subjekt. Das Subjekt kann nur apollinisch sein. Bereits die nietzscheanische Idee, das Konzept des logos zu vergrößern und Dionysos den Status des logos zuzuerkennen war bereits revolutionär, weil es zeigte, dass es auch einen anderen Zugang zum logos geben kann. Das ist absolut wichtig. Mit Dionysos haben wir entdeckt, dass es neben dem apollinischen Zugang auch einen anderen Zugang geben kann. Aber beide zugleich, sowohl der apollinische als auch der dionysische Zugang, können den dritten logos nicht tolerieren, weil sie beide männlich sind, offensichtlich im apollinischen Fall und versteckt im dionysischen Beispiel, exklusiv männlich im apollinischen logos oder inklusiv männlich im dionysischen Fall, aber es sind männliche logoi. Und der logos der Kybele ist nicht männlich. Und von dem vorherrschenden männlichen Gesichtspunkt aus kann er kein logos sein. Also geht er vorbei ohne bemerkt zu werden. Er ist eine Art Krach. Aber dieser Krach besteht nicht aus Worten und Reden. Für die metaphysischen Ohren des Mannes ist das, was die Frau sagt Krach und keine Rede. Mann kann es am ehesten mit dem Klang der Natur vergleichen. Dieser kann schön oder weniger schön sein, das ist fallabhängig.

Das ist die Idee des Platonismus als rein apollinische Philosophie. Hier gibt es die Ideen die oben sind und Bilder, wie Ikonen die unter ihnen existieren. Es gibt also Vertikalität. Hier gibt es den Vater als ewiges Beispiel und Paradigma, den Sohn als eine Art phänomenologische Nachahmung des Vaters sowie das Nichts, die Khora, die Materie die keine Qualität besitzt. Das wichtigste an der Definition des apollinischen Zugangs ist, dass jenseits des logos nichts ist. Jenseits des Vaters oder des Sohnes hat die Materie keine Qualität, also nichts, kein Sein, Dunkelheit. Ohne Qualität, nicht logos und das ist wichtig, er ist kein logos. Es gibt den logos des Vaters der apollinisch ist. Es gibt den logos der Sonne, der Immanenz, das ist der logos des Dionysos und es gibt keinen anderen logos, weil wir komplett machohaft sind, weil wir in einer patriarchalischen Tradition leben, also gestehen wir dem anderen Teil der Realität keinen logos zu. Wie verleugnen ihn also und deswegen war er so versteckt. In dem wir damit angefangen haben, einen dionysischen Zugang zur Geschichte und Philosophie zu erstellen, anzuwenden und zu beschreiben, haben wir etwas unterhalb der unteren Grenze der dionysischen Sicht gefunden, weil der dionysische Zugang sich eben nicht in der Kastration wiederfindet. Wir haben es hier nicht mit der Auflösung im Sinne der Großen Mutter zu tun. Sie ist der Abstieg in die Hölle um Wiederaufzuerstehen (die dionysische Idee), absteigen, um wieder aufzusteigen, hinabzusteigen, um wieder in den Himmel zurückzukehren. Sie ist das Opfer und der Tod, um wiederaufzuerstehen. Sie ist etwas komplett Anderes. Es ist, wie wenn man von der Spitze zum Boden geht, nur um wieder zurückzukehren. Dionysos ist die extreme Fassung des apollinischen logos, welche komplett anders ist und eine andere Struktur erschafft. Er ist also eine andere Neigung des nous. Vielleicht ist der nous das selbe, aber die Form ist eine ganz andere. Als ich anfing ernsthaft mit dem dionysischen logos zu arbeiten, habe ich entdeckt, dass da noch etwas anderes ist. Dies war eine metaphysische Entdeckung, die zuallererst eine  Erleuchtung und Offenbarung im philosophischen Sinne war, aber nachdem ich darüber nachgedacht habe, bin ich zur Einsicht gekommen, dass wir sie instrumentalisieren können. Wir können die Grenzen des Apollinischen und Dionysischen überschreiten und diesen Zugang als die dritte Form des nous oder dritten logos anerkennen, den logos der Kybele. Und danach tritt alles in einen harmonischen Zustand ein. Danach haben wir eine vollständige Erklärung aller möglichen Formen von Kulturen, Philosophien und Erklärungen zwischen ihnen.

Wir können uns nun also vorstellen, wie der Nous in drei logoi geteilt ist. Diese drei logoi schaffen jeder für sich eine Welt oder mehrere Welten. Wir können also in vielen apollinischen Welten leben, in vielen dionysischen Welten und wir könnten auch in vielen kybelischen Welten existieren. Es gibt nicht nur eine Welt. Es gibt Scharen, eine Vielzahl und Pluralität von apollinischen Welten, dionysischen Welten und kybelischen Welten. Sie sind ineinander eingebettet, miteinander verschmolzen und repräsentieren so einen Inhalt der Kulturen, des Denkens, der Kunst und der Geschichte, dass wir sofort den geistigen Reichtums des menschlichen Geistes entdecken. Aber das ist nicht das Chaos. Es ist eine Art innere Beziehung zwischen ihnen, weil wir die reinen Formen der drei logoi beschreiben können. Was ist zum Beispiel das Universum des Apolls? Es ist die Idee, dass alles von oben nach unten erschaffen wurde. Alles ist eine Art absteigender Prozess. Die platonische Philosophie ist so aktuell und war immer absolut aktuell, weil sie die perfekteste Form zur Perfektion des apollinischen logos ist. Der Platonismus ist mit dem apollinischen logos deckungsgleich. In jedem logos des Apolls, in jeder Kultur, egal ob man Kontakt mit dem griechischen Platonismus hat oder nicht, wird die selbe Version des apollinischen logos entstehen. Zum Beispiel habe ich entdeckt, dass im nilosaharischen Afrika, obwohl es keinerlei Verbindungen nach Griechenland besaß, mit einer sehr archaischen Tradition der logos des Apolls existiert, exakt die selbe Idee. Hier finden wir einen Gottvater der alles erschaffen hat und die Menschen sind die Söhne des Gottvaters und sie steigen vom Himmel hinab, um wieder in ihn aufzusteigen. Es gibt hier überhaupt keine irdische Dimension. Die Erde stellt die unterste Linie dar, zu der wir hinabsteigen können um wieder zurückzukehren. Das ist eine rein patriarchalische Einstellung. Alles gründet auf der Ehre, dem Kampf, dem Kampf gegen den Tod und die Dunkelheit, jeder Mann ist ein Lichtmensch. Diese Art der Hierarchie innerhalb der Gesellschaft baut auf dieser Tradition auf. Das ist die platonische, europäisch-feudale Tradition der serbisch-russischen Sicht auf die Gesellschaft.

Die selbe rein platonische Sicht haben wir bei den Shilluk, Nuer und Dinkastämmen der nilosaharischen Völker. Manchmal handelt es sich um Beispiele die in den Sternen existieren und alles womit wir uns beschäftigen sind Reflexionen oder phänomenlogoische Spiegelbilder dessen, was über den Sternen vorgeht. Es gibt also nicht nur den Platonismus in den Texten oder Dialogen Platons, sondern es gibt auch einen apollinischen logos. Sie stehen nicht in Kontakt mit Platon. Die pharaonische Tradition Ägyptens beispielsweise ging auch von einer pyramidalen Welt aus, welche wie die Sonne von oben nach unten aufgebaut war. Die Grundlage bildet ein Quadrat und die Spitze ist die Einheit. Die Pyramide ist also ein rein apollinisches Gebäude. Aus diesem Grund wurde das Feuer bei Platon als Pyramide dargestellt. Sie bedeutet auf Griechisch Feuer. Die Pyramide ist eine Art Feuer, dass an der Spitze zusammenläuft. Das Feuer und das Licht sind heilig und wir selbst sind Söhne des Lichtes. Von diesem Punkt an beginnt das Patriarchat und die absolute Dominanz des männlichen Prinzips und die Unterwerfung des weiblichen Prinzips unter alle apollinischen Dinge. Der logos des Apolls besteht also nicht in Menschen, die Platon gelesen haben und seine Texte auf die Gesellschaft anwenden. Das war teilweise der Fall, aber wir können nicht jede apollinische Gesellschaft durch die Lektüre von Platon erklären. Platon war ein Teil davon. Ich werde in den kommenden Vorlesungen erklären, was die platonische Philosophie konkret war. Wichtig ist hier festzuhalten, dass der apollinische logos ein logos ist. Er ist nicht Platon. Platon ist nur die Reflektion oder der Spiegel dieses logos. Er ist ein exzellenter Ausdruck dieses logos. Er ist die perfekte Kunst oder Offenbarung dieses logos in seiner vollständigsten Form. Also ist er die beste Einführung in den apollinischen logos. Aber dieser ist nicht die Schöpfung Platons. Er ist eine Schöpfung des nous. Auf diese Art wirkt der apollinische logos im nous und offenbart und manifestiert sich selbst. Das ist sehr wichtig. Er ist keine künstliche Schöpfung eines menschlichen Geistes. Der menschliche Geist kann Apolls Linie folgen und platonisch sein. Wir werden mit dem Platonismus geboren. Wir können im Inneren geborene Platonisten sein, wenn dieser logos in uns dominiert und unsere Kultur, Religion oder unser Wertesystem dominiert. Und das definiert unsere Welt. Wir betrachten den Himmel öfters als die Erde. Also sind wir Licht. Wir haben kein Gewicht. Wir verehren zum Beispiel geflügelte Kreaturen und Engel sowie Vögel. Unsere Götter sind transparent. Sie leben in der Luft, dem Himmel oder den Wolken. Das gilt auch für die christlich-indoeuropäische Tradition, sie ist apollinisch. Platon war Teil dieser Kultur. Fast die gesamte griechische Kultur, vor Platon, nach Platon, nicht nur die Griechische, sondern auch die Römische, Iranische, Indische und Slawische Tradition waren allesamt apollinisch.

Für uns ist es so selbstverständlich, dass wir denken, dass die Welt so ist, wie sie ist und dass es keine andere Welt gibt. Aber wir leben in einer apollinischen Welt. Unsere Tradition baut auf der apollinischen Weltsicht auf. Und die Entdeckung des logos des Dionysos ist bereits eine spirituelle und metaphysische Revolution. Es könnte anders sein. Wir könnten in einer anderen Welt mit einer anderen Symmetrie und gänzlich unterschiedlichen Organisation leben, die nicht auf der Verehrung der Transzendenz aufbaut. Wir könnten die Heiligkeit in der Immanenz sehen. Die dionysische Welt ist anders aufgebaut, mit einer anderen Bedeutung der selben Worte, selben Figuren und selben Götter. In diesem dionysischen Aspekt der christlichen Tradition, über den wir später mehr sagen werden, finden wir die Figur Christus. Er ist Gott und Mensch. Er ist transzendent und immanent. Er ist ewig wie in der apollinischen Welt, wo alles in seiner Essenz ewig ist und er ist historisch, weil er in die Geschichte trat. Wenn wir das ganze von diesem Blickwinkel aus betrachten, widersprechen wir weder der apollinischen Christenheit noch dem dionysischen Heidentum. So verstehen wir besser, dass in der selben christlichen Tradition beide Figuren existieren. Wir finden sowohl die Transzdendenz der Dreifaltigkeit Gottes und die Immanenz Christus vor. Also haben wir apollinische und dionysische Aspekte in dieser sehr besonderen Situation.

In anderen Traditionen können wir das Selbe entdecken. Die Figur des Dionysos finden wir in vielen anderen, unterschiedlichen Traditionen, zwar nicht mit dem selben Namen, aber mit der selben Funktion, als eine Art ekstatische Befreiung, weil der Name des Dionysos in der römischen Kultur Liber lautete (für Befreiung, Freiheit). Dies war die Befreiung vom Gewicht der Materie, von den chthonischen Aspekten der menschlichen Präsenz. Und das ist eine Art Sprung in die Freiheit Gottes. Es ist der Sprung vom Menschlichen ins Göttliche, von der Zeit in die Ewigkeit. Das ist die Essenz des Dionysoskultes. Er ist eine Art Heresie in unserer christlichen Tradition. Wir sind also in der Zeit und in unserem Körper. Wir kommen in Berührung mit dem Ewigen, das Gott ist. Das ist eine Art metaphysischer, anthropologischer und ontologischer Sprung. Das ist die Essenz der dionysischen Tradition. Die Eucharistie in unserer Kirche wird mit dem Wein, dem Blut Gottes und dem Weizen begangen, weil das Brot und der Wein die zwei Symbole der Eleusischen Mysterien sind, in deren Zentrum Dionysos und Demeter standen. Das ist die Fortführung einer besonderen Tradition, die in Dionysos und Apoll wurzelt. Und wenn wir die Welt durch den logos des Dionysos sehen, haben wir eine Welt. Wenn wir die Welt durch den logos des Apolls sehen, haben wir eine andere Welt vor uns. Wir haben es hier mit verschiedenen Symmetrien und einer anderen Metaphysik zu tun. Dionysos ist zum Beispiel ein Kreis. Er ist ein Kreis um den Punkt der Ewigkeit. Und der apollinische logos ist die Ewigkeit an sich. Er ist die Ewigkeit. Wir gehen also zur Ewigkeit und kehren zur Ewigkeit zurück. Das ist der wichtigste Punkt an der apollinischen Idee. Von hier aus, im ewigen Gesetz, der Tradition, sollten wir nichts ändern. Die Ewigkeit der Ethik, des Kultes ist der Glaube an die Ewigkeit, der selbst vortäuscht ewig zu sein. Das ist etwas ewiges außerhalb des Laufs der Zeit. Und die Zeit ist nicht wichtig. Nur der Zeitpunkt der Rückkehr ist wichtig. Die einzige Zeit, welche im Fall des Apollinischen wichtig ist, ist die Rückkehr der Ewigkeit, weil die Zeit selbst ihre Reflektion darstellt. Wie Platon sagt, ist sie der “Spiegel der Ewigkeit”. Die Ethik des apollinischen logos ist die Wiederkehr, die Reflexion des reflektierten Objekts. Das ist die Idee des Archetyps, dem Paradigma für die Ewigkeit.

Die Welt, in der wir leben wird durch den logos des Apolls definiert und gründet auf der Idee, dass die Essenz der Wörter in unserer Sprache ewig ist. Daher geben wir zu keiner Zeit den unterschiedlichen, aber ähnlichen Dingen neue Namen. Wir sagen “dieses Buch”. “Dieses Buch” all das sind Bücher. Und Bücher existieren als Konzept ewig. Das sind die ewigen Bücher. Und in unserer Religion ist das eine Art reine Projektion. Die ist ein ewiges Buch, das in der Ewigkeit erschaffen und geschrieben wurde. Alles ist ewig, alles in diesem Buch und das Buch ist ewig. Daher ist jeder Name, den wir nennen in sich ewig. Es hat immer in den Zeiten Adams existiert. Das ist eine Art apollinische Welt, die bei uns sehr berühmt ist. In unserer traditionellen Erziehung denken wir in einer apollinischen Welt. Wir werden in einer apollinischen Kultur erzogen. Wir beschäftigen uns mit Logik. Aber die Logik des Aristoteles gründet genau auf den Gesetzen der Ewigkeit. Er sagt A ist A. Oder wenn es kein A gibt, gibt es ein zweites Gesetz, A oder nicht A, das dritte Gesetz der Logik.  Aber in der Welt um uns gibt es solche Dinge nicht. Alles ist doppelt. Etwas existiert und existiert nicht, stirbt und wird geboren. In der Physik existiert ebenso keine Logik. Die Logik ist etwas, das die apollinische Welt beschreibt, die Welt, welche wir als selbstverständlich nehmen, etwas mit dem wir uns auseinandersetzen, das aber nicht existiert. Sie ist eine Art Offenbarung. Logik ist eine Offenbarung. A ist A. Nur Gott ist Gott. Alles ist zur Hälfte von Gott geschaffen und zur Hälfte nichts. Es gibt also keinen Punkt im Universum wo A  A ist. A = A niemals, nirgendwo. Also ist nur Gott Gott. Das war Logik, etwas das für uns so natürlich ist, etwas absolut Transzendentes. Sie ist die Essenz des apollinischen logos, die innerhalb unseres Hirns arbeitet, weil sie innerhalb unserer Kultur arbeitet und die semantische Achse formt, das Paradigma unserer Art zu denken. Das ist der logos des Apolls.

Was ist also der logos des Dionysos? Das ist interessant. Wenn wir bei Aristoteles bleiben, gelangen wir zu anderen Zweigen seiner Beschreibung der Wissenschaften. Wir entdecken zum Beispiel, dass Aristoteles bei seiner Beschäftigung mit der Physik sagt, dass alles doppelt ist. Es hat Form und Materie. Das ist das anti-logische Konzept der doppelten Einheit. Etwas das einheitlich ist, alles das existiert, ist doppelt. Sie sehen eine Sache, aber in der Realität gibt es zwei Dinge: Materie und Form. Und wenn Sie sie trennen, dann ist da nichts. Das ist die aristotelische Physik. Das ist der komplett andere dionysische Zugang zur Welt. Und dieser wird nicht durch die Logik beschrieben, sondern durch die Rhetorik, weil es um eine Sache geht, aber nicht genau die selbe, nicht so wie in der Logik, weil es das Double gibt. Hier existieren zwei Dinge in einem: Die Form und die Materie. Der dionysische Denkweg und der dionysische logos manifestieren sich in der Fähigkeit, dialektisch zu denken, ein Ding als zwei Dinge zur selben Zeit zu erfassen, eins und zwei, aber in der Logik heißt es eins oder zwei. Aber in der dionysischen Welt nicht, hier gibt es eins und zwei. Hier gibt es kein “hier Mann, hier Frau. Eins und eins.” Nein. Hier gibt es das Androgyne. Das Androgyne ist nicht die Summe von Mann und Frau. Es ist keine Addition. “Wir nehmen den Mann, fügen die Frau hinzu und heraus kommt das Androgyne.” Nein. Es gibt etwas im dionysischen logos, das der Existenz des Männlichen und des Weiblichen vorausgeht. Das Androgyne ist nicht das Resultat einer Kombination. Es ist die Quelle der Geschlechtlichkeit. Das ist keine apollinische Art des Denkens. Das ist der dionysische Weg. Das Androgyne ist die Figur des Dionysos. Es sind zuerst zwei in einem, bevor es zwei gibt. Es ist dort in der Mitte, im Zentrum bevor es Pole gibt. In der apollinischen Welt zum Beispiel gibt es einen und es gibt auch einen anderen Pol und was dazwischen ist, ist zweitrangig. Sie wird durch Grenzen und Pole definiert. In der dionysischen Welt finden wir etwas komplett Anderes vor. Hier gibt es etwas dazwischen und seine Projektion erschafft Pole. So können wir in der Welt, der Kultur, der Religion des dialektischen dionysischen Zugangs leben: den zwei Naturen in Christus (Gott und Mensch). Es ist etwas irrationales in der dionysischen Version. Oder wie kann etwas das Selbe sein und nicht das Selbe, zum Beispiel in der Heiligen Dreifaltigkeit? Es gibt also eine Art dialektischen Zugang, der eine komplett neue Symmetrie in Religion, Kunst und Philosophie schafft.

Und dieser dionysische logos ist möglich, aber viel stärker als in der Philosophie ist er in der Dichtung, dem Heiligen, der Kunst und der Sprache, nicht in der mathematischen Sprache, sondern der menschlichen Sprache, in der Rhetorik und nicht in der Logik gegenwärtig. Die Logik ist apollinisch. Die Rhetorik wiederum ist dionysisch, weil die Rhetorik eine eindeutige Verletzung der Gesetze der Logik darstellt. Was ist Rhetorik, wenn wir ein rhetorisches Mittel verwenden? Wir versuchen die Regeln der Logik zu brechen und nehmen einen Teil für das Ganze (das ist  Metonymie) und das Andere. Alle Figuren der Rhetorik basieren auf dem dionysischen logos. Und aus diesem Grund sind die Literatur, die Kunst, die Dichtung, Mythologie und andere Felder eher durch den dionysischen logos privilegiert, als die Philosophie. Und das macht es zu keinem niederen logos. Das ist sehr wichtig. Platon sagte “Lasst uns alle Poeten aus dem idealen Staat herauswerfen.”, weil es das apollinische Verständnis von dem ist, was dionysisch ist. Apoll denkt von Dionysos als einer Art Unter-Apoll, einem Möchtegernapoll, etwas unfertigem. Es ist ein bisschen wie ein apollinischer Ethnozentrismus, ein apollinischer Rassismus. Er denkt, dass er alles ist und der Rest entweder ein Teil von ihm oder eine Art Abbild, etwas Pervertiertes darstellt. Daher sagt Platon “Lasst uns die Poeten und Mythologen aus unserem rein philosophisch-apollinischen Staat hinauswerfen, weil sie zur Welt des Dionysos gehören und keinen Platz in der apollinischen Republik haben. Platons’ Republik ist Apolls’ Republik. Sie sollen entfernt werden, da man sie aufgrund der Rhetorik als unrein betrachtet. Sie beschäftigen sich mit der Neigung, nicht mit der Geraden, sondern mit den Kurven. Sie beschäftigen sich mit einer Kombination der strukturierten Elemente auf eine sehr, sehr fantastische Art und Weise. Und dieser kreative Geist der Kunst ist dionysisch. Wir können in der Kunst natürlich auch die apollinische Linie finden, aber die Mehrheit der Kunst und Poesie ist rein dionysisch und dem Reich der Immanenz und Rhetorik verhaftet.

Auch eine Philosophie dionysichen Stils ist möglich. In der modernen Philosophie ist die Phänomenologie rein dionysisch. Nachdem ich jahrelang Martin Heidegger studiert habe, habe ich endlich entdeckt, dass Heidegger versucht hat, eine dionysische Philosophie zu erschaffen. Er hat es versucht und war damit erfolgreich. Er entwickelte den phänomenologischen Aspekt und sein Konzept des Daseins ist rein dionysisch und eine Art Immanenz. Man sollte es nicht auf apollinische Art und Weise als eine Art Projektion des Daseins, des Seins sehen. Das Sein ist apollinisch. Aber das Dasein (dort sein) bedeutet auf Serbisch ‘ту биће’ Aber was hier interessant ist, ist dass auf Deutsch “da” nicht dort ist (ту, тамо). ‘Da’ ist nicht hier, nicht dort, weder ту noch тамо sondern dazwischen. ‘Da’ ist dazwischen – nicht hier und nicht dort. Und in der altslawischen Sprache gab es eine Form, welche im heutigen Serbien bewahrt wurde – овде биће (овде – weder ту noch тамо – dazwischen).   Dasein ist also weder das Sein hier, noch das Sein dort, sondern dazwischen, weil hier und dort eine strenge Definition ohne das Dazwischen wären und genau das ist der Punkt, wo Dionysos existiert. Dionysos ist dazwischen (овде).  Er ist dort nicht als Apoll. Er ist dort nicht als etwas Immanentes. Er ist dazwischen, immer dazwischen in der Mitte. Also ist Dasein an sich ein sehr dionysicher Begriff. овде биће – weder тамо биће noch ту биће. овде.  Im Russischen haben wir diese dritte grammatische Form verloren und vielleicht ist es ja auch ein Glücksfall, dass Ihr im Serbischen diesen Namen in eurer Sprache bewahrt habt, um Heidegger besser verstehen zu können, um die Möglichkeit einer dionysischen Philosophie besser verstehen zu können, um nicht von oben oder von unten zu denken, sondern von der Mitte aus, nicht von den zwei Polen aus, sondern vom Zentrum. Nein. Nicht denken vom Zentrum aus, vom Dazwischen. Wenn man versucht, die Ideen Heideggers ins Englische zu übersetzen, werden sie von Philosophen manchmal als – t/here being übersetzt. Nicht hier. Nicht dort. Weil sie kein‘овде’  besitzen, wie Ihr reichen Serben.

Noch faszinierender ist die Idee eines dritten logos. Ich denke, dass bereits der Vergleich zwischen zwei logoi, Apoll und Dionysos, in seinem vollen Ausmaß so offenbarend für die Erschaffung nicht nur einer Geschichte der Philosophie war, sondern zwei Versionen. Man kann also nicht nur das apollinische Bücherregal konsultieren, sondern auch das dionysische. Und wenn wir diese Methode anwenden, müssen wir all diese Werke nicht neu schreiben, sondern können die existierenden Werke kombinieren und auf eine bereits bestehende philosophische und religiöse Tradition zurückgreifen, unseren intellektuellen Raum reorganisieren, um aufzudecken und unser Verständnis der Ideengeschichte neu zu definieren. Denn die Ideengeschichte ist die Geschichte unserer Gesellschaft und die Geschichte der Menschheit.

Der nächste Punkt der Noologie besteht darin, dass wir den logos des Apoll und den logos des Dionysos in jeder Kultur finden können. Jedes Volk und jede Kultur kennt also diese beiden logoi. Das ist sehr wichtig. Es gibt also kein Volk des Apolls oder ein Volk des Dionysos. Es gibt den logos des Apolls und des Dionysos in jeder menschlichen Kultur. Wenn wir aber ihre Beziehungen untereinander kommentieren, dann sind diese alles andere als harmonisch, weil Apoll auf die eine Art denkt, er erschafft die Welt durch die Vertikalität mit der patriarchalischen Symmetrie und Poeten oder Anhänger des Dionysos ausschließt. Es gibt also eine Art Kampf zwischen den zwei logoi, ein nous, zwei logoi. Und sie kämpfen gegeneinander. Wir kommen nun zu dem Punkt, warum wir von der Noomachie sprechen, wir tun dies weil die Noomachie der Kampf des nous oder der Kampf innerhalb des nous ist. Aber einen wirklich dramatischen Aspekt erhält das alles erst, wenn wir zum dritten logos kommen, weil wir hier eine neue, dritte Welt vorfinden, die nicht von oben nach unten, aber auch nicht vom Zentrum aus erschaffen wurde, sondern von unten nach oben. Das ist eine neue Symmetrie. Hierbei handelt es sich um den verlorenen logos, der sowohl vom logos des Apolls und in einem geringeren Ausmaß vom logos des Dionysos verleugnet wird. Und wie könnten ein Universum und eine Welt aussehen, welche basierend auf dieser Symmetrie geschaffen wurden, diesem logos der Kybele?

Die Welt der Kybele und der logos der Kybele sind die Große Mutter, welche alles aus sich selbst heraus erschafft. Das wichtige an ihm ist die Abwesenheit jeglichen männlichen Prinzips außerhalb der Großen Mutter. Sie ist absolut inklusiv. Es gibt keinen Gott außer der Großen Mutter. Es gibt niemanden außer der Großen Mutter. Es gibt nur die Große Mutter Erde, die alles aus sich selbst heraus erschafft und alles verschlingt, weil sie sowohl die Wiege als auch das Grab ist. Es gibt also keinen zweiten Punkt auf der Linie. Es gibt nur den einen und selben Punkt des Todes und des Lebens. Die Göttin des Todes und die Göttin des Lebens sind zum Beispiel ein und die selbe Mutter, welche das Leben gibt und das Leben nimmt. So erschafft sie die Sonne, das männliche Prinzip, aus sich selbst heraus ohne Vater, sie benützt es als Liebhaber und entmannt, kastriert es, um es schließlich wieder zum Leben zu erwecken. Das ist also die kybelische Methode, welche in vielen Formen und Kulten sowie Opferdiensten erklärt wird, aber in ihr finden wir eine Art Philosophie die sehr interessant und profund ist. In ihr gibt es überhaupt keine Transzendenz. Es gibt keinen Himmel. Der Himmel ist nur eine Art Spiegel der Erde. Jede Art von Himmel ist also nur eine Reflexion der selben Materie. Und wir gelangen zu einer absolut materialistischen Immanenz, weil die Immanenz des Dionysos nicht materialistisch, sondern eine geistige Immanenz war. Diese Form der Immanenz war fast immer in der Mitte, halb Geist, halb Materie, und diese geistige Hälfte war zuerst da. Es geht nicht um das Ganze, sondern darum, was vor Geist und Materie existiert hat. Und die Große Mutter und der Logos der Großen Mutter gründen auf der Idee, dass die Große Mutter alles erschafft und tötet. Wir haben es hier nicht mit der Ewigkeit oder dem Kreis zu tun. Es handelt sich dabei um etwas das seinen Weg mit blinder und absoluter Macht verfolgt. Das ist also eine Art von Fortschritt, der von unten nach oben wächst. Auch im apollinischen Weg sehen wir einen titanischen Kampf zwischen den chthonischen Mächten und jenen Kräften, welche sich gegen den Himmel richten und die Herrschaft des männlichen logos des Apolls. Also ist der kybelische logos die Dritte Schöpfung einer neuen Welt, die titanisch, chthonisch und auf eine gewisse Art feministisch ist, nicht weil es eine Gleichheit zwischen Mann und Frau gibt, (das ist viel dionysischer), sondern eine absolute Dominanz der Mutter über alles andere.

Darauf werden wir später zurückkommen. Um die erste Vorlesung abzuschließen, rufen wir uns noch einmal die Idee der drei logoi ins Gedächtnis, die ich erklärt habe und die in einem absoluten Kampf gegeneinander stehen, weil sie die Welt erschaffen, das System, die Gesellschaft, die Kulturen, die Religionen, die Kulte, die Beziehungen, die Werte und die politischen Systeme, welche auf komplett unterschiedlichen Zugängen aufbauen. Sie stehen im Konflikt miteinander und das ist die Noomachie. Es gibt bereits eine Art Widerspruch zwischen Apoll und Dionysos, aber zwischen Kybele und Apoll erreicht der Widerspruch seinen äußersten Punkt, weil es eine ernsthafte Titanomachie oder Gigantomachie zwischen den zwei Versionen der Weltsicht gibt, weil die beiden logoi ernsthaft miteinander kämpfen. Die Titanen, die autochthonen Söhne der Kybele, die versuchen den Himmel zu stürmen und die apollinischen Götter versuchen, diesen zu verteidigen. Und was in philosophischer Sicht Demokrit mit seiner Idee ist, ist eine rein kybelische Philosophie. Es ist Epikur. Und das ist unsere moderne, szientistische europäische Wissenschaft der Moderne, welche rein kybelisch ist. Diese stellt eine Art Rache des logos der Kybele dar, nach tausenden von Jahren der Herrschaft von Apoll und Dionysos. Es gibt also eine kybelische Eschatologie in der wir leben. Wenn wir uns also nun das alles vor Augen führen, ist alles außer unserer geistigen, kulturellen, religiösen und ethischen Tradition im Sinne der wissenschaftlichen Weltsicht rein atomistisch, materialistisch, fortschrittsgläubig und basiert auf einer Symmetrie, welche von unten nach oben läuft. Kybele gehört also nicht der Vergangenheit an, sondern einer archaischen Zeit. Der logos der Kybele ist etwas, mit dem wir uns befassen müssen. Genau diese kybelische Weltsicht können wir auch in der Antike finden, unserer Zivilisation und in anderen Zivilisationen. Es gibt keine ausschließlich kybelische Zivilisation. In jeder Form von Zivilisation können wir alle drei logoi finden, die überall miteinander kämpfen und wir leben innerhalb dieser Noomachie. Das ist nichts rein Theoretisches. Wir leben darin. Und diese Noomachie geht durch uns durch, durch unsere Politik, durch unsere Kultur, durch unsere Wissenschaft, durch unsere Identität und nocheinmal durch unsere Kultur. Und das ist das Ende der ersten Vorlesungen und der wichtigste Teil der wichtigsten Prinzipien dessen, was die Noomachie ist als Grundlage für eine Theorie der Multipolaren Welt. 

Geosophie

(Zweite Einheit)

Was ist Geosophie? Unter ihr verstehen wir die Anwendung der Prinzipien der Noologie auf das Studium konkreter Kulturen und Gesellschaften. Sie ist eine Art Zivilisationsanalyse mit Hilfe der Methode der drei logoi. Die Idee der Geosophie liegt nahe an dem, was man in Philosophie und Anthropologie „Perspektivismus“ nennt. Hier finden wir den interessanten brasilianischen Anthropologen Viveiros de Castro der einen interessanten Zugang zum Perspektivismus entwickelt hat. Der Perspektivismus ist die Idee, dass wir zum Beispiel die Vorstellung des modernen westlichen Menschen hinterfragen, dass es eine physische Welt gebe und dass es nur ein Kultur-Verständnis dieser Welt existiere. Das ist die moderne westliche, europäische Kultur und eine Art von universaler Wahrheit. Hier ist die Welt und hier ist das beste Verständnis dieser einen Welt, dieser einen Wahrheit und der westlichen Kultur als einer Art Weg von dieser einzigen Welt zur einzigen Wahrheit über diese Welt. Dies stellt den reinen Genozid an den anderen Kulturen dar, da jeder, der nicht diesen Weg geht als unterentwickelt und zur Kolonisierung freigegeben betrachtet wird und nach dem Beispiel des weißen (westlichen) Mannes ausgebildet werden muss. Das ist die koloniale Sicht.

Dagegen steht die sogenannte multikulturelle oder postmoderne Sicht, welche die Position vertritt, die in etwa so lautet: „Es gibt eine Welt. Lasst sie in Ruhe. Aber es gibt mehrere Interpretationen dieser einen Welt.“. Das ist Multikulturalismus. Das ist gar nicht so schlecht, da es dem Anderen die Möglichkeit gibt anders zu denken. Aber einige Anthropologen haben auch dies in Frage gestellt: „Was aber ist mit dieser einen Welt und ihren verschiedenen Interpretationen? Warum sind wir so sicher, dass es diese eine Welt gibt? Worin liegt die ontologische Grundlage für diese eine Welt, die man anders interpretiert?“ Und sie haben schließlich eingewendet, dass diese eine Welt die Projektion des westlich-europäischen Geistes auf die Natur darstellt. Das Konzept der Natur ist europäisch und die Natur besteht in der modernen, europäischen wissenschaftlichen Welt, die wir als gegeben annehmen, als eine objektive Realität, die anders ist und subjektiv interpretiert wurde. Das ist der Multikulturalismus. Die neuen Anthropologen haben eine Art kannibalistische Metaphysik geschaffen. Sie versuchten das Konzept der einen Welt, die verschieden interpretiert wird durch das Konzept verschiedener Welten zu ersetzen. Sie laden uns dazu ein, zu glauben, was Völker verschiedener Kulturen über diese ihre Welten sagen. Nicht um zu sagen „Das ist deren Interpretation der Welt.“, nein: Das ist die korrekte Beschreibung davon, was sie sehen und fühlen und worin sie leben. Das ist ein komplett neuer Zugang. Noologie und Geosophie sind die radikalsten Beispiele für die tatsächliche Anerkennung der Vielheit der Welten. Wir haben in der ersten Vorlesung über die drei Universen gesprochen, die in Verbindung zu den drei logoi stehen. Aber wir können sie auch auf der vertikalen Achse markieren, weil diese logoi in jeder Kultur vorkommen. Wir können also in jeder Kultur mit diesen drei logoi die Vertikalität erklären. Aber die Geosophie ist die Anwendung der Vertikalität auf den horizontalen Aspekt. Bei ihr handelt es sich um keine vertikale Interpretation, sondern um eine horizontale.

Die Geosophie basiert auf der Annahme, dass jede Kultur ihre eigene Welt erschafft. Und das erklärt nicht die universale Welt, die Erde, die sich um die eigene Achse dreht. Aber sie erklärt wie es ist in verschiedenen Welten zu leben, vielleicht mit einer flachen Erde oder einer konkaven Erde, und wenn die Menschen einer bestimmten Kultur denken, dass sie dort leben, müssen wir das akzeptieren und nicht von Anfang an denken, dass es sich dabei um keine korrekte Interpretation der Realität handeln würde und wir es besser wüssten als sie. Denn im Multikulturalismus haben wir es mit dem alten Rassismus des „Wir wissen es besser als ihr, aber wir lassen euch eure Illusionen.“ zu tun. Das ist Multikulturalismus. Und das ist der Multinaturalismus: „Du lebst in der Welt, die für dich real ist und da wir auf dich nicht unsere eigene Sichtweise projizieren können, ist deine Welt für dich richtig. Du lebst in dieser Welt und nicht in deiner Interpretation der Welt.“ Das ist eine Art neuer anthropologischer Zugang, der auf der Anerkennung der Würde jeder Kultur aufbaut.Wenn du so denkst, dann ist es für dich so. Und um dich verstehen zu können, mit dir sprechen und umgehen zu können müssen wir nicht deine Illusionen, sondern deine Wahrheit verstehen und uns in deine Position hineinversetzen. Das ist sehr wichtig und die Geosophie baut darauf auf. Die Idee liegt darin, dass wir nicht nur einen Raum, eine Zeit und einen Zeitrahmen vorliegen haben. Menschen aus anderen Kulturen interpretieren ihre Landschaft, Geschichte und so weiter auf verschiedene Arten. Die Geosophie baut darauf auf, dass wir, um von unserer Zivilisation, unserem Volk und unserer Kultur zu einer anderen überzugehen, zuallererst diese Völker fragen müssen, wie sie die Welt verstehen und wir ihnen nicht erklären sollten, worin die Realität der Welt besteht.

Das ist also Geosophie. Mit Geosophie ist nicht unser Verständnis der Erde gemeint. Sie ist die Idee, dass in jeder Kultur verschiedene Welten im selben Kontext koexistieren. Deleuze und Guattari haben in einem Buch versucht dies anzuwenden, aber eben auf eine postmoderne, linke und liberalistische, westlich-zentrierte Art und Weise und sprachen dabei über Geo-Philosophie. Um ein anderes Ergebnis als den ihren zu dogmatischen Anspruch zu erzielen, habe ich das Wort „Geosophie“ eingeführt (nicht Geo-Philosophie, sondern Geosophie). Das Konzept der Geosophie liegt darin, die andere Kultur zu studieren, wir müssen absolut an das glauben, von dem die untersuchte Kultur glaubt, dass es die Welt sei. Wenn wir zurückkehren, können wir zu unserem Glauben zurückkehren, aber wenn wir uns mit ihnen beschäftigen und sie studieren, sollten wir ihnen nicht unser Denken aufzwingen – wir sollten ihnen unsere Sicht über den subjektiven und objektiven Aspekt der Realität weder aufzwingen noch diesen auf sie projizieren. Vielmehr muss es darum gehen zu versuchen herauszufinden, was für diese Kultur, egal ob sie archaisch oder entwickelt, nordamerikanisch oder ozeanisch (Australien zum Beispiel) die Welt ist, objektiv oder subjektiv, wenn sie so etwas haben. Vielleicht haben sie kein Objekt oder Subjekt. Die Weisheit könnte für sie in der Abwesenheit des Objekts oder des Subjekts liegen. Ich habe einige Kulturen entdeckt mit einer sehr besonderen Absenz des Subjekts. Zum Beispiel bei den paläo-asiatischen Gruppen der sehr archaischen  Chukotko-Kamchatka Gruppen in Eurasien im Norden Russlands, auch bei einigen nordamerikanischen Stämmen gibt es Kulturen ohne ein Konzept des Subjekts. Für uns ist das unvorstellbar. Für die Afrikaner ebenso, weil die Mehrheit der afrikanischen Kulturen auf einem anderen Subjekt aufbaut, komplett unterschiedlich zu unserem Subjekt, einem Geist oder einem wiederkehrenden Ahnen, aber es gibt ein Subjekt.

Es gibt so viele verschiedene Kulturen, dass wir uns das kaum vorstellen können. Und wir müssen sie als solche akzeptieren und dürfen sie nicht verurteilen und sie nicht hierarchisieren, zum Beispiel in: Animisten, Fetischisten, noch nicht Animisten, bereits Fetischisten usw., wie dies in der evolutionistischen Anthropologie passiert. Und eben dies wird eine neue Sicht auf die Erde möglich machen. Keine Zivilisation in der die Selben versuchen Macht und Ressourcen anzuhäufen und gegeneinander kämpfen, wie wir es tun. Einige Leute kämpfen vielleicht und andere nicht. Nehmen wir das Beispiel des Pfeiles. Die Menschen in manchen Kulturen lehnen den Pfeil ab. Zum Beispiel die Aborigines, da es in ihren Augen unmoralisch ist, jemanden mit einer geraden Bewegung zu töten. Der Bumerang hingegen ist eine Waffe, die auch einen selbst töten kann. Er schlägt zu und er kehrt zurück. Das ist die Idee der Reziprozität, vom Töten und getötet werden. Das ist gegen den Pfeil gerichtet. Das ist der beispielsweise der Unterschied zwischen den melanesischen und australischen Populationen. Es gibt so viele Unterschiede zwischen ihnen, weil sich die Ethik zwischen den schwarzen Aborigines und der sehr ähnlichen Papua-Zivilisation unterscheidet – sie haben einen komplett anderen logos und eine ganz andere Realität und sie leben in unterschiedlichen Welten, dennoch sollten wir nicht über sie urteilen, wer von ihnen entwickelter ist, die Zivilisation mit Pfeil oder die ohne Pfeil. Wir sollten beide verstehen. Wir sollten die Nordamerikaner auf die selbe Art sehen. Was machen sie hier und warum bombardieren sie Belgrad? Das ist nicht einfach. „Weil sie uns hassen“ ist keine Erklärung. Wie verstehen sie die Welt? Vielleicht wissen wir in diesem Fall besser, wie sie die Welt verstehen. Aber es gibt so viele Menschen, die ganz anders denken, die in ganz anderen Welten leben, über die wir erstaunt sein würden, wenn wir sie kennenlernten. Der Reichtum der Geosophie besteht nicht in einfachen Platitüden wie „die Amerikaner gegen alle anderen, diese Anderen gut, die Amerikaner sind schlecht” und so weiter. Nichts dergleichen. Es gibt eine reiche Realität mit Gut und Böse, aber nicht ohne verschiedene Reinterpretationen der Realität. Es gibt mehrere Realitäten in der Welt. Und das ist die Menschheit. Die Menschheit besteht nicht nur aus einem Denkweg. Es sind viele Gedanken, die auf vielfältigen Wegen koexistieren. Manchmal dramatisch entgegengesetzt und konfliktreich, manchmal sehr friedlich. Die Geosophie ist die Methodologie mit der man Zivilisationen beschreibt.

Im ersten Band habe ich eine ausführliche Studie über fast alle Denkschulen dargelegt, die sich mit Zivilisationen im Plural beschäftigen (nicht eine Zivilisation, mehrere Zivilisationen), beginnend mit Danilevsky, Spengler, Toynbee, Huntington (als modernen Amerikaner) und vielen anderen.  Die Idee ist, dass wir die Zivilisationen als Kulturen und Welten verstehen, Welten welche absolut durch die in ihnen lebenden Menschen und nicht von uns definiert werden. Hierbei handelt es sich also um eine Einführung in meine anderen Bände, in welchen konkrete Welten und Zivilisationen studiert werden. Was ist hier wichtig im Sinne der Methodologie? Zuallererst muss ich anmerken, dass jede Zivilisation, oder jedes Volk oder eine Ganzheit welche die wichtigsten Aspekte der Kultur miteinander teilt, von uns Volk genannt wird. Bei dieser Gesellschaft oder Kultur handelt es sich um etwas, worin die Menschen in mehr oder weniger derselben Welt leben, weil es zwischen den Welten Grenzen gibt, die nicht das selbe sind die wie die Grenzen zwischen den Individuen. Sie werden zum Beispiel durch die Sprache miteinander verbunden, die Religion und andere Dinge. Es gibt viele Grenzen, aber eine der Entitäten, mit denen wir uns beschäftigen, wenn wir über Zivilisation oder Geosophie sprechen, ist das Volk, oder Arten von Kulturen oder Zivilisationen, die mehr oder weniger das Selbe sind, wenn man ihre Unterschiede ignoriert, die in der organischen Gemeinschaft der Sprache, der Werte, derselben Welt bestehen. Manchmal ist es ein sehr kleiner Stamm. Manchmal handelt es sich um eine große Zivilisation mit Millionen von Menschen. Die Quantität ist dabei nicht so wichtig. Die Qualität dieser Welt ist es, die ausschlaggebend ist. Eine kollektive Gemeinschaft, die das selbe Weltbild teilt und in derselben Welt lebt. Das ist Zivilisation.

Und wir befassen uns mit diesen Entitäten und studiere sie, nicht nur um eine Liste von ihnen anzufertigen, damit wir ein Maß finden können, was wir als Entität, Teil davon oder Supra-Entität behandeln können. Das ist die Frage, ebenso wie die Nomenklatura, die in diesem Buch diskutiert wird. Und dabei bin ich zu der wichtigen Schlussfolgerung gelangt, dass wir im Umgang mit dieser Entität immer den Moment der Noomachie sehen. Das Konzept kommt an. Wann ist die Stunde der Noomachie? Sie ist das konkrete Gleichgewicht im Kampf zwischen den drei logoi. Drei logoi befinden sich im Kampf. Das ist offensichtlich. Und die konkrete Stunde des Kampfes ist die konkrete Identität einer solchen Ganzheit als Kultur oder Zivilisation. Nehmen wir die griechische Kultur als Beispiel. Sie gründet auf der Dominanz und dem Sieg des logos des Apoll über den logos der Kybele. Alle griechischen Kulturen bauen darauf auf. Es gab die  pelasgische  vorgriechische Tradition der Großen Mutter, welche durch die mykenische und mionische Kultur repräsentiert wurde. Und dann kam es zur hellenischen Invasion mit komplett anderen, apollinischen Werten. Worin liegt also die Identität der griechischen Kultur? Wir verstehen jenen Moment als griechisch in der Noomachie, wenn der logos des Apoll in Form der Dioskuren den Drachen Python überwältigt und tötet. Dieser war das Orakel der Großen Mutter. Das ist der Moment wenn der logos des Apoll den logos der Großen Mutter überwältigt und den Ausschlag gibt. Es ist eine Art Sieg in der Titanomachie. Die griechische Zivilisation baut auf dieser Stunde des Sieges in der Titanomachie auf. Die Titanen, die Söhne der Großen Mutter, griffen die Götter an. Die Götter schlagen zurück und gewinnen. In der griechischen Zivilisation siegen die Götter, genauer gesagt die olympischen Götter. Apoll siegt über Kybele.

Bei all dem handelt es sich auch um einen Krieg der Interpretation. Es ist ein Krieg um das Denken und die Interpretation jeder Art von religiösen und kulturellen Symbolen, aber auch politischer Organisation. In unserem Beispiel hat das Patriarchat über das Matriarchat gewonnen. Andere Zivilisationen, zum Beispiel die iranische Zivilisation, gründet auf der Idee, die der griechischen Zivilisation sehr ähnlich ist, dem Sieg   Ahura Mazdas (dem Gott des Lichtes) über Ahriman (den Gott der Dunkelheit). Wir haben es hier also mit zwei unterschiedlichen Namen aber derselben Symmetrie, derselben Titanomachie und demselben Sieg zu tun. Zwei unterschiedliche Zivilisationen gründen auf einem ähnlichen Moment der Noomachie, zwar mit einer anderen Kultur aber demselben Konflikt. Um zu erkennen, was der logos im horizontalen Sinn ist, im Horizont der konkreten hellenischen Zivilisation, müssen wir den logos definieren und wo wir uns innerhalb der Noomachie befinden. Die Mehrheit der indoeuropäischen Gesellschaften (germanisch, keltisch, römisch, griechisch, iranisch und indisch) gründen zum Beispiel auf demselben Moment der Noomachie. Es ist der Sieg des logos des Apolls über den logos der Kybele. Wir glauben irrigerweise, dass jede Zivilisation auf demselben Moment basiert. Das ist aber überhaupt nicht der Fall. Ein sehr anschauliches Beispiel ist dafür die Situation der chinesischen Zivilisation. Die chinesische Zivilisation ist komplett anders. Bei ihr handelt es sich um eine rein dionysische Zivilisation, in der es ein Gleichgewicht zwischen Ying und Yang gibt, zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen, zwischen Himmel und Erde und eben nicht um die Dominanz des Himmels über die Erde. Ihre Norm ist das Gleichgewicht. Wenn der Himmel dominiert, erscheint ein Bogenschütze, um mit seinen Pfeilen die Sonne und den Himmel zu töten. Dann beginnt die Flut und ein neuer Held erscheint, welcher versucht, die Fluten des kalten Wassers einzudämmen. Das Gleichgewicht ist also die Norm und nicht der Sieg der Götter über die Titanen. Das ist eine ganz andere Logik. Hier gibt es keinen linearen apollinischen logos. Es verhält sich nicht immer so, aber alles, was wir von der chinesischen Zivilisation vom sogenannten Jadekaiser bis hin zu Hu Jintao (dem damals aktuellen Staatspräsidenten Chinas, Anmerkung AM) kennen, ist ein dionysisches Moment. Und jede Änderung des Gleichgewichts findet innerhalb dieser dionysischen Version statt. Die Chinesen leben also in einer dionysischen Welt, die einmal mehr apollinische und einmal mehr kybelische Momente besitzt, aber eben innerhalb dieses Moments. Dabei handelt es sich aber nicht um das Schicksal der Chinesen. Wir sollten nicht sagen, „das wird ewig fortdauern“, denn wir wissen es nicht. Vielleicht wird ein Wandel stattfinden, vielleicht aber auch nicht. Es ist nicht der Wahrheit letzter Schluss. Es ist ein Moment der Noomachie.

Um mit verschiedenen Zivilisationen arbeiten zu können, müssen wir zunächst das Moment der Noomachie definieren. Demnach sollten wir annehmen, dass sich das Moment der Noomachie verändern kann. Es ist kein Art eingefrorener Zustand. Die Noomachie geht nach innen. Zum Beispiel verwendet die chinesische Kultur seit tausenden von Jahren große Anstrengungen darauf, das dionysische Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, wendet alle Kräfte auf, um die Balance zu konservieren, zu schützen, da, wenn sie das zum Beispiel sein lassen würde, das dionysische Gleichgewicht plötzlich gestürzt werden könnte. Es ist also weder leicht noch als garantiert hinzunehmen, dass sie immer dionysisch bleiben wird. Wenn sie aufhören chinesisch zu sein, könnten sie auch aufhören dionysisch zu sein. Wenn sie zum Beispiel kolonisiert oder von Innen zerstört werden würden, könnten sie aufhören alle Anstrengungen ihrer Existenz dem Verhindern von zu viel Ying und zu viel Yang zu widmen. Im indoeuropäischen Fall ist es dasselbe: Sobald wir aufhören für Apoll zu kämpfen, erscheint Kybele, weil sie immer schon vorhanden war und ist. Sie wird umgehend angreifen, wenn wir aufhörten der Materie den apollinischen Willen aufzuzwingen. Das ist auch sehr wichtig. Das Moment der Noomachie sollte nicht als ewige und selbstverständliche Identität der Kultur einer Zivilisation angesehen werden. Es könnte sich jederzeit wandeln.

Das ist der Sinn der Geschichte, da die Geschichte ein Kampf der logoi ist. Und jedes Volk führt seine eigene Version dieses Kampfes. Dabei befinden sich jedes Volk und jede Kultur in unterschiedlichen Momenten der Noomachie, die durch ihre eigenen Proportionen definiert werden. Es gibt zum Beispiel Völker, in denen Kybele dominiert; afro-asiatische Völker wie die Semiten, die Ägypter, die Berber oder die Kuschiten, hier finden wir einen großen Einfluss und die Macht der Kybele vor. Sie konnten ihm von Zeit zu Zeit entfliehen, aber er ist eine Art natürlicher Neigung. Dennoch ist er kein Schicksal. Sie könnten das ändern und etwas ganz anderes erschaffen. Aber Identität ist ein Prozess. Die Identität des Volkes wandelt sich fortwährend und ist also dynamisch. Die Verteilung der drei logoi im selben Volk und der selben Gesellschaft können sich von anderen Gesellschaften unterscheiden und sich im Verlauf der Geschichte im gleichen Volk verändern, auch ohne ethnische und soziale Veränderungen. Am Ende erhalten wir eine sehr dynamische und auf mehreren Ebenen verteilte Struktur der Geosophie. Es kann also horizontale Unterschiede zwischen einer Gesellschaft und einer anderen geben, welche in einem anderen geographischen Raum existiert, aber sie können dasselbe Moment der Noomachie teilen. In den Beziehungen untereinander ist all das sehr wichtig. Die Beziehungen der Griechen, mit ihrem Moment der Noomachie, mit den Iranern, die im selben Moment des Sieges Apolls über Kybele lebten, waren beispielsweise dennoch konfliktreich. Das waren zwei verschiedene Formen des apollinischen logos, da die Gleichgewichte, die Proportionen und die Kombinationen unterschiedlich waren. Wenn also mehr oder weniger das gleiche Moment in der Noomachie herrscht bedeutet das nicht, dass sie komplett übereinstimmen.

Gleichzeitig kann in jeder Kultur oder geosophischen Einheit die wir betrachten ein historischer Wandel stattfinden. Und der Wandel dieses Elements der Noomachie, zum Beispiel die Dominanz des logos des Apolls über den logos der Kybele oder des logos der Kybele über den logos des Dionysos, kann sich verändern. Die Geschichte und die Richtung dieses Wandels sind also nicht universal oder allgemeingültig. Sie ist eine Art Produkt der inneren Dynamik eines Volkes. Wir haben also viele Zivilisationen mit vielen Welten, mit vielen unterschiedlichen Momenten der Noomachie, die sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Es gibt also keinen Musterweg. Wir gehen nicht alle den Pfad zu Kybele oder zu Apoll. Jeder geht seinen eigenen Weg. Das ist Geosophie. Geosophie bedeutet die Anerkennung der Vielheit der Kultur im Sinn von Raum und Zeit. Jeder ist also unterschiedlich und geht in eine andere Richtung mit einer anderen Geschwindigkeit und das Ende des Weges bleibt offen. Vergleichen wir das mit dem einflussreichsten Konzept von Geschichte. Es gibt im christlichen oder muslimischen Denken nur einen Weg, nur eine Wahrheit und vielleicht eine oder zwei mögliche Pfade, um zu dieser Wahrheit zu gelangen, einen falschen und einen richtigen. Dieser Weg ist Ausdruck einer angenommenen universalen Norm. Und es gibt einen Raum, eine Zeit, ein Objekt. Und vergleichen wir jetzt dieses enge, rein rassistische, rein ethnozentrische Verständnis der menschlichen Geschichte mit dem was die Geosophie vorschlägt: Die Geosophie legt uns nahe viele Welten zu entdecken ohne die Erde zu verlassen. Diese neuen Welten, diese anderen Welten, existieren hier neben uns und sind für uns neu. Aber wir bemerken sie nicht, weil wir unsere enge Sichtweise darüber auf sie projizieren. Der russische Autor und Eurasier Graf Trubetzkoy  hat zum Beispiel gesagt einmal gesagt, dass wenn wir uns die Struktur westlicher Rechtsbücher ansehen und insbesondere ihre Konzeption eines universalen Rechts, wir eintausend Seiten über das Römische Recht und seine Geschichte finden und nur zwei Seiten zum chinesischen Recht. Wir haben es hier also mit einem universalen Recht zu tun, das jedes andere Recht außer Acht lässt. Aber um universal zu sein, ist es nicht genug das Römische Recht eingehend studiert zu haben, während man sich mit dem chinesischen Recht nur sehr oberflächlich beschäftigt hat. Das ist überhaupt kein Universalrecht. Es ist nur das Römische Recht mit zwei Seiten über das Chinesische Recht vom Gesichtspunkt des Römischen Rechts aus interpretiert und darin ist überhaupt nichts universal.

Die Geosophie ist also die Einladung zur echten Universalität, zur wahren Akzeptanz des Reichtums eines jeden Volkes, jeder Gesellschaft und jeder Zivilisation in einer ehrlichen Art und Weise. Sie bedeutet ernsthafte Multipolarität und Toleranz. Das ist nicht dieser verschleierte Rassismus in Form der modernen liberalen Globalisierung, die das Resultat nur einer Zivilisation, der westlichen Zivilisation, ist, die sich universal auf jeden anderen projiziert. Obama zum Beispiel ist absolut weiß. Er ist ein Anhänger der Theorie von der Überlegenheit der Weißen. Er ist genauso weiß wie Hitler. Das soll heißen, es ist absolut nichts Afrikanisches an ihm. Er ist ein reiner W.A.S.P., weil es an ihm nichts gibt, das außerhalb der amerikanisch angelsächsischen Mentalität liegt. Und die ganze Globalisierung verhält sich ebenso: Es ist die Übertragung desselben sehr engstirnigen Resultats der modernen und postmodernen westliche Kultur auf die Menschheit. Es ist hat nichts mit Dialog, Vielheit, Pluralismus oder Toleranz zu tun. Das ist reiner kolonisatorischer Rassismus, der auf den wildesten Vorurteilen basiert, mit denen wir es zu tun haben.

Die Geosophie übernimmt also in dieser Situation die revolutionäre Aufgabe, diese Haltung zu zerstören, die Welt wiederzuentdecken und jede Art von Zivilisation zu dekolonisieren, um den Anderen das Recht zurückzugeben anders zu sein, ohne die Globalisten um Erlaubnis fragen zu müssen und schließlich Identitäten genau so anzunehmen, wie diese Identitäten sind – schlecht oder gut, akzeptiert oder verfemt, radikal, extremistisch, archaisch, auf den Menschenrechten aufbauend oder nicht, das ist ganz gleich. Die Menschenrechte sind ein rein rassistisches Konzept, weil in den Menschen und den Rechten nur das Römische Recht wahrgenommen wird und das westliche Verständnis davon, was menschlich ist (also das Individuum). Das ist die liberal-totalitäre Idee der Menschenrechte, weil sie niemanden fragen, was er über sie denkt. Zum Beispiel stellt niemand einem Chinesen die Frage „Was ist für dich menschlich?“, sondern eher: „Du solltest konsequenter darin sein, deinen chinesischen Dissidenten Menschenrechte zuzugestehen!“. Mehr sagen sie nicht. Das ist eine komplett kolonialistische Haltung. Niemand fragt die Chinesen was für sie menschlich ist, niemand kümmert sich darum. Und das ist so, weil die Globalisten besser zu wissen glauben, was menschlich ist, weil sie die Norm setzen, was menschlich ist und was nicht. Überall wo sie behaupten wahrhaft pluralistisch, wahrhaft demokratisch oder wahrhaft menschlich zu sein, sind sie eigentlich rassistisch. Und genau dagegen ist die Geosophie; nicht aus ethischen, sondern aus methodologischen Gründen, weil sie auf dem Perspektivismus gründet, der ein gründliches Studium der Zivilisation ohne Vorurteile voraussetzt. Stellen Sie sich vor, sie sind ein Serbe, ein Russe, orthodoxer Christ, also Teil der christlich indoeuropäischen Zivilisation, und untersuchen eine kannibalistische Gesellschaft. Dabei projizieren wir unsere Idee von Kultur. Wir sehen sie als eine schlechte Gesellschaft an, weil sie einander essen. Sie ist für uns satanisch, dämonisch oder unterentwickelt. Wir fragen nicht danach. Wir versuchen sie sofort unserem Verständnis nach zu verändern. Es ist vielleicht natürlich, aber es ist auch irreführend. Daher müssen wir das ändern und die Idee liegt darin zu akzeptieren, was die Mitglieder einer Gesellschaft als Realität annehmen und was für sie die Werte, die Natur, das Subjekt, das Objekt und die Geschichte sind.

Hier begegnen wir einem grundlegenden methodologischen Problem. Wie können wir unterschiedliche Gesellschaften mit nur einer Sprache und nur denselben Kriterien studieren? Wir brauchen daher zumindest kleine Dinge wie gemeinsame Kriterien, welche wir auf unterschiedliche Gesellschaften anwenden können, um zu sehen ob es eine Beziehung gibt oder nicht, in einer ergebnisoffenen Art und Weise. Wie ich bereits ausgeführt habe, habe ich versucht die drei logoi auf jede Zivilisation, auf jede Kultur anzuwenden, die ich studiert habe und überall bin ich auf klare Spuren von ihnen gestoßen. Es handelt sich dabei also um etwas wirklich universales. Bei dem Vorhandensein der drei logoi handelt es sich also vielleicht um etwas Universales. Und es gibt den Kampf zwischen ihnen mit einem offenen Ende. Anhand der Geosophie habe ich versucht ein Kriterium zu finden, welches sich nützlich für das Studium der Zivilisationen erweisen sein kann und anhand dessen die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen aufgezeigt werden können. Zuallererst habe ich Heidegger und der Phänomenologie folgend das Konzept des Existenzraumes oder Existenzhorizonts ausgewählt. Was ist dieser Existenzraum? Er ist das „Da“ im Da-sein. Es ist der Raum, der mit dem deutschen Wort „da“ bezeichnet wird. Das ist ein Raum, aber nicht der Raum der Wissenschaft, sondern der Raum als Konzept. Es ist der Raum, wo das Sein ist. Und dieser Raum existiert nicht ohne das lebendige denkende Sein. Es ist existenziell. Wenn es das denkende Subjekt und Kollektive mit Sprachen, Kultur, Wurzeln, einer Art von Symbolsystem gibt,  dann gibt es auch den Existenzraum und den Existenzhorizont. Und hier haben wir dieselbe Struktur des Existenzhorizonts, wir haben denselben Existenzraum, wir haben dasselbe Dasein und wir haben dasselbe Volk oder die selbe Kultur. Wo ist die Grenze? Hier beginnt das Andere.

Das ist also wichtig, um zu wissen, wie man bei der Trennung vorgehen muss, um eine Nomenklatur der Völker, Kulturen und Zivilisationen zu erschaffen. Wenn wir das Kriterium des Anderen ausgeklügelter, entwickelter anwenden, können wir anfangen uns mit den sekundären Ergebnissen dessen was bereits über dem Existenzraum errichtet wurde beschäftigen. Dieser Existenzraum ist also sehr wichtig und mit dem Konzept der Vielheit der Dasein verbunden. Ich habe mit dem direkten Schüler und Nachfolger von Heidegger, Professor Hermann, in Freiburg, Deutschland, über die Vielheit des Daseins gesprochen. Er hat gesagt, dass Heidegger dachte, dass das Dasein universal sei und es nur ein Dasein gibt (weil er ein Rassist war). Er dachte, dass das deutsche, europäische, griechisch-römische Dasein das einzige wäre. Und er schob vorsichtig das andere Dasein als nicht-Dasein zur Seite. Für ihn gab es nur ein Dasein, weil es nur eine Philosophie gab, so wie es für ihn nur ein logos gab. Das war der westeuropäische logos. Es ist normal für sie, das als einen absolut legitimen Ethnozentrismus zu betrachten. Hermann hatte gesagt „aber das Dasein wurde von Heidegger als die Beziehung zum Tod definiert und der Tod ist für jedes menschliche Sein das selbe.“ Ich habe darauf geantwortet „Gar nicht. Überhaupt nicht. Der Tod ist nicht für jeden dasselbe.“ Jede Kultur, jedes Dasein hat seine eigene Beziehung zum Tod. Und genau in dieser Beziehung zum Tod (hier stimme ich zu, dass es sich um die wichtigste Charakteristik des Daseins handelt) liegt eine Besonderheit und Originalität des Daseins. Und das habe ich in meinem Buch über Heidegger dargelegt. Ich habe vier Bücher über Heidegger geschrieben. Das zweite Buch trägt den Titel  Martin Heidegger: Die Möglichkeit einer russischen Philosophie. In diesem wende ich Heideggers Kriterium des Existenziellen (mit z) auf das russische Dasein an. Und ich habe herausgefunden, dass die Mehrheit seiner Kategorien sich nicht auf die russische Situation anwenden lässt. Wir haben eine andere Beziehungen zum eigentlichen Kern der existenziellen Realitäten, zum Tod, zu Gott, miteinander, mit dem Platz des Menschens. Die Dasein sind also zahlreich, das ist sehr wichtig. Und der Existenzhorizont definiert die natürliche Grenze des Daseins. Er korrespondiert, zumindest teilweise, mit den geographischen Grenzen. Das ist normal, weil die Menschen in einem konkreten Raum leben.

Wir können diesen Existenzraum als einen Raum ansehen, in dem Menschen leben, also als einen Lebensraum. Aber gleichzeitig kann er nicht ohne menschliche Wesen, ohne Volk, ohne Sprache, ohne Tradition existieren. Wenn man eine gemischte Population in einen Raum verpflanzt, wird daraus kein Existenzraum. Das ist nicht Dasein. In unserer Geschichte gibt es ein sehr schwieriges Beispiel dafür – das Volk von Kaliningrad innerhalb von Russland, das zuerst bei Preußen war, Menschen aus baltischen Stämmen, die von den Deutschen erobert und assimiliert wurden und danach von uns, wobei wir die Deutschen vertrieben haben. Das ist also ein russischer Raum, weder ein deutscher noch ein baltischer. Es gibt hier also einen Raum, Menschen die dort leben, eine Kultur und eine Geschichte, aber kein Dasein. Ein Teil des Territoriums dieses Raumes ist von seinem existenziellen Aspekt her evakuiert worden. Das sind sehr spezielle Bedingungen. Ich habe die serbische Geschichte studiert und bin zur Einsicht gekommen, dass die Migration der Serben eine ähnliche Idee über die Grenzen der Serben entstehen ließ. Könnten die Serben ohne ein serbisches Heimatland existieren oder nicht? Das bleibt eine offene Frage. Hier haben wir es mit einer Art exilischer Tradition zu tun. Diese beschäftigt sich mit dem Problem des existenziellen Daseins. Existenzielles Dasein definiert sich nicht durch das Territorium. Und es besteht nicht nur aus dem Volk. Es ist die Beziehung des Seins zum Platz, die sich durch das Volk, durch die Kultur, durch die Menschen und durch das Denken hindurchzieht. Es ist eine sehr besonderes Konzept, aber auch sehr wichtig für die Geosophie, da die Geosophie genau diese Existenzhorizonte studiert. Es ist die Beziehung des Seins zum Raum, die durch die Kultur, die Sprache, die Tradition, durch die Identität geht.

Wir können also sagen, dass wir das Volk studieren, aber nicht das Volk im Sinne ethnologischer Studien, die auf einem demographischen Aspekt oder statistischen beziehungsweise formalen Materialien aufbauen. Das ist eine Studie des Daseins. Wenn wir zum Beispiel die Serben studieren, sollten wir zuerst die Frage stellen „Was bedeutet es Serbe zu sein?“. Das ist nicht einfach. Jede formale Antwort ist nicht genug. Oder was es bedeutet Russe zu sein. Und genau an diesem Punkt beginnen unsere Dichtung, unsere Philosophie, unsere Vorstellung, unsere politischen Ziele, alles ist hier. „Was bedeutet es Serbe zu sein?“ Was bedeutet es Russe zu sein?“ Und das ist nicht abstrakt. Wir könnten nicht behaupten: „Diese Dinge sind serbisch, diese Dinge sind russisch.“ Nein. Wir geben die Antwort darauf durch unsere gesamte Geschichte. Wir könnten zum Beispiel sagen, dass es unser Reich ist. Aber das Reich wächst und schrumpft und welche Grenzen sollen nun genau zeigen, dass wir Russen sind? Aber auch unsere Niederlagen und Fehler können unsere Antwort darauf sein, was es bedeutet serbisch oder russisch zu sein. Der Existenzhorizont ist mit dem Raum verbunden und dem Volk, aber nicht auf eine materielle Art und Weise.  Somit kann niemand die Antwort auf die Frage geben, was es bedeutet Serbe zu sein. Weder die Engländer noch die Russen können eine befriedigende Antwort darauf geben. Aber auch viele Serben können sie nicht beantworten. Weil es ein Prozess ist. Er ist eine offene Frage der Identität, die man existenziell verstehen muss.

             Als praktische Folge der Geosophie müssen wir mit einem Studium des serbischen Daseins beginnen. Heidegger dachte, dass das Dasein einzigartig wäre. Wir stimmen überein, dass es eine Vielzahl, mehrere Dasein gibt. Wir beginnen damit und könnten die konkrete Frage stellen „Was bedeutet es Serbe zu sein?“. Und das ist keine vergebliche Frage. Sie ist etwas,dass Sie und Ihre Ahnen mit Blut bezahlt haben, mit dem Körper, mit dem Kosovo, mit König Lazar, mit all Ihrer Geschichte, Ihrer ganzen Existenz, ist eine Art Lösung dieses Problems, was es bedeutet Serbe zu sein. Und die Zukunft ist hier. Und die Zukunft des Kosovo und Metochiens ist hier und die Zukunft der serbischen Identität ebenfalls. Und die Antwort darauf gehört nicht der Vergangenheit an oder nur der Gegenwart. Es ist eine ewige Frage. Sie sind Serbe weil Sie innerhalb dieses Existenzhorizonts sind und dieses Problem lösen. Vielleicht lösen Sie es nicht selbst, aber Sie sind ein Teil der Lösung. Die Kultur und die Sprache, die Tradition und die Werte und vielleicht auch der Körper sind ein Teil davon. Die Schöpfung der Ahnen und der Zukunft, der Kinder und der Familien sind alle in diesen Existenzhorizont eingeschrieben.

Ich denke aber, dass wir das Konzept des Existenzhorizonts deswegen so dringend brauchen, da wir ohne ihm nicht die richtigen Fragen stellen können, die es jetzt zu lösen gilt. Sonst sehen wir – als Population – zum Beispiel das BIP als unsere wichtigste Frage an, wie viel Einkommen wir bekommen oder wo es bessere Möglichkeiten für soziale Mobilität gibt. Wenn wir zum Beispiel die Serben aus einem russischen Blickwinkel heraus betrachten, erhalten wir eine komplett andere Antwort, die nichts in unserer Geschichte erklären kann. Der Existenzhorizont ist das Schlüsselkonzept der Geosophie und ohne es könnten wir kein echtes Studium der echten Identität in seiner Ganzheit beginnen. Beim Existenzhorizont handelt es sich um das grundlegende methodologische Prinzip der Noologie und Geosophie. Der zweite Begriff ist auch sehr wichtig. Wenn der Existenzraum sich mit dem sogenannten Raum beschäftigt, dann im Sinne des „dazwischen“, irgendwo wo das menschliche Denken gegenwärtig ist. Daher sollten wir uns auch mit der existenziellen Zeit beschäftigen. Dies ist die zweite Kategorie der Geosophie. Dies ist ihrem Ursprung nach auch heideggerianisch. In  Sein und Zeit  machte Heidegger eine Unterscheidung zwischen den beiden deutschen Begriffen „Geschichte“ und das „Historische“.   Man übersetzt sie genau so. ‘Geschichte’ entspricht dem englischen Wort „history“ und ‘historisch’ dem Begriff „historic“.  Manchmal verwendet Heidegger auch den Begriff ‘Seinsgeschichte.’ Er bedeutet Onto-Geschichte, die Geschichte des Seins. Und damit haben wir bereits eine wichtige Klarstellung des Begriffs vorliegen. ‘Geschichte’ oder ‘Seinsgeschichte’ bedeuten im Deutschen  Zeit, die mit dem Sein verbunden ist. Wenn zum Beispiel ‘da’ der mit dem Sein verbundene Raum ist, versteht man unter ‘Geschichte’  die mit dem Sein verbundene Zeit. Also können wir sie die Zeit des Seins oder die existenzielle Zeit nennen.

Es ist interessant dass der Nachfolger Heideggers, der große französische Philosoph Henry Corbin, der beste Spezialist für die islamische esoterische Tradition, versucht hat den Unterschied zwischen „historisch“ und „Geschichte“ ins Französische zu übersetzen, indem er zwei neue Wörter ins Französische eingeführt hat: historique (historisch) und l’historial (Geschichte). Im Englischen gibt es einen solchen Unterschied nicht. Im Russischen und Serbischen ebenso, alles ist konzeptuell, wir beschäftigen uns mit einem Konzept. Also können wir versuchen historisch und Geschichte zu verwenden. Die Geschichte als Substantiv und das historische. Es ist pragmatisch, aber die Bedeutung ist eine andere. Lasst uns die Geschichte eine Art Geschichte des Seins nennen. Also ist sie die Geschichte des Seins. Sie ist nicht die Konsequenz der Fakten, sondern die Konsequenz der Bedeutungen. Also ist die Geschichte eine Art von intellektueller und existenzieller Lesart des Historischen. Die Geschichte ist der ontologische Aspekt des Historischen. Historisch ist eine dokumentierte Tatsache. Aber die Geschichte ist die Erklärung der Tatsache. Aber wenn wir durch das Historische leben, erklären wir uns nicht im Nachhinein. Indem wir in der Geschichte leben begehen wir Taten die historisch oder geschichtlich sein könnten. Wenn sie historisch sind haben sie etwas mit dem Dasein, unserer Identität mit unseren tiefen Wurzeln zu tun. Wir existieren historisch. Und historisch scheinen alle Elemente von außen dokumentiert.

Also ist das Historische etwas das mit Fakten zu tun hat und Geschichte ist etwas das mit Bedeutung und Sein zu tun hat. Im Französischen benützt Henry Corbin  l’historial (Geschichte) als Substantiv (l’historial – die Geschichte). Ich verwende im Russischen den Begriff ‘историал.’ Es mag ein sehr seltsames Wort sein, aber es hat eine konkrete Bedeutung in der Geosophie und in der Noomachie. Wir haben also einen existenziellen Horizont, einen existenziellen Raum und eine existenzielle Zeit. Die Existenzzeit ist unsere Interpretation der Geschichte. Die Fakten in dieser Interpretation der Geschichte sprechen zum Beispiel zu uns, zu unserer Seele, zu unserem Blut, zu unserem Geist, zu allem. Für andere wiederum kann es ein Ereignis ohne besondere Bedeutung sein, gewöhnliche Ereignisse, welche andere mit ihrem Maß messen. Und wir messen diese Ereignisse nicht materiell, nicht quantitativ, sondern wir leben durch sie. Zum Beispiel ist die Schlacht auf dem Amselfeld, Kosovo Polje das serbische Ereignis. Sie ist ein Schlüsselteil der serbischen Geschichte, nicht historisch. Aus historischer Sicht können wir sagen, dass Jemand eine Schlacht gegen den anderen geführt hat und König Lazar dabei nicht so gut ausgestiegen ist und so weiter. Aber in unserem methodologischen Verständnis dessen was es heißt Serbe zu sein, legt dieser Schlüsselmoment die Grundlage für das Sein nach dem Kosovo und vor dem Kosovo, weil der Kosovo das Ende von etwas war und der Anfang von etwas und gleichzeitig eine ewige Schlacht darstellt. Und der ewige Aspekt dieses Ereignisses hat etwas mit dem existenziellen Aspekt des serbischen Daseins zu tun. Für uns ist es dasselbe wie die Schlacht an der Kalka, die Schlacht von Poltava oder der Zweite Weltkrieg. Es gibt bei dieser Sache also nicht nur eine Bedeutung. Die Bedeutung dieses Ereignisses gehört zum Volk, zum Dasein, zum serbischen Dasein, zum russischen Dasein, zum amerikanischen Dasein, zum französischen Dasein, zum chinesischen Dasein. Die Bedeutung und die Realität davon was ist, war und sein wird, hängt direkt von den existenziellen Beziehungen zur Zeit ab.

Husserl sagte, dass die Zeit wie eine Melodie ist. Wenn Sie zuerst eine Note hören und danach eine andere Note und eine weitere Note, dann liegt eine Logik vor. Sie kennen also die Tonalität, die Akkorde und wenn eine Note nicht richtig ist, sind Sie davon irritiert. Sie versuchen die Melodie zu verbessern, die richtige Note zu spielen. Die nächste Note wird durch die vorangegangenen Noten vordefiniert. Auch die Geschichte besteht nicht bloß aus Fakten, Fakten, Fakten. Es gibt eine Melodie. Sie ist logisch. Und wir können die Note verpassen oder die Musik verzögern. Zum Beispiel sollten da Akkorde sein, aber es kommt kein Akkord. Und wir leben, warten auf die Akkorde, die wir bereits vorausahnen. Die Geschichte ist Musik. Und nur das Volk oder das Dasein verstehen diese Musik. Sie ist nicht universal. Sie können nicht etwas hören und jeder dechiffriert aus dem Krach eine spezielle Frequenz. Die Geschichte jedes Volkes hat ihre eigene Frequenz. Die Russen hören unsere russische Melodie und wir hören sie sehr gut. Und ihr hört eure serbische Melodie, aber sie wird auf einer anderen Frequenz gespielt. Von außen ist es also schwer zu sagen, ob ihr euch in einem guten Zustand oder einem schlechten Zustand befindet und euch auf dem Weg in die Dekadenz befindet. Es gibt also keine universalen Kriterien für die Geschichte, weil sich die Beziehungen zur Zeit im existenziellen Besitz des Daseins erstrecken. Und nach all dem werden der Existenzhorizont und die Existenzzeit (die Geschichte) von der Noomachie definiert, weil jederzeit Ihre Melodie in der Geschichte oder Ihre Identität als Volk durch die drei logoi aufs Spiel gesetzt werden könnte.

Es besteht also eine Art Gleichgewicht in der Dynamik des logos. Als die Türken kamen, hatte sich ein Teil des serbischen Volkes dazu entschieden, sich in die neue Situation zu integrieren. Das bedeutet für immer. Und der andere Teil machte so wie König Lazar eine andere Entscheidung. Ihr solltet bei der Orthodoxie bleiben, bei eurer vorherigen Identität und diese durch die Nacht der türkischen Herrschaft hindurch verteidigen. Zwei Entscheidungen: Nachgeben oder bei dem logos bleiben. Das ist die Entscheidung des Volkes. Und zwei Völker, Bosnier und Serbien, erschienen danach. Die Unterscheidung beruht also auf dem Gewicht des einen logos.  Ich spreche davon, wie wir uns zur selben Melodie bewegen, aber von einem Moment auf den anderen wir uns als Volk teilen können. Ukrainer, Russen, Weißrussen und Angelsachsen. Es gibt also viele interessante Punkte bei der Aufspaltung in dieser Melodie, die zur Schaffung eines neuen Daseins, eines neuen Volkes führen. Und all das steht in Verbindung zur Noomachie als einem Kampf zwischen den drei logoi. Wir können also die Geschichte jedes Volkes und die Existenzhorizonte jedes Volkes als eine Art Element erklären, das durch die Hilfe der drei logoi ausgedrückt wird. Wir könnten uns die drei logoi auch als drei Samenkörner vorstellen, welche in das Existenzfeld gepflanzt werden und wachsen. Und ein paar von ihnen überdauern, einer im Schatten, einer gewinnt und der andere scheitert. Dieser existenzielle Boden könnte existieren und verschiedene Fürchte wachsen lassen, aber die Samen sind in diesem Existenzhorizont immer gegenwärtig. Und die Dynamik ihres Wachstums, die Kombinationen und Konflikte sind immer unterschiedlich und passen immer nur zu einem Volk mit nur einer Geschichte. Das ist also die Volksgeschichte (народа история) als eine besondere Sache, die man von außen weder erklären noch verstehen kann. Die Noomachie ist nichts Künstliches. Er ist unsere Identität. Dies ist der zweite bedeutende Aspekt der Geosophie.

Die letzte Sache die ich hier abschließend erklären möchte ist, dass wir in einem sehr interessanten Spannungsverhältnis leben, wenn wir viele Welten, viele Kulturen und viele Identitäten vor uns haben, die sich in verschiedene Richtungen, mit verschiedenen Ergebnissen entwickeln. Ich repräsentiere das russische Dasein. Ich habe nur eine Sichtweise – die russische Sichtweise, weil ich zu diesem Existenzhorizont gehöre. Ich lebe in dem Moment meiner russischen Melodie, wie wir sie als existenzielles Sein verstehen. Und ich könnte zum Beispiel das, was außerhalb Russlands vorgeht nur mit meinen Augen beurteilen. Genauso verhält es sich mit den Serben – ihr könnt euch nicht vorstellen Albaner zu sein. Wir haben das versucht mit den Osseten in einer ethno-soziologischen Schulung nachzustellen. Wir haben gesagt „Stellt euch vor ihr seid der Feind, ihr seid der Andere. Lasst uns vorstellen, dass ihr Georgier seid!“. Sie konnten das selbst im Rahmen dieses Rollenspiels nicht akzeptieren. Da gab es keine Georgier, jeder wollte Ossete spielen. Das ist der ethnozentrische Aspekt, der im Geist des Suchenden verankert ist. Zum Beispiel ist es logisch anzunehmen, dass die gesamte Noomachie eine russische Sicht von allem darstellt und den russischen Ethnozentrismus reflektiert.  Wie können wir also in dieser Situation das Problem lösen, dass wir von unserem je eigenen Dasein prädisponiert werden und wie können wir mit einem anderen Dasein umgehen, dass ein Teil dieses Dasein ist? Das ist eine sehr schwierige methodologische Frage, aber ohne sie zu beantworten, können wir nicht zur Geosophie kommen. Das wird nur eine theoretische Halluzination über die Pluralität sein. Wenn wir auf eine reine Universalität bestehen würden und wenn wir versuchten jeden Ethnozentrismus zu überwinden, kommen wir zu gar nichts. Dann besäßen wir keine Position. Es gibt keinen so beschaffenen Existenzraum oder eine solche Melodie, die die Erde für die ganze Menschheit oder eine Universalgeschichte sein könnte. Das wäre dasselbe wie in Trubetzkoys Beispiel. Das wären dann eintausend Seiten über unsere Zivilisationsgeschichte und zwei Seiten über alles andere. Das wäre absolut ethnozentrisch und daher falsch. Wenn wir vortäuschten dieses System ohne Ethnozentrismus und universal zu erschaffen, dann wäre das unser Ethnozentrismus in einer pervertierten, titanischen und gigantischen Version.

Die Art auf die ich das Problem löse anerkennt das Recht auf Ethnozentrismus. Wir könnten ohne Ethnozentrismus existieren aber indem wir dies leugneten, würden wir nur noch ethnozentrischer. Das ist beispielsweise darin, dass der Globalismus und der Liberalismus viel rassistischer als der Nationalsozialismus sind, weil sie proklamieren, dass es ein Schicksal und ein Los für jeden gibt. Die Deutschen waren rassistisch, weil sie versucht haben ihr Deutschsein einer mehr oder weniger großen Menge von Leuten aufzuzwingen. Die Leute waren dagegen. Sie haben dagegen gekämpft. Wir haben dagegen angekämpft und wir haben gewonnen. Und das war noch mehr oder weniger begrenzt. Die Globalisten versuchen in einem globalen Maßstab ihre Identität allen anderen aufzuzwingen und jeden ohne Unterschied in einen Globalisten zu verwandeln. Indem sie versuchten den Rassismus unter dem Vorwand des Antifaschismus zu überwinden, wurden sie zu echten Faschisten, ernsthaften Faschisten, Hyperfaschisten, weil sie auf eine sehr rassistische Art und Weise versuchen ihr Verständnis davon was menschlich, was gut, was Fortschritt, was Zeit, was Technologie und so weiter ist aufzuzwingen. Daher können wir nicht vortäuschen Universalisten zu sein. Aber wir können auch nicht ethnozentrisch bleiben, da dies dann keine Noomachie wäre, sondern nur eine Geschichte des russischen Daseins oder des serbischen Daseins. Die Idee dieses Problem zu lösen, liegt darin, die natürlichen Grenzen des Existenzraumes und die positive Wertschätzung des Daseins und das der Anderen anzuerkennen. Das bedeutet nicht, dass wir unser Dasein gegen das Dasein des anderen austauschen sollen. Aber die positive Wertschätzung erkennt das Recht des Anderen an, ganz anders zu sein ohne seine Andersheit in eine Hierarchie einzuordnen. Unterschiedlichkeit kann manchmal Konflikte provozieren, aber wenn es keine Konflikte gäbe, dann wäre das nicht das Schicksal der Unterschiedlichkeit. Daher sollten wir die Unterschiede nicht auf die sogenannte universalistische Art eliminieren, wir sollten aber auch nicht wildwuchern, indem wir unsere eigene ethnozentrische Identität anderen aufzuzwingen. Und das ist sehr interessant. Ich spreche über Grenzen, die nicht ein für allemal gezogen werden sollten, die sich ändern können, weil sich das Volk entwickeln und sich seine Identität wandeln kann. Das sind dynamische Entitäten. Sie sind auf in jeder Hinsicht offen, auf eine positive und negative Art, in Konflikten, im Krieg und im Frieden (z.B. in Krieg und Frieden von Tolstoi). Es gibt immer Möglichkeiten. Krieg und Frieden wechseln sich ab. Und in dieser sich wandelnden Situation kann sich auch die Identität wandeln. Wir sind nicht dazu verpflichtet im selben Moment der Noomachie zu bleiben. Dieser hängt von so vielen Faktoren ab, dass es immer eine offene Frage bleibt.

Wenn wir von einer Art Konzert dieser ethnozentrischen Gruppen ausgehen, wenn wir vom Recht auf einen begrenzten Ethnozentrismus ausgehen, der diese aber nicht übertreten darf, weder in einer universalistischen noch einer chauvinistisch-xenophoben Art und Weise, wenn wir uns an unsere eigene Identität klammern, sie manchmal verteidigen, sie durchsetzen wenn möglich , aber gleichzeitig das innere Recht des Anderen auf Verschiedenheit anerkennen, eliminieren wir weder den Ethnozentrismus, noch überwinden wir ihn oder glorifizieren ihn exzessiv. Und das sind apollinische Methoden, wie sie Friedrich Jünger, der Bruder von Ernst Jünger, in seinem berühmten Buch über die griechischen Götter beschrieben hat, denn „Die Essenz des Titanismus, dieses kybelischen logos, ist es, kein Maß zu kennen.“ Wenn wir innerhalb unserer Grenzen bleiben, können wir sie nicht übertreten, wir sind darin in unserem Zentrum der Welt. Wenn wir nicht das Zentrum der Welt sind, sind wir nicht das Dasein. Wenn wir das Zentrum unserer Identität, unseres heiligen Territoriums, unserer Tradition, unserer Symbole sind, ohne Kirchen und heiligen Plätze zu besitzen, dann sind wir kein Volk. Wir sollten das Zentrum der Welt sein, aber wir sollten auch das Recht der Anderen anerkennen das Zentrum der Welt zu sein, in ihren Augen, in ihrer Welt, in ihren Grenzen. Und die Grenzen müssen nicht gerecht sein, sie sind immer ungerecht, weil wir lebendige Wesen sind. Wir sollten mit unseren Grenzen leben, weil die Grenzen auf eine gewisse Art und Weise unsere Körper sind, unsere Haut. Wir leben darin. Sie sollten etwas reinlassen, etwas rauslassen, genauso wie die Haut. Sie sollten unterschiedlich sein. Aber sie sollten existieren. Sie sollten auf eine klare, logische und metaphysische Weise anerkannt werden, als die Grenzen zwischen einem Horizont und dem anderen, ohne vorzutäuschen ein gemeinsamer Maßstab zu sein.

Wir könnten das selbstreflektierten Ethnozentrismus nennen. Darin liegt die einzige Möglichkeit eine ausgeglichene Geosophie und Welt aufbauend auf der Multipolarität zu schaffen, da wir andernfalls in einen vollständigen Humanismus ohne Essenz abdriften, ohne Natur, ohne Inhalt. Das wird sich am Ende des Tages als reiner Rassismus herausstellen, da die andere Seite des reinen Rassismus der reine Humanismus ist, weil in dem Moment, wo Sie nicht mit den Werten des liberalen Humanismus übereinstimmen, Sie kein Mensch mehr sind und schlussendlich zerstört werden sollten, so wie es mit den Muslimen oder mit den Slawen in der angelsächsischen Variante des Humanismus der Fall ist.

Wir könnten ihn also auch den maßvollen Ethnozentrismus nennen, einen selbstreflektierten Ethnozentrismus, der die Würde jeder existierenden Entität anerkannt, aber auch das selbe Recht denjenigen zuschreibt, die wir mögen und die wir nicht so gerne mögen. Als ich zum Beispiel diesem Pfad beim Verfassen der Noomachie folgte, habe ich ein Buch über Nordamerika verfasst, genauer gesagt den nordamerikanischen logos. Sie können sich meine Beziehung zur nordamerikanischen Kultur vorstellen. Ich hasse sie schlicht und ergreifend. Als ich mich aber mit dem nordamerikanischen logos beschäftigt habe, begann ich zu entdecken, was das für eine Herausforderung für mich ist. Wenn ich eine russische Version der Kritik am amerikanischen Imperialismus und so weiter schreiben würde, dann wäre das nur eine Karikatur. Das wäre nicht der amerikanische logos. Und indem ich die Abgründe des amerikanischen logos ergründete, habe ich ganz andere Sachen entdeckt. Ich begann sie zu verstehen. Ich stimme ihnen nicht zu, aber jetzt verstehe ich sie. Ich verstehe was sie tun, weil alles in den Zusammenhang passt. Und sie sind erstaunlich konsequent in ihrer Haltung, in ihrem Titanismus, in ihrer Schöpfung einer künstlichen, post-traditionellen Zivilisation. Sie tun, was sie in ihrer Logik tun sollten. Sie erschaffen eine Art amerikanische Gesellschaft im globalen Maßstab, weil sie von Anfang an auf dem Universalismus aufbauten. Ich stimme damit nicht überein, aber es ist ziemlich logisch, wenn wir uns vor Augen führen, dass es eine amerikanische Welt gibt und einen logos dieser amerikanischen Welt. Und ich habe in ihr eine pragmatische Philosophie ausgemacht, eine sehr besondere Philosophie, die sich gänzlich von der europäischen Philosophie unterscheidet. Sie ist nicht gut, nicht schlecht, sondern rein amerikanisch. Diese ausgesprochen interessante Philosophie gründet auf der Inexistenz von Objekt und Subjekt. Für mich war das eine große Herausforderung. Danach konnte ich aber Noomachiebände über jedes Volk schreiben, nachdem ich diese Herausforderung überwunden hatte. Zum Beispiel habe ich nach dieser Prüfung die Logik der Kroaten und Polen studiert und mit großen Erstaunen festgestellt, dass die slawophile Strömung und Tradition nicht mit den Russen, sondern mit den Kroaten begonnen hatte.

Es gibt also viele Dinge, die wir entdecken könnten, wenn wir unseren Ethnozentrismus überwinden und gleichzeitig den totalen Universalismus zerstören, der uns von den Globalisten aufgezwungen wird. Das ist der neue Weg. Er besteht nicht in der Rehabilitierung des Nationalismus. Es möchte nicht die Rückkehr der Nationalstaaten. Es ist eine neue Art des Denkens, der neu für die Russen und neu für mich selbst ist. Und ich denke, dass wenn wir lernen ihn methodisch anzuwenden, wir viele Details in der Politik, der Kultur, der Wissenschaften und in jedem Sinn entdecken könnten. Das ist alles für heute. Wir haben heute die beiden wichtigsten methodologischen Aspekte der Noologie als philosophische Disziplin behandelt. Wir haben über die drei logoi und die Geosophie mitsamt ihren wichtigsten Begriffen und Konzepten in den zwei einführenden Vorlesungen gesprochen. Und ich lade Sie dazu ein den nächsten acht Einheiten zu folgen, weil wir in den kommenden acht Vorlesungen, das worüber wir heute gesprochen haben in konkreten Fällen anwenden werden, als Beispiel dafür, dass sie funktioniert, weil sie wie ein Werkzeug funktioniert. Das ist alles für heute.

Der logos der indoeuropäischen Zivilisation

(Dritte Einheit)

Wir setzen unsere der Noologie gewidmeten Vorlesungen fort, einer philosophischen Disziplin über das Bewusstsein, den menschlichen Geist und das Denken. Heute haben wir zwei Vorlesungen. Die dritte Einheit trägt den Namen „logos der indoeuropäischen Zivilisation.“ Wir werden also nun die bereits in den zwei vergangenen Einheiten erklärten methodischen Prinzipien auf konkrete Objekte und konkrete Zivilisationen anwenden. Wir haben über die Drei-logoi-Theorie gesprochen, das Konzept des Existenzhorizonts und die Geschichte. Wir werden sie nun auf die indoeuropäische Kultur anwenden. Wenn wir zuerst über das Konzept des Existenzraumes sprechen, dann können wir dieses auf verschiedene Größen anwenden, von kleinen Gemeinschaften über mittelgroße Gemeinschaften bis hin zu großen Zusammenschlüssen, die zum Beispiel durch ähnliche oder gleiche linguistische Wurzeln verbunden sind. Und jetzt sprechen wir über den indoeuropäischen Existenzraum. Was ist der indoeuropäische Existenzraum? Er ist eine der größten Formen der Einheit. Der indoeuropäische Existenzraum deckt sich mit dem Raum, wo Menschen leben, die indoeuropäische Sprachen sprechen. Was sind indoeuropäische Sprachen? Das sind die romanischen, lateinischen, griechischen, germanischen, keltischen, slawischen und persischen Sprachen, das indische Sanskrit und andere Prakritsprachen, das Hethitische im alten Anatolien, das Phrygische, Thrakische, Illyrische (die Ahnen der Albaner) und die Sprache der Balten. Interessant ist, dass auch die Zigeuner zu dieser linguistischen Gemeinschaft gehören, weil ihre Sprache auch indoeuropäisch ist. Ihre Ursprünge sind unsicher, aber sie sprechen indoeuropäische Sprachen. Ebenso das Jiddische, eine Sprache der Juden, die eigentlich eine germanische Sprache ist und auch zur europäischen Sprachfamilie zählt. Das ist mehr oder weniger der Raum, welcher von den Menschen bevölkert wird, die diese Sprachen sprechen und in die indoeuropäische Ökumene eintreten, den indoeuropäischen Existenzhorizont. Das ist ein riesiger Raum an Völkern, Geschichten, sehr gegensätzlich und konfliktreich, der aber zur selben Zeit alle Menschen abdeckt, welche indoeuropäische Sprachen sprechen. Das ist ein Existenzraum.

Wir haben gestern darüber gesprochen, dass wir Kulturen und Völker durch den Existenzhorizont definieren, den Raum und die Geschichte. Wir könnten daher von der indoeuropäischen Geschichte oder der indoeuropäischen geschichtlichen Sequenz der Ereignisse sprechen. Wir werden später sehen, was sein könnte oder welche Versionen der generellen geschichtlichen Sequenz sein können, aber jetzt werden wir diskutieren, was die Hauptkennzeichen des indoeuropäischen Existenzhorizonts sind. Was ist indoeuropäisches Dasein? (t/here being) Zuallererst müssen wir uns auf ein sehr wichtiges Konzept konzentrieren. Dieses Konzept trägt den Namen Turan. Normalerweise verwenden wir den Begriff Turan, um einen Raum zu beschreiben, in welchem die Turkvölker lebten. Aber das ist hier nicht der Fall, weil der Begriff Turan rein iranisch ist und viel mehr mit dem Auftauchen der ersten türkischen Stämme in Zentralasien bzw. der eurasischen Steppe zu tun hat. Der Begriff geht auf die Avesta zurück, die alte zoroastrisch-mazdaische Religion und wurde in der iranischen Tradition lange vor der Manifestation bzw. Schaffung der ersten türkischen Stämme verwendet. Turan ist also ein indoeuropäischer Begriff. Und worin liegt die Bedeutung dieses indoeuropäischen Begriffes? Uns allen ist der persische Dichter des Mittelalters Ferdowsi wohlbekannt, der eine Art Dichtung über die geschichtliche Sequenz des Irans, genannt das Shahnameh Gedicht geschrieben hat. Shahnameh gründet auf der Dualität der Avesta, auf vorislamischen Quellen, über die Dualität und den Dualismus sowie den Krieg zwischen dem Iran und Turan. Der Iran bestand zunächst aus einer sedimentären Bevölkerung iranischer Abstammung. Die Iraner wie wir sie kennen lebten in Persien und in Medien nördlich vom eigentlichen Persien im Kaukasus. Die Iraner lebten hauptsächlich sedimentär, Turan hingegen war der Raum in dem die Nomadenvölker lebten. Aber worin liegt die Bedeutung des Wortes „Turan“? Die ursprüngliche Bedeutung dieses indoeuropäischen Wortes war „Stamm“ oder „Volk“. Es ist die selbe Bedeutung wie Fall von „tautos“ im Litauischen (Nation oder Volk). Das war der Name für das Volk der Steppen. Und die Bedeutung von Turan war der von den nomadischen Stämmen bevölkerte Raum. Und diese Stämme und Völker waren in der alten avestischen Zeit, als dieser Begriff verwendet wurde, ebenfalls absolut indoeuropäisch. Wir beschäftigen uns also mit einer sehr interessanten Dualität (Dualismus) in kultureller und zivilisatorischer Hinsicht. Iran und Turan kennzeichneten zu ihrer Zeit zwei Formen der indoeuropäischen Gesellschaft. Iran war der Name für die sedimentäre indoeuropäische Gesellschaft und Turan die Bezeichnung für die nomadische indoeuropäische Gesellschaft. Dies ist von großer Bedeutung, weil es mit den Ursprüngen der indoeuropäischen Völker zu tun hat.

Wenn wir damit beginnen vom Iran und Turan ausgehend herauszufinden welche Art von Zivilisation älter ist, kommen wir zum endgültigen Schluss, welcher auch die Position aller Historiker ist, dass zuerst die turanischen indoeuropäischen Stämme existierten. Die Iraner, die von Anbeginn der sedimentären iranischen Kultur da waren, waren ehemalige Nomadenstämme, welche zu sedimentären Stämmen wurden. Sie kamen aus dem selben turanischen Raum. Das ist der Hauptstandpunkt. Es gibt viele Debatten und Streitigkeiten darüber, wo genau in Turan das Zentrum der protoindoeuropäischen Kultur lag. Aber fast jeder stimmt darin überein, dass es irgendwo in Turan lag. Diesen Ort vermutet man weit östlich oder südlich vom Uralgebirge, am Kaspischen Meer oder nördlich vom Schwarzen Meer, auf jeden Fall an einem Ort irgendwo zwischen der Donau bis hinauf nach Südsibirien. Das war zwar ein riesiges Gebiet, aber irgendwo dort verbarg sich das sogenannte Mutterland, oder die Urheimat, um den deutschen Begriff zu verwenden, das anfänglich ursprüngliche Mutterland aller europäischen Völker. Das ist also die Urheimat (im Russischen прародина), nicht das Mutterland, sondern das prä-Mutterland. Es ist mehr oder weniger ein Gemeinplatz, dass es in dieser Gegend liegen soll. Das ist die wichtigste Feststellung über die Ursprünge der europäischen Zivilisation.

Der zweite Moment – wenn wir den Ort irgendwo in Turan finden, so lautet das zweite Prinzip der indoeuropäischen Ursprünge, dass die ersten indoeuropäischen Kulturen nomadisch waren und damit streng mit der Viehzucht verbunden gewesen sind. Sie waren viehzüchtende, nomadische, turanische Stämme. Ich schlage daher die Schriften von Marija Gimbutas (einer litauischen Schriftstellerin) vor, welche auf brillante Weise die Logik der indoeuropäischen Expansion erklärt hat. Marija Gimbutas zufolge und ebenso nach vielen russischen Wissenschaftlern und Archäologen, liegt die Idee darin, dass die Wurzeln dieser turanischen indoeuropäischen Stämme irgendwo südlich des Urals lagen. Um das heute Tscheljabinsk herum wurde vor kurzem eine sehr alte Stadt namens Arkaim entdeckt, welche dem Bild einer typisch turanischen Stadt nomadischer indoeuropäischer Stämme entspricht.

Sie wissen, dass das es ein Allgemeinplatz und eine allseits bekannte Position der Wissenschaft ist, dass die ersten Träger der indischen Veden aus den Norden kamen, aus dem selben turanischen Raum. Die Ahnen der Iraner stammten aus dem selben turanischen Raum. Und auch die Ahnen der Hellenen, Romanen, Lateiner, Germanen, Kelten, Slaven, Balten und Hethiter (einem der ältesten Stämme) kamen zu ihrer Heimat von der selben Urheimt aus, nämlich aus dem turanischen Raum. Und alle von ihnen waren Träger dieser nomadischen Viehzüchterkultur. Marija Gimbutas zu Folge gab es mehrere Wellen dieser indoeuropäischen Stämme. Jede Welle brachte neue Sprachen mit sich, neue Formen, neue Mischungen verschiedener Dialekte der indoeuropäischen Sprachen, die die Grundlage für die modernen indoeuropäischen Sprachen bildeten. Sie waren Träger der Kurgankultur, welche sehr wichtig für uns ist. Nun können wir eine Art geschichtliche Sequenz rekonstruieren, wodurch wir die Schöpfung der indoeuropäischen Gesellschaften gewissermaßen nachvollziehen können. Es gab eine Urheimat. Irgendwo war das Mutterland der Indoeuropäer. Lassen Sie uns annehmen, dass es südlich des Urals war. Ich bestehe nicht auf diesem konkreten Ort, aber die Mehrheit oder besser gesagt der seriöse Teil der Historikerzunft vermutet sie dort. Es lag vielleicht östlich oder vielleicht westlich davon, aber irgendwo dort.

Der zweite Punkt der Kurganhypothese von Marija Gimbutas besteht darin, dass jedes indoeuropäische Volk ursprünglich aus nomadisierenden Viehzüchtern bestand. Sie waren keine Bauern und damit nicht sedimentär. Sie schufen eine Art besonderer Stadt und waren Krieger. Sie domestizierten das Pferd zum ersten Mal. Die Domestizierung des Pferdes ereignete sich genau in diesem turanischen Raum. Es ist keine Überraschung, dass sie das Pferd gezähmt haben. Sie zogen durch die Steppe, um andere Räume zu erobern und stießen dabei von der Urheimat nach Indien und bis hin zu den Britischen Inseln vor. Von diesem Punkt aus haben sie Eurasien kolonisiert. Darin besteht die normale Kurganhypothese und das ist der Ursprung aller indoeuropäischen Sprachen. Die Ahnen aller indoeuropäischen Stämme und Völker sprachen die im turanischen Raum gesprochene indoeuropäische Sprache, waren Nomaden und Viehzüchter und brachten eine Kultur hervor, welche der Ursprung aller indoeuropäischen Gesellschaften und der indoeuropäischen Zivilisation ist. Wir können über die proto-indoeuropäische Kultur sprechen und sie mit der Situation in Turan lokalisieren, wo sie aus einer nomadischen Lebensart mit einer kriegerischen Art des Seins und einer kriegerischen wie heroischen Ethik bestand, der Domestizierung des Pferdes und dem Sonnenkreis als besonders wichtigen Moment in all dem. Ein sehr interessanter Autor, der Deutsche Leo Frobenius hat alle Entwicklungsstufen dieser Kultur folgendermaßen erklärt. Die erste Stufe ist die Faszination. Sie sind fasziniert von etwas, dass ihren Geist in Besitz nimmt, von der Schönheit, von Gott, einem inneren Gefühl, von etwas. Die zweite Stufe ist die Kultur, welche den Ausdruck dieser Besessenheit darstellt. Sie befreien sich von dieser Besessenheit und versuchen, sie in Bildern auszudrücken, in einer äußeren Form dessen, was von Ihnen Besitz ergreift, was Sie fasziniert. Das ist das Zweite. Und danach wenden Sie das Resultat dieses Ausdrucks technisch an. Wir können dies in der altertümlichen indoeuropäisch-turanischen Entwicklungsstufe sehen und erkennen, dass alle drei Entwicklungsstufen mit dem Konzept des Kreises verbunden sind. Dieser besteht zu aller erst in der Sonne, dem Sonnengott, der Sonne als dem Tag, der Sonne als Apoll. Sie sind von dieser Sonne besessen. Sie huldigen dem Feuer, dem Licht, der Sonne, dem Himmel. Es liegt im Zentrum Ihrer Faszination. Ihrem Bild entsprechend schaffen Sie ein Symbol von ihr. Sie erschaffen das Zeichen des Kreises und verehren es als etwas, dass von Ihnen Besitz ergriffen hat. Das ist Ihre innere Konzentration. Danach wenden Sie dies im technischen Sinne in der dritten Phase an. Und was ist das? Das Rad und der Streitwagen, welcher durch das Rad erschaffen wird. Auch das ist ein Allgemeinplatz. Die ersten Streitwagen und die ersten Konstrukteure von Streitwagen mit Rädern und Pferden waren indoeuropäisch. Mit der Hilfe der Streitwagen haben sie jeden Raum in Eurasien erobert, von den Britischen Inseln bis nach Indien, Persien, Griechenland und den Balkan. Also wurden Europa und alle europäischen Räume von den mit Pferden gezogenen Streitwagen erobert und dies geschah durch die Anwendung der Sonne (Kreis) auf den technischen Aspekt. Sie waren von der Sonne besessen. Sie huldigten der Sonne. Und sie verwendeten das Symbol der Sonne auf der technischen Ebene, um den Streitwagen zu erschaffen. Und mit ihren Streitwägen und ihrer inneren Dynamik, die der Sonne glich, expandierten sie wie die Sonnenstrahlen über den ganzen eurasischen Kontinent von der turanischen Urheimat ausgehend.

Das ist im Großen und Ganzen die prähistorische indoeuropäische Sequenz der Geschichte. Sie ist also eine Art Schicksal. Es besteht darin, so zu sein wie die Sonne, zu scheinen und das Feuer wie Licht der Kultur vom Ausgangspunkt aus zu verbreiten. Dieser Punkt ist sehr wichtig für das Verständnis des indoeuropäischen Daseins. Und dies spiegelt sich in allen indoeuropäischen Sprachen und Kulturen wider. Alle indoeuropäischen Völker sind Erben des indoeuropäischen Daseins, weil wir durch das indoeuropäische solare Dasein Turans (noch nicht des Irans, die iranische Kultur ist die zweite Phase. Die erste Phase des indoeuropäischen Daseins ist es, turanisch zu sein, ein nomadischer Stammeskrieger der Steppe zu sein.) definiert, präfiguriert und vordefiniert sind, sowie durch es sprechen und denken. Das war der gemeinsame Ursprung aller Gesellschaften des kurganischen Kulturtyps nach Marija Gimbutas und fast allen anderen. Kurgan ist ein Gebiet. Und sein Zeichen war das Hügelgrab. Der Kurgan ist eine Art künstlicher Hügel über einer Gruft. Das ist deswegen sehr wichtig, weil es eine Art Vertikalität darstellt, eine Schöpfung dieser vertikalen Gesellschaft. Das zweite Merkmal besteht darin, eine Waffe in das Grab zu legen, weil dies in anderen Kulturen nicht der Fall war, ebenso wie das Pferd. Das Pferd, die Waffe und der Hügel sind die drei Kennzeichen dieser kurganischen Kultur. Das ist das indoeuropäische Dasein.

Wir können es von Turan aus zurückverfolgen, vielleicht zu einem Ort in Turan selbst, denn die ersten Räder wurden genau südlich des Uralgebirges gefunden und die Domestizierung des Pferdes fand mehr oder weniger im selben Raum statt. Daher wäre es nur logisch anzunehmen, dass sich das Zentrum von Turan in der kasachisch-russischen Steppe befand (Eigentlich der russischen, weil sie schon vor den Kasachen indoeuropäisch war.) Sie ist war das Herz Turans. Und von diesem Punkt aus fand eine Art Expansion statt, eine Expansion nicht nur in physischer Hinsicht auf der Suche nach neuen Ebenen, um die Pferde und Kühe zu füttern, sondern auch um die Sonne zu imitieren. Die irdische Sonne war also irgendwo in Turan und von diesem Punkt aus begann ihre Ausbreitung. Wir können also davon ausgehen, dass diese Annahme nicht aufgrund von Trägheit oder etwas Gewöhnlichem gemacht wurde, sondern der klaren Idee folgt, dass sich das Zentrum irgendwo in Turan befindet (zum Beispiel in der Steppe südlich des Uralgebirges), wo sich das sakrale Mutterland der indoeuropäischen Tradition befunden hat, das Zentrum, der Pol der indoeuropäischen Tradition und von diesem Pol aus die Expansion in alle möglichen Richtungen stattgefunden hat. Die eigentlichen Träger der Kurgankultur waren die nomadischen Stämme der Indoeuropäer. Und diese haben fast den gesamten eurasischen Kontinent kolonisiert, vom Westen bis nach Indien und über Indien bis zum Indischen Ozean, den Buddhismus als ein Produkt der indischen Kultur verbreitend, der auch eine Fortführung des eigenen kulturellen Einflusses darstellte, der auf die chinesische Kultur projiziert wurde, die etwas ganz anderes war. Wir haben es hier also mit einer Art Rennen zu tun. Aber die interessanteste Schlussfolgerung liegt hier darin, dass wir den reinen Typ dieser indoeuropäischen Kultur in den nomadischen Stämmen der Indoeuropäer suchen müssen, wie etwa den Afghanen oder den Osseten (den eigentlichen afghanischen Paschtunen) oder einigen pakistanischen Stämmen (die nomadischen Belutschen im Iran und Pakistan) oder den eigentlichen Osseten (den direkten Nachfahren der sarmatischen Stämme). Sie wurden erst kürzlich sedimentär und hatten die Kultur des turanischen Typs fortgesetzt. Die Iraner waren die Zweiten und die Turaner kamen zuerst. Ihr Konflikt (Turan gegen Iran) war ein sehr zweitrangiger Aspekt dieser Geschichte als erster Phase der Geschichte der Indoeuropäer.

Das war auch die Idee in den späten Theorien von Oswald Spengler. Von den posthum erschienen Schriften Spenglers wurde erst kürzlich ein unvollendetes Buch mit dem Titel „The Epic of Man“ veröffentlicht. Es war unvollendet, nur Teile davon wurden von Oswald Spengler, dem Autor von „Der Untergang des Abendlandes“ verfasst. In seinem Werk „The Epic of Man“ entwickelte Spengler die Theorie, dass drei vor-Zivilisationen existierten. Atlantis mit der Megalithkultur, Kusch als afro-asiatische Zivilisation, welche Nordafrika und den Nahen Osten umfasste und die dritte prä-Zivilisation wurde von ihm genau als turanische Zivilisation bezeichnet. Das passt genau zu Marija Gimbutas Konzept und der Kurganhypothese aus der Archäologie sowie den Studien zur indoeuropäischen Vergangenheit, weil die Einheit aller indoeuropäischen Sprachen auf mehr oder weniger das selbe Gebiet hindeutet, wo die indoeuropäischen Völker lebten, bevor sie sich in die heute bekannten indoeuropäischen Sprachen und Völker teilten. Spengler, Gimbutas, die Linguistik und die Archäologie, alles deutet auf dieses Gebiet hin.

Wie können wir die Struktur der Noologie dieser protoindoeuropäischen turanischen Gesellschaft evaluieren? Ein weiterer Autor namens Georges Dumézil hilft uns dabei. Ich kann seine Bücher nur wärmstens empfehlen. (Ich weiß nicht ob sie bereits in Serbien veröffentlicht wurden. Auf Russisch haben wir ein Buch über die lateinische Religion und ein anderes über die indoeuropäischen Götter.) Georges Dumézil ist ein französischer Historiker der sein ganzes Leben in einer brillanten Art und Weise der Erforschung der indoeuropäischen Kultur verschrieben hat, im Rahmen derer er alle Arten von Mythologien, Religionen, Sagen, Volksliedern und so weiter verglichen hatte, aber auch die schriftlichen und mündlichen Traditionen der indoeuropäischen Kultur. Er verfasste viele Bücher, darunter einen wichtigen Text mit dem Titel „Die Indoeuropäische Ideologie“. Dies ist eine Zusammenfassung seiner umfangreichen Bücher mit mehreren tausend Seiten, in denen er sorgfältig und detailreich die Mythologien der indoeuropäischen Völker miteinander vergleicht. Was ist das Ergebnis oder die Zusammenfassung der Studien von Dumézil? Die trifunktionale Theorie. Er kam zum Schluss, dass alle Typen indoeuropäischer Kulturen, egal ob altertümlich oder modern, auf dem Konzept der trifunktionalen Gesellschaft basieren.

Jede indoeuropäische Gesellschaft besteht aus drei Kasten. Die erste Kaste sind die Priester, sie bestand aus den sakralen Königen und Priestern. Man ging davon aus, dass sie zum Himmel gehörten und betrachtet sie als göttlich. Man erachtet sie zwar nicht als Götter, aber als göttliche Wesen oder sakrale Könige und Priester. Ihre Eigenschaften wurden von den Brahmanen und Brahmin im indischen Kastensystem verkörpert. Sie hatten ihre eigene Ethik und Metaphysik und die Idee, dass sie eine besondere Seele besaßen, die aus Licht bestand. Die Herrschaft der Priester und sakralen Könige gründete auf der selben Idee von der Sonne. Weil sie die irdische Sonne waren, waren sie das Feuer und das Licht. Und sie repräsentierten das Licht als die Sonne Gottes, des himmlischen Gottes. Die zweite Kaste sind die Krieger oder ‘Kshatriya’ im indischen System, ‘raθaēštar’ im iranischen System und der ‘raθaēštar’ steht auf dem Streitwagen (der Krieger auf dem Streitwagen). Dies, weil der Streitwagen mit Rädern das Hauptkennzeichen der Expansion Turans dieser indoeuropäischen Stämme war. Und die dritte Kaste bestand einfach aus Viehzüchtern und den Herren der Tiere, der Kühe und der Pferde. Die gesamte Gesellschaft repräsentierte dabei eine Art Armee, eine Armee, die durch den Raum zog, um zu kämpfen und zu sterben, weil es keinen Tod in unserem Sinne gab. Er bestand in einer Art Erhebung. Jede Seele wurde als himmlischer Funke betrachtet, der zur Erde niederkommt, um wieder aufzusteigen, je schneller, desto besser. Wenn Sie jung sterben, ist das gut, weil es normal ist jung zu sterben. Jung zu sterben bedeutet im Kampf zu sterben, zu sterben, während man die Feinde tötet. Nicht zu überleben, sondern zu sterben war das Ziel des Kriegers. Weise zu sein und nicht lange zu leben war die Aufgabe und das Ziel der Priester, rein zu sein, sich selbst und jeden anderen zu reinigen. Loyal und tapfer zu sein, sowie viele Pferde und Kühe zu besitzen, war wiederum die Aufgabe der Dritten Funktion.

Es gab hier also eine absolut vertikale Hierarchie mit den Priestern an der Spitze, den Kriegern in der Mitte und den Viehzüchtern am Boden.Weil die Viehzüchter sich mit den materiellen Aspekten der Kühe, Pferde und Schafe beschäftigten, wurden sie als weniger rein und perfekt betrachtet. Aber auch sie strebten danach, so weise wie die Priester und Könige und so tapfer wie die Krieger zu sein. Das Wertesystem basierte also nicht auf den einfachen Viehzüchtern und ihren Zielen, vielmehr stand das Konzept der Priester und Krieger im Mittelpunkt und diese definierten auch die Ethik der dritten Kaste. Aber alles war absolut vertikal und wir können in dieser Situation die reine Version des Logos des Apoll in unserem noologischen Verständnis erkennen. Dies war der brillanteste, deutlichste und klarste Ausdruck des logos des Apolls, vertikal, weil alles Leben als die Niederkunft des Lichtes betrachtet wurde, der Sonne in die sakralen Könige und Priester, sich ausbreitend auf die Krieger und endend bei den Viehzüchtern, um wieder zum Himmel zurückzukehren.

Interessant ist hierbei die Qualität der Erde in der turanischen Steppe. Die Erde war hart. Sie war nicht dazu geeignet um Samen zu säen und dort etwas anzupflanzen. Sie war nur ein Raum auf den man kommen und wieder zurückkehren konnte. Es gab keine unterirdische Dimension in diesem Verständnis der Steppe. Die dämonischste, teuflischste und symbolisch negativste Kreatur war die Maus, weil sie unter der Oberfläche dieses Raumes lebte. Das Mauseloch wurde als eine Art Hölle betrachtet und war das Symbol des Satans in ihrer Tradition beziehungsweise die Schlange, welche unter der Oberfläche der turanischen Steppen lebte, aber nicht tiefer. Das ist eine Tradition und Gesellschaft ohne Wurzeln, weil sich die Wurzeln im Himmel befinden. Das war eine ganz andere Vorstellung, dass etwas nicht aus der Erde, sondern aus dem Himmel heraus wächst und seine Äste bis zur Erde hin ausbreitet, genauso wie die indoeuropäischen Stämme und zu den Wurzeln zurückkehrten, denn die Rückkehr zu den Wurzeln bedeutete die Rückkehr zu den Göttern und dem Feuer. Die Einäscherungsriten, im Rahmen derer der Körper des toten Mannes dem Feuer übergeben wird, um über das Feuer zur Sonne, zum Feuer und zum Himmel zurückzukehren. Alles war das genaue Gegenteil dessen, an das wir uns heute gewohnt haben. Das war die rein indoeuropäische Tradition. Dies war auch der reine Typ des apollinischen Logos.

Was ist also nach Dumézil indoeuropäisch? Man könnte sagen, es ist das Apollinische. Es ist genau das Selbe wie der logos des Apolls und jede Art normaler indoeuropäischer Gesellschaft, die wir kennen (Kelten, Germanen, Lateiner, Illyrer, Thraker, Hellenen, Griechen, Hethiter, Iraner, Inder, Skyten, Sarmaten, Slawen, Balten), jede Art von indoeuropäischer Kultur basierte ursprünglich auf dem logos des Apolls. Der Name wurde von den Griechen verliehen, aber wir können das selbe ohne Mühe in den Veden, der Avesta, in den germanischen Odinsmythen und in den keltischen Legenden und Mythen identifizieren. Und Georges Dumézil hat alle diese Mythologietypen zusammengetragen und miteinander verglichen. Das wurde klar, als wir ein Buch nach dem anderen von ihm lasen, das absolut grundlegend war. Das ist Allgemeinwissen, daran ist absolut nichts Neues. Es erklärt die Sachlage in einer klaren Art und auf eine sehr transparente Weise. Das ist das Resultat seiner Schriften. Die von ihm gegründete Schule wurde von Émile Benveniste fortgeführt, einer der größten linguistischen Autoritäten des 20. Jahrhunderts. Émile Benveniste schuf ein Lexikon der indoeuropäischen Begriffe und bewies die Korrektheit des dumézilschen Theoriekonzepts, das heute als anerkannt gilt.

Der zweite wichtige Aspekt der Schriften Dumézils ist das, was er die indoeuropäische Ideologie nennt. Die indoeuropäische Ideologie stellt eine Struktur dar, die unveränderlich und immerwährend ist. Sie wird in der Sprache, der Kultur, den Symbolen und der Denkweise der indoeuropäischen Völker repräsentiert, die genau das selbe ist, wie in den Zeiten der Urheimat und dem modernen indoeuropäischen Geist. Sie hat uns in unserem Verständnis des Kosmos, der politischen Gesellschaft und der Geschichte beeinflusst. Diese Ideologie ist Lesen, Deutungsmuster, Interpretation und Maßstab. Durch das Lesen dechiffrieren und interpretieren wir, was passiert. Wir betrachten die Gesellschaft. Es gibt die Philosophen oder die Intelligenzija, das Militär und die übrige Bevölkerung. Das ist die vertikale und hierarchische Weltsicht mit dem Präsidenten oder Führer als eine Art antiken Sakralkönig, militärischen oder administrativen Gruppen und der Bevölkerung. Es ist tief in unserem Unterbewusstsein, aber jede indoeuropäische Gesellschaft gründet auf dieser trifunktionalen Achse (modern oder antik, christlich oder heidnisch, östlich im indischen und iranischen Fall oder westlich im keltischen, germanischen, slawischen, französischen, lateinischen Beispiel). Das ist sehr interessant. Dumézil zu Folge ändert sich daran gar nichts. Mehr noch, durch diese Ideologie interpretieren wir die Geschichte. Die Geschichte von der Gründung Roms, die Geschichte der Gründung von jedem Land oder indoeuropäischen Staat. Es gibt immer einen Boten Gottes oder einen sakralen König, der von außen kommt, weil die Gründung des Königreiches von außen stattfindet, aus Turan kommen diese Nomaden und gründen die Stadt. Aber die Stadt war eine Art Festung. Sie war keine Fortsetzung des Dorfes. Sie war etwas von außen geschaffenes, durch Männer des Militärs, die von irgendwo kamen und eine Festung (Zitadelle) errichteten, um ihre militärische Position zu verteidigen. Es war also eine militärische Eroberung mit einigen sakralen Helden und Führern, die von außen kamen. Das war das Hauptszenario. Und danach gab es drei Funktionen und Beziehungen, manchmal konfliktreiche Beziehungen zwischen den Priestern und Kriegern, ihren grundlegenden Interessen und der Masse der Bevölkerung. Alle drei Funktionen wurden auf unzählige Arten und Weisen in Chroniken, Geschichten, Mythen, religiösen Sagen, Volksdichtungen, Liedern und so weiter beschrieben. Das ist der eigentliche Inhalt der indoeuropäischen Tradition, die Herstellung der Vertikalität.

Von besonderem Interesse und sehr wichtig sind die Genderbeziehungen in der turanischen Gesellschaft. Wenn wir die Beziehungen zwischen den Geschlechtern in der nomadischen indoeuropäischen Gesellschaft studieren, erkennen wir eine sehr interessante Idee. Gimbutas hat an einer anderen Stelle Begriffe für die Gleichheit zwischen Mann und Frau vorgeschlagen, aber in einer matriarchalischen Gesellschaft. Sie hat das Konzept der Gylanie vorgeschlagen. Es ist nicht die Dominanz der Frau über den Mann, sondern eine Art Freundschaft aber unter dem Hauptkonzept der Dominanz des Matriarchats. Die Gylanie war die Freundschaft und Gleichheit zwischen Mann und Frau, aber von der weiblichen Warte aus betrachtet. Ich schlage den gegenteiligen Neologismus vor, die Anelygenie. Das ist das selbe, nur diesmal wird die Freundschaft zwischen Mann und Frau von der männlichen Perspektive aus gesehen, vom turanisch-indoeuropäischen Standpunkt. Es gibt zwei Neologismen – Gylanie und Anelygenie (Gylanie : γυνή [Griechisch für Frau], ἀνήρ [Mann]). Das ist das Gleiche, aber Gimbutas setzt die Frau an die erste Stelle, wohingegen die turanisch patriarchalische Gesellschaft den Mann an die erste Stelle stellt (Anelygynia, ἀνήρ). Aber es gab hier keine Unterwerfung der Frau unter den Mann, sondern Freundschaft basierend auf dem Konzept des solaren Kriegers und dem dominanten Konzept des Himmels. Männer und Frauen sind also Freunde, aufbauend auf diesem solaren Konzept der menschlichen Natur. Das war sehr interessant, weil sich die Männer immer im Krieg befanden und die Frauen mit Kindern nicht regulär am Krieg teilnehmen konnten. Sie wurden in den Lagern und Festungen zurückgelassen. Aber das war kein friedliches Leben, weil überall der selbe Gesellschaftstyp vorherrschte, der sehr aggressiv und expansiv war. Die Frauen waren daher dazu verpflichtet, die Städte zu verteidigen. Sie sollten also heroisch und ebenfalls Krieger sein, sonst wären sie von den anderen erobert worden und das wollten sie nicht. Dementsprechend waren sie ein anderer Kriegertypus mit den selben Werten wie die Männer.

Dies spiegelte sich in vielen turanischen Traditionen der nomadischen Gesellschaft wider. Vor der Hochzeit fand ein Kampf zwischen Mädchen und Jungen statt. Wenn der Junge das Mädchen nicht überwältigen konnte, konnte die Hochzeit nicht vollzogen werden. Er sollte damit seine Kraft bezeugen, seine Macht über ihre Macht. In diesem Kampf fand eine Art Wettbewerb statt, aber Mädchen sollten genauso Krieger sein. Dies wird im Brunhildekomplex in der Psychoanalyse reflektiert. Auf dem Hochzeitsbett setzte sich der Kampf zwischen Mann und Frau fort. Und die Frau, die den Mann überwältigte, tötete ihn bevor die Hochzeit vollzogen werden konnte. Das ist eine Art Spur der Anelygenie, dieser militärischen Freundschaft basierend auf der Anerkennung der normativen Werte des Patriarchats. Der amazonenhafte Gesellschaftstyp war weder feministisch noch weiblich. Die Amazonen waren absolut patriarchalisch, weil sie eine Art Projektion des Maskulinen darstellten, des männlichen Kulturtyps und seiner Werte auf die weibliche Gesellschaft. Das war die Reinheit und Tapferkeit, die Gewalt und Macht der Gesellschaft genauso wie im männlichen Gesellschaftstyp, nur auf den weiblichen Fall bezogen. Die Amazonen stellten also kein Matriarchat her. Vielmehr war das der Endsieg des Patriarchats, weil die Frauen alle Arten von männlichen Verhalten akzeptierten. Das ist die Anelygenie. Wir könnten sagen, dass dies ein Extremfall der Amazonengesellschaft ist. Aber das ist der turanische Gesellschaftstyp mit mächtigen, sehr starken und unabhängigen Frauen, die nicht nur eine Besitzergreifung des Mannes symbolisieren könnten. Sie waren in jeder Hinsicht vollwertige Mitglieder dieser turanischen Stämme und konnten sich selbst gegen mögliche Angreifer verteidigen. Das ist sehr wichtig und ein Bestandteil des reinen Patriarchats.

Es gab in dieser Mythologie nicht viele Gottheiten und wenn, dann wurden sie durch männliche Werte repräsentiert, wie die griechische Göttin Athene, die Jungfrau war. Sie war weise wie ein Priester, tapfer wie ein Krieger und eine Jungfrau. Sie stellte nicht die Mutterrolle der Frau dar. Sie repräsentierte die Krieger, Priester und Jungfrauenrolle der Frau, die rein turanisch war. Die griechische Athene stellt also die Reflektion männlicher Werte dar. Weisheit ist die wichtigste männliche Eigenschaft der ersten Kaste und die erste Funktion in der dumézilschen Version. Die Tapferkeit, der heroische Geist und der Kampf, alle diese Eigenschaften der Athene waren genauso wie die Weisheit und der kriegerische Heroismus nicht dem rein irdischen Schicksal der Frau verschrieben, sie war keine Mutter und hatte keine Kinder. Darin besteht das höchst wichtige Konzept der Anelygenia der turanischen Gesellschaft. Das ist die Quelle des logos des Apolls.

An dieser Stelle können wir uns an Platon erinnern. Platon ist, wie ich bereits erwähnt habe, ein rein indoeuropäischer Denker. Er ist die bestmögliche Repräsentation des apollinischen logos. Er wurde von seinen Anhängern als Inkarnation des Apolls betrachtet. In den drei Dialogen des Platon erkennen wir klar das Abbild des trifunktionalen Kosmos, ein Universum rein turanischen und indoeuropäischen Typs. Im Timaeus finden wir die platonische Kosmologie aufbauen auf drei Spezies. Das erste Beispiel oder Paradigma ist der Vater. Das zweite war das Bild, die Ikone, der Sohn oder das Kind. Und das dritte war das nicht sehr klar definierte Konzept der Materie, der Khora oder des Raumes, aber nicht Materie in unserem Verständnis oder als Substanz, sondern als Raum. Es ist die Khora, das dritte Prinzip in Platons Dialog Timaeus. Khora ist der Raum. Hier der Ursprung, das Paradigma, der Vater. Da ist der Sohn als Reflexion des Vaters. Und dort ist eine Art Raum wo nichts ist. Das wurde nicht Mutter genannt, aber die Frau die nährt, die ernährt, dass ist die Figur, die den Raum gibt, an dem sich dieser Akt der Reflexion ereignen kann. Wir finden also drei Ebenen der Realität bei Platon vor. In der Letzten sehen wir die Khora, das ist das Land oder der Raum, nicht mehr. Es ist nicht die Mutter, die etwas gebiert. Es ist etwas, das den Einfluss von der Spitze der Hierarchie, vom Paradigma akzeptiert und zurück gibt. Das ist eine rein indoeuropäische Version der Kosmologie. Und diese ist sehr klar definiert, daher können wir sie als reinen Typ der apollinischen Kosmologie akzeptieren, welche als solche im Christentum, dem Mittelalter und der römischen Kultur akzeptiert wurde. Die im Timaeus Platons dargelegte Version der Kosmologie ist normativ für jede indoeuropäische Tradition.

Wir könnten sie mit den Veden vergleichen. In den Veden ist es mehr oder weniger das selbe, ebenso in der iranischen Version. Es gibt drei Welten: Die Höchste, eine in der Mitte und eine Dritte, die sehr vage definiert ist. Die letzte Welt stellt eine Art Oberfläche der Erde dar, wo die Rückkehr beginnt. In der neoplatonischen Tradition finden wir die Idee der Vorhersehung und der Rückkehr. Alles kommt vom Himmel, der himmlische Vater steigt hinab und das ist die Epipher, kehrt zum Selben zurück. Das ist ein vertikaler Zyklus. Das Leben ist der Moment der Wiederkehr und der Tod ist nicht das Ende, er ist eine Etappe der Wiederkehr. Wenn wir also auf der Erde ent-manifestiert werden, existieren wir in besseren Bedingungen, als auf der Erde. Sie ist der niedrigste Punkt unseres Abstieges von unserer inneren paradigmatischen Position, von unserem eigenen Geist (Atman im Hinduismus) von unserer unsterblichen Seele. Unsere Seele steigt also hinab, um wieder aufzusteigen, um zurückzukehren, um zur Quelle zu gehen. Aber die Quelle ist an der Spitze, darüber. So heißt es im Timaeus.

In einem anderen Dialog, Platons Staat, werden drei Typen des idealen Staates genannt. Die Philosophen (sie sind das Äquivalent zu den traditionellen Priestern), die Krieger und alle Anderen. Und die Philosophen sollten herrschen, weil sie sich der höchsten Kontemplation der Quellen, der Prinzipien verschrieben haben. Weil sie aus der Höhle hinaus gehen, um das Eine zu sehen, die Sonne und die Sterne, die himmlischen Lichter. Und er kehrt zurück und hat das Recht zu herrschen, weil er mit dem Himmel verbunden ist. Das ist also die Idee in Platons Staat. Der Staat sollte so sein. Die Philosophen, Brahmanen, sakralen Könige, welche die Quelle des himmlischen Lichtes und des Feuers kontemplieren, herrschen über die Anderen. Die Krieger sollen ihnen folgen und die Anderen, die in materielle Angelegenheiten involviert sind, sollen den Philosophen und Kriegern gehorchen. Wir haben ein trifunktionales Konzept bei Platon.

Und der selbe Platon gibt uns im Phaedrus eine Beschreibung der Seele. Nach Platon besteht die Seele aus drei Teilen. Hier stellt das schwarze Pferd Epithymia das Begehren dar, das Begehren in einem körperlichen Sinn, Begehren nach etwas materiellem, sexuellen Beziehungen, Ernährung, Essen und so weiter. Das stellt eine Tendenz nach Unten dar, den am meisten materiellen Aspekt. Das ist das schwarze Pferd. Dann gibt es ein weißes Pferd, das auf Griechisch Thymos genannt wird. Es steht für das Begehren nach Ruhm. Dies ist ein rein kriegerischer Wert. Es gehört nicht zu den materiellen Dingen, sondern bedeutet, bekannt zu sein, Ruhm zu haben, berühmt zu sein und Ehre zu besitzen. Das war sehr wichtig für die griechische Kultur. Das ist ein reiner Kshatriya Wert. Und es stand ein Streitwagenlenker der den nous oder den logos im Menschen symbolisierte auf den beiden Pferden, dem Schwarzen und den Weißen. Das ist das Denken. Das sind der Priester im Mann und die menschliche Seele. Das ist das denkende Prinzip, das Zentrum der Seele. Und wir erkennen in dieser Metapher, im Phaedrus, einmal mehr den Streitwagen und die Pferde, rein indoeuropäische Zeichen und die Seele ist das Selbe. Sie besteht aus drei Teilen, die hierarchisch und vertikal organisiert sind, wobei der Streitwagenlenker die höchste Position inne hat, er ist der Brahmane, der Priester. Das weiße Pferd ist der glorreiche Krieger. Im schwarzen Pferd besteht eine materielle Neigung, welche nach Platons Definition die schlechteste von allen ist. Also gründen die Seele, das politische System und das Universum, der Kosmos, die Welt um uns herum, all das, die Kosmologie, Politologie und die Psychologie auf dem selben indoeuropäischen Muster.
Und das wäre nicht der Fall, wenn nicht gesagt werden würde, dass die gesamte europäische Philosophie nur aus Fußnoten zu Platon besteht. Daher ist Platon der Philosoph „par excellence“. Er ist der absolute Philosoph. Alles kreist um Platon, oder ist eine Kritik an Platon, eine Weiterentwicklung von Platon, oder eine Debatte mit Platon wie im Fall von Aristoteles. Aber Platon bildet das Zentrum und wenn wir diese Struktur betrachten, welche die indoeuropäische Struktur ist, dann könnten wir sie Platonismus nennen. Der Platonismus basiert auf dem Konzept der Ewigkeit. Es kann nicht alt sein. Es kann nicht alt werden, weil die Ewigkeit nicht Vergangenheit ist. Die Ewigkeit besteht aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Es gibt einen Platonismus der Vergangenheit, es könnte und sollte einen Platonismus der Gegenwart geben und es könnte einen Platonismus der Zukunft geben, weil er auf einem starken Glauben an die Ewigkeit gründet. Es basiert auf unserem indoeuropäischen Dasein. Indem wir Indoeuropäer sind, sind wir Platoniker. Das war nicht nur in der Vergangenheit so. Das ist auch unser gegenwärtiges Dasein. Wir sind Indoeuropäer, sprechen indoeuropäische Sprachen, leben in unserer Geschichte, sind Platoniker. Das ist sehr wichtig, weil es in dieser indoeuropäischen Version des Logos kein modernes Verständnis der Zeit gibt. Im Platonismus gibt es die vertikale Zeit. Die Zeit ist die Reflexion, der Spiegel der Ewigkeit, wie Platon sagt. Darin besteht mehr oder weniger die indoeuropäische Haltung. Das ist die vertikale Zeit. Wir gehen auf die Erde, um wieder zum Himmel zurück zu gehen, wir entwickeln uns nicht im Inneren der Erde. Wir sind die Zeugen der Herrlichkeit Gottes, die kommen wird. Und in unserer christlichen Tradition ist alles gegenwärtig. Das ist reiner Platonismus in jeder Hinsicht.

Dem können wir noch einige Betrachtungen hinzufügen. Zuallererst gibt es in den indoeuropäischen Kulturen nicht nur eine Form des vertikalen logos des Apolls. Der logos des Apolls manifestiert sich selbst auf verschiedene Arten. Und es gibt viele Typen dieses logos des Apolls. Wir könnten zum Beispiel zwei seiner Hauptformen miteinander vergleichen. In einer Form herrscht die absolute Dominanz des Lichtes. Und das ist die platonische Fassung. Hier gibt es keine Problematik. Das Licht geht von der Quelle weg und erreicht den dunkelsten Punkt, den weit entfernten Punkt, die Erde, den Boden und kehrt freudig und friedlich zur Quelle zurück. Es gibt nichts, das dem Licht widerstehen könnte. Es gibt nichts und niemand, der ernsthaft gegen den Himmel, gegen Gott, gegen die Sonne kämpfen könnte. Es gibt einige potenzielle Mächte auf der Erde, die versuchen würden, die Sonne nicht zurückkehren zu lassen, uns nicht zurückkehren und uns nicht sterben zu lassen. Aber im platonischen Verständnis handelt es sich dabei um etwas, das nicht so wichtig ist. Wir können dies leicht überwinden, indem wir der Disziplin folgen, der asketischen Tradition, Befehle befolgen, uns in die heroische Gesellschaft integrieren, eine Art paideia auf griechisch genießen (Bildung), die uns lehrt, wie wir zurückkehren können. Das gesamte Bildungssystem in der platonischen Gesellschaft besteht nicht nur im formellen befolgen, sondern in der Akzeptanz der Befehle, darin, den Befehl zu internalisieren und dieser Hilfe des Staates zu folgen, der Kirche, der Tradition und ein echter indoeuropäischer Mann und eine solche Frau zu werden, um dieser geraden Linie zur Rückkehr zu folgen.

Von dieser Sichtwarte aus gibt es nichts Böses. Das Böse ist wie die Platoniker sagen, die Verringerung des Guten. Es ist nur eine Form des verringerten Guten. Es gibt kein natürliches Böses. Es kann nichts wie das Böse in dieser Version existieren, weil das Gute die Sonne ist, der Ursprung, das Gute ist der Himmel und Gott und die Distanz von Gott ist ein notwendiger Test für die Seele. Es ist aber nicht das Böse als solches. Jede Art von Bösen ist also nur ein Test, eine Erfahrung, die versucht uns die Hindernisse auf dem Weg zur Rückkehr zu uns selbst in den Weg zu legen. Das ist die platonische Version, aber es gibt auch eine viel weiter entwickelte Fassung der indisch-vedischen Advaita Metaphysik, wo wir das Konzept der Advaita Vedanta (indische Metaphysik) vorfinden, welches hervorhebt, dass wir von der Realität und Wahrheit in die Welt der Illusionen gehen, um die Illusion zu überwinden und zu uns selbst zurückzukehren, weil die Essenz von uns selbst Gott ist. Die Inder sagen also, dass wir Götter sind, aber diese Tatsache vergessen haben. Auch hier gibt es also nichts Problematisches, das ist die Advaita Vedanta, die nicht dualistische Fassung des apollinischen Logos. Alles was nicht Gott ist, ist also auch Gott, aber weiß es nur nicht. Es gibt also keine Dunkelheit. Die Dunkelheit ist einfach nur die Abwesenheit von Licht und absolute Dunkelheit kann nicht existieren. Nur eine relative Dunkelheit existiert, die eine Verdunkelung des Lichts darstellt. Und die Verdunkelung des Lichtes, wie wir aus unseren Beobachtungen der Natur wissen, ist die erste Phase der Dämmerung, eines neuen Aufgangs der Sonne. Wenn es keinen Anbruch der Dämmerung gibt, dann gibt es keinen Aufgang der Sonne. Das ist also unproblematisch. Ich nenne dies manchmal den Advaita Platonismus. Es gibt hier also keine Dvaita, keine Dualität. So ist es sowohl im Platonismus, als auch in Indien.

Es existiert aber eine Formulierung des apollinischen logos die problematisch ist. Und das können wir in der iranischen Tradition erkennen. Die iranische Tradition ist genauso gut, wie die griechische, indische und vedische Tradition, hat den selben Ursprung in Turan, in der indoeuropäischen Struktur, im indoeuropäischen Dasein und ist eine Art Form und Typ des indoeuropäischen Daseins. Aber sie gesteht der Gegenkraft eine viel wichtigere Rolle zu. Und das könnten wir Dvaita Platonismus nennen. Hier gibt es ein Licht und die Dunkelheit. Die Dunkelheit in dieser Sicht der iranischen dualistischen Tradition ist nicht die Verringerung des Lichtes. Die Dunkelheit ist etwas viel Ernsteres und erschafft eine Art intensiver Titanomachie und die Idee eines Ethos des Kampfes des Lichtes gegen die Dunkelheit. Aber dieses Mal ist der Kampf etwas viel Ernsthafteres. In der platonischen Advaita Perspektive ist sie eine Illusion, welche wir überwinden müssen. Und in der iranischen Sicht müssen wir den Feind niederringen, weil das Böse dieses Mal existiert und nicht nur einfach eine Illusion ist. Am Ende des Tages handelt es sich dabei um eine Illusion, aber nicht so lange wir in der Realität sind. Wir haben es hier also mit einer viel ernsteren und intensiveren Opposition gegen den Logos des Apolls zu tun als bisher.

In der platonischen, indoeuropäischen Advaita Tradition haben wir keine Opposition oder die Opposition ist nur eine Art Spiel. Plotinus hat einmal gesagt, dass „das Spiel nur von den Marionetten ernst genommen wird. Die wirklichen Spieler verstehen, dass alles nur ein Spiel ist und nichts ernst ist.’ Aber im Fall des Dvaita Platonismus oder iranischen Dualismus haben wir es nicht mit einem Spiel zu tun. Das ist ein Kampf. Das ist ein Krieg. Und der Krieg ist etwas Ernsthaftes, weil die Kräfte der Dunkelheit, die etwas dem apollinischen logos Entgegengesetztes sind, dieses mal mächtig und mit den Kräften des Lichts vergleichbar sind. Hier haben wir es mit einer gänzlich neuen Haltung zu tun, dem Dualismus. Und wir könnten sehen, dass sich hier etwas dem logos der Kybele annähert. Sowohl der reine apollinische logos im Fall des nicht dualistischen Advaita Platonismus, als auch der Hinduismus kennen den logos der Kybele nicht. Sie betrachten es nicht als etwas Wichtiges. Es ist nicht nur die Oberfläche der Erde, die sehr hart ist. Sie kommen hinunter um wieder aufzusteigen. Sie passen nicht durch das Mauseloch. Sie sind zu groß dafür. Sie sind zu herrlich dafür. Es ist Schicksal, wie eine Schlange zu sein. Niemand kann es sich als Schicksal vorstellen, in die Erde zu gehen, im Loch zu sein, etwas mit der Schlange und der Maus gemeinsam zu haben. Apoll repräsentiert auf eine sehr archaische Art die Position über der Figur der Maus oder des Maulwurfs. Der Maulwurf ist in dieser Weltsicht Satan, weil er blind ist und das Licht nicht sehen kann.

Hier taucht nun etwas anderes auf. Aber um hier weiter zu gehen, um zu dieser dualistischen Version der indoeuropäischen Struktur und Gesellschaft hinfort zu schreiten, müssen wir überlegen, was passiert, wenn diese turanischen Nomadenstämme sedimentär werden, weil dies eine tiefgreifende Änderung bedeutet. Einige Stämme verbleiben in diesem Status bis heute (Etwa die Population der Kalasha, Nuristani und der Paschtunen in Afghanistan und Pakistan) und setzen ihre Existenz als nomadische indoeuropäische Stämme fort. Die Skythen, Sarmaten, Alanen, Jazygen und Osseten waren Erben dieser nomadischen Tradition. Aber was geschieht, wenn die indoeuropäischen Stämme auf eine sedimentäre Gesellschaft treffen, sie erobern und auch sedimentär werden? Das werden wir in der nächsten Vorlesung erforschen. Und nun schlage ich vor, eine kleine Pause einzulegen, um dieser Detektivgeschichte über das indoeuropäische Dasein und den indoeuropäischen Existenzhorizont folgen zu können.

Der Logos der Kybele

(Vierte Einheit)

Um besser verstehen zu können, wie die indoeuropäische Kultur in ihre sedimentäre Phase eintrat und was während dieses Wandels sowie der Veränderung der Struktur im Moment der Noomachie passierte, müssen wir uns vergegenwärtigen, wie der Existenzhorizont um Turan herum aussah.

Die turanischen Stämme zogen also nach Osteuropa, Anatolien, den Balkan, in das Gebiet von Elam im Iran (Persien) und in den indischen Raum. Doch diese Räume waren weder leer noch unbewohnt. Dort existierten andere Zivilisationen mit einem Existenzhorizont der anderen Art und damit in einem eigenen Moment der Noomachie. Was waren diese präindoeuropäischen Zivilisationen Europas, des Balkans, Anatoliens, Persiens und Indiens? Ich folge hier, genauso wie in der ersten und der letzten Vorlesung, dem Konzept von Marija Gimbutas, welche annimmt, dass vor der Ankunft der Indoeuropäer in Anatolien, dem Balkan und Europa eine sehr alte Zivilisation der Großen Göttin existierte.

Marija Gimbutas zufolge, gehörten Lepenski Vir, Vina, Karanavo Gumelnița und andere Ausgrabungsstätten zur Zivilisation der Großen Mutter. Diese Zivilisation wiederum ähnelte sehr stark der Ausgrabungsstätte in Çatalhöyük, welches in Anatolien in der heutigen Türkei liegt. Die ältesten Ebenen dieser Zivilisation reichen bis in die Zeit 7.000 bis 8.000 Jahre vor Christus zurück. Die ersten Wellen der turanisch indoeuropäischen Populationen hingegen waren 3.000 Jahre vor Christus zu verzeichnen. Somit existierte diese Zivilisation bereits vor dem Auftauchen der Indoeuropäer. Im Falle Europas existiert der Name oder das Konzept „Alteuropa“ bzw. „Paläoeuropa“ (Paläo ist das griechische Wort für „alt“). Das Zentrum dieser Zivilisation befand sich Gimbutas zufolge auf dem Balkan, weil die ältesten Funde und Ausgrabungsstätten genau dort aufgedeckt wurden, genauer gesagt auf dem Gebiet Serbiens und Bulgariens und dort in der Gegend: in Karanovo, Starčevo, Tisza, Körös und Pannonien. Und diese Zivilisation war die Zivilisation der Mutter. Wir sehen feminine Figuren und keine männlichen Statuetten sowie das Konzept der Gräber ohne Waffen. Dies waren altertümliche Agrargesellschaften sedimentären Typs mit einer komplett anderen Struktur als die turanisch-indoeuropäischen Stämme.

Ich schlage auch vor, den Autor Bachofen zu lesen, der ein Buch mit dem Titel „Das Mutterrecht“ geschrieben hat, ein klassisches und absolut notwendiges Werk. In dieser im 19. Jahrhundert abgefassten Schrift hat er alle matriarchalen Themen in der Tradition der griechischen Zivilisation und der anatolischen Zivilisationen behandelt: Lydier, Lykier, Karianer, Phryger, Hattier und so weiter. Wenn wir in Bachofens opus magnum, bei Marija Gimbutas oder vielen anderen Autoren nachschlagen, handelt es sich dabei fast um Allgemeinwissen. Heute finden Debatten darüber statt, wer die Paläoeuropäer gewesen sind. Welche gegenwärtigen Völker sind ihre Nachfahren? Am wahrscheinlichsten ist, dass die präindoeuropäische Population aus den Etruskern, den Hattiern (prä-Hethiten) bestand und die gegenwärtigen kaukasischen Populationen der Georgier, Dagestanis, Avaren, Tschetschenen und Abchasier die Nachfahren dieser präindoeuropäischen Populationen darstellen.

Wichtig ist, dass jeder darin übereinstimmt, dass vor den Wellen der turanisch indoeuropäischen Kurgankultur eine andere Zivilisation mit einem anderen logos existierte. Wenn wir nun diesen logos nicht nur in seinen Symbolen, sondern auch durch einige Sagen rekonstruieren, welche in der Zivilisation der europäischen Hethiter, der Phryger, der Hellenen oder der Lateiner wurzeln, können wir die Hauptmerkmale dieser präindoeuropäischen Kulturen wiederherstellen.

Die Hauptmerkmale dieser Kultur waren wie folgt: Zuallererst handelt sich bei ihr um eine chthonische, erdgebundene Zivilisation. Es gibt hier keine Vorstellung von einem himmlischen Vater oder dem Licht das vom Himmel herabkommt. Stattdessen gibt es die Geburt der Großen Mutter. Sie ist die Große Mutter der Erde und des Wassers, welche allen Wesen das Licht geschenkt hat. Die Logik ist also völlig konträr. Es gibt hier eine Art primordiale Substanz, die alles andere gebiert. Die Figur der Mutter wird in den ältesten Darstellungen mit einem sehr realistisch beschriebenen Unterkörper dargestellt, aber ohne Kopf, Gesicht oder Hände. Der obere Teil des Körpers wird deswegen nicht beschrieben, weil er nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Der gebärende Schoß der Großen Mutter war das Zentrum der Aufmerksamkeit, weil er den Ursprung und das Ende darstellte. Er war sowohl das Grab als auch die Wiege. Dies war das Zentrum dieser Zivilisation und der Mittelpunkt ihrer Sakralität.

Auch diese Zivilisation hatte große Städte mit Kulten und sakralen Plätzen in ihrem Zentrum, aber ohne Mauer. Dabei handelte es sich um eine ganz andere Art Stadt. Die indoeuropäischen Städte hatten im Vergleich dazu Stadtmauern. Diese waren ein Zeichen dafür, dass es sich um eine militärische Konstruktion handelte. Sie wurde nicht aus dem sedimentären Dorf entwickelt oder wuchs aus einem anderen Dorf heraus, sondern verkörperte ein künstlich geschaffenes etwas um einen Raum zu erobern. Es gibt also zwei Arten von Städten: Indoeuropäisch-turanisch (mit Mauern) und ohne Mauern (logos der Kybele). Die Stadt ohne Mauern als etwas Friedliches, Sedimentäres und Agrarisches. Dies von Frauen geschaffene Agrarkultur war ein weiteres Zeichen davon. Es gibt zum Beispiel den Begriff „Hacke“ , der ein Werkzeug zur Vorbereitung des Feldes für den Samen bezeichnet, welches ein rein weibliches Werkzeug war, da die Erde von den Frauen bebaut wurde. Dies lag daran, da sie mit der Erde verbunden waren und als Mutter, als Schöpferin betrachtet wurden. Und sie bearbeiteten die Erde mit diesen Hacken. Diese waren leicht und daher ohne große Anstrengungen zu verwenden und, es wurden bei der Feldarbeit keine Tiere zur Hilfe verwendet. Hier haben wir also den reinen Typus einer Zivilisation, die auf einer ganz anderen Struktur gründete. Wir haben es hier mit einer sedimentären, nicht mit einer nomadischen Zivilisation zu tun, einem Matriarchat, nicht mit einem Patriarchat, chthonisch, nicht himmlisch. Sie gründete auf der Verehrung der Mutter, nicht auf der Verehrung des Vaters. Die Mutter ist irdisch, der Vater ist himmlisch. Es gibt keinen himmlischen Vater in dieser kybelischen Zivilisation reinen Typs. Es gibt nur eine Mutter die erschafft, ernährt, zerstört und wieder gebiert. Es geht also alles von der Mutter aus und kehrt wieder zur Mutter zurück. Dadurch kommt es zu einem gänzlich anderen Bild des Kosmos, indem der innere Raum der Erde das Zentrum darstellt. Es ist etwas Verborgenes und nicht der offene Raum des Himmels, es ist nicht das Feuer, es ist das Wasser. Es ist nicht der Tag, es ist die Nacht. Es ist nicht offen, sondern geschlossen. Es ist nicht männlich, es ist weiblich, etwas das im Inneren entspringt, da die Frau von innen nach außen gebiert.

Der Bauch der Frau ist das Abbild des Kosmos, der Welt. Und diese Welt ist ganz anders aufgebaut. Es ist eine andere Welt: Das Zentrum ist nicht oben, es ist unten, unter der Erde. Die Erde stellt keine harte Oberfläche dar und es ist möglich in sie hinab zu steigen und wieder an die Oberfläche zurückzukommen. Das ist eine ganz andere Sichtweise. Dies ist für die platonische Weltsicht unvorstellbar, weil es nicht der Weltsicht des Platonikers entspricht. Es ist ein komplett anderes Weltbild, mit anderen Verhältnissen. Es gibt Wurzeln, Bäume, welche aus der Erde wachsen, nicht aus dem Himmel. Alles geht von einer Konstruktion aus, die in der Erde ihren Ursprung hat, im Untergrund. Es ist nicht die Einäscherung, sondern das Begräbnis, irdisch, nicht himmlisch. Das ist das Königreich der Mütter und nicht das der Väter. Aber es steht nicht in direkter Opposition zu ihm, sondern ist eine andere Perspektive. Wir erhalten das Konzept des Matriarchats zum Beispiel nicht einfach, indem wir beim Patriarchat das Plus mit einem Minus vertauschen. Wir haben es hier mit etwas ganz anderem zu tun. Das Patriarchat der indoeuropäischen Zivilisation gründet zum Beispiel auf der Linie oder dem Sonnenstrahl. Aber hier baut alles auf der Kurve oder der Spirale auf. Sie gehen ins Zentrum der Erde. Sie töten nicht durch direkte Treffer, sondern locken ihr Opfer in eine Falle und erdrosseln es sanft. Die Kehle wird nicht mit einem radikalen Schnitt durchtrennt, das Opfer wird vielmehr ohne viel Aufsehen und komfortabel erwürgt. Wir haben es hier mit einem ganz unterschiedlichen Konzept von Leben und Tod zu tun. Hier haben wir keine unsterbliche Seele die vom Himmel hinabsteigt, die selbe Substanz wird immer wieder geboren und findet immer wieder den Tod, sie wird jedes mal auf eine andere Art zusammengesetzt. In einer matrilinearen Gesellschaft wird die Zugehörigkeit zur Familie über die Mutter definiert, der Vater ist entweder unbekannt oder nicht so wichtig, weil der Vater nicht das Leben gibt. Die Mutter schenkt das Leben. Und in einigen radikalen Fällen gibt es gar keinen Vater, weil die Idee, das der Vater mit der Empfängnis des Kindes in Verbindung steht eine patriarchalische Konzeption ist. Im Matriarchat war es die Frau die dem Kind das Leben schenkte, indem sie Umgang mit geflügelten Kreaturen, Schlangen oder unsichtbaren Geistern wie dem Inkubus hatte, welche in der Nacht in ihren Träumen erschienen. Die Empfängnis des Kindes wurde also als etwas sehr besonderes betrachtet, wofür die Hilfe des Vaters nicht nötig war. Der Vater war in ihr nicht von besonderer Wichtigkeit.

Die Figur der Großen Mutter wurde von zwei Tieren umgeben. Zwei Bestien, eine zur linken und eine zur rechten der Großen Mutter. Schritt für Schritt nahmen sie menschliche Züge an. Sie waren halb Mensch halb Bestie und wurden schließlich zum Menschen. Der Mensch entwickelte sich also aus dem Affen, aus dem Tier. Die Schöpfung erfolgte somit aus der Materie, der Substanz, der matriarchalen Lebensquelle. Wir finden hier auch einen gänzlich anderen Symbolismus vor. Die Schlange stand für das Männliche in dieser Situation, dem einzigen Konzept des Männlichen, etwas das innerhalb der Großen Mutter lebte und manchmal auch als Fisch dargestellt wurde. Sowohl der Sohn als auch der Ehemann wurden von der Schlage dargestellt, die in der Großen Mutter lebte, im Untergrund und immer wieder an der Oberfläche auftauchte und wieder verschwand. Die Schlage war zwar mit einer absolut positiven Bedeutung konnotiert, aber sie stellte gleichzeitig das abwesende Männliche dar, weil im Konzept dieser rein matriarchalischen Weltanschauung, wie sie etwa im phrygischen Mythos der Kybele repräsentiert wurde, das Konzept des weiblichen Androgynen existierte, welches im Griechischen den Namen Agdistis trug. Sie war weiblich, aber warum androgyn? Weil sie niemanden brauchte, um ein Kind zu empfangen, also war sie auch der Vater. Das ist das Konzept des Sie-Vaters Agdistis im griechischen Mythos. Und genau diese Agdistis gebar Attis, den anatolischen Helden. Und obwohl sie die Mutter des Attis war, verliebte sie sich in ihren Sohn. Die inzestuöse Beziehung zwischen der Mutter und dem Sohn ist ein grundlegendes Merkmal des matriarchalischen Zyklus und seiner Erzählung. Aber als Attis aufwuchs, wollte er eine normale, menschliche Frau heiraten. Damit provozierte er große Eifersucht und Rachegelüste bei der Großen Mutter, die ihn mit Wahnsinn strafte, woraufhin er sich selbst kastrierte und starb. Aber zur gleichen Zeit wurde Kybele, wie Agdistis nach seiner Entmannung genannt wurde, in diesem Mythos von Traurigkeit über den Tod Attis erfasst und erweckte ihn wieder zum Leben. Attis wurde schließlich zu ihrem Priester. Das war der Ursprung der entmannten und kastrierten Priesterschaft der Großen Mutter, ebenso wie ihrer Orgien. Wir hatten es hier also mit einer friedlichen Zivilisation des sedimentären Typs zu tun, die Blutopfer darbrachte, da das Blut der männlichen Priester als Nahrung für die Erde diente und den Feldfrüchten beim Wachsen half.

Wir können hier den Existenzhorizont des alten Europas (des vorturanischen Europas) mit Zentren der Zivilisation, mit Städten, Feldern, Keramiken, vielen Objekten einer sehr entwickelten Zivilisation, Gottesdiensten, Kulten und Tempeln der Großen Mutter erkennen. Im Süden finden wir Spuren von ihr im Stein, aber wir können uns nur vorstellen wie diese Zivilisation ausgehen hat, da all ihre Gebäude aus Holz waren. Ein großes Zentrum von ihr könnte am Balkan und anderen Plätzen bestanden haben. Das interessante an Lepenski Vir ist, dass die Menschen welche um es herum leben das selbe Mehl seit der Zeit der Lepenski Vir Kultur vor mehr als 5-6.000 Jahren vor Christus produzieren. Die Serben welche als Dorfbewohner und Bauern in der selben Umgebung leben, produzieren bis heute das gleiche Mehl. Es ist sehr interessant zu sehen wie konstant und stabil diese Strukturen sein können.

Zur gleichen Zeit treten viele Ebenen der Mythologie der Großen Mutter in die patriarchalische Gesellschaft ein, in die griechische Mythologie. Auch die Idee der Kastration des Cronos durch Zeus ist ebenfalls ein Teil des matriarchalen Zyklus, ebenso wie die Entmachtung des ältesten Titanen durch den patriarchalen Zeus. Die Titanen waren matriarchalische Figuren der Menschen in der vorhergehenden Tradition. All diese Themen sind sehr stabil und finden sich bis in die Gegenwart in der Mythologie und den Volkssagen wieder. Zum Beispiel hat der italienische Autor Gasparini bereits drei Bände „Über das slawische Matriarchat” geschrieben und dabei viele matriarchalische Aspekte in der slawischen Tradition entdeckt: Auf dem gesamten Balkan bei den Serben und Bulgaren, aber auch bei den Russen sowie Tschechen und so weiter. Wir können diese Themen trotz Jahrtausenden der Dominanz der patriarchalischen indoeuropäischen Kultur vorfinden. Wir sind also dazu verpflichtet anzuerkennen, dass wir es im Fall der europäischen Gesellschaft mit zwei Ebenen zu tun haben. Zwei Existenzhorizonte: Einen haben wir als turanisch oder indoeuropäisch identifiziert und im Großen und Ganzen seine Hauptmerkmale beschrieben, die Struktur der Vertikalität im indoeuropäischen Wertesystem. Als die indoeuropäischen Stämme ihre nomadische Tradition auf dem Weg durch die Steppen Turans bewahrten, besaßen sie nicht die zweite Ebene. Sie besaßen nur eine Ebene, nämlich ihre patriarchalische Zivilisation, aber als sie den Dnjepr überwanden fanden sie dahinter die Cucuteni–Tripolje Kultur matriarchalen Typs. Und dies schuf eine Mischung zwischen zwei Existenzhorizonten, einem Moment der Noomachie, einer Begegnung zwischen dem logos des Apolls, repräsentiert durch den indoeuropäischen Gesellschaftstyp, trifunktional und patriarchalisch, mit dem logos der Kybele, repräsentiert durch die paläoeuropäische Zivilisation die hinter dem Dnjepr lebte. Sehr interessant ist, dass Marija Gimbutas bestätigt, dass die Grenze zwischen beiden Zivilisationen genau hier für viele Jahrtausende verlief. Der Dnjiepr auf der östlichen Seite war turanisch und auf der westlichen Seite begannen die Königreiche der Großen Mutter.

Im Fall von Anatolien/Kleinasien, hatten wir es mit demselben Typ einer paläoeuropäischen Population zu tun, aber im Osten existierte eine andersgeartete dravidische Population. Doch diese dravidische Population des alten Iran war genauso wie die präindoeuropäische Bevölkerung und jene des alten Indiens matriarchalisch. Sie unterschieden sich wahrscheinlich nur im Phänotyp. Man geht davon aus, dass sie eine dunkle Haut hatten und vielleicht nur ein dünklerer Typ der selben Paläoeuropäer waren, möglicherweise waren sie aber auch ganz anders. Von einem noologischen Standpunkt aus interessant ist, dass sie zum logos der Kybele gehörten, dass wir auch in Indien unter der Ebene der indoeuropäischen Zivilisation vorfinden konnten. In Indien ist es offensichtlich dass es eine vedische Ebene der Zivilisation und eine prävedische gibt, die matriarchalisch und chthonisch ist sowie in ihrem Zentrum Titanen und weibliche Gottheiten hat.

Gleichsam können wir Spuren dieser matriarchalischen Zivilisation in Italien, Spanien und den Britischen Inseln finden. Auf der iberischen Halbinsel finden wir die baskische Zivilisation, die ihren Ursprüngen nach dem matriarchalen paläoeuropäischen Typ angehört. Jede Art von sedimentärer indoeuropäischer Zivilisation die wir heute kennen ist das Resultat der Mischung zweier noologischer Typen: Der Mischung des Patriarchats und des logos des Apolls verbunden mit der indoeuropäischen Ebene und etwas anderem, einen präindoeuropäischen Existenzhorizont. Wir beschäftigen uns hier nicht nur mit der Gegenwart, weil der Existenzhorizont etwas ist, das im hier und jetzt fortlebt und eben nicht etwas ist, dass zum materiellen Aspekt der Dinge gehört. Der Existenzhorizont ist etwas, das im hier und jetzt lebt. Wir finden also diesen anderen, sehr tief verwurzelten und versteckten matriarchalischen Existenzhorizont der paläoeuropäischen Zivilisation vor, welcher eine Art Grundlage für die sedimentäre indoeuropäische Gesellschaft bildete. Das ist die wichtigste Erkenntnis der noologischen Analyse der indoeuropäischen Kultur. Jede indoeuropäische Gesellschaft baut auf der Überlagerung zweier Existenzhorizonte auf, also hat jede existierende indoeuropäische Kultur (keltisch, germanisch, französisch, italienisch, spanisch, slawisch, griechisch, iranisch oder indisch) zwei Existenzebenen. Sie basieren auf der Titanomachie, der Noomachie repräsentiert durch den Kampf zwischen dem logos des Apoll und dem versteckten, vernachlässigten und ignorierten, man könnte sagen geheimen, logos der Kybele.

Friedrich Jünger sagte, dass die Ordnung der olympischen Götter auf den Schultern und Köpfen der Titanen errichtet worden war. Die indoeuropäischen Gesellschaften wurden also nicht aus dem Nichts erschaffen oder über einer Leere, sondern es sind die Titanen, welche an der Basis der heroischen indoeuropäischen Gesellschaften leben. Dies ist ein lebendiger kybelischer Existenzhorizont den wir in der europäischen Tradition, den Volkssagen, Mythen, Religionen, Riten und der Psychologie finden können. Unsere Tradition ist eine doppelte. Offiziell sind wir Indoeuropäer. Wir haben eine patriarchalische vertikale Struktur in der Gesellschaft. Aber im Geheimen, in der Nachtphase unserer Gesellschaft, sind wir matriarchalisch. Wir gehören diesem Existenzhorizont der Großen Mutter an mit seiner friedlichen, pazifistischen und demokratischen, bis zu einem gewissen Grad matriarchalischen und nicht von der vertikalen männlichen Dominanz geprägten, viel milderen Gesellschaft. Unsere Identität als indoeuropäische Völker und Kulturen ist daher immer eine doppelte, im wesentlichen zweifache Identität.

Ohne diese zweite, präindoeuropäische Ebene können wir nichts in unserer geschichtlichen Sequenz erklären, weil unsere europäische Geschichte, iranische Geschichte und indische Geschichte im fortgesetzten Kampf zwischen den beiden logoi besteht. Das ist unser Moment der Noomachie. Der logos des Apoll überwand den logos der Kybele und dies war das Hauptereignis als die turanischen Nomaden die sedimentären Gesellschaften eroberten. Sie erschufen etwas neues, eine neue Gesellschaft. Sie war offiziell indoeuropäisch, aber im Geheimen war sie es nicht. Das ist der Unterschied zwischen Iran und Turan. Der Iran hatte diesen matriarchalischen Horizont und Turan hatte ihn nicht. Der Kampf des Iran gegen Turan bei Ferdowsi oder in der Avesta oder im ethno-soziologischen beziehungsweise im noologischen Sinn ist etwas anderes, als er auf den ersten Blick zu sein scheint. Es ist die sedimentäre Natur der indoeuropäischen Gesellschaft, die uns die Unausweichlichkeit und Notwendigkeit des Aufeinandertreffens und der Assimilation dieses zweiten Existenzhorizontes, dieses zweiten Daseins, aufzeigt. Und dieses Dasein wurde erobert, unter Kontrolle gebracht und domestiziert. Dies war die Domestikation der Kybele, eine Art Eroberung der weiblichen Macht. Indem er die weibliche Macht unterwirft, wird der Mann zum Herrscher. Doch ist das Patriarchat das Ergebnis eines sehr gewaltsamen Kampfes der bis heute fortgeführt wird, weil wir in sedimentären Gesellschaften leben, die in ihrem Inneren die Kulturen des matriarchalen logos der Kybele in sich tragen, welche nicht der Vergangenheit angehören. Wir leben also in einer Zwei-Ebenen-Gesellschaft in welcher die Titanomachie, der Krieg zwischen Göttern und Titanen, zwischen Indoeuropäern und Präindoeuropäern, noch immer tobt. Dies ist der wichtigste Fakt dieser noologischen Analyse: Wir haben es mit Zwei-Ebenen-Gesellschaften zu tun und nicht mit einer Ein-Ebenen Zivilisation wie bei der trunaischen Gesellschaft.

Indem wir dieser Spur folgen, kommen wir auf einen sehr vielversprechenden Pfad in dem wir die Dritte Funktion nach Dumézil analysieren. Wir kehren jetzt zur trifunktionalen Theorie zurück. Wir sehen hier das Priester und Krieger zur Herrschenden Klasse in den sesshaften indoeuropäischen Gesellschaften wurden. Die Krieger und das Militär sind noch immer turanisch, auch unsere Priester sind noch immer Turaner. Sie sind männliche Asketen, Priester und Krieger. Bis hinein in unsere Gegenwart sind unsere christlichen Priester und die Armee moralisch und metaphysisch turanisch geblieben. Sie sind noch immer eine rein patriarchale Gesellschaft und wurden von der Sesshaftigkeit nicht so stark beeinflusst. Sie fuhren damit fort, Festungen zu bauen, einen Kult der Sonne, des Vatergottes und des Sonnengotten zu betreiben. Sie verteidigten weiterhin das hierarchische System unserer Staaten, welches eine Fortsetzung der vertikalen Struktur darstellt. Die Priester und Krieger zwangen ihre Sprache den unterworfenen Völkern auf, ebenso wie ihre indoeuropäische Ideologie. Wir leben unter der indoeuropäischen Ideologie mit einer herrschenden Klasse als Erben dieser turanischen Eroberer und Streitwagenlenker. Und unsere gesamte Kultur, Bildung, Philosophie, Ethik, Ästhetik des Lichts, all das beweist, dass wir offiziell in einer apollinischen Gesellschaft leben.

Wenn wir nun zur dritten Funktion innerhalb dieser turanischen Gesellschaft vom reinen Typ des apollinischen logos zurückkehren, stoßen wir auf die nomadisierenden Viehzüchter. Diese Menschen kümmern sich um große Tiere, Stiere, Kühe und Pferde. Um diese riesigen, großen Tiere kontrollieren zu können müssen Sie sehr stark sein und genug Platz haben um sie füttern zu können. Die Viehzüchter benötigen also den offenen Raum, das Feld und einen starken, männlichen Hirten. Aber in Folge der sesshaften Lebensweise wurden die Viehzüchter zu einer ökonomischen Kaste, weil die Krieger nur zerstören und konsumieren konnten, sie produzierten nichts. Aber auch die Priester produzierten nichts. Alles was produziert wurde, die gesamte Wirtschaft lag in den Händen der Viehzüchter und Hirten. Sie waren die Herren des materiellen Aspekts. Sie gaben das Essen und alle anderen Produkte den Herren, Häuptlingen, Führern, Kriegern und Priestern. Jedoch waren sie durch die Viehzucht nur mit dem Vieh beschäftigt. Die Viehzüchter und Hirten waren eine ökonomische Klasse. Als die Indoeuropäer die sesshafte Gesellschaft eroberten, inkludierten sie in dieser dritten Kaste die gesamte sesshafte Gesellschaft. Die Bauern waren der Haupttyp dieser matriarchalischen Gesellschaft, jedoch waren die Bauern in dieser rein matriarchalischen Gesellschaft Frauen. Nun findet ein Wandel in den Geschlechterrollen dieser sesshaften Gesellschaft statt, weil die Frau durch den Mann ersetzt wird, die Frau mit der Hacke durch den Mann mit dem Pflug. Zuvor wurde das Feld von der Frau selbst bearbeitet, nun wurde dies von den Tieren mit dem schweren Pflug erledigt (dem domestizierten Pferd, der Kuh oder dem Stier), welche für die Frau unmöglich zu beherrschen waren. Am Ende des Pfluges wurde ein eisernes Stück verwendet, die Beziehung zur Erde war also nicht mehr sanft oder milde, sondern von Gewalt geprägt. Und das ist die Erscheinung der männlichen Figur in der Landwirtschaft, des männlichen indoeuropäischen Bauern der die zuvor weiblichen Bauern der präindoeuropäischen Gesellschaft ersetzte. Von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen, war das sehr wichtig, weil es den Wechsel vom Vieh zum Getreide, dem Weizen und den Pflanzen bedeutete. Diese bedeutete auch weiters die Assimilation und die Schaffung einer Mischung aus der Dritten Funktion der rein turanischen Gesellschaft mit der ökonomischen und sozialen Struktur der paläoeuropäischen Gesellschaft.

Wir haben hier also eine sehr interessante Idee vorliegen, nämlich dass die Ursprünge der europäischen Bauernschaft, aller sesshaften Bauern in Europa, auf dem Balkan und in Anatolien lagen (die germanischen, keltischen und lateinischen Bauern einschließend). Sie kamen indirekt von den ersten Zentren dieser matriarchalischen Zivilisationen der Großen Mutter auf dem Balkan und in Anatolien und danach begann ihre Expansion in ganz Europa. Darauf folgte die Welle, welche die ersten gemischten Gesellschaft in Europa schuf und nach dem sedimentären Europa die indoeuropäische Gesellschaft mit einer Bauernschaft hervorbrachte. Aber die Ursprünge und Quellen dieser alten europäischen Bauernschaft waren balkanisch und matriarchalisch. Und wir können das sehr interessante Konzept des bäuerlichen Dasein Europas einführen. Diese bäuerliche Tradition repräsentierte im Laufe der Geschichte die absolute Mehrheit unseres Volkes, weil die Adeligen, Priester und Krieger eine Minderheit waren. Die Mehrheit der Menschen bestand immer und während allen Phasen aus Bauern, die einen sehr ernsten und wichtigen Aspekt der indoeuropäischen Tradition repräsentierten. Es gibt also eine Fortsetzung der Tradition der Großen Mutter in der europäischen Bauernschaft. Das erklärt auch, warum wir in unseren Volkssagen und Traditionen so viele matriarchalische Themen und Figuren finden, sowohl offenliegend als auch versteckt. Auf der Ebene der europäischen Bauern, als Teil der Dritten Funktion der indoeuropäischen Gesellschaft, wurden viele Geschichten über Schlangen, Königinnen, Feen, Rusalkas und anderen Typen weiblicher Geister verschiedenster Art, gut und böse, integriert. Alle davon waren eine Art Spiegel oder Funken der Figur der Großen Mutter.

Wichtig ist hierbei, dass die europäischen Stämme im Moment ihrer Sesshaftwerdung diese Dimension assimilierten und damit auch ihren Existenzhorizont und ihre Struktur. Offiziell gab es also einen historischen Pakt zwischen den Siegern und den Verlierern. Die Zivilisation der Großen Mutter hatte ihren titanischen Kampf gegen die Götter verloren. Auf diesem Sieg gründen alle geschichtlichen Folgen für die europäische Geschichte, der Geschichte davon wie die Turaner Alteuropa erobert hatten, die paläoeuropäische Zivilisation, worauf unser ganzes Ethiksystem aufbaut. Doch der eroberte Existenzhorizont ist immer noch am Leben und lebt innerhalb unserer Gesellschaft, in der Dritten Funktion, welche die Mehrheit unserer Gesellschaft darstellt, fort. Wir könnten versuchen die Geschichte der europäischen Bauernschaft neu zu schreiben, als jene einer besonderen Zivilisation, eingebettet in unserer offiziellen Zivilisation. Unsere normale Geschichte besteht aus den Taten unserer Heiligen, unserer Könige, unserer Aristokraten. Wir feiern nur die höchste Ebene: Die ersten beiden Funktionen der indoeuropäischen Gesellschaft. Wir wissen fast nichts über das Alltagsleben oder die Denkweise oder die Ideologie unserer Bauernschaft. Erst als es eine Art Renaissance der nationalen Tradition im Kampf gegen das Mittelalter und den Feudalismus gab, begannen wir Folklore zu sammeln. Dies geschah erst vor kurzem im 18. und 19. Jahrhundert. Infolgedessen haben wir entdeckt, dass es eine riesige Menge an Informationen in den Geschichten und Themen gibt, ein enorm großes Universum der archaischen bäuerlichen Tradition. Und nun kennen wir sie. Aber im Mittelalter war all das außerhalb der Interessensphäre der gelehrten Kasten der Population.

Wir können dieses bäuerliche Universum als den Schnittpunkt zwischen zwei Existenzhorizonten identifizieren. Hier findet ein Aufeinandertreffen zwischen dem patriarchalen Horizont mit der männlichen Figur die Körner und Samen sät und dem Matriarchat statt, aber in Osteuropa war es noch bis ins 19. Jahrhundert ein Privileg der Frauen die Feldfrüchte zu sammeln, nicht mit großen Werkzeugen, sondern mit Sicheln und Sensen. Nur die Gräser durften von den Männern für das Vieh geschnitten werden, wozu sie verpflichtet waren. Dies stellt eine Fortführung der altertümlichen weiblichen Tradition dar. In Serbien gab es zum Beispiel spezielle Riten, wenn lange kein Regen fiel. Die Frauen sollten hierzu besondere Riten jenseits der Sichtweite der Männer, außerhalb des Dorfes durchführen. Viele Traditionen sind mit diesem matriarchalischen Aspekt verbunden.

In unserer europäischen Tradition haben wir zwei Existenzhorizonte und zwei Dasein. Einer davon ist der logos des Apoll, repräsentiert durch die offizielle Ideologie, die trifunktional ist und der andere ist der logos der Kybele. Dieser besteht vor im Schatten fort, in unserem Unterbewusstsein, in der Tradition der Mutter. Er ist Teil der zweiten, parallelen, versteckten und geheimen Ideologie. Er ist nicht die Leere. Er ist eine Ideologie, die in unseren Gesellschaften gegenwärtig ist, aber nicht offensichtlich, nicht explizit. Er ist der implizite logos der Kybele, der immer noch am Leben ist, weil wir in einer Gesellschaft leben, von der ein großer Teil noch immer aus der Landwirtschaft besteht, da wir sesshaft sind und ihre Produkte essen. Diese Ebene können wir individualisieren und auf den logos der Kybele anwenden, denn der logos der Kybele existiert in uns selbst, weil unsere Gesellschaft zum Teil genau auf diesem Moment der Noomachie gründet. Aber die Noomachie ist ein fortlaufender Prozess. Wir können nicht ein für allemal den Sieg in der Noomachie einem logos zugestehen. Wenn der logos des Apolls schwächer wird, bedeutet das, dass der andere Pol stärker werden wird. Wenn sich das Patriarchat auflöst (was gegenwärtig in der Moderne der Fall ist) beginnt die Gegenströmung aufzutauchen, mehr und mehr explizit, nicht implizit. Dabei handelt es sich um das wichtigste Ergebnis dieser noologischen Analyse.

Wenn wir darüber reden, müssen wir nun die zwei Existenzhorizonte definieren, welche jeder indoeuropäischen Gesellschaft gemein sind. Wir erkennen, dass dies in der absoluten Mehrheit der europäischen Gesellschaften der Fall ist, aber es gibt Ausnahmen. Eine davon ist die phrygische Kultur, weil es genau in der phrygischen Gesellschaft einen Kult der Großen Mutter Kybele gab. Kybele wurde also in einer indoeuropäischen Gesellschaft als große Gottheit angesehen. Dies ist ein extrem wichtiges Zeichen im indoeuropäischen Kontext, da die Macht der Großen Mutter so stark sein kann, dass sie die Figuren der indoeuropäischen Ideologie auf eine gänzlich andere Art transformieren und reinterpretieren kann. Wir sollten daher nicht zu sehr auf den Sieg der Götter vertrauen. Es gibt Beispiele dafür, dass die Titanen gewinnen können, sogar in diesen Mischtypen einer Gesellschaft mit indoeuropäischer Dominanz. Das selbe gilt für die Lykier. Sie sind keine Thraker, sondern Erben der indoeuropäischen hethitischen Tradition. Lykier, Lydier und die anderen anatolischen Völker waren allesamt matriarchalisch mit einem Kult der Großen Mutter wie bei den Phrygern. Wir kennen also die Beispiel dafür, wo und wann die Große Mutter gesiegt hat. Es ist wichtig, dass es bei Bachofen viele Beispiele gibt, die genau aus diesen griechischen Kolonien genommen wurden. Auch die ionischen und aeolischen Griechen wurden bis zu einem gewissen Grad von dieser vorgriechischen Tradition übermannt. Als die Dorer, die letzten von insgesamt vier griechischen Stämmen, den Balkan, den Peloponnes und schließlich den griechischen Raum erreichten, waren sie rein androkratisch, reine Turaner. Aber die vorhergehenden hellenistischen Stämme wurden mehr oder weniger in diese minoische und mykenische gemischte Zivilisation assimiliert. Dort sehen wir Städte mit Mauern (ein turanisches Merkmal), jedoch mit Tempeln der Großen Mutter im Zentrum der altertümlichen mykenischen Städte. Dort gibt es also eine Mischung im Sinne einer Revanche der Großen Mutter. Nur die Dorer haben mit sich das entscheidende Element des Patriarchats mitgebracht, als sie vom Balkan aus durch Mazedonien zogen und zerstörten die bisherigen Errungenschaften der Mixtur ionischer und äolischer Griechen basierend auf der Mischung der beiden Horizonte. Sie waren als vor kurzem angekommene Turaner Viehzüchter, rein apollinisch mit einer androkratischen Gesellschaftsordnung, die keinen Kompromiss mit dem logos der Kybele kannte. Sie kamen 1200 v.Chr. aus dem nördlichen Teil des Balkans in den Süden. Die ersten Einwanderungswellen der hellenischen Stämme fanden bereits viel früher statt.

Wir sehen, dass hier ein Kampf stattfindet, hier wird die Noomachie fortgeführt, die nie enden wollende Noomachie und wenn Sie denken, dass Sie absolut indoeuropäisch sind, wenn Sie alles als gegeben hinnehmen, könnten Sie entdecken, dass sie komplett unter der Kontrolle der Großen Mutter stehen, von innen heraus, nicht von außen, aber weil sie in den sedimentären Kulturtyp assimiliert wurde, beginnt ein neuer semantischer Krieg, der Krieg um die Interpretation. Es geht dabei zum Beispiel nicht um die Ersetzung eines Gottes durch eine Göttin, oder eines Himmelsgottes durch einen Höllengott, überhaupt nicht, das wäre viel zu einfach. Nein, es geht um die Interpretation der selben Figuren, der selben Symbole und der selben Namen. Zum Beispiel gibt es Zeus, den großen, rein patriarchalischen Gott, aber es gibt auch die Sage vom kretischen Zeus, der komplett matriarchalisch ist. Sie nehmen also ein und den selben Gott und reinterpretieren ihn auf eine andere Art, oder betrachten den selben zum Beispiel von der anderen Seite. Sie können ihn aus Ihrer Sicht interpretieren, entweder aus der des turanischen Horizonts oder aus jener der Gottheit. Sie wird dadurch zu einer Art Anelygynie werden – die Gottheit Athene, die Gottheit rein männlichen Typs, Jungfrau, rein, kämpferisch und weise, ganz anders und ohne Verbindung zur Mutterschaft, ohne Verbindungen zur Erde, ohne chthonische Beziehungen mit der Schlange. Sie können das Element aus dem Horizont des kybelischen logos nehmen und es im apollinischen Sinn reinterpretieren, oder Sie können auch das Gegenteil machen. Sie können den apollinischen Typ hernehmen, Zeus zum Beispiel, und ihn im chthonischen Sinn interpretieren, wie auch im Falle des kretischen Zeus geschehen. Dies ist ein Beispiel aus der Mythologie, es verhält sich aber genauso in allen anderen Bereichen. Es gibt einen Konflikt um die Interpretation, der in allem Indoeuropäischen inhärent und implizit ist. Dabei handelt es sich um einen andauernden Prozess, weil der logos der Kybele in unserer Kultur beinhaltet ist. Das war nicht der Fall bei den Turanern, den reinen Turanern. Sie lebten frei in ihrem nomadischen Raum in Eurasien, weil sie keinen Kontakt mit der kybelischen Zivilisation hatten.

In diesen gemischten Gesellschaftstypen gibt es auch eine Verschiebung beim Konzept der Frau. Als die Turaner sich mit dem neuen sedimentären Konzept beschäftigten, erkannten sie, dass es zwei Frauen gibt, nicht nur eine. Eine Frau kannten sie bereits zuvor im Zusammenhang mit der Anelygynie, die Frau als Freund und Krieger. Das war die Frau turanischen Typs. Und dann war da eine komplett andere Frau, eine irdische Frau, nicht maskulin, sondern eine feminine Frau ganz anderen Typs, die man als eine Art Tribut, eine Wiege, einen Besitz betrachtete. Der Freund und der Besitz stellten eine Art Aufspaltung der Gestalt, des Bildes der Frau dar, welche aus der nomadischen Lebensart und der sedimentären Lebensart resultierte. Hier gab es die Frau als Freund, die mehr oder weniger gleich war und die Frau als eine Art Besitz die einem gehörte und vielleicht auch ein Feind war, den man unterwerfen, von ihm Besitz ergreifen und kontrollieren sollte. Es gibt also immer einen doppelten Bruch im Bild der Frau. Dies wird in der doppelten Art der Gottheit widergespiegelt. Die Gottheit kann von der einen oder der anderen Art sein. Sie könnte turanische Merkmale als Athene, Diana oder Artemis bewahren. Und sie könnte sich in den kybelischen Typ als Demeter, Rhea oder Gaia verwandeln. Gaia ist ein Name für den rein matriarchalischen Typ Frau. Es gibt also zwei Strategien: Die Strategie der Eroberung, Kontrolle und Unterwerfung, wobei die Frau zu einer Art Besitz wird, was sich in einer entsprechenden Ethik, juridischen Grundlagen und Gesetzen ausdrückt. Und dann gibt es die andere Frau, die Frau als Freund. Diese Art Bruch im Bild wird in vielen Institutionen der Gesellschaft reflektiert. In jedem Fall dieser Dualität wurden die chthonischen Gottheiten zum Beispiel in die Dritte Funktion integriert. Diese Dritte Funktion wurde durch weibliche Gottheiten in diesen gemischten Kulturtypen der indoeuropäischen Kultur in der sesshaften Phase dargestellt.

Jetzt sind wir vorbereitet und können verstehen, wie die Existenzstruktur der alten indoeuropäischen Gesellschaft aufgebaut war. Wir wissen, dass es zwei Existenzhorizonte gibt, vermischt, einander überlagernd und kennen damit die Bedingungen unter denen ein weiteres Studium jeder konkreten indoeuropäischen Gesellschaft (europäisch, westeuropäisch, osteuropäisch, iranisch, indisch) möglich ist. Ich habe all diese Studien abgeschlossen, welche ich dem französischen logos, dem deutschen logos, dem lateinischen logos, dem griechischen logos in zwei Bänden, der englischen Kultur in einem Band, der iranischen Kultur in einem Buch und der indischen Kultur in einem Buch gewidmet habe. Ich habe hierbei das Konzept der zwei Horizonte angewandt um diese Hermeneutik zu testen und zu sehen, wie diese Interpretation im konkreten Fall jeder Kultur funktioniert und wie diese Überlagerung zweier Horizonte den Inhalt, die Semantik und die Bedeutung von jedem dieser Völker und Kulturen beeinflusst. Und ich kann sagen, dass es überall funktioniert. Überall können wir beide Horizonte finden. Wir können ihre Zwischenbeziehungen und Interaktionen identifizieren. Dabei finden wir Situationen, in denen ein Horizont überdauert und andere Situationen in denen der andere Horizont dominiert. Dies können wir am konkreten Zusammenhang festmachen, in der Mythologie, der Religion, der Wissenschaft und der Weltanschauung, weil der logos alles betrifft.

Am Ende dieser Vorlesung möchte ich kurz etwas als Einführung zur nächsten, der mittlerweile fünften Vorlesung sagen, damit Sie darüber vielleicht bis morgen nachdenken können. Wenn wir den logos des Apoll und den logos der Kybele im Sinne des Gesellschaftstypus zusammenmischen, können wir erwarten, dass genau diese Mixtur, dieser zivilisatorische Mischtyp, der Raum ist wo Dionysos erscheint, er sich manifestiert, weil genau hier der Schnittpunkt zweier Horizonte liegt. Hier treffen sich der vertikale logos des Apoll und der logos der Kybele, das Ergebnis ist ein gesellschaftlicher Mischtyp. Wenn wir uns daran erinnern, was ich in der ersten Vorlesung über den logos des Dionysos gesagt habe, können wir annehmen, dass genau in diesem Mischtyp von Zivilisation der Raum liegt indem Dionysos erscheint, indem sich Dionysos manifestiert, weil genau hier der Schnittpunkt zweier Horizonte liegt: Der vertikale logos des Apoll mit all seinem strukturellen Inhalt, dem turanischen Inhalt in seiner reinen Version und dem chthonischen Untergrund des logos der Kybele. Wenn sie aufeinandertreffen, wenn sie miteinander kämpfen, tritt genau der Moment der Noomachie ein, indem Dionysos erscheint. Die nächste Vorlesung wird also dem logos des Dionysos gewidmet sein.

Der Logos des Dionysos

(Fünfte Einheit)

Von der geosophischen Perspektive aus verstehen wir nun besser, was der logos des Apoll und der logos der Kybele im konkreten Sinn und im Sinne der Kulturen und Existenzhorizonte bedeuten. Wir sprechen nun also nicht im allgemeinen Sinne, sondern im konkreten ethnosoziologischen, historischen, soziologischen und ökonomischen Sinne über den logos des Dionysos. Wir haben den Moment in der europäischen Geschichte fixiert, der die wesentliche Struktur der europäischen Noomachie definiert, der europäischen geschichtlichen Sequenz der Ereignisse. Der Schlüssel zur Interpretation der europäischen Geschichte in ihrer ontologischen und existenziellen Dimension liegt darin, dem Prozess der Noomachie zu folgen und ihn zu beobachten, wie sich die Interaktion zwischen den zwei entgegengesetzten Existenzhorizonten durch die historischen Epochen, Ären und Zyklen entwickelt hat. Wir besitzen bereits ein  Leseschema zur  hermeneutischen Interpretation der europäischen Geschichte, weil wir erkannt haben, dass es auf der gegenseitigen  Reinterpretation derselben symbolischen, mythologischen, religiösen und kulturellen Strukturen von zwei gegensätzlichen Perspektiven aus gründet. Das ist die Noomachie in ihrer reinsten Form. Der logos der Kybele versucht dieselbe Figur zu reinterpretieren bzw. seine eigene Figur im Zusammenhang der Mischzivilisation aufzuzwingen.  Dies ist eine Art Kampf um das soziale Geschlecht der Gottheit, weil sie entweder aus der materialistischen kybelischen Perspektive oder spirituell, patriarchalisch, himmlisch, vertikal und in ihrem ursprünglichen indoeuropäischen Sinn interpretiert werden kann.

Wir finden hier das Schlachtfeld der europäischen Geschichte vor, welches zwischen den zwei logoi verläuft und nach einem Aufeinandertreffen verlangt, es ist der Schnittpunkt zwischen den beiden Existenzräumen. Dieses Schlachtfeld erschafft eine Art neuer Struktur, einer dritten Struktur, weil der logos des Apoll in seiner reinsten Form von der turanisch-nomadischen Gesellschaft repräsentiert wird. Der logos der Kybele wiederum wird von der agrarischen, matriarchalen, sesshaften Gesellschaft repräsentiert. Aber nun wird eine neue Dimension erschaffen, die genau das Feld und der Raum des Dionysos ist, wo das patriarchale Konzept des Mannes in die Tiefen der Materie hinabsteigt. Was zum Himmel gehört geht zur Erde hinab und steigt schließlich ins Zentrum der Unterwelt hinunter. Dionysos wurde als Zagreus zum König der Hölle in einem griechischen Mythos. Es gibt also eine Art Differenzierung dieser apollinischen Struktur. Der reine Apoll hat keinen direkten Kontakt mit der Materie des logos der Kybele. Er verharrt außerhalb von ihm und bleibt absolut unberührt. Er gehört dem Himmel, dem Tag und dem Licht an. Er hat keinen Kontakt, er ist rein.Apolls Orden, ist der Orden des Vaters, der Reinheit, des logos, der logischen und metaphysischen Strenge. Es gibt ein Gesetz des Himmels, der platonischen Ideen und der Sterne. Aber wenn die Sonne vom Himmel auf die Erde hinabsteigt, beginnt eine neue Dimension, die Ebene des Dionysos.  Das ist ein komplett neues Feld der Realität. Ein neuer logos erscheint. Er könnte als eine Art Resultat des Aufeinandertreffens betrachtet werde oder als das Schlachtfeld zwischen den zwei logoi, aber Schritt für Schritt könnte man ihn genauso gut als etwas Autonomes ansehen, dass nicht das Produkt des Aufeinandertreffens der zwei logoi ist, sondern der dritte logos als solcher.

Wir können dies nicht in der europäischen Kultur erkennen, aber dafür in anderen Kulturen. Beispiele dafür sind die chinesische Kultur und die Pygmäen in Afrika. Chinesen und Pygmäen besitzen die dionysische Gesellschaft im reinsten Sinne und nicht als Ergebnis der Überlagerung zweier Existenzhorizonte, sondern als etwas Eigentümliches und Autonomes. Wir müssen diesen logos erhalten. Warum sprechen wir über drei logoi und nicht über zwei? Weil die Wahrscheinlichkeit besteht, dass wir in einigen Gesellschaften (nicht in der indoeuropäischen Gesellschaft sesshaften oder nomadischen Typs) Strukturen haben, welche auf der absoluten Dominanz des dionysischen logos gründen. Aber im Fall der indoeuropäischen Kultur handelt es sich hierbei immer um ein Schlachtfeld. Dionysos ist ein Schlachtfeld (in anderen Gesellschaften muss er das nicht notwendigerweise sein). Wir müssen das berücksichtigen, um besser zu verstehen, wer Dionysos ist. Aber in der indoeuropäischen Gesellschaft haben wir es genau mit diesem Krieg zwischen dem logos des Apoll und dem logos der Kybele zu tun. Im ethnosoziologischen Sinne wird es durch die fundamentalen Ereignisse und Prozesse übersetzt, welche sich auf dem Feld der dritten indoeuropäischen Funktion (den Viehzüchtern) entwickelten, wo eine Synthese zwischen der Viehzüchtern und Hirten des turanischen, rein indoeuropäischen Existenzhorizonts und der sesshaften, agrarisch-matriarchalischen Gesellschaft stattfanden. In diesem Segment der Gesellschaft, der europäischen Bauernschaft, war der besondere Raum des Dionysos. Dort sind das Feld und das Königreich des Dionysos. Es ist das Königreich der Landwirtschaft. Dionysos ist der Gott der Landwirtschaft und des Weines, aber auch der Gott des Opferstiers und der Kuh. Und in den Mysterien und insbesondere den Eleusinischen Mysterien wird er immer von Demeter begleitet, einer neuen Figur. Dionysos und Demeter sind beide Götter und Figuren der Landwirtschaft. Sie sind ein sehr wichtiges Paar, dass eine immens wichtige Rolle in den Eleusinischen Mysterien spielt. Die Eleusinischen Mysterien waren die Mysterien des Weines und des Brotes. Die Weinreben wurden durch Dionysos repräsentiert und die Weizenähren durch Demeter. Dieses Paar bestehend aus Mutter, himmlischen Sohn und patriarchalen Samen, der nicht aus ihr geschaffen, sondern in sie eingepflanzt wurde, ins Zentrum der Erde, um wiederaufzuerstehen, um wiederbelebt zu werden, um zurückzukommen. Das war eine ganz neue Version der Landwirtschaft, des patriarchalen Verständnisses der Landwirtschaft.

Demeter ist nicht die gleiche Figur wie Kybele. Sie stellt ein komplett anderes Verständnis dessen dar, was die Mutter Erde ist. Dies ist das Konzept der patriarchalischen Interpretation der Mutter Erde. Es ist die Mutter Erde von oben und nicht vom Erdinneren aus gesehen. Sie ist epichthonisch und keine chthonische Göttin, wobei epichthonisch über der Erde bedeutet, sie stellt das Feld dar. Demeter ist die Mutter des bestellten Feldes, auf den Himmel hin vorbereitet und ausgerichtet, offen für die Einflüsse des Himmels. Das ist die Figur der Großen Mutter, welche die Transzendenz anerkennt, das transzendente Prinzip des Himmels und des Vaters. Und sie ist gleichsam die unterworfene und domestizierte Mutter. Sie ist die Mutter im patriarchalischen Sinne, eingebettet in die patriarchalische Gesellschaft und unter genau diesen Bedingungen, wie etwa in der Landwirtschaft, akzeptiert. Dies bedeutet ein Abgehen von Kybele zu Demeter, eine sehr wichtige Wende. Es ist die Verschiebung von der wilden Mutter zur domestizierten Mutter, von der Mutter, welche autonom die Welt erschafft zur Mutter, welche dem Samen des Vaters beim Wachsen hilft. Dies ist ein anderes Konzept des femininen Prinzips der Frau, welches hier intakt ist. Dionysos ist Sohn, Liebhaber und Ehemann, zugleich ist er der Vater der Demeter. Das sind gänzlich neue Beziehungen. Und hier sehen wir in diesem Paar der Eleusinischen Mysterien Griechenlands, aus der Region Thrakien (und ich werde erklären, warum die Region Thrakien so wichtig ist und es zum Teil auch serbisches Territorium umfasst), dieses Mysterium des Wandels von einem rein kybelischen Existenzraum innerhalb der Bauernschaft zum patriarchal-demetrischen Raum der gemischten indoeuropäischen Agrargesellschaft, erklärt.  Und genau hier erscheint Dionysos als ganz neue Figur, der weder Apoll, noch Attis aus dem kybelischen Zyklus ist. Er ist die neue Figur der immanenten Transzendenz – etwas, das vom Himmel hinabsteigt, um zum Zentrum der Erde zu gehen und danach die Erde von ihrem Chaos, ihrer Schwere oder diesem kybelischen Aspekt zu retten. Das ist die Reinigung der Erde durch den Wein. Das Mysterium des Weins ist ähnlich dem Mysterium des Blutes Gottes, welches ins Zentrum der Erde hinabgestiegen ist, um die Welt zu retten, die Materie an sich.

Der Wein des Dionysos ist als eine Art Freiheit von der Großen Mutter zu verstehen. Die Freiheit ist möglich und Dionysos ist ein Zeichen der Freiheit. Die Rückkehr ist möglich. Die Freiheit ist möglich. Der Himmelsfahrt ist möglich. Wir können sterben, aber wir sollten aufsteigen wie Dionysos. In diesem Zusammenhang ist es sehr wichtig, diese transzendente Dimension zu berücksichtigen, welche im Zusammenhang der agrarisch-matriarchalischen Gesellschaft und ihrem Existenzhorizont installiert wurde. Dies ist ein sehr wichtiger Aspekt im Zyklus der Mythen und Riten, die um Dionysos angeordnet sind. Es gab bakkantische Gruppen von Frauen, den Anhängern Dionysos und einen Augenblick, in dem die Bakkanten von Dionysos gerufen wurden. Dies war eine Art stille Stimme, welche nur die initiierten, bakkantischen Frauen hören konnten. Und dieser Ruf beorderte sie in die Berge. Die Bakkanten wurden verrückt und von der Raserei erfasst in dem Moment, in dem sie Dionysos hörten und rannten wie von der Tarantel gestochen durch die Felder und Wälder, wobei sie alles und jeden entzwei rissen, dem sie auf ihren Weg trafen, um die Höhle des Dionysos zu erreichen, weil dieser Schrei ihnen bewusst machte, dass Dionysos lebt. Dieser verrückte Zustand des Geistes war der matriarchalischen Orgie sehr ähnlich, nur mit einem außerordentlich wichtigen Unterschied, nämlich der Erscheinung einer transzendenten männlichen Figur. Dies war das profunde Gefühl der Existenz und der Ankunft eines männlichen Erlösers. Dies lag nicht in der autonomen Schöpfung des weiblichen Androgynen, Agdistis, wie im Zyklus der Kybele. Die war eine Art Erscheinung des transzendenten Samens der nicht Teil der Großen Mutter war. Somit traf der weibliche Wahnsinn auf die echte transzendente männliche Figur, was sich zur Gänze von der bisherigen orgiastischen Tradition unterschied. Und dieses Aufeinandertreffen mit dem transzendenten vertikalen Aspekt ist die Essenz von Dionysos‘ Schrei.

Es ist sehr interessant, dass wir in der indoeuropäischen Tradition Dionysos nie in seinem reinen Zustand erblicken. Wir sehen Dionysos immer nur als Bruder des Apoll, als Träger des Lichts. Wir interpretieren also die Figur des Dionysos und den dionysischen logos von der apollinischen Perspektive aus – wir haben keinen anderen Dionysos. Es gibt nur einen Dionysos in unserer Tradition, den Dionysos des indoeuropäischen Existenzhorizonts. Aber es gibt immer die Möglichkeit, diese Figur aus der Perspektive der Kybele neu zu interpretieren. Kybele versucht diese kommende männliche Figur, dieser transzendenten patriarchalen Figur, aus ihren altertümlichen, matriarchalischen Perspektive aus zu interpretieren und Dionysos durch Attis zu ersetzen. Adonis war die Figur des matriarchalischen Zyklus von Attis. Und diese kleine Änderung der Bedeutung stellte alles auf den Kopf. Aus diesem Grund war und ist Dionysos das Schlachtfeld zwischen den zwei logoi im indoeuropäischen Zusammenhang. Die indoeuropäische Lesart des Dionysos war apollinisch, aber sie geschah in einem gefährdeten Raum wo die Macht der Großen Mutter und ihre Hermeneutik ausgesprochen groß war. Und dies ist auch einer der Gründe dafür, warum es keine besonderen Riten oder Mythen gab, die nur Dionysos gewidmet waren, denn die Mehrheit der Riten, Prozessionen, Mythen und Figuren des Dionysos wurden aus den besonderen Kulten und Praktiken der Großen Mutter entliehen. Dies wird zur Gänze in zwei Büchern beschrieben, welche ich Ihnen empfehle zu lesen. Karl Kerenyi: „Dionysus: Urbild des Unzerstörbaren“ und „Dionysisch und Vor-Dionysisch“ von Vyacheslav Ivanov, welches es nur in russischer Sprache gibt. Als Karl Kerenyi (ein ungarischer Schriftsteller und Freund von Mircea Eliade, der ebenfalls ein sehr profunder Kenner der Materie und interessanter Autor ist) versuchte die Quellen des Dionysoskultes offenzulegen, kam er zu dem Schluss, dass es vor der Figur des Dionysos etwas gab das, ihm sehr nahe kam, aber in einem ganz anderem Zusammenhang stand. Dieser war ein matriarchaler Kult mit fast genau denselben Prozessionen, denselben Riten in der Höhle, den Bakkanten, dem Wahnsinn, den Orgien, aber ausschließlich matriarchalisch. Dies ist der wichtigste und interessanteste Punkt. Im Feld der Riten, Kulte, Legenden und Mythen des Dionysos finden sich die Wurzeln in matriarchalischen Traditionen, welche durch den kommenden neuen indoeuropäischen Existenzhorizont umgewandelt wurden.

Der Kult und der logos des Dionysos waren der logos, die Struktur und der Kult der Großen Mutter, welche durch den Abstieg des transzendenten patriarchalen Prinzips umgewandelt wurden. Daher waren alle Symbole des Dionysos prä-dionysisch und matriarchalisch. Manchmal erschien er als Schlange. Manchmal wurde er von Satyrn umringt, die halb Mensch, halb Tier waren. Sie waren normale Partner der Großen Mutter. Und auch diese Prozessionen des Dionysos stellten Fortsetzungen der Prozessionen der Großen Mutter dar, mit denselben Riten und demselben Symbolismus. Dies stellt also eine interessante Art der Eroberung des Reichs der Mythen durch die Indoeuropäer dar. Es war eine Eroberung und innere semantische Transformation. Die Indoeuropäer haben nicht nur den physischen Raum oder die Dörfer oder Völker erobert, sondern auch den Raum des Mythos. Sie eroberten genauso die Kultpraktiken und transformierten semantisch alle Figuren, welche Kybele umringten, alle Symbole und alle Zeichen sowie alle Ehrungen mitsamt dem Kult in die Figuren der Demeter und des Dionysos. Diese Umwandlung war also auch eine Eroberung. Die Indoeuropäer waren Eroberer, welche sich den Raum aneigneten, zu dem sie nicht gehörten, weil in der turanischen Lebensart solche Dinge unbekannt waren. Sie nahmen ihn, eroberten ihn und zwangen ihm ihre Lesart auf. Dies stellte eine Art Angriff auf diesem neuen Feld durch die indoeuropäische Zivilisation dar.

In der neoplatonischen Tradition wurde Dionysos im metaphysischen Sinne als Geist dargestellt. Der Hauptmythos war jener, in welchem die Titanen Dionysos auseinandergerissen hatten. Dionysos spielte als kleines Kind auf dem Olymp und wurde von den Titanen angegriffen, auseinandergerissen und verspeist, da diese ihn töten mussten, um den Olymp zu erobern. Die neoplatonische Interpretation sieht in Dionysos einen Geist, der in jedem Menschen als eine Art Funken des Dionysos präsent ist. Denn in der orphischen Interpretation, in der neoplatonischen Interpretation der menschlichen Natur ist diese eine doppelte. Auf der einen Seite ist sie titanisch durch den Körper und den materiellen Aspekt, auf der anderen Seite ist sie dionysisch, durch die menschliche Seele und den menschlichen Geist. Das menschliche Denken ist dionysisch. Dionysos wird als geistiges Prinzip auseinandergerissen und wird als vielfältig, aber geeint präsentiert, einzigartig in seinem Kern. Das ist das Konzept des immanenten Intellekts, nicht das Paradigma des Intellekts im Vater. Aber es stellt eine Art Sohn Gottes dar, welcher in der menschlichen Natur präsent ist und der anderen, titanischen Seite seiner Natur entgegengestellt ist. Das ist genau das Problem der Metaphysik des Dionysos und der Metaphysik der menschlichen Kultur. Sie ist eine doppelte, weil sie aus zwei Horizonten besteht. Es gibt einen titanischen Horizont, der nicht der Körper an sich ist und nicht die Materie, sondern die kybelische Lesart davon, was der Körper ist. Das ist die Noomachie. Dionysos ist der Mensch. Dionysos ist ein anderer Name für das menschliche Sein als kulturelles Sein im Zusammenhang der Überlagerung zweier Existenzhorizonte. Das ist also das Problem aller indoeuropäischen Gesellschaft – das Problem des Dionysos. Dionysos ist das in unserer Kultur eingebettete Schlachtfeld zwischen Patriarchat und Matriarchat. Genau das ist das Problem des Dionysos. Er ist das Problem der indoeuropäischen Kultur und der Schlüssel zur Noomachie der indoeuropäischen Gesellschaft in Westeuropa und in Asien, denn im Iran und in Indien existiert genau dieselbe Struktur dieses kulturellen Problems. Es gibt zwar keine Figur wie Dionysos in der indischen Kultur, aber Shiva, eine paradoxe Figur. Es gibt zwar kein direktes Äquivalent, aber es gibt immer ein Schlachtfeld zwischen diesen zwei logoi.

Interessanterweise ist in den indoeuropäischen Gesellschaften der logos des Dionysos instabil. Es gibt aber andere Kulturen, die ich bereits erwähnt habe, in denen der dionysische logos dominiert, etwa die Chinesen und Pygmäen sowie bis zu einem gewissen Punkt die Kultur der Azteken in der Neuen Welt mit der Figur des Quetzalcoatl, welcher als geflügelte Schlange eine zusammengesetzte Figur ist, aber in der indoeuropäischen Gesellschaft sind die Figur des Dionysos und ihr Feld instabil, weil sie sehr antagonistisch und konflikthaft ist. Es herrscht ein Konflikt zwischen Geist und Körper, aber nur wegen der Lesart von der Natur des Geistes und des Körpers. Wir betrachten den Geist als etwas, das zum logos des Apoll gehört und seine immanente Repräsentation in Dionysos findet. Und unser Körper wird als etwas Materielles gelesen (mit Betonung auf gelesen, er ist nicht Teil des logos der Kybele), etwas mit Schwere, aber das ist nicht notwendig. Es gibt Kulturen mit einem komplett anderen Konzept des Körpers ohne Materialität im Inneren. Aber unser indoeuropäisches Problem mit dem Gewicht des Körpers, seiner Materialität ist eine Spur des kybelischen Logos und seiner objektiven Natur. Alles mit dem wir uns beschäftigen ist eine Projektion dieses Paradigmas. Dementsprechend diktiert der Existenzhorizont Kybeles die Qualität unseres Körpers als etwas, das schwer und gleichsam eine Begrenzung der Seele ist. Das ist aber nicht natürlich, sondern es ist eine kulturelle Konstruktion unseres Körpers, unseres Geistes. Wichtig ist hierbei, dass die Figur des Dionysos in unseren Kulturen instabil ist. Das Zentrum des dionysischen logos ist immer im Fluss, oder es verweilt beim apollinischen logos, was der Normalzustand wäre, wir kennen also Dionysos als solchen nicht. Die Indoeuropäer kennen Dionysos aus der apollinischen Perspektive als den Bruder des Apoll, aber nicht ihn an sich. Also wird das Zentrum des dionysischen Verständnis an die Spitze verschoben. Es gehört zum apollinischen Universum, welches in den indoeuropäischen Kulturen dominiert. Also ist der logos des Dionysos normalerweise eine Art Fortsetzung der immanenten Dimension des logos des Apoll. Das ist der klassische oder normative Fall der indoeuropäischen Zivilisation.

Um besser zu verstehen was Kybele ist, ist es nicht ausreichend sie mit etwas Materiellem zu vergleichen, wie zum Beispiel Schallwellen. Wir haben es hier mit einem logos zu tun. Wir haben es hier nicht mit derselben Materie mit einer anderen Schwere und unterschiedlichen Dichte zu tun, sondern mit einem komplett anderen Verständnis der Welt um uns herum. Wir können also Kybele nicht als etwas außerhalb von uns betrachten, als ein Objekt, die Materie, Vibrationen, Frequenzen, die Schönheit oder die Dunkelheit. Kybele ist eine Art Weltanschauung. Wenn wir zum Beispiel über die Materie oder die Elemente sprechen, dann können wir von drei Lesarten ausgehen. Daher liegt die Hauptannahme der Noologie darin, dass der logos der Kybele, der logos des Dionysos und der logos des Apoll in der Tiefe jeder Form des Denkens innewohnen. Sie befinden sich innerhalb des Denkens und nicht außerhalb davon. Sie sind Paradigmen, welche sehr schwer zu begreifen, fassen und zu verstehen sind, weil sie sich hinter unserem Geist befinden und seine Struktur definieren. Wir können Kybele (oder Apoll oder Dionysos) nicht als Bild vor uns sehen. Wenn wir über den logos sprechen, dann reden wir über etwas, dass hinter unserem fluiden Bewusstsein ist und die Wurzeln unserer Mentalität definiert. Wir können nicht über das Reine oder Unreine, die hohe Frequenz oder die niedrige Frequenz sprechen. Eben weil es sich nicht um Materie handelt, ist es keine Welle, wir können es also nicht vor uns hinstellen.

Um nun aber mit dem logos des Dionysos fortzufahren, müssen wir die problematische Natur des Dionysos in unserer Kultur verstehen. Er ist nicht das universale Recht oder die Königsregel in unserer Kultur, es ist die Verschiebung zur Spitze hin. Sie ist nicht der reine logos des Dionysos, sondern es ist der apollinisch gewendete logos des Dionysos, mit dem wir es zu tun haben. Aber nachdem dieser ein Schlachtfeld und Zwischenraum ist, besteht immer die Möglichkeit einer gegenläufigen Lesart. Im Zuge der Bücher und Studien, welche ich über die Noomachie verfasst habe, entdeckte ich, dass darin vielleicht das metaphysische Hauptproblem aller indoeuropäischen Kulturen in der Geschichte liegt. Dieses ist eine Art Struktur, Moment und Sequenz innerhalb der Noomachie. Es ist der Schlüssel zu unserem geschichtlichen Sein und dieses ist der Schlüssel zum Verständnis was wir sind und was unsere Geschichte ist. Denn es gab immer die Anstrengung von etwas in uns, das Zentrum des dionysischen logos in die andere Richtung zu verschieben und es als etwas anzusehen, dass unter der Linie liegt, welches den logos des Apoll und den logos der Kybele voneinander trennt und unterscheidet. Ich nenne diese Annahme den dunklen Zwilling des Dionysos, Adonis oder Attis. Dieser ist nicht der Dionysos, den wir aus unserer normativen indoeuropäischen Tradition kennen, sondern ein Produkt der kybelischen Reinterpretation des Dionysos. Er ist genau der Titan, die Figur des Luzifers, der Titan Prometheus oder jemand der Dionysos sehr nahe kommt.  Wir können ihn mit dem deutschen Begriff des dunklen Zwillings beschreiben oder als Adonis bezeichnen, einer Figur, die Dionysos sehr ähnlich ist. Er ist nicht normativ. Er wird als das genaue Gegenteil unserer Weltsicht angesehen, aber er ist immer gegenwärtig als der Schatten des Dionysos, aber nicht ein Schatten im materiellen Sinne. Es ist sein metaphysischer Schatten, der vielleicht älter als Dionysos selbst ist, weil er zum Kosmos der Großen Mutter gehört. Dionysos ist immer ein Mysterium, weil er nicht festgelegt, sondern dynamisch ist. Er ist das ewige Licht, das immer scheint, dass zur Dunkelheit wird, dunkler wird, verschwindet und wieder von neuem scheint. Es gibt also eine Dynamik, das Mysterium der Dynamik, das Mysteriums des Samens, der stirbt und als Spross oder Pflanze wiederaufersteht. Wir können dies als Zyklus von etwas betrachten, dass eigentlich zur Spitze gehört, ins Zentrum der Nacht hinabsteigt, in die Dunkelheit der Erde und danach wiederaufersteht und zu seinem ursprünglichen Platz an der Spitze der Schöpfung zurückkehrt. Dies ist der volle Zyklus der Sonne und damit des Jahres.

Wir könnten genau denselben Vorgang von einer anderen Warte aus betrachten. Da ist etwas das zum Boden gehört, das von der Großen Mutter erschaffen wurde und aufsteigt, den Himmel stürmt, um die Götter zu stürzen und sie zu ersetzten. Dies ist der Aufstieg des titanischen, prometheischen Elements, um die Götter zu entthronen. Aber es ist das Schicksal der Titanen wie Prometheus abzustürzen. Er kann also die Götter hereinlegen und eine Zeit lang triumphieren (wie es zum Beispiel auch Typhon in der Griechischen Mythologie gelang, Zeus hereinzulegen), aber es ist das Schicksal des Titanen hinunterzufallen. Wenn wir diesen Zyklus rekonstruieren, ist es fast derselbe, wie im Fall von Dionysos. Denn auch hier steigt etwas auf, erreicht den höchsten Punkt und fällt danach hinunter. Wenn wir also die Hauptmerkmale betrachten, dann ist es fast dasselbe Szenario, dieselbe Geschichte. Die erste Geschichte beginnt mit dem Abstieg vom Himmel auf die Erde und endet mit der Rückkehr in den Himmel. Die andere Geschichte jedoch beginnt auf der Erde, sie besteht aus der Eroberung des Himmels und dem Fall, dem Sturz der Engel, der Titanen, des Prometheus in den Tartaros. Die Titanen klettern auf den Gipfel des Olymps, reißen Dionysos auseinander, werden von Zeus mit seinem Blitz getroffen und stürzen, komplett zerschlagen in den Tartaros. Es gibt also eine Art der Noomachie, die wir von beiden Seiten betrachten können.

Zwischen dem logos des Apoll und dem logos der Kybele besteht eine Art Symmetrie, die sich über die Hauptstruktur dieser Titanomachie einig ist, aber sie lesen diesen Prozess, die selbe Geschichte, von zwei unterschiedlichen Standpunkten aus, zwei Perspektiven. Ein Zyklus besteht darin, dass Dionysos die bewusste Entscheidung trifft, in die Hölle hinabzusteigen, um seine Mutter Semele zu retten und zurück zum Olymp zu bringen. Wenn wir die Geschichte aber vom anderen Standpunkt aus lesen, finden wir die von der Großen Mutter geborenen Titanen vor, die die Götter angreifen und ihr Königreich im Himmel stürzen und danach findet die Rache des Schicksals statt, sie stürzen aus dem Himmel und landen genau an dem Punkt, an dem sie aufgetaucht sind. Wir haben es hier also mit derselben Geschichte und zwei Lesarten zu tun. Das gibt dem Problem des dunklen Zwillings sein metaphysisches Maß. Nachdem wir es mit einem Zyklus, der Logik des Jahreslaufs und der Sonne zu tun haben, stehen auch zwei mögliche Lesarten zur Wahl, wie in jedem Zyklus, mit zwei semantischen Strukturen, wie man ihn interpretieren könnte. In dem Moment, in dem Dionysos in der gemischten Gesellschaft ankommt, in welcher der Zustand einer Überlagerung der beiden Existenzhorizonte herrscht, beginnt das Problem der offenen Natur des Dionysos. Die Natur des Dionysos in unserer Natur ist absolut instabil, sie ist dynamisch, gegensätzlich und dialektisch. Es gibt nicht nur eine Möglichkeit diese Dialektik zu interpretieren, sondern zwei. Dionysos kann zur gleichen Zeit, fast einem Simulacrum des Dionysos gleichkommend, Adonis sein und Dionysos, als prä-dionysisch und dionysisch zum selben Zeitpunkt. Das Problem der europäischen Zivilisation ist das Problem des Dionysos. Es ist nichts, das wir als gegeben hinnehmen können. Es ist eine offene Frage und wir können sie nicht auf eine abstrakte Art und Weise lösen, weil wir mitten in diesem Prozess sind. Wie die Neoplatoniker bereits gesagt haben, ist Dionysos unser Geist. Unser Geist hat die Vorstellung von seinem eigenen Doppelgänger, seinem schwarzen Zwilling, bereits in sich. Unser Geist, unsere Seele und unser Sinn sind doppelt, weil sie von Natur aus dionysisch sind. Er ist geteilt und hat immer etwas zu tun, das sich im Gegensatz zu seinem inneren Selbst befindet. Das Problem des Simulacrums ist im indoeuropäischen Geist eingebettet, weil der indoeuropäische Geist ein doppelter ist und auf der Überlagerung zweier Existenzhorizonte basiert. Und wir können nicht sicher sein, wann wir Titanen sind und wann Dionysos. Der Geist ist zum Beispiel dionysisch und der Körper ist titanisch, es gibt aber auch einen dionysischen Körper und einen titanischen Geist. Also sind Körper und Geist nicht klar getrennt. Sie sind miteinander verschmolzen, weil Geist und Körper Produkte und Projektionen des logos darstellen und nicht etwas, das ohne logos existiert. In der menschlichen Welt existiert nichts ohne logos. Alles womit wir uns beschäftigen ist ein Produkt der Projektion, der Perspektive dieses paradigmatischen Zugangs. Es gibt zwei Körper und zwei Geister in uns. Einerseits den spirituellen Körper (den Körper der Wiederauferstehung in der christlichen Doktrin) und andererseits den materiellen Geist (den titanischen Geist, die mechanische Vernunft, die Berechnung). Wir haben also sowohl einen materiellen Körper, als auch einen spirituellen Geist. Und genau darin besteht das dialektische Problem unserer Kultur, denn der Doppelgänger des Dionysos ist nicht etwas das außerhalb unserer Kultur existiert, sondern ihr innewohnt.

Wenn wir es von der Warte aus betrachten, ist dies das wichtigste Konzept am logos des Dionysos. Aus diesem Grund war es so wichtig, dass Nietzsche die Figur des Dionysos entdeckt hat und Philosophen die Nietzsche folgten dieses Konzept weiterentwickelt hatten. Sie haben dieses Problem, den dunklen logos entdeckt. Dies ist das eigentliche Problem der europäischen Geschichte, weil wir nicht sicher sein können, ob wir es mit Dionysos oder Adonis zu tun haben, dem echten Geist oder dem Simulacrum des Geistes. Der logos der Kybele erklärt im Lichte dessen ausführlich und mit Sorgfalt, womit wir es zu tun haben. Er ist also die notwendige Dimension, die das gesamte Problem des Dionysos erklärt. Doch war es bereits eine metaphysische Revolution, den logos des Dionysos zu finden und zu offenbaren, wie es Friedrich Nietzsche tat, ein heroischer Akt, der das Hauptproblem des europäischen und indoeuropäischen Menschen offenlegte. Das ist das Double des Dionysos. Die Möglichkeit der titanischen Lesart des Dionysos erklärt, warum man in der Noologie vor der Einführung des logos der Kybele Dionysos mit einem Titanen oder einem negativen Aspekt des Lichtes oder dem weißen logos des Apoll verwechselte.  Darin besteht also die wichtigste metaphysische Entdeckung, weil mit der Einführung des logos der Kybele, mit seiner Entdeckung alles zu seinem rechtmäßigen Platz findet. Nun können wir erkennen, warum es zu dieser dialektischen Fehlinterpretation des Dionysos kommt und er mit der schwarzen Perversion in Verbindung gebracht oder auf den Kopf gestellt wird. Und wir erkennen ebenfalls, dass der wichtigste Aspekt in der Instabilität des Dionysos liegt. Demnach bleibt die Interpretation, oder um mit Paul Ricoeur zu sprechen der Konflikt der Interpretation offen. Wir haben es hier mit zwei hermeneutischen Sphären zu tun und es bleibt immer die Möglichkeit einer Art Ersetzung, von Tricks, einer besonderen metaphysischen Perversion oder Abweichung von der semantischen Struktur, welche mit dem logos des Dionysos verbunden ist.

Um ein Beispiel für diesen dionysischen Zugang zu geben, um besser und tiefer zu verstehen was der logos des Dionysos ist, möchte ich ein paar Worte über Gilbert Durand verlieren. Dieser enorm wichtige Autor, der erst vor kurzem an Altersschwäche verstarb, war Franzose und schuf die Soziologie der Vorstellung. Die Soziologie der Vorstellung ist ein herausragendes Werk, ich habe mein drittes Doktorat über dieses Thema verfasst. Durand ist ein Schüler von Carl Gustav Jung, Henry Corbin und Gaston Bachelard, jedoch hat er eine sehr originelle Version der Struktur der Imagination entwickelt. Gilbert Duran zufolge ist der Mensch Vorstellung. Wir haben nichts anderes als die Vorstellung und wir sind nichts anderes als Vorstellung. Alles womit wir es zu tun haben sind imaginierte Strukturen. Er studierte die Wurzeln der Vorstellung und wie diese in uns funktioniert. Die Vorstellung besteht nicht in der Reflexion eines existierenden Objektes, sondern ganz im Gegenteil sind es die Objekte, die ein Produkt unserer Vorstellung sind. Zuerst stellen wir uns etwas vor und danach haben wir es mit etwas zu tun, dass wir uns zuvor vorgestellt haben. Das ist fast dasselbe wie Phänomenologie.

Ich habe bereits Edmund Husserl und sein Konzept der Intentionalität erwähnt. Husserl zufolge ist der intentionale Akt immer auf etwas hin ausgerichtet, dass außerhalb von unserem Geist existiert, aber in sich keine Qualität hat. Also ist jegliche Qualität, mit der wir es zu tun haben in unserem Geist enthalten. Husserl nennt das Noema. Den Prozess des intentionalen Aktes nennt er Noesis und das Noema ist etwas, über das nachgedacht wurde. Wir haben es hier also mit den Qualitäten der Objekte zu tun, welche unserem Denkprozess innewohnen und nicht außerhalb von ihm existieren. Das ist also Phänomenologie. Heidegger steht in dieser phänomenologischen Tradition, welche er fortsetzte, genauso wie viele andere auch. Doch Gilbert Durand schlägt einen anderen phänomenologischen Zugang vor und spricht über die Regime der Vorstellung. Durand nimmt an, dass unsere Vorstellung in drei verschiedenen Regimen arbeitet. Und diese Annahme kommt dem Konzept der drei logoi sehr nahe. Nun werden wir sehen, wie das Regime der Vorstellung eine Art innerer Zustand des menschlichen Geistes ist, der verschiedene Sequenzen basierend auf grundlegenden Bildern, Symbolen und Strukturen erschafft. Gilbert Durand zufolge gibt es drei dieser Regime. Zunächst das Diurne, welches das Regime des Tages darstellt. Dies ist das Regime des Lichtes, dass auf einem Konzept strikter Dualität gründet. Es gibt hier also strenge und absolute Unterscheidungen. Wenn wir teilen und separieren (Das Regime des Diurnischen besteht nur im Teilen, nicht im Vereinigen), dann ist alles klar wie bei Tageslicht. Dieses Regime ist ebenso eine Herrschaft der vertikalen Organisation des Raumes. Durand zufolge ist es mit den Haltungsreflexen des Kindes verbunden. Wenn das Kind damit anfängt, in einer vertikalen Position zu stehen, wird dies von der Vorstellung als Flug betrachtet. Es ist ein Pfeil der himmelwärts fliegt. Das ist der Flug. Die Vertikalität ist aufs engste mit dem Regime des Diurnischen verbunden, das ein heroisches, kriegerisches und patriarchales Regime ist. Was wir bereits über den logos des Apoll gesagt haben, kann ohne Probleme auf das Regime der Vorstellung, welches diurnisch genannt wird, umgelegt werden. Es ist die vertikale Orientierung von allem und nach Durand besteht das Regime des Diurnischen (nach dem lateinischen Wort für Tag) im Kampf gegen die Nacht, den Tod und gegen die Dunkelheit. Wir haben es hier also mit dem immerzu andauernden apollinischen Krieg des Lichtes zu tun. Auf dem Feld der Geisteskrankheiten entspricht es der Paranoia. Die Paranoia besteht in einer Verabsolutierung des Diurnischen, also wird als Konsequenz von ihr alles zerteilt bis hin zu den Atomen, sie besteht immer in einer Konsolidierung des Subjektes und einer Zerstörung des Objektes. Das ist der Krieger, der immerzu kämpft. Er zerstört alles mit seinem Schwert und das Schwert ist diurnisch, es ist etwas das zerteilt, nicht tötet, sondern zerteilt, verstümmelt, auseinanderschlägt. Das ist die Konsolidierung des Subjektes und die Zerstörung des Objektes. Das ist das diurnische Regime, welches sehr apollinisch und indoeuropäisch ist. Nach Durand wird der logos von diesem Regime geboren.

Unser Denken gründet also auf der Entwicklung dieser Art von Vorstellung. Wir stellen uns die Dinge getrennt vor. Wir trennen die Dinge und die Objekte voneinander und wir konsolidieren unser Subjekt dadurch. Jeder ist gegen uns, aber wir triumphieren über alle anderen. So erfolgt die Schöpfung der Hierarchie mit dem paranoidesten Subjekt an der Spitze, dem Zaren, dem König, der alles zerstört und sich selbst konsolidiert. Die Paranoia ist also die Krankheit der Könige, weil jeder gegen sie ist und ihren Umsturz plant (was auch manchmal der Fall ist), aber sie treten auch zum Endkampf mit dem Tod und der Dunkelheit an, denn es ist ihr Schicksal, gegen sie zu kämpfen, einen Krieg anzufangen, den Krieg zu gewinnen und alles außerhalb ihres Machtbereiches zu zerstören und alles innerhalb davon zu konsolidieren. Dies ist das normale Verhalten des Kriegers. Unsere Vernunft arbeitet innerhalb dieses Regimes. Unsere Vernunft unterscheidet, denn es ist die Hauptaufgabe der Vernunft, zu unterscheiden (Etwa zwischen: das ist so/das ist hier/das ist dort/das ist ein Ding/das ist ein anderes Ding) Die Negation ist ebenfalls sehr diurnisch, weil Negation Separation bedeutet. Was ist, was ist nicht, was existiert, was existiert nicht und so weiter. Dies schließt jede Art von Begriffspaaren mit ein. Denn unser Denkprozess gründet auf dieser Dualität, bestehend aus Paaren, auf Trennungen und darauf, ob etwas existiert oder nicht existiert. Genauso schreitet unsere Vernunft voran.

Durand zufolge ist es jedoch nicht mehr als nur ein Regime der Vorstellung unter mehreren, es gibt noch zwei andere. Beide werden „nokturn“ genannt. Das eine ist das dramatisch nokturne und das andere das mystisch nokturne. Was ist es also? Dieses Regime der Funktionsweise unseres Geistes arbeitet auf eine ganz andere Art, es trennt nicht, sondern vereint, es unterscheidet nicht, sondern vermischt. Es trennt nicht etwas das außerhalb von uns ist und konsolidiert etwas in unserem Inneren, wie es beim Diurnischen der Fall ist, sondern tut genau das Gegenteil. Es vereint alles um uns herum und dividiert uns selbst auseinander. Das ist die rein schizophrene Verhaltensweise, in der extremen Ausprägung. Es gibt also Stimmen und verschiedene Ichs im Inneren und die Welt um einen herum, die Vernunft besitzt und stärker als das Subjekt ist. Die Welt ist also geeint und stark, das Subjekt wiederum ist schwach, problematisch und krank. Das ist das nokturne Regime, das nicht auf Logik basiert, sondern auf Rhetorik und Verweiblichung, Verharmlosung. Wenn wir zum Beispiel Schmerzen erleiden, sind wir glücklich und zufrieden. Wenn es uns an etwas mangelt, betrachten wir diesen Mangel als Geschenk. Wir fürchten uns zum Beispiel vor der Dunkelheit, doch um uns daran zu gewöhnen, bezeichnen wir sie als einen Mangel an Licht. Das ist die Verharmlosung. Wir nennen die Dinge bei komplett anderen Namen, um den Schrecken zu vermeiden, der ihnen innewohnt, weil wir vor allem und auch vor uns selbst Angst haben. Wir sind unserer eigenen Existenz nicht sicher, also nennen wir Dinge bei Namen mit entgegengesetzter Bedeutung, um sie zu vermeiden. Zum Beispiel geben Frauen, wenn sie einen großen, muskulösen Ehemann haben diesem verniedlichende Namen wie Bärchen oder Schaf, um ihn zu verniedlichen und aus ihm ein Kind zu machen, um ihn unschuldig zu machen durch die Magie dieses Regimes, durch das Regime der Worte, und dies funktioniert dadurch, dass wir jenen Teil der Welt, der uns bedroht, verharmlosen und als etwas sehr freundliches behandeln. Es ist also nicht das Konzept des Kriegers, sondern das Bewusstsein des Pazifisten. So heißt es also „Seien Sie still. Wir haben etwas gemeinsam. Sie sind gar nicht so schrecklich, wie Sie ausschauen. Versuchen wir einen gemeinsamen Nenner zu finden!“ Im extremen Fall führt dies zum Stockholmsyndrom. Sie werden als Geisel genommen und nehmen die Seite der Terroristen ein. Sie teilen deren Position mit ihnen. Sofort entdecken Sie, dass sie richtige Forderungen haben. Weil es sehr schwierig ist, in einer Position der absoluten Dominanz des Anderen zu verharren, sagen Sie, „Sie sind nicht anders. Die Muslime sind sehr gut. Die fundamentalistischen Terroristen sind nette Leute. Lasst uns bei ihnen bleiben! Lasst uns beim Bösen bleiben, weil es gar nicht so böse ist! Lasst uns beim Tod bleiben, weil er nicht der Tod ist, sondern ein neuer Anfang! Lasst uns den Verlust nicht betrauern, weil er eine Art von Geschenk ist!“ Das ist also das andere Regime der Vorstellung nach Durand. Es ist sehr ausdrucksstark und sehr interessant den unzähligen Beispielen und Symbolen zu folgen, welche uns Durand in seinen Büchern und Schriften darbietet. Wir haben es hier also mit einer sehr komplexen Theorie zu tun, die ich hier nur in ihrer einfachsten Version erkläre.

Aber auch auf dem Feld des nokturnen Regimes gibt es ebenfalls zwei Versionen. Die radikale Form des Nokturnen wird von Durand das mystische Nokturne genannt. Es stellt einen kompletten Austausch von Objekt und Subjekt, dem Selbst und dem Anderen dar. Es ist ein kompletter Betrug des Selbst. Alles ist also außerhalb, im Inneren ist nichts oder nur die Reflexionen des Äußeren. Es ist die reine Nacht. Die Nacht ist das Licht, unten ist oben, männlich ist weiblich, weiblich ist männlich, zu sterben heißt leben, leben heißt zu sterben. Das ist also die reine Antiphrase in der Rhetorik. Sie nennen die Dinge bei gänzlich anderen Namen, bei gegensätzlichen Namen und sind damit glücklich. Es ist also das mystisch Nokturne, dass mit dem logos der Kybele korrespondiert. Dies ist die absolute Dominanz von etwas, das durch Selbstbetrug geschaffen wird. Das Subjekt ist nicht konsolidiert, es wurde in der Vorstellung vollkommen aufgelöst. Und der Prozess der Auflösung des Geistes erschafft die Materie oder die äußere Welt. Das Subjekt ist schwach und die Materie ist stark. Aber die Materie existiert nicht. Sie ist eine Projektion dieser Schwäche der Vorstellung. Sie ist nicht etwas, das unabhängig existiert. Sie fängt an zu existieren, als wäre sie etwas Unabhängiges, aufgrund der Schwäche des Subjekts. Das ist dieselbe Vorstellung, die das Subjekt stark oder schwach vorstellen kann. Das ist ein innerer Vorgang. Aus diesem Grund ist es so nahe am Konzept des logos. Und ich verwende dieses Konzept von Gilbert Durand in meiner Interpretation verschiedener kultureller, religiöser und historischer Phänomene.

Und dann gibt es ein drittes Regime, dass auch nokturn ist, ebenfalls ein Regime der Nacht, aber es wird das dramatische Nokturne in den Werken von Durand genannt. Es ist keine radikale Verweiblichung und Verharmlosung. Es ist eine mehr oder weniger ausgeglichene Verweiblichung und Verharmlosung. In diesem Regime nennen wir die Nacht nicht Tag und den Tag nicht Nacht. Wir nennen sie Dämmerung. Es gibt hier also weder Licht noch Dunkelheit allein, sondern etwas dazwischen. Wir befinden uns also in der Dämmerung, im Schatten, der keine vollkommene Dunkelheit ist. Das korrespondiert zum logos des Dionysos und ist problematisch, weil es radikal interpretiert als Dunkelheit gedeutet werden könnte, die versucht, Licht zu sein oder zum Beispiel als Licht, das nicht klar genug ist. Und genau darin liegt das Problem des Dionysos, über das ich gesprochen habe. Wenn also das Regime des Diurnen paranoid ist und das Regime des mystisch Nokturnen schizophren, was ist dann die Geisteskrankheit, die mit dem dramatisch Nokturnen übereinstimmt? Es ist interessanterweise die Normalität, keine Geisteskrankheit, sondern die Normalität, denn wir verwenden in einer normalen Situation das dramatisch Nokturne, den dionysischen Zugang zur Realität. Manchmal kommt es hier zur Verharmlosung und manchmal zur radikalen Trennung und Unterscheidung. Manchmal verwenden wir beide Strategien im selben Augenblick.

Psychologisch gesehen liegt das Problem also in der Vorstellung und ihrer anthropologischen Struktur. Wir stellen uns die Welt genauso vor. Wenn wir davon ausgehen, dass dort etwas Materielles ist, dann nähern wir uns dem mystisch Nokturnen an, aber bleiben im dramatisch Nokturnen. Wenn wir aber etwas klar unterscheiden und separieren, wenn es eine Art Vernunft oder Funktion gibt, dann nähern wir uns dem anderen, dem Lichtpol dieses dionysischen Konzepts an. Wir verwenden aber beide. Die Geisteskrankheit fängt dann an, wenn es in unserer Vorstellung zu klar oder zu dunkel ist, wenn wir uns zu sehr von einem dieser beiden Pole angezogen fühlen. Die gesamte Struktur der Gesellschaft kann apollinisch oder in dieser Hinsicht diurnisch sein. Das bedeutet Hierarchie, Rationalität, Gesetz, offizielle Beziehungen und Normen. Und dann gibt es die Nachtseite der Gesellschaft, in der die Gesetze verletzt werden, wo es Verbrechen gibt, Korruption und die Dominanz von allem das gegen das Gesetz geht. Dies ist der nokturne Aspekt der Gesellschaft, der in ihrem Inneren gegenwärtig ist.

Wir können uns also eine normale Gesellschaft, eine klare Gesellschaft vorstellen, aber auch eine dunkle Gesellschaft und deren Nachtseite, sowie ihre gegenseitige Einbettung ineinander. Wenn also in der einen das Recht herrscht, dann herrscht in der anderen das Verbrechen. Aber das Verbrechen ist für den Kriminellen das Gesetz. In Russland haben wir den Begriff „rechtmäßiger Räuber“ (Вор в законе). Dieser ist komplett nokturnal. Er bedeutet, dass es kriminelle Gruppen gibt deren Chef das Recht in die Hand nimmt und das Recht hat als eine legitime Figur betrachtet zu werden (obwohl er kriminell ist und gegen das Gesetz verstößt.). Das ist also der rechtmäßige Räuber (der Banken ausraubt und dabei tötet). Wir haben also eine Art gegen den Staat gerichteten Staat, deren Anführer dennoch als legal und legitim betrachtet werden. Das ist die Legitimation der Nachtseite der Gesellschaft. Manchmal interagieren sie auf eine sehr besondere Art in der Russischen Gesellschaft. Jetzt ist es schwer zu sagen wo der Tag endet und die Nacht beginnt, weil in unserer Gesellschaft beide Aspekte ineinander fließen. Aber normalerweise verstehen wir das. Im Russischen haben wir das Sprichwort „Das Recht ist nicht die Wahrheit“. Wenn Sie direkt den Rechtsweg nehmen und alle Anforderungen erfüllen, können Sie nicht rechthaben, sondern sogar böse sein, da Sie zwar auf Punkt und Komma dem Gesetz folgen, aber das Gesetz und die Wahrheit zwei verschiedene Dinge sind. Es ist unmöglich, dies Westeuropäern zu erzählen, weil sie das nicht verstehen können. Aber es ist das realistische Verständnis einer Vielzahl von Regimen der Vorstellung, die genau unserer slawischen Kultur und Gesellschaft entsprechen. Wir verstehen, dass es Gesetze der Nacht und Gesetze des Tages gibt und dass sie einander ergänzen. Darin liegt der Reichtum der Vorstellung. Wir können uns zur selben Zeit Gegensätze vorstellen. Aus diesem Grund sind wir bis zu einem bestimmten Moment dionysisch. Wir können uns mit der Dialektik beschäftigen, dem Recht und der Wahrheit. Wir können uns davon ausgehend viele Theorien vorstellen. Aber die hauptsächliche Motivation liegt im Reichtum der Regime der Vorstellung.

Damit können wir die Erläuterung des logos des Dionysos abschließen und alle historischen und existenziellen Analysen, indem wir den Satz „Dionysus ist das Dasein“ hinzufügen. Dionysus ist im Zentrum. Er ist dazwischen und gehört keinen von beiden Polen an. Und er hat einige Affinitäten für das, was Gilbert Durand das dramatisch Nokturne nannte. Das wäre dann alles und ich schlage vor, eine Pause zu machen und zu den Fragen überzugehen. Danach werden wir die sechste Vorlesung über die Struktur der europäischen Zivilisation basierend auf dieser noologischen Analyse hören.

 Die europäische Zivilisation

(Sechste Einheit)

Das Thema der sechsten Vorlesung ist die europäische Zivilisation. Wir schieben nun die anderen indoeuropäischen Gesellschaften zur Seite und konzentrieren uns auf die europäische Geschichte, ihre Kulturen und Völker. Es ist jetzt klar, dass die europäische Zivilisation auf der Überlagerung zweier Existenzhorizonte aufbaut und ein Zentrum besitzt. Ihr wesentliches Problem liegt in der Figur des Dionysos und ihrer Interpretation. Die europäische Geschichte ist also eine Titanomachie/Noomachie und die Ursache dieser Titanomachie liegt in der Ankunft der turanisch-indoeuropäischen Kulturen mit der Kurgankultur auf dem Feld der Großen Mutter, der Zivilisation der Kybele. Als wir in der letzten Vorlesung über Dionysos sprachen, identifizierten wir ihn als das wesentliche Problem dieser Zivilisation und als das Schlachtfeld, auf dem sich diese Titanomachie abspielt.

Ich habe bereits das Beispiel der Thraker erwähnt. Das thrakische Volk war ein Volk turanischen Typs und zuallererst ein indoeuropäisches Volk, das den Balkan vor den Slawen erreichte (vielleicht 1200 Jahre vor Christus, der genaue Zeitpunkt ist schwer zu ermitteln). Wichtig ist hierbei, dass eine Art Reich der thrakischen Stämme existierte. Viele dieser Stämme lebten auf dem nördlichen Balkan, aber sie besetzten auch einen großen Teil Osteuropas. Die thrakische Zivilisation bildete sich genau in dem Raum und expandierte von jenem Feld aus, auf dem sich die Pole und Zentren der Zivilisation der Großen Mutter befanden. Dies betraf Lepenski Vir, die Vinčakultur , die Gumelnițakultur, die Cucuteni–Tripolje-Kultur, Criș, Tisza und alle anderen Kulturen unter dem Existenzhorizont der Thraker. Wir wissen nicht und wir können nicht wissen, ob die Thraker die ersten Indoeuropäer waren, die diese Territorien erreichten, aber wir kennen auch keine älteren indoeuropäischen Gruppen in diesem Gebiet. Vielleicht gab es möglicherweise weitere Wellen turanischer Völker, die hier ankamen, vielleicht auch nicht, wir können es nicht sagen. Die thrakische Kultur stellte jedoch genau das Feld oder die besondere europäische Kultur dar, innerhalb derer ein Treffen zwischen dem Horizont des Apolls, seinem logos und dem logos der Kybele ermöglicht wurde. Es handelt sich also hierbei um eine Kultur des Zusammentreffens. Die slawischen Stämme erreichten wesentlich später den Balkan und assimilierten diese thrakischen Elemente, um sie in ihrer Struktur mit einzuschließen. Ein weiterer wichtiger Aspekt liegt darin, dass Dionysos von den Griechen als thrakischer Gott betrachtet wurde. Wir wissen nicht, ob er wirklich thrakisch oder präthrakisch war, beziehungsweise von einem indoeuropäischen Volk stammte, welches den Thrakern vorausging. Es ist jedoch wichtig festzuhalten, dass Dionysos aus dem Norden Griechenlands, also aus Thrakien kam, ebenso wie Orpheus. Dies gilt auch für Bendis, die eine sehr populäre thrakische Gottheit in Griechenland war. Das Fest welches von Platon im „Staat“ erwähnt wurde, war der Bendideia gewidmet. Eine andere Gottheit mit thrakischen Wurzeln war Kotys. Orgiastische Feste welche ihr gewidmet waren wurden „Cottytia“ genannt. Die Phryger standen ebenfalls den Thrakern nahe und es war die phrygische Zivilisation, deren Volk den Kybelekult entwickelte. Auch das hat etwas mit der thrakischen Welt zu tun.

Es ist möglich, dass die thrakischen Stämme älter waren, als wir annehmen, vielleicht waren sie die ersten, vielleicht auch nicht, wir können dies nicht mit Sicherheit sagen. Es gilt jedoch als gesichert, dass sie eine indoeuropäische Gesellschaft mit einer sehr entwickelten nomadischen Ausprägung waren und je weiter nördlich wir gehen, Richtung Siebenbürgen/Transylvanien nach Rumänien, finden wir bereits die Steppen Eurasiens vor, den turanischen Raum. Als gesichert gilt jedoch, dass die Thraker um das Donaubecken herum und auf dem Balkan lange vor den Skythen und Sarmaten siedelten. Es handelt sich bei ihnen also um die Vertreter einer sehr alten indoeuropäischen Kultur, die die paläoeuropäische Tradition entweder direkt oder durch einen Mittler assimilierte sowie inkludierte. Dies ist wichtig, weil es den slawischen Horizont Osteuropas betrifft, der Osteuropa als Zivilisation ab dem fünften und sechsten Jahrhundert dominierte, in welchem die Slawen nach Osteuropa einfielen. Davor herrschten dort die Thraker, die selbst Indoeuropäer waren. Demnach fand das Aufeinandertreffen des logos des Apoll und des logos der Kybele wahrscheinlich genau in Thrakien statt. Ebenfalls wichtig ist, dass sich die europäische Bauernschaft von der selben Region aus ausbreitete. Der Balkanraum war also nicht nur die Urheimat der osteuropäischen Bauern, sondern aller europäischen Bauern, da die landwirtschaftliche Tradition schon viel früher als im Rest Europas genau auf den fruchtbaren Böden des Balkans entwickelt wurde, wo die matriarchale Gesellschaft lange vor der Ankunft der turanischen Kultur existierte.

Osteuropa, dem sonst nur die Rolle als Peripherie, Grenze oder etwas nebensächlichen im Vergleich zu Griechenland oder Westeuropa zugestanden wird, hatte also vielleicht einmal eine zentrale Bedeutung. Es ist also notwendig, dass wir diesen osteuropäischen Raum stärker als Existenzraum ins Auge nehmen und ihm sowie dem osteuropäischen Dasein mehr Aufmerksamkeit schenken. Er ist sehr komplex und besteht aus vielen Stämmen, vielen Völkern, mehreren Kulturebenen, doch darüber hinaus sind die thrakischen Wurzeln von Dionysos und Orpheus sehr bedeutend. In dieser Perspektive habe ich die zentrale Rolle des Dionysos als Schlüssel zur geschichtlichen Sequenz der europäischen Geschichte erklärt, zur Ontologie der europäischen Geschichte. In ihr nimmt Osteuropa eine neue Dimension von großer Wichtigkeit ein. Es war in der Realität nicht die Peripherie der anderen griechischen, römischen und später westeuropäischen Zivilisation. Osteuropa besaß also eine polare Bedeutung, der Balkan war eine Art Zentrum und Pol. Jedoch müssen wir die Qualität und die noologische Natur dieses Pols intensiver studieren. Es geht also nicht nur darum stolz darauf zu sein, zu den Balkanslawen zu gehören die hier nach den Thrakern einwanderten, sondern auch darum die Wichtigkeit der Struktur und der Ebenen der Noologie dieses Raumes zu verstehen. Weil das Problem des Dionysos zentral und äußerst wichtig ist, wie ich bereits zu erklären versucht habe, wächst damit die Bedeutung Osteuropas. Wir können daraus eine wichtige Sache ableiten, nämlich dass wir Osteuropa (Thraker, Slawen, den Balkanraum) als eine Art Fortsetzung oder Peripherie Westeuropas und Eurasiens, Russlands und des turanischen Raumes ansehen. Aber dann finden wir dieses absolut neue dionysische Osteuropa vor, wo dieses Treffen als Schlüsselereignis in der ontologischen und semantischen Geschichte Westeuropas stattfand. Osteuropa war also nicht die Peripherie, sondern auf eine sehr besondere Art und Weise das Zentrum. Als solches gesehen müssen wir uns auf das Mutterland des Dionysos konzentrieren, eben weil es sein Ursprung ist. Weiters müssen wir den Faktor der thrakischen Sprache, der thrakischen Kultur und des einzigen bekannten rein thrakischen Gottes berücksichtigen und dieser Figur mehr Aufmerksamkeit widmen. Es gibt viele Parallelen und gemeinsame Aspekte zwischen Zalmoxis und Dionysos. Mircea Eliade und die rumänische Tradition schenkten der Figur des Zalmoxis und seiner Rolle in der thrakischen Tradition große Aufmerksamkeit. Sowohl in der thrakischen Kultur, als auch in der matriarchalen Kultur vor den Thrakern verschwand die osteuropäische Zivilisation der Großen Mutter nicht. Vielmehr trat sie in die bäuerliche Tradition Osteuropas ein und breitete sich mit ihr über ganz Europa aus. Überall wo wir heute Bauern in Europa vorfinden, handelt es sich um Erben und Nachfolger des balkanischen Mutterlands.

Also können wir über das Dasein der Bauern sprechen, eine besondere Art der Dritten Funktion, welche kulturelle Linien der prä-indoeuropäischen Tradition bewahrte. Eine der ersten prä-indoeuropäischen Gesellschaften, die diese Elemente integrierte, waren die Thraker. Und danach kamen alle anderen. Vielleicht sollten wir auch den Illyrern besondere Aufmerksamkeit angedeihen lassen, weil sie auf der westlichen Balkanhalbinsel mit den Thrakern zusammenlebten. Und folgt man einigen Historikern, reichte der Raum der Illyrer bis zum Baltischen Meer. Vielleicht lebten auch die Illyrer viel weiter nördlich, bevor die Slawen kamen. Wenn wir heute auch zu wenig über diese zwei Völker wissen, können wir dennoch einige Dinge ableiten, was die korrekte Interpretation der südslawischen Tradition angeht, weil es eine kulturelle Kontinuität gibt. Alle Bauern die wir kennen, waren nämlich ursprünglich balkanisch und durchliefen einen vielleicht jahrtausendelangen Prozess der Indoeuropäisierung. Die Bauernschaft und das bäuerliche Dasein sowie die bäuerliche Tradition sind ihren Wurzeln nach, in ihrer Tiefe, balkanisch. Das ist ausgesprochen wichtig zu berücksichtigen.

Nun können wir den europäischen Raum betrachten und einige Worte über die verschiedenen Schichten des großeuropäischen Raumes verlieren. Wie wir bereits erwähnt haben, existiert ein riesiger indoeuropäisch-turanischer Raum, der von den Britischen Inseln bis Indien reicht. Dies ist der große, indoeuropäische Existenzhorizont. Der europäische Existenzhorizont umfasst den westlichen Teil davon, der nicht nur Europa, sondern auch Osteuropa umschließt. Aber wir können auch den Umfang der Noologie und der Geosophie ändern und versuchen, eine kleinere Ebene zu betrachten. Wir wissen nun wonach wir suchen. Wir suchen nach jeder Gesellschaft, die das Problem des Dionysos gerade löst oder bereits gelöst hat. Damit wird unsere Suche viel konkreter. Indem wir die eine oder die andere europäische Kultur zu verstehen, dechiffrieren oder interpretieren versuchen, suchen wir nach dem noologischen Gleichgewicht und dem Moment der Noomachie in jeder Gesellschaft.

Die griechische Tradition zum Beispiel gründet auf dem absoluten Sieg des logos des Apolls. Jedoch erfolgte dieser Sieg, den ich gestern erwähnte, nicht unmittelbar. Die hellenischen Stämme (Äolier und Ionier) kamen auf dem Balkan und dem Peloponnes in Wellen an und begannen die bestehende matriarchalische Tradition zu kontrollieren und zu überwältigen. Zur selben Zeit fand ein Austausch von Elementen statt. Einige griechische Gebiete konservierten die vertikale, trifunktionale rein patriarchalische Struktur und einige verloren sie zur Gänze oder zumindest einige ihrer Elemente. Die minoische und mykenische Kultur entstanden aus dieser Mischung zwischen patriarchalischen und matriarchalischen Elementen. Erst die vierte Welle der hellenischen Einwanderung aus dem Norden, genauer gesagt aus Mazedonien kommend, die sogenannte dorische Welle, brachte die entscheidenden Einflüsse des Apollinismus und der Viehzucht mit sich, zerstörte die mykenische Kultur und führte den rein turanischen Stil ein. Dies wurde in Sparta widergespiegelt, da dieses dorischer, als das ionische Athen war. Genau darin lag der Dualismus in der griechischen Kultur begründet: Athen war ionisch und Sparta dorisch. Dies betraf auch das Gleichgewicht in der Noomachie, da in Sparta der logos des Apoll klarer und machtvoller zu Tage trat. In Äolien und Ionien, Athen und den griechischen Kolonien in Anatolien war die Macht des vertikalen logos des Apoll hingegen geringer. Es ist von großer Bedeutung, dass es auch in Griechenland gewisse Unterschiede innerhalb des Existenzhorizonts gab. Und genau dieser Dualismus zwischen Sparta und Athen ist der Schlüsseldualismus in der Geopolitik, der ebenfalls über eine noologische und geosophische Interpretation wie Erklärung verfügt.

Dionyos war ein griechischer Gott mit thrakischen Wurzeln, der insofern rein griechisch war, als das ihn Umgebende die apollinische Perspektive dominierte und er sich in einem sehr alten kybelischen Raum befand. In der griechischen Kultur, in der polytheistischen Religion und im Kult können wir dieses Element sehr deutlich erkennen. Ich möchte nur wie bereits schon erwähnt hinzufügen, dass es sich dabei um den logos handelt. Die drei logoi spiegeln sich in der Religion, dem Mythos aber auch in der Philosophie wieder. Der logos des Apoll wird perfekt in der platonischen Philosophie widergespiegelt. Die platonische Philosophie stellt die absolute Fassung des apollinischen logos dar, ebenso wie die Logik des Aristoteles, der zu den Schülern Platons gehörte. In Teilen der Lehre des Aristoteles können wir auch den logos des Apoll in seiner reinsten und formalisierten Fassung erkennen. Den logos des Dionysos finden wir in der Dialektik des Heraklit wieder. Wir haben ihn das dramatisch Nokturne genannt. Heraklits Philosophie gründet auf dem Kreis, den Krieg, auf der Dialektik zwischen der Ewigkeit und der Zeit, sie ist aber nicht materialistisch. Heraklit gehört zum dionysischen Aspekt. Auch ein Teil der Lehren des Aristoteles über die Physik und die Rhetorik gehören ebenfalls zum dionysischen logos, weil sie sich mit dem Paradox des Zwei-in-einem befassen, bei welchem Form und Materie in einem Ding enthalten sind. Das Ding ist doppelt und es ist eines. Das ist nicht apollinisch, apollinisch ist „ein Ding ist ein Ding. Das ist das und nicht das Andere.“ Wenn es etwas im Sinne von „das ist das und etwas anderes“ ist, dann bewegen wir uns bereits Richtung Dionysos. Es wäre also ein großer Fehler, die Physik des Aristoteles mit der Logik des Aristoteles gleichzusetzen. In Aristoteles gibt es also zwei Sichtweisen. Erstens finden wir bei ihm die Logik vor, welche seine apollinische Seite darstellt. Zweitens finden wir bei ihm die Physik vor, welche die dionysische Seite des Aristoteles darstellt. Interessanterweise beschäftigen wir uns oft mit einer irrigen Vorstellung des Aristotelismus, wenn wir versuchen die Logik auf die Physik anzuwenden. Wir arbeiten mit einem physischen mathematischen Objekt. Es gibt ein solches Objekt nicht in der Realität. Es gibt also ein mathematisches Objekt, das rein apollinisch ist und es gibt ein physikalisches Objekt, das rein dionysisch ist.

Daraus folgt eine sehr wichtige Anmerkung. Um die physische Welt studieren zu können, müssen wir nicht die Logik, sondern die Rhetorik auf sie anwenden. Die Rhetorik ist eine strengere und präzisere Wissenschaft als die Physik. Hier müssen wir Heraklits Konzept der Dialektik und Rhetorik anwenden. Dabei stellt die Rhetorik eine Art Verletzung der Gesetze der Logik dar. Durch sie sagen wir Dinge, die nicht exakt dem entsprechen, was wir aussprechen. Das ist die Ironie. Die Ironie ist die Hauptfigur der Rhetorik. Ironisch ist etwas, wenn wir eine Sache sagen und eine andere Sache meinen. Für Slawen ist das ganz klar, da unsere Sprache rhetorisch und ironisch ist. Wir leben in einer ironischen Kultur, da wir niemals sagen, was wir meinen. Wir sagen eine Sache und meinen eine Andere, sprechen etwas Drittes und das Resultat ist etwas Viertes. Das ist die klassische rhetorisch-ironische Gesellschaft. Wir sind ein ironisches Völkchen. Unsere gesamte Sprache basiert auf Ironie. Doch ist die Ironie auch die wesentliche Figur der Rhetorik und sie stellt ebenfalls eine Verletzung der Gesetze der Logik dar. Nehmen wir als Beispiel die Metonymie, sie ist die Figur durch die wir sagen, wie viele „Viehköpfe“ wir haben, aber wir meinen damit Kühe oder Schafe und nicht nur ihre „Köpfe“. Wir verwenden rhetorisch einen Teil für das Ganze. Dies stellt aber eine Verletzung der Logik dar, denn wir zählen Köpfe, doch alle rhetorischen Figuren sind so. Wir sagen eine Sache und meinen eine andere. Synekdoche und Antiphrase sowie alle anderen rhetorischen Figuren bilden die physikalische Realität genau ab. Rein logisch können wir eine solche Präzision nicht erreichen, schlicht und ergreifend, weil das physikalische Objekt nicht zum intellektuellen oder mathematischen Objekt gehören kann. Mit der Logik können wir mathematische und geometrische Objekte studieren, aber wir sollten die physischen Objekte mit anderen, nämlich rhetorischen Methoden studieren. Und nur die rhetorische Methode kann streng und präzise genug sein, um die dialektische Struktur des Objekts abzudecken. Das Ding ist rhetorisch und nicht logisch, das ist sehr wichtig anzumerken.

Ich empfehle die frühen Texte Heideggers über Aristoteles, aber auch die aristotelischen Studien des frühen Husserls und Bretanos zu lesen, weil die phänomenologische Tradition in der Philosophie den aristotelischen Aspekt betont, den die vorhergehende Tradition ignorierte. Die Phänomenologen haben Aristoteles wiederentdeckt. Auch im griechischen Existenzraum existierte der dritte logos, der logos der Kybele, und wurde philosophisch nicht nur im Mysterium der Großen Mutter repräsentiert. Diese philosophische Tendenz des antiken Griechenlands wurde von Demokrit und Epikur repräsentiert, in Rom wurde sie von Lukrez vertreten. Diese drei Autoren waren typische Vertreter der antiken materialistischen und immanenten Tradition, weil es für sie keine patriarchalen Prinzipien gab und alles aus Atomen bestand. Sie bekannten sich (insbesondere Epikur und Lukrez) zum Konzept des Fortschritts, welches besagt, dass sich alles in eine positive Richtung entwickelt und zwar vom Geringeren zum Besseren, vom Bösen zum Guten hin. Dies war das Konzept, dass alles von unten nach oben wächst. Das Konzept des Fortschritts und der Evolution ist rein titanisch. Es war eine materialistisch-titanische Fassung des Kosmos. Die drei logoi waren in der griechischen Philosophie präsent, doch wichtig ist hierbei, dass der logos des Apoll (Platon und teilweise Aristoteles) und Heraklit (der dunkle logos wurde auch akzeptiert) als normbildend angesehen wurden. Demokrit und zu einem geringeren Grad Epikur wurden abgelehnt. Platon hatte vorgeschlagen, das Buch des Demokrit zu verbrennen, weil es eine sehr gefährliche Häresie darstelle und denn auch eine  Philosophie kann Gotteslästerung sein. Heute erkennen wir darin klar die Fortsetzung der indoeuropäischen Titanomachie oder Noomachie und den Moment der griechischen Kultur in der Noomachie, welcher auf dem Sieg des logos des Apoll in Freundschaft und Waffenbruderschaft mit dem apollinischen logos des Dionysos über den materialistischen logos der Kybele aufbaut. Das ist eine Erklärung der griechischen Tradition in aller Kürze. Dieser innere Dualismus wurde durch den Dualismus zwischen Sparta und Athen nach außen hin vertreten.

Wichtig ist hierbei die hellenistische Epoche. Viele Dinge wurden in dieser Epoche nach Alexander dem Großen verändert. Unter Alexander dem Großen hatte Griechenland seine Herrschaft um einen ganz neuen Existenzhorizont erweitert. Dies war der iranische Existenzhorizont. Dieser wurde nun in die mediterrane und griechische Kultur eingeführt. Und daraus enstand das Phänomen des Hellenismus. Hellenisch ist eine Sache und der Hellenismus ist eine andere. Wo liegt der Unterschied zwischen zwei Kulturen und Existenzhorizonten? Hellenisch ist der griechische Existenzraum wie wir ihn beschrieben haben. Hellenistisch hingegen ist der griechische Existenzraum plus weder der orientalische, östliche, asiatische oder semitische Existenzraum, wie es für gewöhnlich behauptet wird, sondern genau den iranischen Existenzraum. Er ist also nichts Vages oder irgendwie orientalistisches. Der Hellenismus wird als die griechische Kultur plus irgendetwas Orientalisches angesehen. Wenn wir aber das Phänomen der hellenistischen Zivilisation genau analysieren, entdecken wir eine sehr wichtige Sache, nämlich dass der Hellenismus strikt Griechenland plus Iran bedeutet und nicht Griechenland plus Ägypten, Semiten, Osten und Indien im allgemeinen Sinn. Es war der Iran, weil die iranische Zivilisation nicht nur aus der Kultur des Irans bestand. Sie war die Kultur des Achämenidenreiches, die neben ihr auch die ägyptisch-semitische Tradition miteinschloss und all diese antiken Kulturen in den iranischen logos transformierte. Er war der gemeinsame Nenner in dieser achämenidischen kulturellen Tradition und diesem Existenzhorizont. All das habe ich in meinem Buch „Der logos des Irans“ über den iranischen logos erklärt. Der Iran hat alle vorhergehenden Kulturen inkludiert und im Kontext seines eigenen zoroastrisch-mazdaischen Konzepts transformiert. Wir beschäftigen uns also mit Ägypten, mit der semitischen Welt und mit Babylonien nicht direkt, sondern durch das Achämenidenreich durch dieses iranische Konzept. Sie wurden iranisiert – was wir ägyptisch, semitisch, babylonisch nennen, waren in der Realität iranisierte Fassungen dieser Traditionen.

Ich schlage also vor, zwischen iranisch und iranistisch zu unterscheiden so wie wir zwischen hellenisch und hellenistisch differenzieren. Also war das Achämenidenreich nicht rein iranisch, nicht exklusiv iranisch, sondern inklusiv iranisch. Dies schloss die anderen Traditionen mit ein, transformierte sie aber im Zusammenhang mit dem iranischen logos. Der Hellenismus war gewissermaßen sein Erbe und Alexander von Mazedonien trat das Erbe dieses Iranismus zur Gänze an, weil das Reich Alexanders das selbe wie das Achämenidenreich war, nur umfasstes es zusätzlich Griechenland. Jedoch wird dieses Erbe fast immer ignoriert. Man sagt, dass „Alexander von Mazedonien das orientalische Erbe und nicht das iranische Erbe antrat“ weil wir die Erwerbung dieser neuen Territorien Alexanders des Großen mit griechischen Augen betrachten. In diesem Sinne sind wir Europäer (Russen, Serben, Franzosen, Deutsche) alle Griechen, weil für uns die griechische Geschichte unsere Geschichte ist und die iranische Geschichte die Geschichte des Anderen darstellt. Niemals betrachten wir die iranische Geschichte als die unsrige. Also war es die Eroberung ihrer Territorien durch unsere Hand. Und sie wurden nicht so klar unterschieden. Also müssen wir sie überwinden, ihre Kulturen inkludieren, aber wir gehen nicht ins Detail darüber, was genau wir übernommen haben. Sie stellten nur die eroberte Kultur dar. Wenn wir aber das alles aus der Perspektive der Iraner betrachten, ändert sich alles. Es gab eine Art iranischen logos. Doch was war die Essenz dieses iranischen logos die wir in unser Verständnis der europäischen Zivilisation miteinbeziehen sollten aufgrund des Hellenismus? Ich werde nun erkläre, was am Hellenismus so wichtig ist.

Der iranische logos gründet auf den folgenden wesentlichen Prinzipien: zuallererst ist es der Krieg des Lichtes. Dieser bedeutet, wie wir bereits gestern erwähnt haben, einen radikalen dualistischen Platonismus. Er besteht im Kampf des logos des Apoll gegen den logos der Kybele, erkennt aber die Macht und die Substanz sowie die autonome Natur dieses zweiten logos an. Das ist nicht der Fall im Adveita Platonismus, dem nicht-dualistischen Platonismus, wo die Dunkelheit lediglich die Abwesenheit des Lichtes darstellt. Nein, die Dunkelheit im iranischen Konzept ist ein lebendiges, mächtiges und schließlich den Sieg davontragendes Ding. Für Platon ist die Annahme, dass das Böse über das Gute siegen könne absurd, es ist absolut unmöglich. In der Welt des Apoll und des logos des Apoll ereignet sich der ewige Sieg des Lichtes über die Dunkelheit und es existiert folglich keine Dunkelheit. In der dualistischen iranischen Fassung existiert die Dunkelheit und die Dunkelheit ist Gott, aber ein anderer Gott. Die Nacht ist mächtig und kann siegen. Der Kampf zwischen ihnen wird zum ersten Mal ernst im Vergleich zum Platonismus und der Kampf mit dem logos des Apoll stellt etwas Ernstes und Dramatisches dar, den man auch verlieren kann. Daraus ergibt sich eine komplett andere Einstellung zum Leben. Sie ist apollinisch. Iraner zu sein, bedeutet das Licht für die Iraner zu tragen, es gibt keine andere Definition. Der Iraner ist der Sohn des Lichtes, in das Feld der Dunkelheit gestellt, um dort zu kämpfen. Dies ist also eine dramatische Version des logos des Apoll mit der Anerkennung der Substanz, der Realität und der Macht des logos der Kybele. Dies ist der reine Iran.

Im iranischen Selbstbewusstsein gründet die iranische Identität auf dem Konzept, dass nur die Iraner ein reines Volk des Lichtes sind und alle anderen Völker, inklusive der Turaner, Völker der Dunkelheit. Wir haben es hier also mit einer Art metaphysischen Rassismus der Reinheit in der iranischen Tradition zu tun. Und aus diesem heraus erklärt sich die Erlaubnis des Inzest. Inzest ist auf strengste in jeder Art von Kultur, egal ob primitiv oder entwickelt verboten, nur nicht in der Iranischen. Weil die Sorge um die Reinheit der iranischen Seele, des iranischen Körpers und des iranischen Blutes dominierte, überwog sie das Inzestverbot zwischen Bruder und Schwester sowie Sohn und Mutter. Das ist in der archaischen und der entwickelten Gesellschaft beinahe unvorstellbar und war verboten. Der Inzest stellte beinahe eine Verpflichtung dar, um die Reinheit des Lichtsohns zu retten. Dies ist also eine extreme Form des apollinischen logos, aber auch die iranische Tradition. Der Iranismus schloss jedoch auch Ägypter, Semiten, Babylonier und andere Völker mit ein, er war also nicht so sehr exklusiv iranisch. Der Iranismus ist eine Art symbolische Übertragung der Qualität des Lichtsohns, nicht direkt vom konkreten körperlichen Material, sondern vielmehr vom Verständnis dessen, was der Lichtsohn als eine Art Metapher bedeutet. Der Iranismus ist also nicht iranisch, er ist nicht so exklusiv. Er ist in anderen Konzeptionen eingebettet. Das Konzept des Krieg des Lichtes wird in einem breiteren Sinne akzeptiert.

Doch gab es noch ein anderes Konzept der iranischen Tradition, das der griechischen Gesellschaft nicht bekannt war, die Idee der Zeit und die Idee der Geschichte. In der platonischen Weltsicht gibt es keine Geschichte und keine Vorstellung von Zeit als etwas Bedeutsames. Es gibt immer nur das Gleiche, den Zyklus von Geburt und Tod des Gleichen. Das ist die ewige Wiederkehr der Dinge, reiner Platonismus ohne Vernunft, ohne Fortschritt, ohne Rückschritt. Wir haben es hier mit einem komplett anderem Zeitverständnis zu tun. Sie kommen von der Quelle und sie kehren zu ihr zurück, das ist alles. Und was innerhalb dieses sublunaren Zyklus passiert, hat keine Bedeutung, kein Wissen, keinen Sinn, keine Richtung, keine Zeit und keine Geschichte. Wir haben es hier also mit der Geschichte der Ewigkeit zu tun. Die platonische Geschichte ist die Geschichte der Ewigkeit und die Zeit stellt eine Reflexion der Ewigkeit dar, also existiert sie nicht in dem uns geläufigen Sinne. Doch nur in der iranischen Tradition nimmt die Zeit Bedeutung an, weil die iranische Tradition annimmt, dass am Anfang Licht über der Dunkelheit lag. In der zweiten Phase der iranischen Geschichtssequenz fällt die Dunkelheit in das Reich des Lichts ein und beginnt es zu zerstören, stört, pervertiert und untergräbt die Normen im Reich des Lichts. Im nächsten Moment gelingt es der Dunkelheit das Licht zu überwinden und zu besiegen. Und am Ende herrscht die Dunkelheit, doch es kommt zu einer großen Wiederherstellung und Auferstehung mit der Erscheinung des auserwählten Saoschjant, der zum König und Retter der Menschheit wird. Die Zeit erscheint nun also, weil sie jetzt an Bedeutung gewinnt. Bei Platon spielt die Zeit keine Rolle. Dort gibt es keine Logik. Und hier taucht die Geschichte auf. Hier erscheinen die Zeit und die Eschatologie, hier erscheinen der Messianismus und der Messias. Hier betritt der König der Welt die Bühne, der erscheinen und das Königreich des Lichtes wiederherstellen muss, nach seiner Verwüstung im Krieg des Lichtes. Und so findet die Wiederauferstehung der verlorenen Perfektion der Schöpfung des Lichtes statt. Das ist der Iranismus. Während wir uns damit beschäftigen, wie mit etwas, das uns sehr nahe ist, war all das den Griechen komplett unbekannt. Das liegt an dem rein iranischen Einfluss, den wir an der Geschichte, Zeit, Wiederauferstehung, Eschatologie und der Bedeutung der Zeit festmachen können. In der griechisch-platonischen Welt hat die Zeit überhaupt keine Bedeutung. Nur die Rückkehr zum Ursprung ist wichtig, Zeit und Geschichte sind irrelevant. Hier gibt es nur das Beispiel vergangener Helden um es zu wiederholen. Die Helden der Vergangenheit funktionieren dabei als Paradigmen, als Ideen. Und hier erscheint die Geschichte. Genau an diesem Punkt manifestiert sich diese gänzlich neue iranische Perspektive und mit den Eroberungen Alexanders des Großen tritt dieses philosophische und metaphysische Erbe in die mediterrane-griechische Kultur ein. Was außerhalb war, wurde Teil des Inneren.

Es gibt die Vorstellung, dass die Zeit, der Messianismus und die Geschichte allesamt von den semitischen Juden durch die Bibel gebracht wurden. Aber wir wissen von der Bibel erst nach der Babylonischen Gefangenschaft. Während der babylonischen Gefangenschaft herrschte das Achämenidenreich, das den iranischen logos unter den Juden verbreitete. Das späte Judentum, das wir kennen, das mit dem Konzept des Messias, der Endzeit und der Wiederauferstehung verbunden ist, ist eine iranische Redigierung des rein semitischen ursprünglichen Judentums. Die Zeit und die Geschichte waren iranisch und hellenistisch. Der Hellenismus ist so wichtig für die europäische Kultur und für jeden europäischen Existenzhorizont, weil er auf genau zwei konzeptuellen Säulen aufbaut und nicht nur auf einer. Er besteht nicht aus der griechisch-hellenischen Kultur und etwas Orientalischen oder Semitischen. Er ist griechisch und iranisch. Der Hellenismus ist gleichzeitig auch Iranismus und die hellenistische Kultur und die hellenistische Welt waren genau der Existenzraum, welcher das hellenistische Dasein schuf. Das hellenistische Dasein war die Grundlage der europäischen Kultur in ihrer nächsten Phase. Wichtig ist hier zuallererst zu erwähnen, dass der hellenistische Raum und das Dasein das Herrschaftszentrum verändert hatten. Dies zog eine Verschiebung von der griechischen zur römischen Dominanz nach sich. Das alte Rom vertrat den logos des Apoll in Italien. Die Eroberungen Roms im Mittelmeerraum zogen die Eroberung der hellenistischen Welt nach sich. Und dies stellte auch eine Verschiebung von den Römern zum Römischen Reich und der späten Republik dar, weil all dies lange vor dem Reich begann. Nach dem Sieg über die Griechen begann sich die römische Kultur zu verändern, die römische Kultur wie wir sie heute kennen ist das hellenistische Rom. Doch setzt sich der Hellenismus aus griechischen und iranischen Elementen zusammen. Der römische Mithraskult und viele andere Aspekte wurden aus hellenistischen Quellen übernommen. Genau dieser griechisch-römisch-iranische Hellenismus in seiner römischen Fassung verbreitete sich bis ins nördliche Westeuropa und auf den Balkan. Die römischen Eroberungen waren also in ihrer kulturellen Dimension hellenistisch. Überall wo die römischen Soldaten hinkamen, brachten sie den Hellenismus mit sich.

Was aber war der Hellenismus? Der Hellenismus war der logos des Apoll in der griechisch-platonischen Tradition, der logos des Dionysos in der griechisch-mysteriosophischen und auch heraklitischen Tradition, ebenso wie der logos des Apoll in seiner iranischen Version, dualistisch mit einer Vorstellung der Zeit, einem Konzept des Krieges des Lichtes, mit einer messianischen Eschatologie und keinem logos der Kybele. Der logos der Kybele war in den Tiefen des Existenzraumes anwesend, wurde aber nicht klar repräsentiert. Er kam nur in Zusammenhang mit Pergamon vor und einer Geschichte über die Prophezeiung der Sibylle, welche dazu aufrief den schwarzen Stein der Kybele von Phrygien nach Rom zu bringen, aber alles das ist mehr oder weniger marginal. Es gab zwar eine Art matriarchalen Kult im römisch-hellenistischen Reich, aber er war nicht dominant. Die dominante Kultur war apollinisch, griechisch-apollinisch, iranisch-apollinisch und griechisch-dionysisch, eben genau weil der Hellenismus die Kultur des Römischen Reiches darstellte. Und das war das Christentum, denn das Christentum wurde über diesem Raum errichtet und stellte die logische Fortsetzung derselben Kultur dar, die Christianisierung des Hellenismus in seiner gräco-romanischen Fassung. Der iranische Aspekt im Christentum war entscheidend. Aber nun sehen wir den römischen Hellenismus mit dem dominierenden logos des Apolls. Dieser wurde mit einigen Aspekten der dionysischen Kultur bis zur Moderne bewahrt. Der lateinische logos, der auch der logos des Römischen Reiches ist, ist hellenistisch, ebenso römisch in seinen tiefsten Wurzeln, aber hellenistisch und gräco-iranisch auf der nachfolgenden Ebene. In der römischen Kultur waren einige Aspekte des Dualismus stärker akzentuiert als im byzantinischen Christentum. Der Heilige Augustinius war in seiner Jugend Manichäer. Der Manichäismus ist eine Form des Iranismus und dieser ist dualistisch. Dementsprechend ist das manichäische und iranistische in Rom ein kleines bisschen präsenter als in Byzanz, wo ein viel dionysischeres Gleichgewicht herrscht. Man könnte auch sagen, dass in der byzantinischen Orthodoxie ein nicht dualistischer Platonismus vorherrscht, während im römisch-lateinischen Katholizismus eine dualistische Lesart des Platonismus dominiert. Nichtsdestotrotz gründete das römisch-katholische Reich auf dem logos des Apolls mit einem mehr an Dualismus und einem weniger an dionysischen Elementen, es war aber gleichzeitig rein indoeuropäisch. Genau darin lag das Schicksal Italiens bis vor kurzem. Die Bewahrung des apollinischen logos war der Moment der Noomachie für Italien, er lag darin der Ort zu sein, wo Rom war, das Zentrum des Römischen Reiches, von den germanischen deutschen indoeuropäischen Stämmen überrannt zu werden, einen neuen Staat zu erschaffen, aber dennoch gegenüber dem Christentum in seiner katholischen Form, diesem christianisierten Hellenismus bis zum Ende gegenüber treu zu bleiben.

Die letzte Form davon finden wir, wenn auch in einer sehr modernisierten und pervertierten Weise, im italienischen Faschismus vor. Er war die Fortführung der apollinischen Haltung. Er war eine vertikale Hierarchie in moderner Fassung, er stellte eine Art gerade Linie dar. Davor fand das Tridentinische Konzil statt, indem der Katholizismus sich weigerte, den Weg des Protestantismus zu gehen. Die Verteidigung der katholischen Identität und der apollinisch-römischen Identität waren das Schicksal des italienischen Existenzhorizontes. Der Faschismus war also nicht nur eine Karikatur. Er lieferte zwar in gewissen Aspekten eine absolute Karikatur der römischen Tradition , denn alles in der Moderne war eine Karikatur, aber gleichzeitig war in ihm etwas Logisches und er stellte die Fortsetzung der römischen Tradition auf eine sehr besondere Art und Weise dar, er war ihre Fortführung und Verteidigung.

Den nächsten Existenzhorizont Europas finden wir in Frankreich vor und in der keltischen Tradition. Worin liegt die Besonderheit des keltischen Existenzhorizonts? Es ist die Macht des weiblichen Prinzips, die Kraft der Mutter. Die keltische Tradition besitzt frische matriarchalische Wurzeln, daher war die keltische Christenheit viel freundlicher gegenüber dem Feminismus eingestellt. Es ranken sich viele Legenden und Mythen um die Insel der Mütter. Der Tod wurde als weiblich angesehen. Vielleicht gründete auch die Tradition der mittelalterlichen Ritter mit dem Kult der Liebe auf dieser keltischen Traditionen. Der Autor Denis de Rougemont versuchte sich dem Quellenstudium zu widmen und verfasste das Buch „Die Liebe und das Abendland“, indem er den Wurzeln der Tradition der glorifizierten Liebe in der ritterlichen Kultur des Mittelalters nachspürte. Auch hier finden wir im keltischen Einfluss eine sehr starke Präsenz der Großen Mutter. Ich gab dem Buch über die französische Kultur den Titel „Der französische logos: Orpheus und Melusine. Melusine war der Name einer weiblichen Fee, die einen weiblichen Drachen in der keltischen Mythologie darstellte. Orpheus war ebenfalls eine sehr wichtige Figur thrakischen Ursprungs in der französischen und keltischen Kultur, weil die Idee, in das Zentrum der Hölle hinabzusteigen um das weibliche Prinzip zu treffen, das dort haust, gewissermaßen das Schicksal der französischen Kultur in ihrem besten und schlechtesten Aspekt ist. Dies war eine Art Reise zum Mittelpunkt der Erde um die Weiblichkeit, die Mutter zu entdecken.

Der deutsche logos unterschied sich stark von dem der Kelten. Es war heroisch, kriegerisch und apollinisch. Und es gab einen Kampf gegen die chthonischen Kräfte, der in gewisser Weise dem iranischen Fall ähnelte. Dieser ist ein ewig andauernder Kampf. Deutscher zu sein, bedeutet zu kämpfen. Die Deutschen kämpfen pausenlos gegen Schlangen, Drachen, gegen jeden um sie herum. Wenn wir uns an Gilbert Durand erinnern, ist dies der paranoide Typ der Kultur, aber sehr stark patriarchal ausgerichtet mit anelygenischen Beziehungen zu den Walküren. Die deutschen Frauen ähneln also mehr den deutschen Männern. Sind sind vom selben Schlag. Sie sind kämpferisch wie Brunhilde. Das ist eine Art heroische Gesellschaft und ihr Schicksal liegt im Kampf gegen die Titanen. Wenn die Deutschen jedoch ihrem Schicksal folgen, kämpfen sie so ernsthaft und fanatisch, dass sie nicht den Moment erkennen können, indem ihr Kampf selbst titanisch wird. Sie kämpfen so viel und so hingebungsvoll, dass sie die natürlichen Grenzen überwinden, was ein titanischer Aspekt ist. Folglich beginnen sie sich selbst zu zerstören und jeden um sie herum. In Hitler tritt der titanische Aspekt des wahrhaft deutschen Geistes klar zu Tage. Es war eine gute Idee Großdeutschland zu schaffen, aber es war keine gute Idee alles zu zerstören und danach Deutschland selbst mit dieser Maßlosigkeit zu vernichten. Es gibt den griechischen Begriff „Hybris“ der die Abwesenheit jeglicher Mäßigung bedeutet. Wenn Sie zum Beispiel ihren Feind im Kampf töten, dann ist das gut für das heroische Ethos. Wenn Sie aber zum Beispiel sein Kind schänden, um den Kampf fortzusetzen, dann handelt es sich hierbei um Hybris. Das passiert, aber es wird nicht als besonders heroisch betrachtet, ebenso wie die Vergewaltigung von Frauen, die ebenfalls ein Teil des Krieges ist. Aber es handelt sich hierbei um Hybris. Vielleicht ist es in einer bestimmten Situation Hybris und in einer anderen nicht, aber es handelt sich dabei in jedem Fall um ein Übertreten natürlicher Grenzen. Im deutschen Fall erkennen wir den rein apollinischen Kriegergeist der manchmal die Grenzen übertritt und die Feinde der Titanen werden dadurch selbst zu Titanen. Sie versuchen also, den Anderen zu überwinden und tauschen dabei den Platz mit ihm in der Geschichte. Indem sie als Krieger des Himmels gegen die Erde kämpfen, fangen sie an, die Erde mit chthonischen Methoden zu bekämpfen.

In der iranischen Tradition gab es die bedeutende Idee, dass das Heer des Lichtes schwächer ist, als das Heer der Dunkelheit und seine Niederlage ein notwendiges Element für die Wiederauferstehung und den endgültigen Triumph darstellt. Dieser sehr bedeutende metaphysische Aspekt verdeutlicht uns, dass Sie um zu siegen zunächst eine Niederlage gemeinsam mit dem Licht erleiden müssen. Wenn das Licht sterben sollte, ist es besser, mit ihm unterzugehen, als mit der Dunkelheit zu siegen. Die Gewalt hat also nicht das letzte Wort. Das letzte Wort haben die Wahrheit und das Licht. Die Idee lag also darin, dass wenn wir ein gewisses Maß überschreiten, Grenzen hinter uns lassen und zu viel kämpfen, wir alles zerstören können. Darin liegt das deutsche Schicksal und der deutsche logos. Im Falle des deutschen Protestantismus gab es am Anfang die ungemein wichtige Idee, dass Christus in uns ist, nicht nur außerhalb von uns, nicht nur zum Kult gehört und nicht nur von außen kommt. Christus kommt von Innen. Das war die eigentliche Idee des Protestantismus. Der Platonismus und die deutschen Mystiker wie etwa Meister Eckhart waren im Inneren des Zentrums des frühen Protestantismus. Aber ohne Maß artet es zur Hybris aus und wird zu etwas ganz anderem: zu Individualismus, Rationalismus, der Abwesenheit der Mysterien, dem Fehlen von Demut im Angesicht Gottes. Das war der häretische Arianismus, es handelte sich hierbei um eine Rückkehr des Arianismus. Der Protestantismus war also in seinen besten, als auch in seinen schlechtesten Aspekten deutsch. Er ist die titanische Version des Christentums, weil der Katholizismus und die Orthodoxie seine apollinische Fassung darstellen. Aber der moderne Protestantismus und insbesondere der Calvinismus sowie die anderen radikalen Versionen des Protestantismus sind nicht christlich, sie sind titanisch.

Wir kommen nun also zu England und dem britischen Horizont. Als ich mich in die britische Geschichte vertiefte, kam ich zu dem Schluss, dass ich kein Buch über den „englischen logos“ schreiben konnte, weil es mir nicht möglich war, den englischen logos zu finden, jedoch entdeckte ich eine profunde Dualität in der englischen Kultur. Einerseits war hier der keltische Pol, vertreten durch die Waliser, Irland und Schottland, die Teil der keltischen Welt und des keltischen Existenzhorizonts sind. Dieser ist gewissermaßen auch ein Teil Frankreichs mit der selben Faszination für das weibliche Prinzip, mit dem selben Abstieg in die Hölle, der schwarzen Romantik und so weiter. Der keltische Teil ist nicht nur irisch und schottisch, er umfasst auch Wales und das Innere der englischen Gesellschaft selbst. Die Stuartdynastie war keltisch, die keltischen Elemente lassen sich also im Inneren der englischen Identität verorten, sie sind nicht außerhalb von ihr. Außerhalb finden wir die radikalen Aspekte in Irland, Schottland und Wales. Aber die Mehrheit der Population der Britischen Inseln bestand aus germanisierten Kelten. Der andere Pol ist also deutsch.

Diese Mischung keltischer und germanischer Elemente schuf also weder einen neuen logos, noch einen neuen Existenzhorizont. Vielmehr brachte sie die englische Schizophrenie und Bipolarität hervor. Hier besteht eine unausgeglichene Mixtur zwischen deutschen und keltischen Elementen, die zu keiner Synthese gelangte, hier kam es zu einer Verwirrung gegensätzlicher Elemente. Sie schufen keinen geeinten logos und keine vereinte Identität, sie schufen vielmehr eine bipolare Gesellschaft die im Inneren sehr unruhig ist. Ein weiteres Beispiel für die Beziehungen zwischen keltischer und deutscher Identität stellen die Schweiz, Belgien und all jene Länder dar, welche aus dem Erbe Lothars hervorgingen, dem dritten Erben von Karl dem Großen. In der Schweiz besteht ein sehr fragiles Gleichgewicht zwischen den beiden Identitäten. Es handelt sich hierbei nicht um eine Synthese, sondern um eine Harmonisierung. Was wir im Fall Englands sehen, ist hingegen eine absolute Disharmonie, die Abwesenheit jeglicher Harmonie. Hier existiert ein sehr aggressiven deutschen Teil und ein extrem depressiver keltischen Teil. Beide zusammen formen kein holistisches Ganzes, nichts innerliches. Sie bilden vielmehr eine bipolare Entität mit einem tiefen Konflikt im Inneren, den es in sich selbst nicht lösen konnte, also trug es diesen Konflikt in Form der Expansion des Britischen Empire nach außen. Es expandierte als eine Art Explosion dieser zwei gegensätzlichen Identitäten, die keinen gemeinsamen logos bilden konnten. Der Konflikt schuf das Britische Empire des Kapitalismus, Imperialismus und Liberalismus. Wenn der französische keltische logos zum Beispiel viel dionysischer ist mit vielen Aspekten des schwarzen Dionysos und der deutsche logos apollinisch ist mit einer Möglichkeit sich situationsbedingt ins Titanische zu wandeln, dann übernahm die englische Kultur und Identität den schwarzen Dionysos und den titanischen Aspekt des deutschen logos, vereinte sie auf eine sehr konfliktreiche Art und Weise und expandierte über den ganzen Erdball. Wir haben es hier also nicht mit einer Art von Kolonialismus zu tun, sondern mit einer Krankheit, die im Inneren nicht geheilt wurde und auch nicht geheilt werden konnte. Dies manifestiert sich im Hauptmythos Englands, dem Kampf zwischen dem roten Drachen und dem weißen Drachen und ist der Anfang seiner Geschichte. Der rote Drache repräsentiert die keltische Identität und der weiße Drache die deutsche Identität. Der Kampf dieser beiden Drachen dauert bis heute an. Auch die Explosion des Britischen Empires änderte nichts an diesem Umstand und heilte nicht den englischen Geist. Der englische Geist bleibt krank und bipolar, doch nun ist er dazu verpflichtet, sich diesem nie enden wollenden Kampf in seinem Inneren zu stellen. Das ist eine sehr interessante Idee – es gibt keinen englischen logos. In Frankreich können wir den logos ausmachen, ebenso in Deutschland. Wir können den logos in Italien, Griechenland und anderen Ländern identifizieren, aber nicht in England.

Es gibt einen nordamerikanischen logos. Südamerika stellt eine Fortsetzung des lateinischen logos mit einer apollinischen Struktur dar. Er wurde in die präeuropäische Population nicht ohne Probleme im Rahmen einer Synthese eingebettet. Und die Angelsachsen brachten ihre Krankheit nach Nordamerika. Dies begann damit, dass sie die Kultur der Indianer zerstörten und sie nicht in ihre Gesellschaft integrierten. Als Ergebnis schufen sie eine absolut kranke nordamerikanische Gesellschaft als Fortsetzung des selben Problems. Es gibt jedoch eine Art amerikanischen logos in der pragmatischen Philosophie. Die Lösung für sie ist der Pragmatismus als wesentliche Tendenz in der nordamerikanischen Philosophie. Was ist Pragmatismus? Er stellt die Idee dar, dass es kein normatives Wissen über das Subjekt gibt und das es kein normatives Wissen über das Objekt geben kann, sowie das es die Interaktion in der Praxis gibt. Wenn etwas funktioniert, ist es. Wenn etwas nicht funktioniert, dann geht es sich vielleicht beim nächsten Mal aus. Es gibt kein Konzept dafür, was ein Subjekt oder ein Objekt sein sollen, davon was die Materie, die Natur, der Kosmos oder die menschliche Seele sein sollen. Wir könnten vortäuschen jedermann zu sein – Elvis Presley, ein Marsmensch, ein Angelsachse, jedermann. Wenn es funktioniert, dann ist es schön. Wenn es nicht funktioniert, dann ist das schlecht für Sie. Wir können die Welt also behandeln wie wir wollen. Darin liegt eine Art von pragmatischer Freiheit. Auf diese Art und Weise versuchten die amerikanischen Philosophen, Heidegger zu adaptieren. Heraus kam dabei nicht Heidegger, sondern seine amerikanische Lesart, weil sie nur an das Glauben, was dazwischen ist, an die Interaktion, das Praktische. Wenn Sie zum Beispiel eine Zeitmaschine bauen wollen, um in vergangene Zeiten zu reisen, steht Ihnen frei, das zu tun, weil etwas passieren könnte. Vielleicht reisen sie nicht in die Vergangenheit, aber Sie könnten neue Elemente entdecken oder neues Wissen erwerben, welches sie verkaufen könnten oder eine neue Flasche für Coca-Cola. Sie sind komplett frei zu tun, was auch immer sie wollen, da es keine Grenzen des Objekts oder Subjekts gibt, es gibt kein Innen und kein Außen, nur Interaktion. Die Interaktion ist praktisch und pragmatisch wenn sie gut für Sie ist. Das ist der amerikanische logos. Er ist sehr besonders und nicht angelsächsisch, er ist etwas anderes.

In der gegenwärtigen Epoche des Globalismus erleben wir den Verlust von diesem logos, weil Amerika nicht vortäuschen kann, kolonialistisch zu sein, da der Kolonialismus ein klar definiertes Ziel hat. Amerika ist also nicht mehr amerikanisch, es befindet sich in der Hand einiger anderer Gruppen. Der amerikanische logos ist nicht so beschaffen, er ist pragmatisch und kann kein Ziel tolerieren. Sie können handeln und etwas passiert oder passiert nicht und Sie können sich glücklich fühlen oder nicht, aber Sie können alles ausprobieren und Sie sollten niemanden etwas vorschreiben. Die politische Korrektheit hingegen ist antiamerikanisch und antipragmatisch. Sie können alles sagen, alles tun und die Denkmäler errichten, die sie wollen oder gar keine Denkmäler, weil es innerhalb und außerhalb nichts gibt, nur Interaktion. Das ist also das rein Amerikanische in seiner besten oder schlechtesten Verfassung, der amerikanisch-pragmatische logos. In der Gegenwart ist Nordamerika aber nicht so, es ist anders.

Das ist die Analyse mehr oder weniger verschiedener Existenzhorizonte und Kulturräume der europäischen Zivilisation. Ich habe bereits einige Worte über die Slawen verloren. Wir sind eine indoeuropäische Gesellschaft, die während der letzten Jahrhunderte unter großen Einfluss des Westens stand, daher teilen wir zum Teil die Probleme der Deutschen, Franzosen, Briten, Griechen und Lateiner. Wir werden eine eigene Einheit über die serbische Identität halten, ich möchte daher dem nicht vorgreifen. Was ist aber unser slawischer logos? Er ist offensichtlich ein Teil des hellenischen Kulturraumes, da alle anderen Identitäten, die ich beschrieben habe das Ergebnis dieses christlichen Hellenismus in verschiedenen Kombinationen sind. Ebenfalls klar ist aber auch, dass wir so etwas wie den slawischen logos als etwas bereits Abgeschlossenes nicht besitzen. Das Interessanteste an ihm ist, dass er gerade deswegen für uns eine Herausforderung ist, weil er ein offener logos ist. In einem eigenen Buch habe ich die Möglichkeit einer russischen Philosophie aufbauend auf Heidegger untersucht. Ich habe bis jetzt noch nicht den letzten Band der Noomachie geschrieben, welcher sich dem russischen logos widmen wird, egal ob er möglich sein wird oder nicht. In meiner Beschäftigung mit der osteuropäisch-slawischen Tradition habe ich festgestellt, dass ein slawischer logos möglich ist und wir ihn an einem Punkt in der Geschichte erreichen werden.

Wir kamen in eurer Geschichte mit Dušan dem Mächtigen diesem Moment sehr nahe, aber auch während des ersten und zweiten bulgarischen Königreichs in der Geschichte der Bulgaren, während des polnisch-litauischen Königreiches und während der Herrschaft Großmährens. Wir haben aber niemals die endgültige Version dieses osteuropäischen logos erreicht, auch in Russland nicht. Unser Existenzhorizont ist also noch nicht vollendet, er hat noch nicht seine letzte Form erhalten und genau darin liegt vielleicht unsere historische Herausforderung. Die slawophilen Denker hatten erkannt, dass wir in der Geschichte später ankamen, als die anderen, zu einem Zeitpunkt, als es bereits ein großes Gebäude der deutschen Philosophie, der deutschen politischen Geschichte, der französischen Philosophie, der römischen Philosophie, griechischen Philosophie und auch derer politischen Geschichte gab. Wir Slawen sind dort erst ein bisschen später angekommen, nicht in der Geschichte, sondern im Verständnis der Geschichte, des logos unserer Geschichte und unserer Philosophie. Unsere Philosophie ist ein bisschen kindisch und infantil. Ein großartiges Beispiel dafür ist der intellektuelle Reichtum unserer großen Denker wie etwa Dostojevsky, aber all das ist nur die Ahnung der Ankunft unseres logos und nicht der logos selbst. Wir leben in der Erwartung des slawischen logos. Wenn wir etwa die Vergangenheit studieren, können wir viele heroische Taten erblicken, aber wir können nicht sagen „Das ist unser logos!“ Nein, er ist etwas Anderes. Es gibt den Heiligen Sava, der am Beispiel Serbiens für die Erwartung des serbischen logos steht, für die Erwartung der Geschichte. Die Gründung der Nemanjadenynastie, Russlands Iwan der Schreckliche und andere Momente in unserer slawischen Geschichte stellten die Erwartung des logos dar, aber nicht den logos selbst. Dies ist meine persönliche Meinung und es ist noch immer am schwierigsten den eigenen logos zu beschreiben anstatt den der anderen, weil es eine tiefe Introspektion innerhalb unserer eigenen Kultur verlangt.

Nichtsdestotrotz sollten wir uns eingestehen, dass wir für viele Jahrhunderte unter dem Einfluss anderer Existenzhorizonte standen, die viele Dinge in unserem gegenwärtigen Bewusstseins definierten. Das wird immer die wissenschaftliche Wahrheit bleiben. Wir haben unsere Identität und den Kern unseres slawischen Existenzhorizonts erhalten. Vielleicht ist er in den Tiefen verschüttet, aber er existiert noch immer, wie der serbische Widerstand gegen die Globalisierung deutlich beweist. Dies ist eines der Beispiele, und ja, er endete in einer Niederlage, aber die Schlacht auf dem Amselfeld endete auch in einer Niederlage. Aber auf dieser Niederlage baut der künftige Sieg auf. Auf dieser Niederlage, auf dieser Kapazität, Widerstand zu leisten, gründet die zukünftige Wiederauferstehung. Das ist nicht nur der Tod als Niederlage, sondern der heroische Tod. Er stellt immer das Versprechen der Wiederauferstehung dar. Um die Wahrheit zu sagen, konstatiere ich eine sehr pessimistische Haltung in der modernen slawischen Gesellschaft, aber gleichzeitig bin ich sehr optimistisch, was die Möglichkeit der Vollendung dieses logos anbelangt. Bis jetzt ist er nicht vollendet, aber er stellt die große Herausforderung für die kommenden Generationen der slawischen intellektuellen Elite dar, welche die Aufgabe hat, unsere gesamte geschichtliche Erfahrung (nicht die historische) und die geschichtliche Sequenz unserer ontologischen Existenz in der Welt zum Ziel zu bringen. Ich denke, dass wir die Kulturen der anderen europäischen Völker studieren sollten. Wir müssen diese Existenzhorizonte gründlich studieren, um zu verstehen, wer wir sind und wer um uns herum lebt, mit wem wir es zu tun haben, wer die Unterdrücker sind, wer unsere Retter, Freunde und Feinde, aber in der Hauptsache, um zu verstehen, wer wir sind. Denn ohne zu wissen, wer die Anderen sind, können wir selbst uns nicht definieren. Wenn wir uns selbst verstehen, verstehen wir den Anderen. Um also diesen slawischen logos zu etablieren, reetablieren oder zu entdecken, müssen wir also auch den logos und die Geosophie der europäischen Welt studieren, der indoeuropäischen Welt und ihrer Völker. Darin liegt die Wichtigkeit der Noomachie.

Der christliche Logos

(Siebente Einheit) 

Die siebente Vorlesung widmet sich dem christlichen logos. Wir führen nun eine kurze noologische Analyse des Christentums und der christlichen Tradition durch, ich möchte festhalten, dass sie nicht dogmatisch ist. Wir sehen das Christentum als kulturelles, soziales, politisches, strukturelles und philosophisches Phänomen an. Also verteidigen wir weder das Christentum, noch greifen wir es an – auch wenn ich selbst orthodoxer Christ bin, werden wir das Christentum in der noologischen Analyse korrekt behandeln und nicht zu sehr auf unseren konfessionellen Vorlieben bestehen. Darin besteht die noologische Analyse. Wir diskutieren nicht die Wahrheit oder die Häresie, was wir als dogmatisch korrekt oder häretisch definieren. Alles worüber wir sprechen wir von einem noologischen Standpunkt aus betrachtet werden, der Sichtweise der strukturellen Analyse.

Zuallererst ist festzuhalten, dass, wenn wir das Christentum und die christliche Doktrin von einem noologischen Standpunkt aus betrachten, der auf der Geosophie und den drei logoi gründet, wir mit Leichtigkeit von Anfang an einige allgemeine Prinzipien das Christentums betrachtend formulieren können. Zunächst ist der logos des Christentums klar apollinisch. Er ist vor allem vertikal. Das Konzept des Gottvaters, des himmlischen Vaters, der heiligen Dreifaltigkeit und der Transzendenz des Schöpfers im Angesicht der Schöpfung schafft eine Art traditionellen logos des Apoll, den wir bereits kennen. Das ist die reine vertikale Organisation des metaphysischen Raumes. Hier gibt es einen himmlischen Vater (keine Mutter), der sich im Himmel befindet und die Welt erschaffen hat – das ist Transzendenz. Hierbei haben wir es mit einer Art Abstieg von der Spitze nach Unten zu tun. Die Schöpfung reicht von der Ewigkeit bis zur Zeit, vom Himmel zur Erden, von Gott zum Menschen und den anderen Kreaturen. In den grundlegenden dogmatischen Prinzipien finden wir die apollinische Logik wieder. Alle drei Personen der Dreifaltigkeit werden als männlich und maskulin angesehen. Sowohl Gottvater, Gottessohn und Gottes heiliger Geist, es ist sehr wichtig, dass alle drei als männliche Figuren gesehen werden. Dies ist in symbolischer Hinsicht von großer Bedeutung. Die Beziehung zwischen der Schöpfung und dem Schöpfer ist hierarchisch. Die Schöpfung muss dem Schöpfer untergeordnet sein. Wir haben es hier also mit einer Hierarchie zu tun und in der Vertikalität sehen wir die grundlegende Eigenschaft der christlichen Tradition. Dies ist die patriarchale Essenz der christlichen Tradition.

Und indem wir das annehmen, können wir sagen, das es kein Zufall ist, dass sich diese Tradition gerade in der indoeuropäischen Welt zuerst entwickelt hat (in Griechenland, Rom und Europa). Das Christentum wurde zur normativen Tradition für die indoeuropäische Gesellschaft. Nicht für alle Gesellschaften, aber zumindest für den westlichen Teil der indoeuropäischen Gesellschaft, wo das Konzept Gottes in den grundlegenden Zügen des christlichen Gottvaters mehr oder weniger mit Zeus, Jupiter und den männlichen Göttern der vorchristlichen Zeit übereinstimmte. Es war einfach, den himmlischen Vater im Volksbewusstsein mit einem anderen zu ersetzen. Denn die Figur wird in der deutschen Sprache mit dem Wort „Gestalt“ beschrieben. Das ist die Figur, keine exakte Beschreibung der Person an sich, sondern eine Beschreibung ihrer Qualitäten. Die Gestalt ist eine Art Rahmen für den himmlischen Vater, der der selbe war. Wir haben es hier also mit einer Kontinuität von der vorchristlichen zur christlichen Tradition zu tun. Diese Kontinuität baute auf einer Struktur auf, auf einem Rahmen, einer Gestalt, auf der Typologie der Zivilisation, was sehr wichtig hervorzuheben ist. Wir können beobachten wie die Griechen, Lateiner, Deutschen, Kelten und Slawen eine Figur des himmlischen Vater anstatt einer anderen akzeptierten. Dies war also eine Transformation die nicht die Struktur der Weltanschauung der indoeuropäischen Völker berührte. Wir haben es hier also mit einer Art Kontinuität zu tun.

Dies wurde in der Philosophie von einigen der ersten christlichen Märtyrer erklärt, wie zum Beispiel jener Clemens von Alexandrias oder Justin dem Märtyrer, welche besagten, dass es zwei Zweige der Tradition gibt (nicht nur der jüdischen Tradition vor dem Christentum.). Es gab auch die hellenische Tradition, die den zweiten Zweig darstellte und ebenso heilig war. Sowohl die jüdische, als auch die hellenische Tradition im Christentum wurden transformiert und aufgeklärt, in etwas korrekteres und wahreres, folgen wir Clemens von Alexandria und Justin dem Philosophen. Es gab also in den ersten Stufen der Ausarbeitung des Christentums zwei Quellen, nicht nur die jüdische, sondern auch die hellenische, indoeuropäische Quelle. Dies wurde zuallererst im christlichen Platonismus ausgedrückt. Der christliche Platonismus begann mit den Aposteln selbst. Denn im Johannesevangelium heißt es: „Am Anfang war das Wort.“ Am Anfang war der logos und der logos ist nicht nur das Wort, so wie wir es übersetzen würden. Der logos ist nicht nur das Wort. Er ist der Intellekt. Er ist der nous in einigen Aspekten. Er ist ein sehr kompliziertes Konzept der griechischen Philosophie. Die Tatsache, dass wir die Evangelien nur auf Griechisch kennen, deutet darauf hin dass sie vielleicht auf Griechisch verfasst und nicht aus dem Aramäischen übersetzt wurden, liegt daran, dass das Griechische die hellenistische koiné war, sie wurde in dieser Sprache in der Mittelmeerwelt verbreitet, weil das Christentum im Hellenismus geboren wurde, in einem hellenistischen Zusammenhang. Der Platonismus beginnt nicht mit der exegetischen Tradition, sondern mit den Aposteln selbst. Viele Aspekte der christlichen Traditionen gründeten von Anfang an auf griechischen Konzepten, da wir im Aramäischen und Hebräischen kein Äquivalent zum Wort „logos“ finden, also bereits ganz am Anfang unserer christlichen Lehre. „Am Anfang war der logos.“ Und wir kennen kein aramäisches oder semitisches Wort für ein solches Konzept. Somit standen am Anfang des Christentums und der christlichen Theologie der logos und die griechische Philosophie. Dieser wurde später von Justin dem Philosophen, Clemens von Alexandria und grundsätzlich der Alexandrinischen Schule mit dem großen Origenes entwickelt, der auch Platoniker war. Hier wurde das gesamte Gebäude der christlichen Theologie errichtet, mit der Heiligen Dreifaltigkeit, der Transzendenz des Schöpfers und so weiter. All das baute auf dem Platonismus auf, den Lehren Platons. Man sagt, dass Origenes der Schüler von Ammonius Saccas war. Alexandria war hellenistisch, nicht ägyptisch im traditionellen Sinn. Sie war eine griechisch-hellenistische Stadt. Und eben jener Ammonius Saccas war der erste Lehrer des Neoplatonismus, der sogenannten fünften Akademie. Er war der Gründungsvater der neoplatonischen Tradition und Origenes war sein Schüler. Wir haben es hier also mit rein platonischen Angliederung und Fortsetzung zu tun.

Wir haben bereits über das Verhältnis zwischen dem logos des Apoll und den Lehren Platons gesprochen. Sie sind beinahe deckungsgleich. Der Platonismus ist der beste und am meisten ausgereifte, exzellenteste und perfektionierte Ausdruck des logos des Apolls. Die Ausarbeitung des christlichen Dogmatismus reflektiert die kulturelle Kontinuität der vorchristlichen Tradition, denn der Apollinismus stand in ihrem Zentrum. Aber wir können in einigen christlichen Dogmen auch dionysische Merkmale bemerken. Zum Beispiel können wir in einigen Aspekten klar die himmlische Logik des Apoll zu Tage treten sehen, bei der Beschäftigung mit der Christologie können wir jedoch ein dionysisches Konzept erkennen. Christus ist Mensch und Gott. Dabei handelt es sich um einen dionysischen, einen dialektischen Aspekt. Es gibt zwei Naturen und eine Person in Christus. In der Heiligen Dreifaltigkeit haben wir sowohl eine Einheit als auch eine Dreiheit, genauso wie eine interne göttliche Dynamik. Und die Beziehungen zwischen der Schöpfung und dem Schöpfer ist ebenso dialektisch. Diese besteht nicht nur aus Ursache und Wirkung. Sie sind vermischt. Gott ist innerhalb der Schöpfung gegenwärtig und die Inkarnation von Christus ist nach der christlichen Doktrin der wichtigste Moment in der Schöpfungsgeschichte und genau dabei handelt es sich um das dionysische Element in der christlich-dogmatischen Lehre. Genauso wie Dionysos stirbt Christus, ersteht wieder von den Toten auf und steigt in die Hölle hinab, um die Ahnen zu befreien. Er steigt hinab, um wieder aufzusteigen, worauf die Himmelsfahrt im Rahmen der christlichen Feiertage und heiligen Ereignisse folgt. Er steht also wieder von den Toten auf und fährt in den Himmel auf, nachdem er 40 Tage bei den Aposteln geblieben ist. Das ist also ein rein dionysischer Zyklus. Er steigt vom Himmel auf die Erde hinab. Er stirbt und steigt hinab in das Zentrum der Hölle. Und danach befreit er die heiligen Seelen der Ahnen und jeder geht zur gemeinsamen Wiederauferstehung mit Christus zu Ostern, im Moment der Himmelsfahrt kehrt Christus in den Himmel zurück und herrscht als Sohn Gottes im Himmel. Dementsprechend ist jeder Aspekt dieses christlichen Narrativs rein dionysisch hinsichtlich Christus und rein apollinisch hinsichtlich der grundlegenden Struktur der Welt und aller in ihr stattfindenden Ereignisse.

Aber welche Art von dionysischer Logik finden wir hier vor? Wir haben bereits erwähnt, das in der indoeuropäischen Tradition der Punkt des Dionysos nicht exakt im Zentrum zwischen dem logos des Apoll und dem logos der Kybele liegt, er befindet sich vielmehr etwas über dieser Trennlinie. Es handelt sich dabei um die apollinische Lesart der Figur des Dionysos und in der Figur Christus wird dies absolut transparent und offensichtlich. Dementsprechend sind alle chthonischen, negativen oder dialektischen, nokturnalen Aspekte in der Figur Christus nicht präsent. Es handelt sich hierbei also um einen gereinigten, apollinischen Dionysos. Er ist rein und makellos, er trägt keine Sünde in sich. Und auch während er in die Hölle hinabsteigt um sie zu bezwingen, bleibt er immer noch Gott und absolut rein. Wir haben es hier mit den zwei normativen Figuren der klassischen indoeuropäischen Struktur zu tun. Dies ist die indoeuropäische Religion mitsamt der indoeuropäischen Theologie, welche im endgültigen Sieg des Patriarchats über den logos der Kybele besteht. Es gibt kein Anzeichen vom logos der Kybele in diesem Konzept. Die Heilige Jungfrau, die Mutter Gottes wird wiederum als Demeter repräsentiert, viel reiner also als eine irdische Figur. Hier sehen wir die komplette Reinigung der weiblichen Natur. Sie wird auch als Oberhaupt der Engel angesehen. Als Braut des Heiligen Geiste und damit Gottes blieben die Reinheit und Jungfräulichkeit der Heiligen Mutter erhalten, da sie ihren Ehemann nicht auf normale Art kannte. Daher ist die Verehrung der Heiligen Mutter, der himmlischen Jungfrau an deren Bild nichts chthonisch ist, alles ist rein indoeuropäisch,

Alle wichtigen Figuren des Christentums sind apollinisch und dionysisch im Sinne einer apollinischen Lesart des Dionysos. All diese Elemente waren bereits vor dem Christentum da und sie stammten nicht aus der semitischen Tradition. Sie stellten das Grundkonzept der hellenistischen Welt dar und begründeten das Bündnis zwischen dem logos des Apoll und dem logos des Dionysos. An der Peripherie des Hellenismus existierten einige chthonische Aspekte, aber sie waren nicht dominant, sondern als Überbleibsel der Kultur der Großen Mutter präsent. Im Christentum jedoch gab es solche Dinge nicht. Es war die reine Formel, die reine Fassung des indoeuropäischen logos, in all ihrer Brillanz wiederhergestellt und mit aller Kraft bestätigt. Und genau aus diesem Grund wurde das Christentum zur Tradition des europäischen Westens. In unseren Kulturen haben unsere Völker das Christentum bereits vor der Geburt Christi angenommen. Sie waren also bereit für diese Offenbarung etwas Neuen, das sich komplett von der Vergangenheit unterschied vorbereitet, aber es gab eine klare strukturelle Kontinuität. Der Existenzhorizont der indoeuropäischen Gesellschaft war derselbe, vorbereitet und bereit, die frohe Botschaft zu empfangen. Dies ist sehr wichtig, denn in anderen Zivilisationen ist es fast unmöglich zu erklären, was Christus ausmacht. Er ist eine universale Figur, aber eine universale Figur im Kontext des apollinischen logos. Wenn der apollinische und der dionysische logos in anderen Zivilisationen gegenwärtig sind, können sie das Christentum verstehen, aber das ist nicht immer der Fall und wir müssen einer ernsthaften Aufgabe nachgehen, um andere Kulturen und Existenzhorizonte auf das Christentum vorzubereiten. Und im hellenistischen Existenzhorizont war alles darauf vorbereitet das Christentum zu empfangen. Dies zu betonen ist sehr wichtig.

Das Christentum ist nicht erst seit 2000 Jahren unsere neue Tradition, sondern eine Fortsetzung der alten indoeuropäischen Tradition. Diese Struktur mit Triaden, der Dreifaltigkeit und allem anderen war bereits vorbereitet. Vielleicht nicht zur Gänze, weil mit jeder Reform der Religion, Mythologie, Tradition und der Kirche neue Elemente dazukamen, aber nichtsdestotrotz blieb die Essenz die selbe. Die Kommunion ist zum Beispiel der Moment wenn der Wein zum Blut Gottes und das Brot zum Leib Gottes wird. Hier erkennen wir in Demeter und Dionysos die Präfiguration der Kommunion. Ebenso erkennen wir darin die Präfiguration Christus im Alten Testament, welche vollkommen legitim ist. Wie wir aber bei Justin dem Philosophen, Clemens von Alexandria oder Origenes können wir eine Präfiguration der christlichen Mysterien in den griechischen Mysterien sehen, nicht genau das selbe, aber eine Präfiguration eine Vorwegnahme der Bilder des Christentums. Und wir finden hier auch dieselbe trifunktionale Tradition wie im Christentum vor. Es gibt Priester und Patriarchen, Könige und Krieger sowie auch Bauern. Wir finden in der christlichen Gesellschaft also alle drei indoeuropäischen Funktionen vor. Und diese Struktur der Gesellschaft blieb bis zum Beginn der Moderne in ihrer reinen Form erhalten, je nach Sichtweise bis zum Ende des Mittelalters oder sogar der Renaissance. Es existiert also auch in der sozialen Struktur eine Kontinuität. Und es existiert eine Kontinuität im Reich. Es gibt eine Kontinuität in den Riten und der Praxis der Anbetung. Strukturell gesehen können wir also von einer Einheit und Fortsetzung zwischen dem vorchristlichen indoeuropäischen Existenzhorizont und dem christlichen Existenzhorizont sprechen. Das ist sehr wichtig.

Zur gleichen Zeit können wir im frühen Christentum aber auch zwei sehr gegensätzliche Zentren bei der Ausarbeitung der christlichen Doktrin erkennen. Hier finden wir einerseits die Alexandrinische Schule und die andererseits die Antiochenische Schule vor. Normalerweise sagt man, dass sich jeder über die philosophische und metaphysische Qualität der Alexandrinischen Schule einig ist, welche vom Apostel Markus gegründet und von Clemens von Alexandria und Origenes weitergeführt wurde. Die Tradition des Origenismus kam danach zu den Kappadokiern über den Heiligen Basilius den Großen, den Heiligen Gregor und den anderen. Dies war das Dogma, welches in den ersten drei Ökumenischen Konzilien angenommen wurde. Es stellte einen Sieg der Alexandrinischen Schule dar und seine konzeptuelle Achse bestand aus dem Neoplatonismus in einer anderen Form. Den Höhepunkt des christlichen Neoplatonismus finden wir in Dionysos Areopagita und seinen Werken. Das ist der reine christliche Platonismus. Die Erschaffung der neun Chöre der übernatürlichen Engel, Mächte und aller christlichen Mysterien wurde durch diesen platonischen Symbolismus erklärt. Es gibt also eine alexandrinische Tradition und sie ist Teil der christlichen Lehre.

Und dann gibt es die Antiochenische Schule, welche viele Häresien hervorbrachte (wie die Arianer, Nestorianer und andere) die sich in Gegnerschaft zur Alexandrinischen Schule befand. Und man sagt, dass sie von einer Art semitischen Geist erfüllt war, der sich gegen den griechischen oder indoeuropäischen Geist stellte. Die Alexandrinische Tradition gründete auf einer symbolisch-allegorischen Lesart des Alten und Neuen Testaments, die kennzeichnend für den Platonismus ist. Platos Lehre betrachtete alles das existiert als Symbole der Ideen. Alles sollte als symbolischer Text gelesen werden. Jedes Ding, jedes Ereignis, jede Person sollte als Ikone betrachtet werden, als ein Bild eines Paradigmas (Hieraus ergibt sich die symbolisch-allegorische Lesart der Alexandrinischen Schule von jedem heiligen Text.). Das ist komplett normal. Und man sagt, dass im Fall der Antiochenischen Schule ein ganz anderer Zugang angewandt wurde: Die buchstäbliche Lesart. Man vertrat ebenfalls die Meinung das sie semitisch ist weil sie nicht so sehr griechisch-platonisch, sondern historisch war. Das war die Geschichte und wird manchmal als jüdisch-christliche Lesart des Christentums bezeichnet. Und die Alexandrinische Schule können wir hingegen als indoeuropäische oder griechisch-hellenistische Lesart des Christentums bezeichnen. Dieselbe Meinung vertrat auch ich bevor ich damit begann, mich näher mit ihr zu beschäftigen. Weil die Antiochenische Schule sich in Antiochia, Syrien befand, wo der Großteil der Bevölkerung semitisch war, betrachtete man die Schule als semitisch. Als ich aber damit begann die Antiochenische Schule zu studieren und das Phänomen des der Alexandrinischen Schule entgegengesetzten Judäo-Christentums und nachdem ich das Buch über den semitischen Logos verfasst habe (Ich habe einen Band der Noomachie dem semitischen Logos gewidmet), habe ich herausgefunden, dass dem nicht so ist.

Der semitische Logos ist ganz anders. Er gründet auf dem Titanismus des Baals in der vorjüdischen Tradition. Es gab eine sehr patriarchalische Fassung der ostsemitischen Tradition bei den Akkadiern und Assyrern in Babylonien welche der hethitischen und späteren iranischen Tradition ähnlich war. Und dann gab es die jüdische Tradition die gewissermaßen antisemitisch war, weil sich der jüdische Logos (im Sinne des traditionellen Judentums) gegen alle Völker richtete, die in Kanaan lebten (größtenteils Semiten) mit dem Kult des Baal, einer titanischen Gottheit die Blutopfer von Kindern forderte. Genau diese wurden vom Judentum absolut abgelehnt, ohne aber irgendetwas besonderes anzunehmen. Es war eine Art Gegenidentität. Die antisemitischste Tradition ist also geschichtlich gesehen das Judentum, weil es im Gegensatz zu jeglichem semitischen Kulturhorizont Kanaans stand. Es war also in jeder Hinsicht antikanaanitisch. Die Juden verurteilten also alle Menschen um sie herum, weil sie Anhänger des Baalkultes waren. Darüber hinaus standen sie in der frühen Phase der jüdischen Tradition diesem in einer sehr besonderen Art und Weise entgegen. Wir können dieses Sache den „alten Gott“ nennen, weil Baal von den semitischen Völkern als „neuer Gott“ betrachtet wurde, als eine Art niederer Gott, der nicht den ihm angestammten Platz bekommen hat und deswegen einen Aufstand gegen den „alten Gott“ vom Zaun gerissen hat. Daher standen die meisten semitischen Traditionen, insbesondere die westsemitischen Traditionen auf der Seite des neuen Gottes Baal, der einige titanisch-dionysische Aspekte hatte. Dies war der schwarze Zwilling des Dionysos, über den wir bereits gesprochen haben. Die jüdische Tradition hingegen sprach sich gegen den neuen Gott, gegen Baal, aus und für den alten Gott der von Baal entthront worden war. Beide hatten aber nichts mit dem Christentum zu tun, weder Baal noch der alte Gott. Das Christentum war etwas komplett anderes.

In der Antiochenischen Schule konnte ich dieses innersemitische Drama der Westsemiten nicht vorfinden (Zwischen Assyrern, Aramäern (Nicht-Juden) und der jüdischen Tradition), dafür stieß ich auf etwas ganz anderes. Hier entdeckte ich den Iranismus in seiner reinen Form. Es handelt sich bei dieser Schule also um eine Fortsetzung der iranistischen Tradition. Wenn wir das späte Judentum betrachten, das Judentum nach der Babylonischen Gefangenschaft (das sogenannte Judentum des Zweiten Tempels) können wir darin mit Leichtigkeit iranische Themen ausmachen. Es war eine Art originär jüdische Tradition, die im zoroastrisch-iranischen Zusammenhang umgewandelt worden war. Von daher kommen das Konzept des Messias, welches im frühen Judentum nicht vorhanden war, ebenso wie die Geschichte, die Erlösung und die Wiederauferstehung. All dies taucht während der Babylonischen Gefangenschaft auf, in der letzten Phase, im Judaismus des Zweiten Tempels. Das späte Judentum war eine iranisierte Form des Judentums und nicht so semitisch im jüdischen (ursprünglich jüdischen) und nichtjüdischen (andere semitische Völker) Sinn. Dies zu berücksichtigen ist von großer Wichtigkeit. Und die Antiochenische Tradition war auch viel dualistischer und iranistischer (nicht nur iranisch, sondern iranistisch) weil die Semiten, auch nach dem Achämenidenreich, wie auch während des Hellenismus unter dem großen Einfluss des iranischen logos lebten. Und dieser Dualismus (der später zum Manichäismus wurde) hatte alle möglichen messianischen Tendenzen und war dem Christentum sehr ähnlich. Das war die logische Konsequenz aus dem Konzept des Kriegs des Lichts und dem Erscheinen der Figur des letzten Königs und Retters in der Endzeit. All das ist in unseren Augen komplett christlich oder jüdisch (im späten Judentum) aber nur in der iranischen Tradition erhält all das seine wahre metaphysische und strukturelle Bedeutung. Die gesamte iranische Metaphysik erklärt warum (wegen der Geschichte, dem Krieg zwischen Licht und Dunkelheit.) Die antiochenische Tradition war also eine iranistische Schule.

Im Christentum finden wir eine Welt vor die sich zwischen dem griechischen Advaita, nicht-dualistischen Platonismus (im Falle der Alexandrinischen Schule, welche wir als überwiegend griechisch und platonisch bezeichnen können.) und einer iranistischen, dualistischen, geschichtlichen Fassung von ihr befindet, welche nicht so sehr symbolisch, sondern geschichtlich im Sinne des Messianismus ist. Aber der Messianismus ist nicht jüdisch, sondern iranisch im metaphysischen Sinne. Wir finden hier also eine neue Ebene in der Diskussion zwischen zwei logoi vor, welche beide indoeuropäisch, vertikal und patriarchal sind, aber in verschiedenen Fassungen. Dies war also kein Dialog zwischen Judentum und Hellenismus. Der Dialog fand zwischen einem griechisch dominierten Hellenismus und einem iranisch dominierten Iranismus statt. All das war ein Teil des Christentums. Im Christentum und der christlichen Doktrin finden wir zwei Pole vor. Wir können platonischer oder iranistischer und messianischer sein. Und das Judenchristentum besitzt keinen jüdischen Geist. Es ist der iranische Geist. Das Judenchristentum ist die iranistische Lesart des Christentums.

Das definiert die gesamte Geschichte der christlichen Dogmenkonzile. Von den ersten sieben Konzilen waren die ersten drei Siege diejenigen der Alexandrinischen Schule über die Antiochenische Schule. Über Arius siegten sie im ersten Konzil, über Nestorius danach, dies bedeutete die Niederlage der antiochenischen Tradition welche eher einer dualistischen Fassung zugeneigt war. Aus diesem Grund wurde Christus nicht als Gott betrachtet. Er wurde als Heiliger, als Prophet, als Erlöser angesehen, aber nicht als Gott, weil es einen Unterschied, einen Gegensatz zwischen der materiellen Welt und der geistigen Welt gibt. Es gibt hier also einen Dualismus, Nestorianismus und den Arianismus, der in der antiochenisch-iranistischen Schule entwickelt wurde der geistige Monismus hingegen wurde in der Alexandrinischen Schule entwickelt. Beide Schulen brachten häretische Versionen hervor, welche sich außerhalb des Dogmas der christlichen Orthodoxie befanden. Die Antiochenische Schule brachte den Arianismus und Nestorianismus hervor, welche als Häresien betrachtet wurden. Aber auch die Radikalität des alexandrinischen Platonismus brachte ein Äußerstes hervor, nämlich die monophysitische Häresie, welche von den Schülern Kyrills von Alexandrien, Eutyches und anderen repräsentiert wurde. Daher war die monophysitische Häresie eine Art rein exzessiver Platonismus (der griechischen Fassung) und exzessiver Iranismus (in der nestorianischen Fassung). Vom legitimen orthodoxen Standpunkt aus handelte es sich bei ihnen um häretische Extreme. Die anderen Teile der Alexandrinischen Schule mit den Kappadokiern (Basilius der Großen, der Heilige Georg und die anderen kappadokischen Lehrer) und der andere Teil der Antiochenischen Schule (der Heilige Johannes Chrysostomos war ein Vertreter der Antiochenischen Schule) wurden als absolut orthodox betrachtet. Es gab also von beiden sowohl häretische als auch komplett orthodoxe Fassungen.

Und wenn man davon spricht, dass unter Justinian der Platonismus und Origenismus beschuldigt (was eine Tatsache ist) wurden, Häresien zu sein, so betraf dies nur die radikalen Vertreter des Platonismus. Zum Beispiel betraf dies nicht die Lehren des Heiligen Basilius des Großen oder Dionysos Areopagita welche als orthodoxe Autoritäten akzeptiert wurden. Die Exkommunikation des Nestorius betraf nicht Johannes Chrysostomos, der innerhalb der Orthodoxen Kirche als einer der Orthodoxesten angesehen wurde und zugleich ein geschichtlicher (nicht symbolischer) Vertreter der iranischen, iranistischen Fassung der christlichen Doktrin angesehen wurde.

Während die ersten drei Konzile Siege der Alexandrinischen Schule darstellten, waren die zweiten Drei eine Revanche der Antiochenischen Schule. Nach dem Ende der reinen Antiochenischen Schule wurde die Antiochenische Schule zerstört und besiegt, aber die Tendenz die alexandrinisch-neoplatonische Version zu mäßigen bestand fort. Und so waren die nächsten Drei (das vierte, fünfte und sechste ökumenische Konzil) eine Art Sieg des antiochenischen Geistes weil sie eine Abschwächung der Ansprüche der radikalsten Vertreter der Alexandrinischen Schule darstellten. Dies stellte sowohl ein Gleichgewicht als auch eine Art Sieg des Hellenismus dar (aber dieses mal des christlichen Hellenismus) in dem die beiden Formen, iranisch und hellenistisch, geschichtlich und nicht-dualistisch sowie symbolisch, allesamt im Zusammenhang des orthodoxen Dogmas vereint wurden. Das siebente Ökumenische Konzil war nicht so bedeutend, was die Metaphysik anging, denn es handelte vom Ikonoklasmus (Der auch mit diesem Konflikt in Beziehung stand, aber nicht direkt damit zu tun hatte).

Wir haben also im Christentum eine Fortsetzung des mediterran-hellenistischen Existenzhorizonts mit zwei Polen (iranistisch und griechisch) vorliegen. Und dieses stellte eine Art neue Form oder neue Ideologie des traditionellen indoeuropäischen Horizonts dar. Wir können sagen, dass es einen Unterschied betreffend der Frau im Christentum gab. Wir sehen zwei Zugänge, die sehr gut der indoeuropäischen Gesellschaft entsprechen. Auf der einen Seite gibt es eine „Anelygenie“ wie ich es nenne. Hier wird die Würde der Frau zur Gänze anerkannt und es gibt eine Art spiritueller Gleichheit zwischen Mann und Frau in Christus. Hierzu gibt es den Ausspruch des Heiligen Paulus „da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus“. Diese Aussage stellt eine Anerkennung der Würde der Seele der Frau dar, welcher der Seele des Manns gleichgesetzt wird. Wir haben es hier also mit einer Art von Partnerschaft, Freundschaft, der traditionellen turanischen Freundschaft zwischen dem weiblichen Krieger und dem männlichen Krieger im Rahmen der Verteidigung der Identität zu tun. Sie bedeutet die Vereinigung weiblicher Krieger und männlicher Krieger als Krieger Christi, die spirituelle Gleichheit der Seelen. Zur selben Zeit gab es eine zweite Beziehungskonstellation zwischen dem Mann und der Frau, welche die Ankunft der nomadischen Indoeuropäer und ihre Unterwerfung der matriarchalen Gesellschaft widerspiegelte – in einer Art Unterwerfung der Frau unter den Mann. Dies drückt sich auch in anderen Aussprüchen des Heiligen Paulus aus, der zum Beispiel meinte, dass Frauen nicht in der Kirche lehren können, Frauen sich dem Ehemann unterwerfen sollen und anderen Aussagen. Das bedeutet Hierarchie und Gleichheit, beide Fassungen der Geschlechterarchetypen, die traditionell für die indoeuropäische Gesellschaft in ihren historischen Beziehungen zur matriarchalen Gesellschaft sind. Hier gibt es einerseits eine Art hierarchische Unterwerfung und andererseits eine Art von Freundschaft und Gleichheit sowie geistiger Würde. Das ist gewissermaßen die beste Lösung, eine organischere und natürlichere Lösung für die konkrete historische Gesellschaft mit der wir uns beschäftigen (keine Lösung im abstrakten Sinne). In unserer Tradition, so wie diese Horizonte, geistige und kulturelle Räume und Zivilisationen geschaffen wurde, war dies die beste Lösung die sowohl die Nachfrage nach Hierarchie als auch Gleichheit auf eine sehr konkrete Art zufrieden stellte. All das spiegelte sich in der christlichen Tradition wieder. Das war nichts selbstverständliches. So wie der Platonismus eine Reflexion oder Ausdruck dieses logos des Apoll, der christlichen Tradition darstellt, so war die christliche Tradition auch eine ausgezeichnete und vollendete Reflexion dieses apollinischen, dionysischen Stils der Zivilisation. Aus diesem Grund sind wir Christen. Wir sind nicht dazu verpflichtet zu sein. Wir haben es als etwas angenommen, dass wir bereits zuvor kannten. Es stellt die Erinnerung unserer Identität dar. Das ist die Identität der christlichen Tradition, welche vom Volk im mediterran-hellenistischen Zusammenhang anerkannt wurde, weil sie die Fortsetzung der selben Beziehungen auf die bestmögliche Art darstellte.

Gleichzeitig sehen wir eine Kontinuität in Bezug auf das Reich, da das Christentum die Staatsreligion und -ideologie des Reiches unter Konstantin dem Großen geworden war. In diesem Zusammenhang wurde ein sehr wichtiges Konzept in dieser Zeit, das iranischen Ursprungs war, entwickelt, nämlich das Konzept des Katehon (der griechische Ausdruck für „der der unterstützt“. (Katehon ist das Partizip des griechischen Wortes κάτω έχουν. κάτω bedeutet unter, έχουν bedeutet zu haben.) Diese Figur erscheint im zweiten Apostelbrief des Heiligen Paulus an die Thessaloniker in der konkreten Phrase: „Der Sohn der Verdammnis, der Antichrist wird nicht kommen solange der Katehon (derjenige der unterstützt, der erhält) nicht aus dem Weg geräumt wurde.“ Hier haben wir es mit einer rätselhaften Phrase zu tun. Es gibt also eine Figur, die sich dem Erscheinen des Antichristen widersetzt. Weil es eine historische Sicht des Christentums gibt, eine messianische Sicht des Christentums, die nicht die platonische Sicht der Ewigkeit der Welt reflektiert, sondern die Dialektik der Geschichte, die iranisch ist. Dort erscheint eine Figur, die gegen den Antichristen kämpft und diese Figur ist die Schlüsselfigur in der iranischen geschichtlichen Sequenz, im iranischen logos. Sie wird in der iranischen Tradition durch den heiligen Kaiser vertreten. Im Iran gibt es das iranische Königreich und den heiligen König dieses Königreiches, der gegen die Mächte der Finsternis ankämpft und sie daran hindert in der Welt einzufallen. Dies ist eine rein iranische Figur die nicht im griechischen Konzept existierte. In der griechischen Idee gab es keine solche Figur. Aber in der römischen Ideologie, im Römischen Reich taucht etwas ähnliches auf, das nicht klar definiert ist unter dem Einfluss des Iranischen, weil der Iranismus Teil des Hellenismus war und der Hellenismus die prägende Kultur des Römischen Reiches gewesen ist. Dieses war ein lateinisches Reich, das auf der hellenistischen Kultur gründete, über die wir bereits gesprochen haben. Wichtig ist hier, dass diese Figur vom Heiligen Paulus im zweiten Brief an die Thessalonicher erwähnt wurde und eindeutig vom Heiligen Johannes Chrysostomos identifiziert wurde (der ebenfalls als Repräsentant des iranistischen Zweiges der christlichen Theologie, genauer gesagt der Antiochenischen Schule ist.), aber es ist klar, dass man auch vor ihm diese Figur mit dem Römischen Kaiser identifizierte.

Der Katehon war also der Römische Kaiser, der König des Reiches. Und die Theologie des Reiches stand in Verbindung zur Eschatologie – dem Ende der Zeit, der Wiederauferstehung und der endgültigen Apostasie. Die gesamte zyklisch-geschichtliche Auffassung der christlichen Kirche gründete auf dieser Figur (insbesondere in Byzanz, aber nicht nur in Byzanz.). Im Byzantinischen Reich stellte dies die dogmatische Ideologie der Byzantiner dar. Im byzantinischen Existenzraum und in der byzantinischen Kultur war der Katehon nicht nur der Kaiser, sondern ein christlicher Kaiser. Er wurde als eine Art Bischof der Kirche betrachtet. Dabei war er die Schlüsselfigur des Heiligen Königs der die Ankunft des Antichristen bekämpft. Und in diesem Kampf stand er an der Seite des Patriarchen. Beide bildeten zusammen eine Art Symphonie (der Begriff stammt aus der christlich-orthodoxen Tradition), die Symphonie der Mächte. Diese gründete auf dem Bündnis zwischen dem Patriarchen (dem Vertreter der geistlichen Autorität) und dem Kaiser (der kein gewöhnlicher König, Fürst oder Prinz ist). Der Kaiser war kein rein säkularer Herrscher, sondern die heilige Figur des Katehon. Er war an den geschichtlichen Zyklus gebunden wo es ein Reich mit einem Kaiser als Oberhaupt gab. Hier gibt es keinen Antichristen, wir leben in der Welt von Christus. Das Reich erhält also mit dem Kaiser eine neue Dimension. Es ist nicht nur eine politische Organisation. Es ist eine heilige Organisation die christlich, gleichzeitig apollinisch und dionysisch ist, sie stellt eine Organisation der politischen Realität dar als kosmische Realität. Sie ist so geartet, weil der Antichrist, der Sohn der Verdammnis wie bereits beim Heiligen Paulus erwähnt, nicht nur eine historische Person ist. Er ist eine Manifestation der Dunkelheit in ihrer kosmischen, politischen, geschichtlichen und metaphysischen Form. Der Dualismus besteht nicht im Kampf Christus gegen den Antichristen. Diese Sichtweise ist komplett künstlich und nicht der Fall. Christus ist Gott und wurde als Gott betrachtet. Man kann ihn daher nicht auf dieselbe Ebene wie den Antichristen stellen, jedoch befand sich der Kaiser in einem symmetrischen Verhältnis zum Antichristen. Der christliche Kaiser war das Hindernis, der Widerstand und die symbolische Figur, die die christliche Welt vereinte und ihr ihre vertikale Achse gab. Er stellte eine sehr wichtige Figur dar, die dieselbe vorchristliche Tradition fortsetzte.

In der christlichen Situation jedoch bildeten Reich, Kirche, Theologie, Patriarchat, dogmatische Tradition, Orthodoxie und all diese Formen die christlich-orthodoxe Ideologie als eine neue Form all dieser Elemente, die zuvor existierten, die vor dem Christentum existierten. Dies ist von großer Wichtigkeit, denn wenn wir all diese Elemente der Vertikalität zusammensetzen, die dionysische Natur Christus, den historischen Messianismus des Iranismus und die Figur des heiligen Kaisers, haben wir die gesamte Lehre vor uns, die nicht die neue Lehre des Christentums widerspiegelt, sondern den ewigen Moment der Noomachie der indoeuropäischen Gesellschaft. Zu dieser Zeit war es die Figur Satans, die die chthonischen Kräfte der Hure von Babylon repräsentierte, die scharlachrote Frau bildet die Große Mutter in diesem Kontext ab. Das ist die Figur der Kybele – wir sollten im Hinterkopf behalten, dass diese babylonische Konzeption nahe an der anatolischen Vorstellung war. Symbolisch finden wir all diese Logoi im christlichen Kontext. Es gibt hier die Scharlachrote Frau (das große Babel, die babylonische Hure), welche eine Art Figur des logos der Kybele war. Es gibt den Satan und den Antichristen, welche eine Repräsentation des Satans als „Titan“ darstellen. In einigen christlichen Texten wurden beide Namen, sowohl „Titan“ als auch „Satan“, welche man als sehr ähnlich betrachtete, benutzt. Er wird als eine Schlange oder ein Drache dargestellt, ein Drache der traditionell der Gemahl der Großen Mutter ist. Sie versuchen also, das christliche Reich zu stürzen welches unter der Gewalt der geistlichen Figuren des Patriarchen oder des Bischofs und des heiligen Königs oder Kaisers steht. Dies war die Reorganisation des indoeuropäischen Existenzraumes in christlicher Zeit.

Wir haben also eine neue Ideologie (die christliche Ideologie), eine neue Religion (die christliche Religion) und eine sehr alte Tradition, die in ihr widergespiegelt wird. Das Christentum war also auf dem Sieg über Satan aufgebaut. Satan war für einige Zeit angekettet gewesen und wurde durch das Reich in Schach gehalten. Die Figur des Zarenreiches, des Königreiches, die Figur des Zaren und des heiligen Königs stellten eine Art Siegel (печат) dar, welches den Sieg der christlichen Kirche über Satan und die kybelische Welt verkörperte. Diese Situation wurde durch den König versiegelt, der König war also selbst das Siegel. Wenn wir das Siegel zerbrechen, werden Satan und die Titanen befreit sowie alles zerstört. Es ereignet sich eine Eruption, ein Ausbruch der Hölle, weil das christliche Königreich, die christliche Zivilisation und die christliche Gesellschaft auf dem Gefängnis des Satans und den Schultern der chthonischen Titanen errichtet worden waren. Diese wurden vom logos des Apoll unterworfen und kontrolliert, indem es sie in der Hölle angekettet hatte, jedoch blieben sie weiterhin am Leben. Wenn der König oder der Kaiser jedoch zu schwach werden (ein Thema in den klassischen iranischen Sagen), können sie sich nicht der Ankunft des Antichristen widersetzen, der Antichrist wird erscheinen und Satan wird sich selbst aus der Hölle befreien um sich unter die Gesellschaft der Menschen zu mischen. Darauf folgt die Explosion der Unterwelt und eine Art Rückkehr der Kybele auf dem Rücken eines Drachens als scharlachrote Frau, als babylonische Hure mit der Schlange, die das Königreich und die Kirche zerstören und eine komplett neue Zivilisation, die einer anderen Existenzebene angehört, schaffen soll.

Das alles war und ist die normale Weltanschauung der christlichen Orthodoxie. Sie wurde am stärksten in der Ostkirche bewahrt. In der byzantinischen Tradition in der Orthodoxie ist das alles noch immer gegenwärtig. Wenn wir also zum Berg Athos gehen und mit den Mönchen sprechen (für Männer ist es möglich dorthin zu gehen, für Frauen nicht) können wir Menschen mit genau diesem Bewusstsein finden. Sie werden genau das wiederholen, was ich heute gesagt habe und das ist die normative Weltanschauung der Orthodoxie. Die Bedeutung des Katehon, die Bedeutung des Heiligen Römischen Reiches, das Konzept der Kirche, Gottes und der Würde des Menschen, ein Kampf gegen das Böse, gegen Satan, gegen die Dämonen. Was die Mönche am Berg Athos normalerweise tun, ist zu kämpfen. Sie kämpfen Tag und Nacht gegen die Dämonen. Sie befinden sich in einem Kampf und das ist etwas sehr konkretes. Wenn wir die Schriften des Paisios vom Berg Athos lesen, sehen wir, dass dieser Kampf auch physische Dimensionen annimmt. Es ist ein physischer Kampf, ein Ringen mit den Mächten der Dunkelheit. Er wird am Berg Athos noch immer fortgesetzt. Und er setzt sich auch in der Politik fort, wie wir später sehen werden. Es ist jedoch wichtig, dass wir eine vollständige Sicht der Welt besitzen mit allen Aspekten normativer Gesetze und Beziehungen zwischen dem Mensch und der Natur, politischen Gesetzen, sozialen Gesetzen, aufbauend auf der christlichen Lehre. Die christliche Lehre besteht also nicht nur aus der Kirche, nicht nur aus dem Kult und dem Gottesdienst. Sie ist eine Weltanschauung. Sie schließt normative politische Ideen ein. Sie umfasst eine Art Monarchismus, der in ihrem Inneren eingebettet ist. Sie können normalerweise nicht Demokrat und Christ sein. In diesem Zusammenhang sollten Sie die Validität der Lehren vom Katehon anerkennen. Es handelt sich dabei um keine Präferenz oder politische Meinung, die Sie ausgehend von Ihrer eigenen Position formen könnten. Es ist der orthodoxe Standpunkt und damit in gewisser Weise obligatorisch. Das sind die indoeuropäischen Wurzeln des Christentums. Und auch wir haben Normen, soziale Beziehungen, Genderbeziehungen, Familienbeziehungen, die normativ und christlich sind und eine komplette Weltanschauung widerspiegeln. Das Christentum ist also viel mehr als Kult, Gottesdienst und Kirche. Wir können also sagen, dass es eine Ideologie ist oder die indoeuropäische Weltanschauung in einer neuen und aktuellen Form die bis heute andauert. Wenn wir damals eine christliche Kirche mit normalen traditionellen Priestern, einer Gemeinde und normalen Menschen hatten, haben wir das auch heute noch. Das ist heute in Russland, am Berg Athos, in Serbien, Bulgarien, Mazedonien, Rumänien, in der Ukraine und Griechenland der Fall, wo wir eine traditionelle Orthodoxie haben, dort teilen wir dieselbe Weltsicht, Kultur und Zivilisation.

Dies war auch in der lateinischen Kirche der Fall, aber mit einer viel stärkeren Betonung der geistlichen Autorität über den Kaiser. Aber hier fand nach Karl dem Großen auch in unseren Augen eine Usurpation der Identität und des Status des sakralen Kaisers durch Karl den Großen statt. Und dies führte zu einer in der katholischen Tradition zwischen Kaiser und Papst in Rom. Die dominierende Tendenz im Katholizismus war jedoch viel mehr der Gegensatz zwischen den zwei Königreichen wie sie vom Heiligen Augustinius formuliert wurde, der Manichäer war. Sie drückte sich auch in der Idee aus, dass der Papst in Rom die geistliche Vertikale repräsentiert. Auch hier haben wir es mit einem indoeuropäischen Konzept zu tun. Die Vertikalität wurde in diesem Fall von Rom repräsentiert und die Könige waren nicht sakral, sondern die Idee bestand darin, dass der heilige Papst in Rom über die rein säkularen Könige herrschen sollte. Aber durch die Usurpation, welche in unseren Augen durch Karl den Großen stattgefunden hat, wurde auch die Figur des Kaisers sakral. Dies spiegelte sich in der ghibellinischen Tradition wieder, wie wir am Kampf der Guelphen gegen die Ghibellinen in der westlichen Geschichte beobachten konnten. Es gab also auch für die Lateiner einen Katehon. Diese katehonische westchristliche Tradition hielt bis zu den Habsburgern und dem österreichischen Kaiserreich. Die Kaiser aus dem Hause Habsburg waren also Erben dieser katehonischen Funktion. Das war also das österreichische Reich in seiner katholischen Fassung.

Wir haben den Status Karls des Großen nicht anerkannt. Denn zu dieser Zeit hatten wir die byzantinische Kaiserin Irene. Und in genau diesem Moment machten die Katholiken ihren antifeministischen Zug. Sie gingen davon aus, dass Frauen kein heiliges Reich regieren könnten und aus diesem Grund haben sie sich den Kaisertitel im Fall Karl des Großen angeeignet. Aber wir sprechen nicht darüber, wer recht hatte. Wir sprechen darüber, wie genau das alles strukturiert war und funktionierte. Dieses Konzept des heiligen Kaisers wurde vom Beginn des neunten Jahrhunderts an in der kaiserlichen Tradition des Frankenkönigs garantiert. Danach waren es die Habsburger und das österreichische Reich, welches diese westliche Tradition des Katehon bis zu ihrem Ende aufrecht erhielt. Das war eine Art Linie des Kaisers. Sie wurde von den Päpsten der Römer nicht wirklich akzeptiert, aber es ist interessant, dass sie nichtsdestotrotz von den Katholiken und den Guelphen ebenfalls akzeptiert wurde (ohne das eine solche Interpretation im Fall der Ghibellinen bestand). Die Guelphen anerkannten in ihrer Tradition (Parteigänger der absoluten Macht des Papstes von Rom über die säkularen Könige Westeuropas) den Status des Kaisers als katehonische Figur an, vielleicht nicht in aller Deutlichkeit, aber sie erkannten ihn an. Es ist hierbei sehr interessant, dass auch die Westkirche den Katehon anerkannte.

Wir hatten also zwei Versionen der christlichen Zivilisation – einerseits die östliche, welche näher an der Originalfassung ist und alle Proportionen bis heute konserviert hat und andererseits die katholische Westkirche, die von dieser abwich. Im Fall der Ostkirche haben wir es mit einer ununterbrochenen Tradition dieses indoeuropäischen Erbes bis zum Christentum über den Hellenismus zu tun, wie ich es erklärt habe und es in den sieben Ökumenischen Konzilen festgelegt wurde. Und da war noch viel mehr. Ich würde sagen, im Gegensatz zur westchristlichen Tradition aber in denselben Grenzen. Und doch bewahrte all das der Katholizismus bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Danach begann der Zusammenbruch des westlichen Christentums. Aber nichtsdestotrotz war dies eine Art Fortsetzung der Tradition. Dabei bildeten der Katholizismus und das Österreichische Reich zwei Kräfte des christlichen Konservatismus dieser mittelalterlichen Tradition in Westeuropa.

Der Kollaps kam mit dem Protestantismus, der die dritte Form des Christentums bildete, die jedoch nur die westliche Christenheit betraf. Um über den Protestantismus nachdenken zu können, diesen dritten Zweig des Christentums, dürfen wir uns nicht in den Zusammenhang der Auseinandersetzung zwischen Orthodoxen und Katholiken denken, sondern in einen anderen Kontext, der die Orthodoxie aus dem Bild nimmt, da sie an diesem Konflikt nicht teilnahm. Es ist aufschlussreich, dass wir in den Ursprüngen des Protestantismus viele richtige Ideen finden können. Zunächst ist es die Idee, dass die römische Kirche total korrupt ist und die Beziehungen zwischen dem Menschen und Christus unrechtmäßig übernommen hat. Dies drückte sich schon im Konzept der Kirche im Katholizismus aus. Für den Katholiken ist die Kirche die Gemeinschaft der Priester. Und was sind aber die anderen Christen? Sie sind quasi nur Fastchristen. Sie waren eine Art äußerer Kreis um die Kirche herum und nicht innerhalb der Kirche. Das ist sehr wichtig, nicht zuletzt ist es für unser dogmatisch orthodoxes Verständnis dessen was Kirche ist fremd, weil für uns Kirche die Gemeinschaft aller getauften Menschen ist. Nicht nur die Gemeinschaft der Priester, sondern aller getauften Christen. Die katholische Tradition hingegen war ganz anders. Hier gab es eine Hierarchie im spirituellen Sinne. Diese Hierarchie unterbrach die direkten Beziehungen zwischen dem Menschen, also dem gewöhnlichen Christen mit Gott, die nun stattdessen über Priester und den Papst in Rom laufen sollten. Dabei handelte es sich um eine Art vermittelndes Hindernis. Vielleicht war dies notwendig, vielleicht aber auch nicht. Wir sind hier nicht, um darüber zu sprechen ob es gut oder schlecht war, sondern um es strukturell zu verstehen und zu beschreiben. Aber nichtsdestotrotz war dies eine Art Unterbrechung in den Beziehungen zwischen dem Menschen und Gott.

Die frühen Protestanten und insbesondere die deutschen Mystiker (Meister Eckhart, Heinrich Seuse und zu einem geringeren Grad Albertus Magnus) nahmen an, dass es eine innere Beziehung zwischen dem Herzen des Menschen mit Christus gibt. Sie soll nicht über äußere Vermittler verlaufen. Für uns in der orthodoxen Tradition ist das kein Problem, weil wir beides kennen. Wir erkennen die Autorität der Kirche zur Gänze an und ebenso diese direkte Beziehung zu Christus, weil wir ein ganz anderes Konzept davon haben, was Kirche ist. Für uns konnte dieses Problem nicht existieren, weil wir es nicht verstehen konnten. In unserer Situation gibt es keine Teilung, sondern beide Zugänge, den inneren und den äußeren. Aber für die westchristliche Tradition ergab sich hier ein Problem. Und die ersten präprotestantischen Mystiker sagten daher „gut, lasst uns die äußere Form anerkennen, aber den innerlichen Weg fortsetzen.“ Und sie waren Platoniker, weil sie sagten, dass wir eine direkte Verbindung zu Gott haben und Gott in uns sprechen kann und dass das unsere innere Dimension ist. Daher waren sie reine Christen. Aus unserer Situation kann man sagen, dass sie der Orthodoxie gewissermaßen näher standen. Aber es gab auch Exzesse des Platonismus. Zum Beispiel sagte Meister Eckhart, dass es etwas jenseits der Dreifaltigkeit gäbe, eine Einheit jenseits der Dreifaltigkeit. Das wiederum ist nicht sehr orthodox. Aber nichtsdestotrotz lag darin die eigentliche Idee. Dieses Konzept des radikalen Selbst, das Konzept eines inneren Selbst das im Herzen lebt, dieser „innere Christus“ wie sie ihn nannten lag am Ursprung des Protestantismus bei Wycliffe, den Hussiten und den deutschen Mystikern. Er war also bis zu einem gewissen Punkt legitim.

Als sie aber versuchten, sich dieser Lehre mit Luther und Calvin zu widersetzen, hatten sie die Tradition selbst verloren. Sie verloren die Ikonen, die Mönche, die Klöster und schließlich die Kirche selbst. Indem sie versuchten, dem Menschen einen direkten Zugang zu Gott zu legen zerstörten sie die Sakralität. Und sie nahmen das, was man das „radikale Selbst“ (das innere Selbst das in unserer Seele lebt) nennen könnte und ersetzen es durch die normale Individualität, durch eine profane Individualität. Das war also eine Art religiöser Individualismus anstelle dieser mystischen Dimension. Denn als der Protestantismus begann sich selbst auszubreiten, konnte er deshalb den Zuspruch der Massen deshalb finden, weil sie nicht in der Lage dazu waren, eine besondere innere Erfahrung zu machen. Und das war schließlich die ausgewachsene Perversion. Das war die Zerstörung des Christentums. Denn vom legitimen Ausgangspunkt des frühen Protestantismus – oder besser gesagt der präprotestantischen Mystik von Wycliffe und den europäischen Platonikern – war dies gewissermaßen die Zerstörung der traditionellen katholischen Gesellschaft. Und das war titanisch.

Es gibt ein inneres Selbst, welches göttlich ist. Wenn wir aber diese radikale Innerlichkeit nicht annehmen, wo im Zentrum unseres Herzens Christus lebt und wir die Aufmerksamkeit auf den äußeren Aspekt anstatt auf das echte Subjekt (das radikale Subjekt) legen, erhalten wir ein positives Subjekt. Diese stellt nicht den Dritten Mann in der mystischen Sprache des Johannes Tauler dar. Er sagte, dass es drei Männer in uns gibt. Es gibt den Mann als Tier (das ist der Äußere), den rationalen Mann (den Zweiten Mann) und den versteckten, mysteriösen, geheimen Mann in uns (das ist das radikale Subjekt), in unserem Inneren. Dieser mysteriöse Dritte Mann ist in unserem Inneren beheimatet. Er ist nicht in unserem Körper, sondern in unserer Seele. Er ist der mysteriöse Punkt der in unserem Geist verborgen ist. Dieser Dritte Mann ist nicht der selbe wie der Zweite (rationale) Mann, sie befinden sich im Gegensatz zueinander. Die ersten Mystiker verteidigten diesen Dritten Mann. Der normale Protestantismus jedoch verlegte den Fokus vom Dritten auf den Zweiten Mann. Sie verliehen jemanden Würde, der keine solche Würde besitzen sollte, weil eine direkte Verbindung zwischen dem Zweiten Mann (dem rationalen Mann und positiven Subjekt) und Gott nicht möglich ist. Es sollte immer ein Mittler existieren, denn eine direkte Beziehung ist unmöglich. Und der Anspruch darauf so eine Beziehung zu unterhalten, ist rein titanisch.

Das war also die Transformation des Logos im Rahmen des Protestantismus. In der frühen Phase des Protestantismus war es ein legitimer Anspruch, Beziehungen zwischen dem Dritten Mann (dem versteckten Mann in uns) und Gott zu führen. Der normale, profane Protestantismus hingegen hatte einen ganz anderen Zugang. Dies erwies sich als fatal und führte zur Zerstörung der traditionellen Gesellschaft aufgrund des Titanismus, der mit der Lehre Luthers und insbesondere durch den Calvinismus aufkam. Der Calvinismus ist viel schlimmer als die Lehre Luthers, weil er die radikale Abwesenheit jeglicher Sakralität in der Welt behauptet. Er stellt eine Glorifizierung des Zweiten Mannes als die einzige Möglichkeit Mensch zu sein dar. Er ist profan und zieht die Zerstörung aller Sakralität nach sich. Das war die Voraussetzung für die Ankunft der modernen postchristlichen Zivilisation. Der Protestantismus war der Riss in der großen Mauer der christlichen Zivilisation. Er stellte die Zerstörung der westchristlichen Tradition dar.

Um uns auf die nächste Vorlesung über die noologische Analyse der Moderne vorzubereiten, können wir eine sehr kurze Analyse dessen durchführen, was als die Entchristianisierung der modernen Gesellschaft zu bezeichnen ist. Diese bestand in der Zerstörung des Logos des Apoll und des Logos des Dionysos. Kurzum eine Zerstörung des indoeuropäischen Erbes. Hierbei handelte es sich nicht nur um des Austausch oder die Ersetzung einer Religion (der Christlichen) durch eine säkulare Fassung. Wir haben es hier mit einer viel schwerwiegenderen Katastrophe zu tun, als sie der bloße Fall des Christentums darstellt. Das war der Fall des Logos der bereits vor dem Christentum zu uns gehörte, Zerstörung aller Formen der Vertikalität, die echte Ankunft des Antichristen, die Befreiung Satans von den Ketten der Hölle und eine Eruption wie Intervention und Invasion der titanischen Macht, welche innerhalb des Existenzhorizontes der europäischen Kultur existierte. Wir können nun also evaluieren, was im Rahmen des Protestantismus und der Entchristianisierung geschah. Das ist ein neuer Moment in der Noomachie, weil im selben Moment (dem Sieg des Logos des Apoll gemeinsam mit dem Logos des Dionysos gegen den Logos der Kybele) unsere Zivilisation begann, das erste grundlegende Ereignis. Damit ging eine Herrschaft zu Ende. Wir lebten während Tausenden von Jahren in diesem Moment der Noomachie und hatten gegensätzliche Existenzhorizonte in unserer Gesellschaft, aber dennoch lebten wir im Sieg des Lichtes über die Dunkelheit. Und all dies begann nicht mit dem Christentum, sondern wurde durch das Christentum fortgesetzt. Wir waren viele Jahrtausende lang glücklich, Söhne des Lichts zu sein und im Königreich des Lichtes zu leben, mit allen Problemen, dramatischen Aspekten, all den dionysischen Aspekten, dem Sterben, Wiederauferstehen, zerstört werden, um erneut unsere Noomachie und Schlachten zu gewinnen. Mit der Entchristianisierung kam etwas absolut radikales vom noologischen und geosophischen Standpunkt aus gesehen. Was genau, werden wir in der nächsten Vorlesung sehen.

Die noologische Analyse der Moderne

(Achte Einheit)

Die achte Vorlesung ist der noologischen Analyse der Moderne gewidmet. Ich setze voraus, dass es nun mehr oder weniger leicht vorherzusagen ist, was das Ergebnis dieser Analyse sein wird. Zuallererst schlage ich vor, die ausgesprochen wichtigen Vertreter der traditionalistischen Schule zu lesen, nämlich René Guénon, Julius Evola, Titus Burckhardt, Frithjof Schuon, Michael Vlasan und Hossein Nasr, welche die Moderne als besonderes Konzept beschrieben haben. Die Moderne ist also nichts, das sich mit der Gegenwart beschäftigen muss. Denn im gegenwärtigen Moment können wir moderne Gesellschaften, vormoderne Gesellschaften, postmoderne Gesellschaften, archaische Gesellschaften, Gesellschaften mit Religion und mittelalterliche Gesellschaften vorfinden, aber dennoch in der heutigen Welt leben. Gegenwärtig und modern bedeuten also nicht dasselbe – das ist in diesem Zusammenhang ein sehr wichtiger Aspekt und ein bedeutendes konzeptuelles Element. Wenn wir also über die Moderne sprechen, dann sprechen wir nicht darüber, was jetzt existiert. Sie ist vielmehr die Beschreibung eines Gesellschaftstyps, einer Struktur, eines Existenzhorizonts und einer Zivilisation, die ein kleines bisschen a-temporal ist. So können wir uns die Moderne als etwas vorstellen, das entweder Teil der Vergangenheit oder der Zukunft ist. Diese Feststellung ist von großer Bedeutung.

Wir betrachten also die Moderne nicht als Schicksal im Sinne von „wir leben jetzt in ihr, wir werden morgen in ihr leben und wir sind dazu verpflichtet modern zu sein“. Die Traditionalisten gehen davon aus, dass modern zu sein das Ergebnis einer Entscheidung ist. Sie können also modern sein oder auch nicht. Und sie haben zwei Konzepte erschaffen – die Tradition und die Moderne. Die Moderne ist also nichts Aktuelles. Sie ist eine Art von Gesellschaft oder Zivilisation oder Weltanschauung oder Bild der Realität. Das ist die eine Sache. Und dann gibt es die Tradition. Sie ist ein Bild der Realität, der Zivilisation, der Kultur und der Gesellschaft, das anders ist. Und zwischen beiden besteht ein Antagonismus, folgt man der Annahme der Traditionalisten. Das ist von großer Bedeutung, weil es uns die Möglichkeit gibt, die Moderne nicht als etwas Unausweichliches zu studieren, sondern als etwas, das das konkrete Produkt einer historischen Entwicklung aufbauend auf einer konkreten Sequenz von Entscheidungen und Abwägungen ist.

Ich würde sagen, die Moderne ist künstlich. Sie wurde künstlich erschaffen. Sie entstand nicht von allein. Die Moderne ist nicht natürlich. Die Moderne wurde erschaffen, verteidigt, adjustiert und entwickelt. Dahinter stand jedoch ein freier Wille, der kein Schicksal ist. Es gibt kein mechanisches Gesetz der Moderne, weil wir viele Gesellschaften kennen, die nicht modern sind. Es gibt zum Beispiel die islamische Gesellschaft und die indische Gesellschaft, die in einigen Aspekten nicht modern sind, aber auch archaische Gesellschaften, welche nicht modern sind. Sie alle existieren heute. Und wenn wir die Mehrheit der Menschheit im 21. Jahrhundert betrachten, dann lebt diese nicht in modernen Gesellschaften. Die Gesellschaft, der sie angehören ist die traditionelle Gesellschaft. Die Moderne hat etwas mit der gegenwärtigen Welt zu tun, aber wir sollten sie als etwas von der Gegenwart Separiertes verstehen.

Wir können über die Struktur der Moderne sprechen. Die Moderne ist etwas Strukturelles, Konstruiertes und kann und muss dekonstruiert werden. Die postmoderne Philosophie gründet genau auf dieser Dekonstruktion der Moderne mit ihren besonderen Aspekten. Aber es ist möglich sie zu dekonstruieren und die Dekonstruktion der Moderne (und hier befinden wir uns an einem entscheidenden Punkt der Noologie) kann von zwei Positionen aus vollzogen werden.  Die Dekonstruktion der Moderne kann von den Postmodernisten mit ihrer hypermodernen Ethik ausgehen. Die Mehrheit der Postmodernisten ist von der Moderne enttäuscht, weil die Moderne nicht ihre Versprechen gehalten hat und ihre Hoffnungen und Erwartungen nicht befriedigte. Es handelt sich hier also gewissermaßen um Verzweiflung als antreibende Motivation. Sie sind verzweifelt, weil die Moderne ihr erklärtes Ziel nicht erreichen konnte. Die Moderne ist der Postmoderne zu klein, sie ist ihr einfach nicht genug. Daher versuchen sie, die Moderne zu dekonstruieren, um zu beweisen, dass man sie überwinden muss, um das zu erschaffen, was die Moderne hervorzubringen im Stande war, aber aufgrund ihrer inneren Begrenzungen nicht erreichen konnte. In den Augen der Postmodernen war die Moderne zu traditionell, exzessiv traditionell. Die Moderne konnte die Tradition nicht überwinden, aber genau das soll der Postmoderne gelingen. Wir haben es hier also mit einer Zerstörung der Moderne zu tun, die beweist, dass die Moderne nicht so modern war, wie sie es in den Augen der postmodernen Ethik hätte sein müssen. Was aber interessant an dieser Methode ist, ist das in ihrem Verlauf die künstliche Natur der Moderne bewiesen wird, das die Moderne eine Schöpfung ist und dass die Moderne auf Entscheidungen aufbaut. Wir können also etwas dekonstruieren, das etwas dekonstruiert hat. In der Beschäftigung mit der Moderne können wir also postmoderne Methoden anwenden.

Viel wichtiger ist hierbei aber die andere Möglichkeit, die Moderne auf eine viel radikalere Art zu dekonstruieren, als ihre postmodernen Kritiker. Diese liegt im Traditionalismus, der die Moderne als eine Art Struktur betrachtet, die erschaffen wurde, um die Tradition zu zerstören. Das ist also die Betrachtung der Moderne als Antitradition. Man könnte sie gewissermaßen als Zurückweisung aller traditionellen Werte präsentieren. Was in der traditionellen Gesellschaft ein Plus als Vorzeichen hatte, war nun in der Moderne mit einem Minus behaftet. Das war also eine Art Umkehrung des traditionellen Status der Dinge und diese gründete auf der Entscheidung, der Subversion und dem Willen zur Zerstörung und gewissermaßen dem Austausch der These durch die Antithese. Die Moderne ist also die Antithese der Tradition. Das ist die traditionalistische Position. Und interessant daran ist, dass die Postmodernisten mit dem Ziel der Moderne einverstanden sind. Sie kritisierten die Moderne also als etwas, das nicht weit genug ging, etwas das nicht ausreichend war. Die Traditionalisten hingegen kritisierten die Moderne als etwas Schreckliches, als etwas komplett Negatives, als Nihilismus, als Zerstörung, als Perversion, als Subversion, als dämonische Gestaltung der Realität oder als eine Art anti-christlicher Zivilisation, die bewusst durch die Anhänger Satans erschaffen wurde. Die Moderne ist also in den Augen der Traditionalisten eine bewusste satanische Schöpfung. Es gebe also eine traditionelle göttliche Gesellschaft, eine göttliche Welt und eine göttliche Seele einerseits und es eine satanische Tradition, eine satanische Ordnung und einen satanischen Kosmos andererseits und so weiter.

Das ist sehr aufschlussreich, weil diese Art der Zerstörung der Moderne auch in unserer Welt existiert. Und wir können beide Vorgehensweisen nützen, um mit der Moderne fertig zu werden. Wir könnten entweder die Dekonstruktion von links vornehmen (postmoderne Dekonstruktion) oder mit einer ausgearbeiteten Methodologie im Rahmen der traditionalistischen Dekonstruktion fortfahren. Ich bestehe jetzt nicht darauf, wer Recht hat, sondern ich versuche aufzuzeigen, dass es zwei Möglichkeiten gibt, mit der Moderne fertig zu werden, außerhalb der Ambitionen der Moderne, denn die Moderne sagt „Das ist notwendig, das ist ein mechanisches Entwicklungsgesetz, der Fortschritt ist unaufhaltsam.“. All das wird von der Postmoderne in Frage gestellt und ebenso wird all dies vom Traditionalismus verworfen. Wenn wir beide Kritiken vereinen, erhalten wir methodologisch etwas gänzlich Neues. In der Vereinigung beider Methodologien erkennen wir eines ganz bestimmt, nämlich dass wir es mit etwas absolut Künstlichen zu tun haben, weil beide Kritiken das mit aller Macht der Überzeugung des wissenschaftlichen Ausdrucks von verschiedenen Positionen aus beweisen, was von großer Wichtigkeit ist. Wir können die Moderne also als etwas Konzeptuelles, Strukturelles und gewissermaßen Ewiges ansehen. Die Moderne existiert also nicht nur in der gegenwärtigen Welt, sondern sie stellt eine Struktur dar. Wenn wir die Moderne zum Beispiel mit mathematischen Strukturen, Werten und Antiwerten, plus und minus beschreiben könnten, wenn wir eine Art Formel der Moderne hätten, könnte diese nicht zeitgenössisch sein. Diese Formel könnte also in einem anderen Kontext existieren. Dies eröffnet uns den Weg zur Analyse der Moderne als etwas, das vom gegenwärtigen Moment abgewendet werden kann. Wir können also die Moderne auf dieselbe Art und Weise studieren, wie wir zum Beispiel die chinesische oder römische Kultur studieren können. Sie ist etwas, das erschaffen wurde, aber zu einer Art ewigen Text gehört. Wir können verschiedene Maßstäbe wählen, wir können näher heran oder weiter weg von der Moderne gehen. Die Moderne ist also ein Studienobjekt.

Wenn wir versuchen, in der Noomachie die Perspektive davon zu konkretisieren, was die Moderne ist, haben wir bereits darüber gesprochen, dass sie antichristlich ist. Denn wir hatten in unserer europäischen Geschichte bereits die Tradition, über die die Traditionalisten sprechen in der christlichen Tradition erlebt. Und wir haben bereits in der vorhergehenden Vorlesung bewiesen, wie diese christliche Tradition in sich vorchristliche Strukturen und den indoeuropäischen Logos einschloss. Die gegenwärtige Tradition in ihrer noologischen Fassung ist also dieselbe, wie das Christentum, stellt aber gleichzeitig dieselbe Allianz zwischen dem logos des Apoll und dem logos des Dionysos in ihrer konkreten christlichen Form dar. Das war und ist also die Tradition, die wir identifizieren und als Typ beschreiben konnten. Wenn wir also diese konkrete und positive Beschreibung davon, was Tradition ist heranziehen, haben wir es nicht mit etwas Vagem zu tun, sondern mit etwas Konkretem. Sie ist der logos des Apolls mit seiner Struktur, Symmetrie und Vertikalität, mit dem gereinigten logos des apollinischen Dionysos und der in diesem Fall darin eingebetteten Dialektik. Es ist also alles ziemlich konkret in diesem Fall.

Und wenn wir zum Beispiel versuchen, all das zu verleugnen, eine Umkehrung davon durchzuführen, erhalten wir den einen anderen Typ  – der weder Apoll, noch Dionysos ist. Und dieser besteht jetzt nicht nur in Nihilismus, Zerstörung oder Parodie, wie sie die Traditionalisten nennen würden, vielmehr können wir in unserer noologischen Analyse ganz klar den sogenannten positiven Inhalt der Moderne erkennen. Die Moderne besteht also nicht nur aus Zerstörung, Chaos, Anti und dagegen. Sie ist kein Nihilismus. In den Augen des logos des Apoll gibt es keinen logos der Kybele. Dort ist nichts. Dort ist Zerstörung und Materie. Aber im drei logoi Konzept der Noomachie gibt es den logos der Kybele. Dort gibt es eine Art Struktur, die wir uns vorstellen können, die wir mit positiven Innenbeziehungen beschreiben können. Aus diesem Grund ist die Noologie der Noomachie so wichtig, denn dank der Noomachie besitzen wir den Schlüssel, der uns ein tieferes und besseres Verständnis dessen erlaubt, was die Moderne ist. Denn wenn Traditionalisten die Moderne kritisieren, verwenden sie negative Begriffe, etwa „der Umsturz traditioneller Werte, negativ, Nihilismus.“  Das ist das Ergebnis eines konservativen Diskurs. Sie gehören der Tradition an, dem logos des Apoll und Dionysos und sie betrachten das Ende dieser Situation als das Ende aller Tage. Es gibt also den Nihilismus, einen der negativen Begriffe. Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum sie nicht die Essenz der Moderne begreifen konnten, weil die Moderne für sie rein negativ ist, so wie sie für die Modernisten rein positiv ist. Diese wiederum konnten die Moderne nicht verstehen, weil sie für sie alles ist. Sie ist die Schönheit, der Fortschritt, etwas Unausweichliches, die Natur, eine gewöhnliche Abfolge von Ereignissen, die wir nicht ändern können, etwas Vordefiniertes. Die Modernisten können die Moderne nicht verstehen und die Traditionalisten verstehen sie besser, als die Modernisten, aber auf eine negative Art, und deswegen auch nicht gut genug. Doch vom Blickwinkel der Noomachie können wir sagen, dass die Moderne nicht nur Zerstörung ist. Sie ist kein reiner Nihilismus, sie ist nicht nur eine chaotische Transformation. Sie ist der andere logos, der Dritte.

Wenn wir nun also dieses Konzept auf die Moderne anwenden, erhalten wir eine gänzlich neue Sicht und Perspektive, um die Moderne zu verstehen. Und die Moderne ist in der Realität sehr alt.  Dabei handelt es sich um kein Paradoxon. Sie ist extrem alt, weil sie schon vor der indoeuropäisch-turanischen Invasion existierte. Wir haben es hier also nicht mit etwas Neuen zu tun. Vielmehr haben wir es im Falle der Moderne mit etwas sehr sehr Altem zu tun, das bereits vor der indoeuropäischen Invasion existierte, vor dem turanischen logos des Apoll. In diesem Fall Unter diesem Blickwinkel ist die Moderne also alt und die indoeuropäische Tradition und das Christentum sind etwas Neues, weil sie danach kamen. Und die Moderne stellt damit die Rückkehr zu diesem vorindoeuropäischen Aspekt der Zivilisationen dar. Das ist extrem wichtig anzumerken, weil wir uns jetzt nicht mit etwas als dem Ende einer natürlichen Konstruktion Gleichsamen beschäftigen. Es gibt nichts Natürliches in der menschlichen Geschichte. Alles gründet auf dem logos. Also ist die Moderne ein Moment in der Noomachie, der nach dem neuen Angriff der Titanen auf die Götter stattfand. Und dieses Mal handelt es sich um einen erfolgreichen Angriff. Die Moderne ist also der Sieg der Titanen, der Kybele, der Schlange über Gott. Dies ist also der Moment der Noomachie, der immer als potenzielle Möglichkeit existierte und dann eintritt, wenn die Macht des Lichts zu schwach und zu klein wird, genau dann werden die Titanen in der Hölle von ihren Ketten befreit und sie werden das Reich der Ordnung stören und die Menschheit ihrer Herrschaft unterwerfen. Dies ist keine rein negative Beschreibung. Es findet ein Ereignis statt und wir können über den logos der Moderne sprechen. Die Moderne hat einen logos.

Um die Moderne nachzuverfolgen, müssen wir zu dem Ereignis oder dem Zeitpunkt zurückkehren als die Moderne begann. Am Ende des Mittelalters und der Renaissance befindet sich die Grenze dieser Zeit. Es war genau die Renaissance, in der der Moment dieser Noomachie und Titanomachie ihren kritischen Punkt erreichte. Sie ist der Name für den besonderen Kampf zwischen dem logos des Apoll gegen den logos der Kybele, die Epoche, in der die Schacht von den Göttern verloren wurde. Diese Schlacht wurde von der indoeuropäischen Tradition verloren, vom patriarchalen Existenzhorizont zugunsten eines alternativen logos. Und wir können viele Aspekte davon erkennen: Diese sind der Beginn des Kapitalismus, der Bourgeoisie und der Nationalstaats. Dies war der Beginn der Säkularisierung des Staates und der Gesellschaft und damit das Ende des Christentums. Und dies spiegelte sich in der Wissenschaft wider, weil die moderne Wissenschaft ein notwendiger Aspekt der Moderne ist. Wir leben also in einer Welt, in der das Verständnis der Realität auf der Wissenschaft gründet. Und diese Wissenschaft, diese moderne Wissenschaft (die modern genannt wird, um einen Unterschied zur Wissenschaft des Mittelalters zu machen) ist sehr besonders. Wir können ihre Struktur in Augenschein nehmen. Wenn wir damit anfangen, die ersten Texte von Autoren der modernen Wissenschaft zu lesen, erkennen wir eine spezielle Funktion – sie kritisierten Aristoteles. Aristoteles schuf gewissermaßen das dogmatische Wissenschaftskonzept des Mittelalters. Dieses war scholastisch und christlich. Im orthodoxen Zusammenhang wurde die aristotelische Lehre von Johannes von Damaskus in die orthodox christliche Doktrin integriert. Im westlichen Christentum gründete die scholastische Tradition auf einer Verbindung von platonischen und aristotelischen Konzepten. Am Anfang der wissenschaftlichen Weltsicht wurden Aristoteles und in einem geringeren Ausmaß der Platonismus verworfen. Und wir können nachverfolgen, was konrekt angegriffen wurde und wie sich diese Titanomachie auf dem Feld der wissenschaftlichen Theorien entwickelte. Ich habe meine erste Doktorarbeit diesem Konzept der Schöpfung und dem Auftauchen der modernen Wissenschaft gewidmet.

Zuerst richtete sich die Kritik gegen die Theorie der natürlichen Plätze von Aristoteles und die anisotropische Fassung der Orte. Das anisotropische Verständnis des Raumes der natürlichen Orte Theorie bei Aristoteles gründete auf dem Konzept dessen was Bewegung ist. Aristoteles zu Folge hat alles ein Ziel, seine eigene Entelechie. Das Ziel ist die letzte Vernunft. Das Äquivalent dazu ist der natürliche Ort. Alles hat also seinen natürlichen Ort. Und die Bewegung des Dinges bewegt es auf diesen natürlichen Ort zu. Wenn das Ding den natürlichen Ort erreicht, hört die Bewegung auf. Die Bewegung findet statt, weil sich alle Dinge nicht an ihrem natürlichen Ort befinden. Sie bewegen sich dorthin, aber sie hindern einander daran, dorthin zu kommen. Und das definiert die Natur der Bewegung. Also strebt alles danach, seinen natürlichen Ort zu erreichen und weil es ein wenig chaotisch in der Sphäre des Mondes ist (nach Aristoteles herrscht chaotische Bewegung vor), verletzt jeder den anderen. Niemand ist an seinem eigenen Ort, nur Gott ist es. Nur Gott hat ihn von Anfang an erreicht, er befindet sich ewig an seinem natürlichen Ort, alles andere nicht. Und aus diesem Grund lebt alles und bewegt sich alles. Das ist die Erklärung für die Natur der kinetischen Bewegung. Jedoch schafft dies einen besonderen Ort mit einem absoluten Zentrum für jedes Ding. Das absolute Zentrum ist der natürliche Platz jeden Dings. Es strebt also alles irgendwohin und dieses irgendwo ist viel wichtiger und viel natürlicher als jeder andere Ort, wo Sie beheimatet sein könnten. Das Konzept des Zuhauses ist sehr wichtig, denn das Zuhause ist der natürliche Ort. Wir gehen nach Hause und jeder geht nach Hause. Es ist die Rückkehr, die Rückkehr zu Gott, denn nur Gott befindet sich an seinem eigenen Ort. Er ist der unbewegte Beweger. Er ist etwas das alles bewegt, aber von nichts bewegt wird. Das ist das Konzept, also sind der Raum und der Kosmos theozentrisch. Und es gibt eine Art heiliger Geographie mit besonderen heiligen Zentren, mit besonderen Orten des Kultes, wobei der gesamte Kosmos eine Bedeutung, Struktur und Vernunft hat. Es gibt also ein Zentrum.

Der Hauptangriff des Galileo Galilei, Copernicus und der anderen war gegen dieses Konzept des natürlichen Ortes gerichtet. Sie nahmen an, dass es keinen natürlichen Platz gäbe und keine letzte Vernunft. In ihren Augen gibt es nur eine kausale Vernunft. Es gibt nur dann Vernunft in der Bewegung, wenn sie auf ein anderes Ding Einfluss nimmt. Es gibt also eine gewöhnliche Vernunft, aber es existiert kein letzter Grund. Weil es kein Ziel gibt, gibt es keine Teleologie der Bewegung. Und es gibt ebenso kein absolutes Zentrum. Alles ist relativ, alles bewegt sich chaotisch wie in der aristotelischen Fassung, aber ohne Plan, ohne Ziel und alles wird durch den vorhergehenden Grund definiert. Der Grund gehört also der Vergangenheit an. Und es wird keinen Grund in der Zukunft geben. Es gibt keine Eschatologie und kein Ziel. Alles ist zufällig und es gibt kein Zentrum. Es gibt kein Zentrum im Raum, alles ist relativ. Es gibt keinen anisotropischen Raum, es existiert ein isotropischer Raum. Isotropisch bedeutet, dass Sie jeden Weg mit derselben Wahrscheinlichkeit gehen können, da es keinen natürlichen Ort für die Dinge gibt. Also ist alles absolut relativ. Genau darin ereignete sich die Zerstörung der apollinischen Struktur des Raumes, der Zeit, des Schicksals und der Geschichte. Alles wird damit zerstört. Und dies war die sogenannte wissenschaftliche Entdeckung.

Die Postmodernisten beweisen, dass das reine Publicity war. Es war ein Krieg der Schule und des Labors. Alles an Galileo Galilei war ein Betrug, der aufgezogen wurde, um die Zuschauer davon zu überzeugen das er großartig ist, aber wir können seine persönlichen Überzeugungen zur Seite stellen. Was aber war die Bedeutung von Galileo Galilei und den anderen Gründungsvätern der Moderne? Sie zerstörten den logos des Apoll, der in Platon und Aristoteles repräsentiert wurde durch den logos der Kybele. Doch der logos der Kybele war nicht ihre Entdeckung. Er war die Wiederkehr der dritten Form der altgriechischen vorsokratischen Philosophie, zuerst vertreten durch Demokrit und später durch Epikur und Lukrez. In der christlichen Weltsicht wurden sie zur Seite geschoben. Die christliche Weltsicht gründete auf Platon und Aristoteles, Demokrit, Epikur und Lukrez wurden zur Seite gelegt und vergessen. Sie wurden durch den logos des Apoll gesäubert, weil sie zu einer anderen Weltsicht gehörten, der atomistischen Weltsicht, zum materialistischen Weltbild. Bereits in der Antike vor Platon waren sie anti-indoeuropäisch und gehörten in den Zusammenhang des logos der Kybele und sie tauchten in der Renaissance wieder auf. Das ist also nichts Neues. Er war etwas das verleugnet, hinausgeworfen und verboten wurde. Es handelt sich bei ihm um eine Art verbotenes Wissen, das als das dominante Wissen wiederkehrte. Die Postmodernisten zeigen also auf, dass an diesen neuen Ideen nichts überzeugend war und das sie nicht gewannen, weil sie wahrer gewesen wären. Sie gewannen, weil sie gewannen, weil sich etwas im Geist des Renaissancemenschen änderte, dass den Weg für die Wiederkehr des logos der Kybele unter der wissenschaftlichen Prämisse bereitete. Das war der Atomismus.

Der Atomismus gehört der Vergangenheit an. Er wurde von der christlichen Kosmologie zurückgewiesen, aber kehrte mit Boyle, Newton, Gassendi, Hobbes und Descartes zurück. Es ist sicher kein Zufall, dass Marx sein Doktorat den Beziehungen zwischen Epikur und Demokrit widmete. Der modernste Philosoph des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich in seiner Doktoratsarbeit mit dem sehr alten Problem der Materie, des Atomismus und der Evolution. Bei Lukrez können wir ein Konzept von Evolution sehen, das fast schon darwinistisch ist, und das die Idee der Evolution der Spezies enthielt. Die Spezies waren also verwirrt und entwickelten sich Stück für Stück in die Kreaturen, die wir kennen. Sie wurden durch die Venus geschaffen. Bei Lukrez finden wir rein kybelische und rein wissenschaftliche Themen. Auch im Konzept von Lukrez finden wir wie bei Demokrit die schwarzen Götter. Dies waren atomisch, lebten zwar länger als die Menschen, aber starben ebenso wie sie. Die sterbenden Götter des Demokrits sind also schwarze Götter oder Dämonen. Es gab eine Mischung zwischen wissenschaftlichen und mythologischen Themen, aber was für eine Art von Mythologie war das? Sie war eine rein materialistische, chthonische und kybelische Mythologie.

Zur gleichen Zeit folgte auf die Zerstörung der Vertikalität, der alten Ordnung, der mittelalterlichen Doktrin und der christlichen Lehre eine neue Weltsicht, die auf der kybelischen Ideologie aufbaute. Die kybelische Ideologie ist strikt materialistisch und immanent. Es gibt keinen Himmel und keinen transzendenten Gott. Stattdessen gibt es eine Substanz und alles erwächst aus dieser Substanz. Und dieses Wachstum hat einen Ursache als Vernunft aber keine letzte Vernunft, weil das Wachstum etwas ist, das verwirrt. Es ist ein Wachstum als solches ohne Vernunft. Dies ist eine Art immanenter Prozess. Und es gibt keinen Attraktor. Es gibt kein Ziel, zu dem das Wachstum führt, weil es diese riesige immanente Substanz ist, die das Ziel in sich selbst trägt. Das ist also die Vernunft, das ist die Ursache, aber es ist keine letzte Vernunft.

Dies spiegelte sich in der Kosmologie des Kopernikus wider. Diese drückte sich nicht in der Verschiebung von der geozentrischen zur heliozentrischen Doktrin aus, sondern die eigentliche Eigenschaft der Kopernikanischen Wende lag darin, dass es überhaupt kein Zentrum mehr in ihr gab. Alles ist relativ. Die Erde war nicht das Zentrum, sie war nicht der natürliche Ort der Inkarnation Gottes. Sie ist etwas Gewöhnliches, wie ein Ball der sich um einen anderen Feuerball dreht und so weiter, sowie im Zusammenhang mit anderen Bällen steht im unendlichen ungeordneten Chaos der atomischen Tradition. Wichtig ist, dass laut Demokrit Atome klein und unsichtbar oder groß sein können. Dabei handelt es sich um etwas, das dem modernen Konzept des Körpers, des göttlichen Funken und so weiter nahekommt. Dies spiegelte sich in der wissenschaftlichen Weltsicht wider. Und was heute als wissenschaftlich betrachtet wird ist gleichbedeutend mit kybelisch. Das Kybelische ist wissenschaftlich. Was zum Beispiel wiederum nicht kybelisch ist, besteht auf der Existenz eines natürlichen Orts und ist nicht wissenschaftlich, sondern mythologisch. Es fand also ein Wandel des logos statt, der sich aber nicht sofort vollzog. Der logos der Kybele übernahm in seiner wissenschaftlichen Weltsicht einige Aspekte des apollinischen Rationalismus, der Logik, und der dionysischen Dialektik. Dies geschah aber alles unter kybelischen Vorzeichen. Wir haben es hier also mit einer Art postapollinischer Kultur zu tun, worin der Unterschied zum vorapollinischen Königreich und seiner Zivilisation in Lepenski Vir, Vinča, und Çatalhöyük bestand. Die Zivilisation der Großen Mutter war also vorapollinisch und die Moderne ist dieselbe Zivilisation mit derselben Struktur, nur mit dem Unterschied, dass sie postapollinisch ist. Dieser bestand in der Aneignung der Methoden der Logik und der Philosophie, welche unter die Kontrolle dieser materialistischen, atomistischen, immanenten und substanzialistischen Vorherrschaft gestellt wurden.

Dies wurde in der Politik widergespiegelt, welche in der Zerstörung des Reiches bestand. Darin liegt das Wesen der modernen Politik. Denn das Reich ist, wie wir gesehen haben, die normative Organisation des christlichen politischen Raumes, sowohl im byzantinischen, als auch im westlich-katholischen Sinne. Die Konzepte des modernen Staates und der Nation waren also beide direkt gegen das Reich gerichtet. Das ist die atomistische Sicht des Staates als sozialem und politischen Konzept ohne Grund. Der wesentliche Unterschied zwischen dem modernen Staat und dem Reich besteht darin, dass es keinen letzten Grund gibt, keinen natürlichen Ort, keine Funktion oder Mission des Katehon. Die Nationalstaatlichkeit richtet sich gegen die katehonische Mission. Sie ist gegen die Sakralität des Reiches und seine Mission gerichtet. Der Moderne Staat wird nach der Definition von Jean Bodin und Thomas Hobbes von unten als Gesellschaftsvertrag geschaffen. Genau das ist der Leviathan bei Hobbes. Der Moderne Staat stellt keine Reflexion des himmlischen Paradigmas dar. Er wurde erschaffen und hat keinen letzten Grund. Er hat die Vernunft als Ursache. Die Vernunft des modernen Staates liegt im Gesellschaftsvertrag, der durch das Volk und die Individuen geschaffen wurde, um sie vor anderen Individuen zu schützen. Das ist ein ganz anderes Konzept der Politik. Es ist eine Offenbarung, dass Hobbes den Modernen Staat gerade als Leviathan, als Schlange bezeichnete. Der Moderne Staat ist eine Schlange, ein Drache, der mechanisch von unten organisiert wird, um alles zu zerstören was heilig ist. Der Moderne Staat ist gegen die Ursprünge des Reiches gerichtet.

Genau das ereignete sich in der Renaissance mit der wissenschaftlichen Weltsicht, diesem komplett neuen Verständnis der Religion. Denn der Moderne Staat muss säkular sein, ohne Sinn für das Religiöse. Er kann eine Kirche haben, ganz gleich ob protestantisch, katholisch oder orthodox. Aber die Kirche muss vom Staat getrennt werden und darf sich nicht in die Politik einmischen. Daher ist der Moderne Staat also titanisch. Darüber hinaus ist der moderne Nationalstaat antichristlich, antitraditionell, antieuropäisch, antiapollinisch und antidionysisch. Er ist rein titanisch, Schlange und Drache. Und als solcher wurde er als Leviathan am Anbeginn der Moderne vorgestellt.

Was ist also die Nation? Die Nation ist ebenfalls ein Konzept, dass genau in seiner modernen Bedeutung in der Epoche der Renaissance erschien. Die Nation stellt die Bevölkerung dar, welche innerhalb des Nationalstaates lebt. Die Nation ist komplett künstlich. Sie stellt die Gemeinschaft der Bürger dar, welche den Gesellschaftsvertrag geschaffen haben. Die Bürger nehmen also am Gesellschaftsvertrag teil. Sie können diesen auch neudefinieren und einen anderen sozialen Zusammenhang beschließen, den Staat. Die Bürger können zum Beispiel beschließen, dass sie nicht länger in Belgien leben wollen und stattdessen gerne einen flämischen oder bolognesischen Staat hätten. Sie haben jedes Recht dazu, denn Belgien hat keinen Grund. Es ist nicht die Widerspiegelung von etwas Transzendentem, es ist vielmehr das Ergebnis eines Gesellschaftsvertrages. Die Menschen können also Jugoslawien erschaffen und Jugoslawien zerstören, wenn sie wollen, eben weil es kein Jugoslawien, kein Frankreich, kein Belgien und kein Deutschland gibt. Sie sind also mit Leichtigkeit dazu imstande, einen Leviathan zu erschaffen oder zu zerstören, wenn sie denken, dass es für sie besser wäre. Somit haben wir es hier mit einem absolut immanenten Konzept der Politik zu tun.  Und es könnte auch in der vertikalen Struktur des Staates als vor-kybelische indoeuropäische Tradition widergespiegelt werden, die jedoch von Beginn an titanisch war. Hier haben wir eine neue Art von Hierarchie, eine titanische Bürokratie mit einem neuen Typ der dominierenden Figur. Diesen Typ müssen wir mit Sorgfalt betrachten und beschreiben. Im Modernen Staat gibt es nämlich keine Priester. Der Säkularismus hat die Priester aus der Regierung gedrängt. Sie könnten daher zum Beispiel nur als kulturelle Institution am Rande der Gesellschaft existieren, als Kult bei Begräbnissen und Hochzeiten, als etwas das nicht so wichtig ist und mit der Zeit immer unbedeutender wird. Denn die Marginalisierung der Kirche ist Teil des Prozesses der politischen Moderne und die Kirche muss immer mehr und mehr aus den politischen Entscheidungen herausgedrängt werden.

Im Falle des Kriegers ist es wichtig hervorzuheben, dass die Krieger ein adeliger Stand waren, der Adel des traditionellen Staates. Auch sie müssen marginalisiert werden. Sie sollen zu einer Art Söldner des Staates werden, wobei sie ihre Waffen nicht mit sich tragen können, weil die Waffe ein Symbol des Kriegers ist. Vielmehr nehmen sie die Waffe vom Staat. Und wenn der Staat der Ansicht ist, dass sie genug gekämpft haben, nimmt der Staat die Waffe zurück. Das gestaltet sich im Falle des Schwerts schwierig, ist aber bei der Kanone oder dem Panzer einfach. Daher kommt es also zur Entwicklung von Staatswaffen (die Atombombe können sie etwa als aristokratischer Krieger nicht einfach besitzen). Wenn Sie aber keine Waffe besitzen, sind sie kein autonomer Krieger. Sie sind ein angeheuerter Söldner, der als Diener dient, mit etwas, dass ihm der Staat gegeben hat und über das bürokratisch entschieden wurde. Der Krieger ist also nicht der entscheidende Typus. Ebenso stellen die Priester nicht den entscheidenden Typus dar.

Doch wer entscheidet nun? Es erscheint eine neue Figur – der Bourgeois. Wir nennen dies das kapitalistische System. Wir nennen es das bürgerliche System. In politischer Hinsicht ist der Bourgeois die normative Figur der Moderne. Und genau diese sollten wir nun genauer unter die Lupe nehmen und eine Art strukturelle Analyse davon erstellen, was sie genau ist. Bei der Feststellung, dass der Bourgeois zum Dritten Stand gehört, handelt es sich um Allgemeinwissen. Er ist die dritte Funktion. Zuerst kommen die Priester, dann die Krieger und als drittes der Bourgeois. Im Französischen spricht man vom tiers état. Darin liegt jedoch ein sehr interessantes Missverständnis, dass durch den Mann, der in der Stadt lebt (Bourgeois) und sich mit dem Handel (Kaufmann) beschäftigt vertreten wird. Das ist der Bourgeois. Doch gab es diese Figur in der turanischen Gesellschaft nicht, die nomadisch war und ihre Funktion war sehr marginal in der traditionellen sesshaften europäischen und indoeuropäischen Gesellschaft, in der als Dritte Funktion die Viehzüchter und Hirten im einen und die Bauern im anderen Fall existierten. Aber sie waren keine Bourgeois. Die klassische Ausprägung der dritten Funktion in der klassischen indoeuropäischen Gesellschaft war also der Bauer oder Viehzüchter und nicht der Händler, der in der Stadt lebte. Der Bourgeois ist etwas Neues. Wir können nicht behaupten, dass es die traditionelle Dritte Funktion ist, welche die Erste und Zweite überwindet. Es handelt sich dabei nicht um den tiers état im indoeuropäischen Sinn. Es geht um jemand ganz anderen, denn der Bourgeois und der Händler, die in der Stadt leben sind keine Viehzüchter. Er hat nichts mit Kühen, Schafen oder Ziegen zu tun. Er bebaut ebenfalls nicht die Erde und ist daher kein Bauer. Er hat sich aus ihm entwickelt.

Aber wer ist er? Wer ist der Bourgeois? Er ist etwas zwischen dem Krieger und dem Bauern. Er ist fauler als der Bauer, weil er die Erde nicht bearbeiten will. Und er ist feiger als der Krieger, weil er dem Tod nicht ins Angesicht schauen kann. Er ist ein Mittelding zwischen dem faulen Bauern und dem feigen Krieger, also ist er ein Sklave. In der russischen Sprache gibt es das Wort ‘холоп.’ um den Sklaven des Meisters zu beschreiben. Es sorgt dafür, dass es dem Meister gut geht. Man könnte meinen, dass er kein Diener im eigentlichen Sinne ist. Er ist weder frei noch ein freier Bauer, der im Feld arbeitet, vielleicht Steuern zahlt oder andere Abgaben leistet. Er nimmt nicht an der Schlacht teil. Er befindet sich zwischen dem Volk und der Aristokratie zwischen der ersten, zweiten und dritten Funktion. Er war eine Art Hilfsarbeiter, der den Kriegern innerhalb der indoeuropäischen Städte diente, da diese vom Kriegeradel als eine Art von Festung errichtet wurden, welche in einer militärstrategischen Beziehung mit dem Raum und dem Volk standen. Das Bürgertum war also eine künstliche Klasse, die mit dem Wachstum des Handels in der Stadt mitwuchs. Ihre Erscheinung als wichtige Klasse begann im selben Moment wie die Rache der Kybele. Die Bourgeois sind die besondere Form eines neuen soziologischen Typs, der in der Stadt lebt und mit dem Handel beschäftigt ist. Hierbei ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass das traditionelle Symbol der Kybele die Stadt als Krone ist, denn sie trägt eine Krone in Form einer Stadt. An dieser Krone ist etwas bourgeois und am Handel ist etwas pervertiert. Für die Neigung, sich mit dem Handel zu beschäftigen gibt es in unserer traditionell christlichen und indoeuropäischen Logik kein Muster, kein Beispiel und keinen Platz. Denn wir haben es hier weder mit dem Krieg, der Arbeit noch dem religiösen Ritus zu tun. Es ist etwas, das keinen Platz in der traditionellen Gesellschaft hat. Aber es konnte am Rand der Gesellschaft existieren, um einen technischen Aspekt zu ermöglichen, jedoch war es niemals eine Art Klasse oder Funktion. Es hatte nie seine eigene Mythologie, seine eigene Ethik und seine eigene Tradition. Und wir erkennen in der Bourgeoisie etwas vollkommen Unnatürliches für unsere Tradition, da sie sich mit Handel und Geldwechsel beschäftigen. Sie sagen, dass der sanfte Handel kein Krieg ist, weil sie Feiglinge sind. Sie können nichts rauben wie es die Krieger tun, noch können sie friedlich ihre Felder bearbeiten, eingebettet in die traditionelle Gesellschaft mit ihren vielen kulturellen Traditionen, die das Leben in der Steppe und das bäuerliche Leben betreffen. Der Bauer entfernte sich also von der Tradition. Er ist der Krieger, der nicht kämpfen kann, eine Perversion. Der Bourgeois ist ein kranker Typ, er ist sehr krank, da er von einer soziologischen Krankheit befallen ist und stellt die Perversion unserer traditionellen Lebensart dar. Die Mehrheit der Bourgeois bestand also aus ehemaligen Bauern, Bauern die sich von ihrer natürlichen Stellung abwandten.

Wenn der Bauer aus irgendeinem Grund die Möglichkeit verloren hat, seiner Tätigkeit nachzugehen, sein Feld, seinen normalen und natürlichen Ort im Dorf, dann geht er in die Stadt. Aber wer ist der Bauer in der Stadt? Ein niemand. Er ist ein Idiot (Ιδιώτης) im griechischen Sinne, die Person ohne kollektive Identität. Er ist etwas Individuelles, das wiederum atomisch ist. Und das Atom ist die Grundlage für die neue materialistische Wissenschaft der Renaissance. Er ist die neue und alte Figur, jedoch eine solche, die keinen Platz in der traditionellen Gesellschaft hat. In der traditionellen Gesellschaft wird er mit Mitleid betrachtet. Er ist der kranke Bauer (weil er zu faul oder zu arrogant ist) und er ist ein feiger Krieger, der nicht kämpfen will. Das ist also seine Perversion. Er kann nur ein deklassiertes Wesen sein. Die Bourgeoisie ist eine Unter-Klasse, eine Gruppe von kranken, wahnsinnigen, pervertierten, abnormalen menschlichen Wesen, die per semantischer Definition idiotisch ist. Sie besitzt keine organischen Beziehungen mit kollektiver Identität. Ihre Identität ist künstlich konstruiert. Sie gehörte weder den traditionellen Krieger noch den Agrargesellschaften an. Sie wurden aller organisch-kollektiven Qualitäten beraubt. Daraufhin gingen sie in die Stadt und versuchten ihren eigenen Weg zu finden. Die Bourgeois fühlten sich nicht anderen Orten oder Ethnien zugehörig, da sie Individuen waren, die man in die Städte verpflanzte, die keiner traditionellen Körperschaft oder Form angehörten. Schließlich begannen sie immer zahlreicher zu werden und die normative Sicht des normalen Sozialtyps zu definieren. Sie entthronten die Krieger und die Priester. Darüber hinaus interpretierten sie auch den Dritten Stand falsch, weil der Bourgeois die Bauern hasste, da er sie ausbeutete. Er lässt sie nicht ihre Feldfrüchte in der Öffentlichkeit verkaufen, weil er sie selbst kauft und damit spekuliert. Die Bourgeoisie besteht also aus Spekulanten, die nichts produzieren und Berge von Geld verdienen, indem sie die Produktion manipulieren. Der Bourgeois ist unproduktiv, wohingegen die Bauern produktiv sind.

Gleichzeitig waren die Bourgeois selbst zum Teil Bauern. Doch von woher kamen sie in die Stadt? Ein Teil von ihnen stammte aus anderen ethnischen oder marginalisierten Gruppen, die schließlich bourgeois wurden. Aber die erdrückende Mehrheit, die zum Wachstum der Bourgeoisie beitrug, stammte aus dem Bauernstand. Nun stehen wir aber vor einem echten noologischen Rätsel: wer waren die europäischen Bauern? Sie waren die Angehörigen der kybelischen Zivilisation unter der Kontrolle des indoeuropäischen Existenzhorizonts. In dem Moment, indem sie aus dieser kontrollierten Struktur herausgerissen wurden, wurden die kybelischen Wurzeln des Bauernstands offenbart. Wir haben es hier also mit einer Art Befreiung der tiefsten Ebene der Identität der europäischen Bauern zu tun, die ihr von der besonderen christlichen und traditionellen Aristokratie in der vertikalen Gesellschaft genommen worden war. Sie waren Träger sehr alter Archetypen eines alten kollektiven Unterbewusstseins, das genau am Ende des Mittelalters wiederbelebt wurde.

Wir können feststellen, dass die Moderne und alle politischen Theorien, die in der späteren Phase der Moderne entwickelt wurden, sich mit dieser bourgeoisen Organisation beschäftigten. Die reine und folgenschwerste Verherrlichung der Bourgeoisie fand im Liberalismus statt. Er beschäftigt sich mit den Idioten (womit die Idioten im semantischen Sinn gemeint sind) weil der Mensch ohne jegliche kollektive Identität ein Idiot (Ιδιώτης) im griechischen Sinn ist. Der Liberalismus ist von Anfang an ein Idiotismus. Er stellt also die Glorifizierung des Idiotens dar. Das Individuum ist bar jeder kollektiven Identität, das ist klar. Aber auch der Kommunismus beschäftigt sich mit demselben Konzept, auch sie hassten die Bauern. Die Kommunisten dachten, dass sich alles in der Stadt entwickelt und der arme Bourgeois der Proletarier wäre, die reichen Bourgeois hingegen die Bürger. Beide sind rein moderne, (im konzeptuell-strukturellen Sinne) industrielle Figuren, die in der Stadt leben, nicht außerhalb von ihr. Der Kommunismus war also die Idee, dass die armen Bourgeois die reichen Bourgeois überwinden und eine Gesellschaft erschaffen sollen, in der das Proletariat über die Bourgeoisie herrschen soll. Aber wer ist das Proletariat? Es besteht aus ehemaligen Bauern, die in die Stadt zogen. Und diese ehemaligen Bauern waren in der kommunistischen Auffassung ihrer Beziehungen zur traditionellen Gesellschaft beraubt worden. Doch genau dieser Umstand war etwas Positives in den Augen der Kommunisten. Sie waren also keine Bauern mehr und nicht mehr Bauern zu sein, bedeutete aus kommunistischer Sicht keine Beziehungen mehr zur Religion, dem Kult, der Kultur, der Sprache, den Traditionen und so weiter zu haben. Auch sie waren Idioten, wenn auch in einer etwas anderen Form. Es gab reiche Idioten, die mehr oder weniger einfach waren, die als Bourgeois die grundlegende Figur des Liberalismus darstellten. Und dann gab es die armen Idioten, welche das Proletariat bildeten, die jedoch ebenfalls von der Tradition abgeschnitten werden mussten und damit vom traditionellen Staat (den Priestern, Kriegern und Bauern). Weiters mussten sie in eine künstliche Handelsstruktur eingebunden werden, den Handelsraum der modernen bourgeoisen Stadt. Dies war eine der Ideen des Kommunismus und das alles war gut. Wenn wir Marxens’ Manifest lesen, fällt auf, dass es größtenteils der Frage gewidmet ist, was der marxistische Kommunismus nicht ist. Marx und Engels betonten, dass es nicht genug ist anti-bourgeois zu sein, um ein Kommunist zu sein. Es ist notwendig post-bourgeois zu sein und nicht vor-bourgeois. Denn die Kritik des ersten Teils des Kommunistischen Manifests richtet sich direkt gegen die sogenannte Aristokratie und deren anti-bourgeoise, anti-kapitalistische Tradition die ebenfalls anti-bourgeois war, aber vortäuschte vor-bourgeoise Verhältnisse wiederherzustellen. In diesem Konflikt sollten sich die Kommunisten auf die Seite der Bourgeois und des Kapitalismus stellen sowie dabei nicht nur die traditionelle Gesellschaft zerstören, denn nach deren Überwindung sollten sie den armen Bürgern der Stadt (der Bourgeois ist der Bürger, jemand der innerhalb der Burg/Stadt lebt) dabei helfen, die reichen Bürger niederzuwerfen. Demnach sind die Proletarier als Bourgeois absolut untraditionell. Wir haben es hier also mit zwei semantisch idiotischen Konzepten zu tun, einerseits mit den reichen Idioten, andererseits mit den armen Idioten. Und die armen Idioten sollten aus der Sicht der Kommunisten die Reichtümer der reichen Idioten nehmen und unter den Idioten verteilen. Und wo befinden sich die Bauern in diesem Konflikt? Diese sollten in das Proletariat umgewandelt und in die Städte gebracht werden. Genau darin besteht das Konzept, die Dörfer mit der Stadt zu verschmelzen. Das Dorf war der Feind des Marxismus und des Kommunismus. Folglich sollten die Dörfer zerstört und in Städte umgewandelt und die Bauern wiederum in Arbeiter transformiert werden. Die Arbeiter wiederum sollten zu normalen Industriearbeitern werden, die in der Stadt leben und in dieser sozialen Struktur arbeiten sollen. Auch hierbei handelt es sich um eine mechanische Weltsicht, die genauso materialistisch wie die liberalistische war. Das ist die zweite politische Theorie.

Und auch die dritte politische Theorie war ebenfalls absolut kybelisch. Das ist für patriotisch fühlende Serben vielleicht schwer nachzuvollziehen, doch die Idee des modernen Staates ist eine künstliche Schöpfung. Der Moderne Staat baut auf der Zerstörung des Reiches auf. Er gründet auf dem Gesellschaftsvertrag und die Nation ist eine künstliche Schöpfung der Bourgeoisie. Die Nation ist ein rein bourgeoises Konzept, sie ist keine organische Gemeinschaft mit einem Staat, Kriegern, Priestern und Bauern. Die Nation bildet vielmehr ein Konzept, in deren Zentrum der chauvinistische und egoistische Bürger der Stadt steht. Und der Staat wiederum wird als Stadt erschaffen, nicht als Reich. Und auch die Bauern wurden als Menschen zweiter Klasse angesehen, da sie zwischen den Städten lebten. Sie hatten keinen eigenen Raum und wurden als Bürger betrachtet, obwohl der Begriff Bürger nahelegt, dass man in der Stadt lebt. Aber der Bauer ist kein Städter, sondern ein Dörfler. Im normativen Konzept des politischen Nationalismus waren die Bauern miteingeschlossen. Wir könnten zum Beispiel von Bürgern und Dörflern reden, aber wir sprechen von Bürgern. Weil wir die Bauern als Bürger zweiter Klasse betrachten,

waren sie politisch sowohl in den nationalistischen, kommunistischen und auch liberalen Konzepten gewissermaßen Untermenschen. Dies war die Spaltung in der dritten Funktion am Beginn der Moderne. Diese fand zwischen der traditionell indoeuropäischen Bauernschaft und dieser ehemaligen Bauernschaft statt, die in die Städte ging und entweder zu Bourgeois, zu Proletariern oder zu Nationalisten wurde. Aus diesem Grund sind alle drei politischen Theorien, sowohl Kommunismus, Liberalismus als auch Nationalismus absolut kybelisch. Eben weil der moderne Nationalismus modern ist, gründet er auf einem bourgeoisen Konzept. Es ist die künstliche Einheit der Bürger die nicht nur die Handelsfreiheit betont, sondern am stärksten auf die Verteidigung ihrer eigenen Handelsinteressen als Nation, Bürokratie und Staat besteht.

Nun können wir die Geosophie auf Europa anwenden. Wo begann die Moderne? Die Moderne begann teilweise in Italien, teilweise in Nordeuropa, aber das klarste und leuchtendste Beispiel der Moderne war Großbritannien, welches mit der Schöpfung dieser bourgeoisen Version begann. Das war nicht die revolutionäre bourgeoise Geschichte, sondern ihre evolutionär-bourgeoise Variante. Sie versuchten immer mehr bürgerliche Elemente in die Regierung einzubringen. Einer der politischen Theoretiker Englands war Hobbes, doch mit Cromwell und der protestantischen Revolution fand auch eine bürgerliche Revolution statt. Die Ermordung des Zaren Kaisers und damit des Monarchen war eine Art symbolische Entthronung des traditionell indoeuropäischen logos. Der Protestantismus war eine Art Titanismus innerhalb des Christentums. Und all diese Elemente, die Entwicklung des Bürgertums, die Ermordung des Monarchen und des der Protestantismus hatten England in ihrem Zentrum. Und der Kampf der Engländer gegen die Kelten und Katholiken stellte das innere Drama dar. Weil die Moderne in diesem Fall auf der Seite der Angloprotestanten und ihrer Tradition stand, in eben diesem bipolaren Fall der englischen Kultur, standen die Tradition und ihre Kontinuität auf der Seite der Kelten. Aus diesem Grund waren die Kelten in diesem Sinne die letzten Verteidiger einer mehr oder weniger traditionellen Gesellschaft und standen im Gegensatz zur rein modernistischen kybelisch-englischen Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang ist es sehr interessant, dass es das Konzept der vier Reiche in der christlichen Kultur gab. Das erste Reich was Assyrisch, das zweite Reich war jenes der Achämeniden, das dritte Reich jenes der Griechen und das vierte Reich jenes der Römer. Dies wurde in den Zusammenhang mit der Vision des Propheten Daniel von einem Riesen mit goldenem Haupt, silberner Brust, bronzenen Hüften und eisernen Füßen gesetzt. Die eisernen Füße repräsentierten das Römische Reich, das radikalste aber auch traditionellste Reich. Diese Tradition stand in der Verbindung mit dem Katehon. Sie stellte die Transition des Kathon dar. Das Römische Reich wurde als das letzte Reich angesehen, in dem Christus geboren wurde. Daher kommt das normative Konzept der vier Reiche. Und das vierte Reich war römisch. Römer und Byzantiner waren dieselben inklusive der Fortsetzung mit dem dritten Rom und so weiter in den russischen und bulgarischen Königreichen. Und mit der englisch-britischen Revolution kam schließlich die Idee des fünften Reiches auf. Das fünfte Reich war der sogenannte fünfte Monarchismus. Dies stellte die Tendenz dar, dass es ein anderes Reich geben soll, nach dem Römischen (welches man nicht nur als römisch, sondern auch als katholisch ansah). Es war eine Art modernes, säkulares und protestantisches Reich, dass man den fünften Monarchismus nannte. Es gab zwei Versionen davon. In den Niederlanden existierte eine jüdische davon, die meinte, dass das fünfte Reich ein jüdisches sein sollte. Diese Idee zirkulierte unter den Juden im Kreis um den Philosophen Spinoza. Und dann gab es das angelsächische Konzept des fünften Monarchismus. Und dieses stand in Verbindung zu denselben Zirkeln englischer Protestanten, die in Holland lebten und nach England zurückkehrten, um den Status dieses fünften Monarchen an Cromwell zu geben.

Aber in dieser Geschichte über den Giganten, der das vierte Reich verkörpert, befindet sich Sand unter seinen eisernen Füßen. Und dank dieses Sandes, der das fünfte Element des Giganten darstellt, ist dessen Fall vorprogrammiert. Es kommt hier also mit dem fünften Element des Sandes ein anti-christliches, post-traditionelles Symbol vor, welches dieses ganze Reich instabil macht. Also stellt das fünfte Reich genau das Ende des Reiches dar, seine Zerstörung, die Vernichtung der traditionellen Ordnung. Das hat alles mit dem Sand zu tun, dem fünften Element in der Vision Daniels. Dies ist das Konzept des fünften Elements oder der fünften Monarchie, welche durch das Britische Empire verkörpert wurde. Dieses stellte das Anti-Reich dar, welches auf den bourgeoisen Konzepten des Nationalismus und des Liberalismus gründete (der Sozialismus war abwesend). Das waren also die erste und die dritte politische Theorie, welche im Britischen Empire vertreten waren. Das Britische Empire war also das erste moderne Empire, das ein anti-traditionelles Reich war, worin seine eigentliche Quelle bestand, sowohl philosophisch, als auch im Sinne der Philosophie des allgemeinen Menschenverstandes. Die Philosophie des allgemeinen Menschenverstandes ist die Verabsolutierung des kleinen Individuums mit seinem idiotischen Ausmaß des Denkens ohne große Offenbarungen und verabsolutierter Mittelmäßigkeit, wie sie durch Reid und Ferguson vertreten wurde. Und das war die Grundlage für die nordamerikanische Gesellschaft, da diese schottischen Philosophen des allgemeinen Menschenverstandes als die Väter der nordamerikanischen Gesellschaft in philosophischer Hinsicht betrachtet wurden. Diese Philosophie bestand in der Verherrlichung des idiotischen Geistes mit sehr engen Interessen, Pragmatismus und wenig Sorge, all dies stellt eine Entwicklung des protestantischen Titanismus und Positivismus dar. Ich nenne dies das positive Subjekt. Es ist der zweite Mann in der Drei-Männer-Theorie des deutschen Mystikers Tauler. Dies ist die Evolution des bourgeoisen Konzepts.

Doch zur gleichen Zeit findet in Frankreich die Vorbereitung des revolutionären bourgeoisen Konzepts statt, welches in der Französischen Revolution kulminiert, mit ihrem Konzept der rein anti-christlichen Motivation, der Scharlachroten Frau als Symbol der Freiheit und der Ermordung des Monarchen. Hier finden wir die andere revolutionäre Form vor, die bereits der Sozialismus ist, wo das Konzept des Sozialismus und der Sozialdemokratie vorbereitet wird. Hier begegnen wir der Idee der absoluten Immanenz, die offen anti-christlich auftritt, nicht im Sinne des Protestantismus, sondern rein atheistisch und materialistisch. Die Theorie der Aufklärung war eine Art Kulminationspunkt all dieser modernen Theorien. Damit begann die Moderne, die Rache der Kybele. Und die gesamte Geschichte der Moderne ist als eine Art Säuberung dieses noologischen Musters zu verstehen. Die Zivilisation der Kybele wurde immer mehr und mehr kybelischer. Alle Spuren der vorhergehenden indoeuropäischen Gesellschaft wurden entfernt und gesäubert. Wir haben es hier mit der Schöpfung eines immer mehr und mehr perfekteren logos der Kybele zu tun. Was zum Beispiel vor 300 Jahren als revolutionär galt, wurde nun als konservativ betrachtet. So kam es zu immer neuen und neuern Phasen der Schöpfung. Es handelte sich jedoch dabei um die Konstruktion eines sehr alten Zivilisationstyps.

Und wenn wir uns mit dem modernen Feminisimus beschäftigen, dann erkennen wir darin die Vollendung dieses Prozesses. Dieser stellt nicht den Anfang von etwas dar, sondern Kybele erscheint nun als diejenige, die sie wirklich ist. Dieser Marsch der Sängerin Madonna in New York gegen Trump mit mehreren hunderttausend Frauen, die eine rosa Katzenhaube trugen und ihn lynchen wollten, war nichts anderes als eine Art Ruf nach der Kastration der männlichen Figur. Sie versuchen Trump als Symbol des Patriarchats zu opfern. Er ist ein Macho, männlich, also ein Symbol der vorgehenden Phase der Zivilisation. Es sind also der moderne Feminismus sowie die Politik und die Geisteshaltung in der Bildung und die sozialen Normen sowie die juridische Akzeptanz der Homosexualität, welche Teil der kybelischen Fortentwicklung ist. Die Homosexualität war gewissermaßen ein Teil des typischen kybelischen Kults. Die Homosexuellen nahmen in einer Prozession besonderen Typs als Priester teil, damit sind sie die Priester der Kybele. Nun kehren wir also zur eigentlichen reinen Form dieses Kults zurück. Aber der Feminismus begann nicht erst gestern oder heute. Der Feminismus wurde mit den Titanen geboren. Die Moderne war metaphysisch feministisch, da sie materialistisch und gegen den heroischen Typ des Patriarchats indoeuropäischer Kultur gerichtet war. Die Bourgeoisie ist bereits eine feministische Klasse, weil sie weder aus Kriegern noch aus Arbeitern besteht – sie ist eine parasitäre Klasse. Das ist die schlimmste Form der femininen Natur, welche weder das indoeuropäische noch das christliche Konzept der Weiblichkeit verkörpert. Wir haben es hier mit etwas ganz anderem zu tun, nämlich der kybelischen Weiblichkeit. Schon Werner Sombart merkte an, dass der Kapitalismus mit den Mätressen begann, da die Menschen nicht so sehr dazu verpflichtet waren, mehr und mehr Geld zu haben, wie sie sich nur um ihre Frauen kümmern mussten, als sie sich jedoch Mätressen zulegten, waren sie immer stärker zur Spekulation verpflichtet, weil sie irrsinnige Mengen an Geld brauchten und die Mätressen quasi Parasiten waren, die nach immer mehr und mehr Geld verlangten ohne zu arbeiten. Werner Sombart zu Folge bestand darin die Motivation der Kapitalisten, eine kapitalistische Gesellschaft zu entwickeln. Es handelt sich hierbei um eine Anekdote, aber eben um eine solche mit soziologischem Mehrwert.

Unsere gesamte Wissenschaft ist feministisch, weil sie materialistisch und kybelisch ist. Wir leben in der kybelischen Welt der Moderne. Wir werden darauf genauer morgen in der letzten Vorlesungseinheit zu sprechen kommen, doch leben wir definitiv in dieser Art von Zivilisation. Der Moment der Noomachie in dem wir leben ist der Moment der Rache des prä-indoeuropäischen Existenzhorizonts, künstlich und bourgeois, mit einer organischen aber sehr alten wissenschaftlichen Weltsicht, die auf der tiefsten Ebene der bäuerlichen Identität in der europäischen Bauernschaft gründete. Wir verfügen nun also über ein besonderes Bild der Moderne, welches durch die christliche Weltsicht erklärt wird. Dies ist also das Ende des Katehon, der Katehon ist gefallen. Der Katehon war der König, der Zar, der Kaiser, der die traditionelle Gesellschaft verteidigte und vom modernen politischen System mit der Demokratie, dem Nationalstaat und der Globalisierung heute besiegt wurde. Und genau dasselbe Schicksal ereilte den christlichen Glauben. Ebenso stand dieses Schicksal allen drei Funktionen der traditionellen Gesellschaft bevor, weil es immer weniger Bauern gab. Wir haben keine Bauern mehr in Europa, wir verlieren sie. Jeder ist heute Bürger, jeder ist heute Bourgeois, entweder ein armer bourgeoiser Proletarier oder ein reicher Bourgeois. Wir leben in genau diesem post-katehonischen Zyklus. In diesem wird Satan befreit und es ereignet sich der Einmarsch der Tendenzen der Unterwelt in unsere Welt, die wir überall um uns herum erleben können. Es passt also alles gut in diese noologische Analyse. Wir können erkennen, dass diese Noologie ein bisschen abstrakt erscheinen kann, ein kleines bisschen zu metaphysisch und dennoch mit der Realität zu tun hat, in der wir leben. Wir befinden uns innerhalb der Noomachie. Wir sind ein Teil dieses Kampfes und der Schlacht um den logos. Wir können nicht davor wegrennen. Wir sind absolut definiert, alles in uns wird von diesem Moment der Noomachie definiert. Wir sehen die Realität so wie sie uns gelehrt wird, wie man sie uns aufzwingt. Wir können uns mit der Realität als solcher nicht beschäftigen.  Wir beschäftigen uns mit der Realität durch eine bestimmte Lesart, durch ein Paradigma. Und dieses Paradigma wurde durch den logos der Kybele definiert.

Aber das Wissen darum, dass es zwei andere logoi gibt hilft uns die Relativität der Moderne zu erkennen und die Moderne in den Zusammenhang der Noologie zu setzen, um so auch den geosophischen Platz zu definieren, an dem wir uns befinden. Wenn also Frankreich und England die ersten waren, welche diese Form der Geosophie in Europa propagierten, so waren es die lateinischen Welten und das österreichische Reich, welche sich dieser widersetzten. Russland widersetzte sich ihr mehr als andere. Auch das Osmanische Reich leistete ihr Widerstand, weil es ebenfalls eine traditionelle Gesellschaft war. Doch nach dem Fall der traditionellen Reiche erschienen die modernen Staaten. Und eben weil sie modern waren, wären sie auch verdammt gewesen, wenn wir dachten, dass sie den traditionellen Geist hätten weitergeben können. Moderne und Tradition schließen einander aus. Wenn wir einen Nationalstaat anstelle eines traditionellen Königreiches erschaffen, sind wir bereits verdammt. Die Erschaffung eines modernen Staates, egal ob russisch oder serbisch, bedeutet das Ende von Russland und Serbien. Denn es kommt dabei ein moderner Staat heraus, aber kein russisches oder serbisches Staatswesen. Denn wenn etwas modern ist, dann kann es weder serbisch, russisch noch deutsch sein. Es ist bereits ein Simulacrum und etwas Kybelisches. Aus diesem Grund können wir bereits die nächste Vorlesung vorausahnen, und vielleicht einige Aspekte der modernen serbischen Geschichte, Jugoslawiens und Serbiens erklären, denn nach der Befreiung vom traditionellen Osmanischen Reich bestand hier die Möglichkeit für die Wiederbelebung des Verlorenen (aus mehreren Gründen). In der folgenden Einheit werden wir dies vielleicht offen diskutieren – ich habe bereits ein Konzept dazu verfasst. Ich denke aber, dass, um es abzuschließen uns die Geosophie und die Noologie den Schlüssel zum Verständnis der Welt, in der wir leben geben.

Der serbische Logos

(Neunte Einheit)

Lassen Sie sich uns nun auf den serbischen logos konzentrieren. Zunächst ist es sicher und steht zweifelsfrei fest, dass es so etwas wie ein serbisches Dasein und einen serbischen Existenzhorizont gibt. Das ist deswegen so, weil es ein serbisches Volk gibt. Und weil dem so ist, bedeutet das, dass es auch so etwas wie ein serbisches Dasein und einen serbischen Existenzhorizont gibt. Soweit ich weiß, gibt es niemanden, der sich bis jetzt entschlossen hat das serbische Dasein zur Gänze mit heideggerianischen Kategorien zu beschreiben, doch ist es bis zu einem gewissen Grad eine technische Aufgabe. Wenn wir verstehen, was wir bereits über die Noologie, über das Dasein, über den Existenzhorizont gesagt haben und Sein und Zeit von Heidegger kennen, sind wir in der Lage, diese Kategorien (die er Existenzialien nannte) anzuwenden, diese besonderen Kategorien, um das Dasein zu beschreiben. Es ist eine technische Aufgabe, sie auf das serbische Dasein anzuwenden. In meinem zweiten Buch über Heidegger mit dem Titel „Martin Heidegger: Die Möglichkeit einer russischen Philosophie“ habe ich dasselbe für das russische Dasein gemacht. Dabei ich bin zum Schluss gekommen, dass es verschiedene Daseins gibt, denn das russische Dasein schien verschiedene Existenzalien zu besitzen, die auf der anderen Struktur des russischen Existenzhorizonts gründeten. Dieses Beispiel können Sie dafür nützen, um denselben Vorgang für den serbischen logos oder das serbische Dasein durchzuführen, um die Möglichkeit einer serbischen Philosophie zu ergründen. Soweit ich weiß, gibt es keine serbische Philosophie im Sinne von etwas klarem oder abgeschlossenen. Es gibt serbische Philosophen, aber keine serbische Philosophie, ebenso wie es keine russische Philosophie gibt. Es gibt russische Philosophen, darunter herausragende und weniger herausragende, aber keine russische Philosophie. Wir begannen am Ende des 19. Jahrhunderts damit, eine solche zu erschaffen, viele Jahre nachdem bereits eine deutsche, französische, lateinische und griechische Philosophie existierten (in letzterem Fall sogar Tausend Jahre später). Dieser Prozess in unserer Geschichte wurde von den Kommunisten unterbrochen, die diesen Prozess abgeschlossen hatten. Nun versuchen wir an den Moment zurückzukommen, wo wir damit aufgehört hatten. All das ist aber noch kein Triumph. In der russischen Geschichte sind wir noch immer nicht an dem Moment angelangt, dem Augenblick an dem die Manifestation der russisch-religiösen Philosophie unterbrochen worden war. Wenn wir das alles mit Serbien vergleichen, könnte es vielleicht als Beispiel dienen. Ich bin mir nicht sicher, ob es eine ernsthafte Anstrengung gibt eine serbische Philosophie zu erschaffen. Es ist jedoch jederzeit möglich, da es ein serbisches Dasein gibt. Aber dies zu offenbaren, es in die Form des logos zu gießen, ist kein technisches Problem. Wir könnten uns diesem technisch annähern aber wir benötigen einen serbischen Genius und ich bin sicher das dieser der Gegenwart und der Zukunft angehört, nicht der Vergangenheit. In der Vergangenheit hatten wir eine Art philosophische, existenzielle und geschichtliche Grundlage dafür.

  Aber wir können eine kurze vorbereitende Analyse darüber machen was der serbische Existenzhorizont ist. Der erste Fakt der serbischen Geschichtssequenz in die Ankunft des sogenannten namenlosen Prinzen in Byzanz, wo er vom byzantinischen Kaiser akzeptiert wurde. Die Tradition geht davon aus, dass dieser namenlose Prinz aus Weißserbien stammte, welches irgendwo im Norden von Osteuropa vermutet wird. Eine der Theorien besteht darin, dass er etwas mit Lusatia (der Lausitz, Łužica) zu tun hatte, mit den Serben und mit einen der polabischen Slawenstämme – Łužici, Łužicane und Obodriten. Die letzten Spuren davon finden wir in den Lausitzer Serben oder Sorben. Das ist eine der Theorien. Es gibt also ein serbisches Mutterland das nicht am Balkan liegt, sondern von dort aus nördlich gesehen. Gleichzeitig stellt sich die Frage nach der Urheimat der Slawen, welche nördlich der Karpaten liegt. Dieser Ort war kein originär serbischer Platz, sondern es waren die Protoslawen die nördlich der Karpaten in der heutigen Westukraine lebten. Und hier befanden sich auch Weißkroatien und die Weißkroaten in der Nähe. Nach der Expansion der Slawen wanderte ein Teil der Slawen in den Norden aus und ließ sich im Baltikum nieder unter den anderen polabischen Slawen. Sie stellten die dominierende Population an der Küste der Baltischen See während des fünften und sechsten Jahrhunderts dar. Und einer dieser polabischen Stämme, entweder die Luticer, Obodriten oder Lusatianer, stellte die Ahnen der Serben und lebte westlich von allen anderen polabischen Stämmen. Von dort kamen die Ahnen der Serben schließlich auf den Balkan nach dem sie zuerst im Osten des Balkans gesiedelt hatten. Schließlich gab ihnen der byzantinische Kaiser die Gebiete des heutigen Serbiens als Lehen, um sein Reich gegen die Awaren zu verteidigen, die ihre eigenen cognates in Pannonien, einem Teil von Rumänien und dem heutigen Ungarn geschaffen hatten. Das ist also die althergebrachte Geschichte. Es gibt viele andere Fassungen, aber lassen sie uns diese zur Orientierung verwenden. Was hier von besonderem Interesse ist, ist der Name des Gebietes des polabischen Slawen, das europäisches Sarmatien genannt wurde. Dieses Gebiet wurde von den sarmatischen Stämmen beherrscht. Die Slawen standen also in sehr enger Verbindung zu den Sarmaten, einer iranisch-nomadisierenden Populationsgruppe die fast in ganz Osteuropa siedelte, aber vor allem als herrschende Klasse fungierte. Aus diesen sarmatischen Gruppen wurde also eine herrschende Klasse für die Gesellschaft Osteuropas geschaffen. Diese Idee war in Polen entwickelt worden, welches die Wurzeln seines Adels bei den Sarmaten verortete, das Gleiche gilt für die Balten. Wenn wir den Gesellschaftstyp der polabischen Slawen studieren, scheint es so, dass sie in unserem Sinn turanisch gewesen sind. Sie waren sehr kriegerisch und hatten keine besonders entwickelte Bauernschaft. Das Hauptmerkmal der polabischen Slawen waren ihre kriegerische Haltung sowie der Besitz und die Verehrung der Pferde. Gleichzeitig waren sie sehr unabhängig und konnten keine Macht über ihnen tolerieren. Also waren die Sarmaten turanischen Typs. Sie sprachen eine slawische Sprache, jedoch mit vielen slawischen Eigenheiten. Wir können nichts gesichertes über das Gleichgewicht zwischen der sarmatischen Aristokratie und der slawischen Bevölkerung sagen, jedoch waren die polabischen Slawen sarmatischen und turanischen Typs sie besaßen also eine ausgeprägte Aristokratie mit Adeligen Kriegern zu Pferde. Und das wiederum macht den turanischen Gesellschaftstyp aus.

  Besonders interessant ist hierbei der Unterschied zwischen dem polabischen Typ der sarmatischen Slawen und den Sclavinen, einer anderen slawischen Gruppe die vom östlichen Balkan gemeinsam mit den Awaren kam. Dort wiederum dominierte die Bauernschaft. Die Serben, die auf den Balkan zogen waren also die Träger des sarmatischen Geistes und dieser hatte Einfluss auf die serbische Identität. Nachdem sich die Bauernschaft ausgebildet war, wurde die Slawifizierung der Thraker oder vielleicht prä-Thraker abgeschlossen – denn das Gebiet, auf dem die Serben am Balkan angesiedelt wurden gehörte zunächst zu den Thrakern – und die thrakische Gesellschaft war eine Mischung zwischen der trifunktionalen Gesellschaft der Indoeuropäer und den Überbleibseln der präindoeuropäischen Gesellschaft welche zur alten Zivilisation der Großen Mutter gehörte. Die Serben siedelten über diesem Existenzhorizont, assimilierten ihn, wirkten sich auf diesen aus und schufen schließlich ein besonderes serbisches Volk, welches sich vom bulgarischen Volk unterschied (insbesondere den Makedonen). Die dominierende Identität der frühen Serben war genau dieser Kriegertyp des menschlichen Seins. Die Bauernschaft war also von sekundärer Bedeutung und dominierte am Anfang nicht. Aus diesem Grund wurde ein besonderer serbischer Charakter geformt, der auf diesem polabisch-sarmatischen Typ gründete. Die Serben wurden also zunächst als Krieger angesehen, wir haben es hier mit einer Art prä-Hajduk-typus zu tun. Die kleinen und die großen Serben, jeder war ein Knez: Es gab daher kleine und große Knez. Auch das entsprach der nomadisch-iranischen Tradition – kein großes Zarenreich zu besitzen und nicht die Möglichkeit zu haben, über den Fremden zu herrschen. Diese aristokratische Gesellschaft inkludierte auch die vorhergehende Bevölkerung, welche in die serbische Gesellschaft gut eingebunden wurde. Das Gleichgewicht war beim russischen Beispiel jedoch anders, wo eine Gesellschaft bäuerlich-russischen Stils absolut dominierte. Diese war also eine bäuerliche Gesellschaft, deren Erzählungen und Volkssagen sowie Geschichten über die Bogatyri alle auf der bäuerlichen Figur basierten oder fremden Ursprungs waren. Bei den Ostlawen und insbesondere in der russischen Gesellschaft gab es zum Beispiel keine slawische Aristokratie. Der gesamte russische Adel war nicht slawischen Ursprungs, sondern setzte sich aus Deutschen, vielleicht aber auch Sarmaten zusammen, war jedoch nicht slawisch. Bei den Serben war dies jedoch nicht der Fall. Von Anfang an gab es hier viele Adelsfamilien. Nicht nur eine Dynastie, sondern viele, sogar solche zweiten und dritten Ranges. Bis zu einem gewissen Punkt waren die Serben eine Aristokratie oder sahen sich selbst als eine solche an. Die Aristokratie bestimmt also das Bild. Wenn du ein Knez bist verhältst du dich wie ein Knez (=Prinz). Das ist die Haltung und genau diese Haltung gab den Ton an.

  Eine ähnliche Situation finden wir beim polnischen Volk vor. Jeder täuschte vor ein Szlachcic zu sein. Beinahe ein Drittel der Bevölkerung war Szlachcic (Prinz, Angehöriger des Adels). In Russland zum Beispiel gehörte nur weniger als ein Prozent der Bevölkerung der Aristokratie an, in Polen hingegen waren es ein Drittel. In Serbien wiederum war es ähnlich wie in Polen, wo etwa die Hälfte der Bevölkerung als Knez angesehen wurde, als Angehöriger des kleinen Adels. Das ist sehr wichtig, denn es spiegelt die Kriegertradition des sarmatischen Typs wieder. Dies war ein sehr wichtiger Startpunkt für das Studium der serbischen Identität, den wir auch im 20. und 21. Jahrhundert noch ausmachen können. Dementsprechend haben wir es hier mit einer sehr stabilen Tradition in der serbischen Psychologie zu tun. Wenn wir diesen Gesellschaftstyp oder Existenzhorizont vorfinden, ist es sehr schwierig einen Staat aufzubauen, weil sich niemand der Autorität des Anderen unterwerfen will. Dementsprechend ist jedermann seine eigene Autorität und es gibt keine andere Autorität. In diesem Existenzhorizont haben wir es also mit einer Art aristokratischen Anarchie zu tun. Das ist ein konstantes Merkmal der serbischen Geschichte.

  Das nächste Element war der Einfluss der byzantinischen Kultur. Die Serben wurden christianisiert und lebten unter dem Schutz der Byzantiner. Dies stellte die Annahme des Christentums in seiner östlichen Form dar. Am Anfang war dies noch nicht so deutlich, da es in dieser frühen Phase noch keine Spaltung gab. Als die Serben zum Christentum bekehrt wurden, gab es keinen klaren Unterschied zwischen Orthodoxie und Katholizismus. Es bestand also eine Einheit, die später getrennt wurde, aber nichtsdestotrotz übten die Byzantiner den entscheidenden Einfluss über die Serben aus. Das war sowohl am Anfang der Serben auf dem Balkan so, als auch jetzt am Ende. Im Falle der christlich-orthodoxen-byzantinischen Tradition haben wir es also mit einem sehr stabilen Faktor zu tun. Gestern haben wir darüber gesprochen, dass die byzantinische Tradition der Orthodoxie keine rein religiöse Tradition ist. Sie besitzt auch eine kulturelle, politische und soziale Dimension. Die Serben wurden also in das byzantinische Reich integriert, mit dem Katehon als Konzept, dem Patriarchen als Oberhaupt der Kirche und auch dem Volkschristentum, welches die vorchristliche Tradition der Feiertage und der vorchristlichen Figuren in den Zusammenhang der christlichen Heiligen, Feste und so weiter integrierte. Dementsprechend war das populäre slawisch-serbische Christentum im Angesicht der vorchristlichen Tradition nicht so sehr exklusiv, sondern inklusiv. Das serbische Christentum schloss also viel Traditionen und Figuren vorchristlichen Typs mit ein: Petak, Sveta Nedelja, Svetac George, Prorok Ilija und Sveti Nikolaas sind die neuen Archetypen für die vorchristlichen, indoeuropäischen Figuren. Wenn wir also die vorchristliche Tradition der Serben kennenlernen wollen, dann können wir uns nicht nur dem Brauchtum, den Volksliedern oder den heidnischen Mythen zuwenden, die in einer kleinen Zahl konserviert worden sind, sondern auch einer korrekten Analyse der serbisch-christlichen Tradition, welche uns mehr über die vorchristliche Kultur des serbischen Volkes zeigen kann als zum Beispiel die künstlich postmoderne Rekonstruktion des Paganismus. Wollen wir verstehen was vor dem Christentum da war, müssen wir das serbische Christentum analysieren und uns auf bestimmte Figuren wie Feste konzentrieren, sowie auf die Traditionen, die in Verbindung zu den serbisch-christlichen Heiligen und den besonderen Tagen des Kalenders und so weiter stehen, denn das Christentum war inklusiv.

  Aber was wurde genau inkludiert? Genau das was wir bereits analysiert hatten, die Ebene der indoeuropäischen patriarchalen Tradition die in Verbindung mit dem vor-serbischen thrakischen Existenzhorizont stand, jedoch auch von den ersten Serben verstärkt wurde, die Träger der selben vertikalen Struktur waren. In der griechisch-byzantinischen Tradition trafen sie auf ein sehr ähnliches Konzept und auch in der thrakischen Tradition, ebenso wie in der römischen und hellenistischen Tradition. Denn sie alle wurden vom Platonismus ausgehend erschaffen. Im vorchristlichen Serbien, im christlichen Serbien, in Thrakien, bei den Byzantinern und Römern, überall dort existierte die indoeuropäische Ebene des Existenzhorizonts, aber auch zugleich die paläoeuropäische Tradition und deren Existenzhorizont, die hier sehr wirkmächtig waren, stärker als im Norden Europas. In Nordeuropa, dem polanischen Weißserbien, dem Mutterland der Serben, gab es geringere Elemente des matriarchalen Typs, die wahrscheinlich von der Cucuteni-Tripolje-Kultur stammten, mit Ausläufern bis in den Norden und Osten hinein, aber in schwächerer Form als auf dem Balkan.

  Es gab auch eine Art matriarchale Tradition die in der erst neu geschaffenen serbischen Identität eingebettet war. Dieses Siedlungsgebiet war zugleich das Mutterland der matriarchalen Tradition, daher war sie hier auf dem Balkan auch besonders stark. Dies erklärt auch zum Teil, was der italienische Autor Gasparini mit dem slawischen Matriarchat meinte. Es gab kein slawisches Matriarchat, jedoch war der Einfluss des Matriarchats auf dem Balkan sehr stark und in der serbischen Tradition eingebettet. Dieser spiegelte sich in der Gestalt der Vila-Geschichte wider, in einigen femininen Bildern von Volksliedern und -Bräuchen aber auch in dem sehr alten Skadarlied, welches von dem Bau der Stadt Skadar handelt, als eine Frau in der Stadtmauer eingemauert wurde. Das Lied behandelt den Schöpfungsmythos der Stadt, der sehr tragisch und romantisch ist, aber letztlich eine rein kybelische Geschichte über den Bau der Stadt Skadar darstellt. Dabei handelt es sich nicht so sehr um eine sarmatische, sondern eine balkanische Eigenschaft der Serben. Und wir finden in der rumänischen Kultur das selbe Muster mit Meșterul Manole vor, welcher dazu verpflichtet war seine Frau, die wie im Skadarlied schwanger war, in die Mauern der schönsten Kirche Argeș in den Karpaten einzumauern.

  Die Idee besteht also darin, dass auch der matriarchalische Aspekt der sehr alten matriarchalischen Balkanzivilisation in dem Existenzhorizont der Serben eingebettet wurde. Daher müssen wir diesen Einfluss messen können. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, wie tief dieser Einfluss war, aber es ist sicher, dass es einen solchen Einfluss gegeben hat. Er wurde in der Tradition der serbischen Bauernschaft in einer bestimmten Epoche widergespiegelt, aber nicht in der gesamten Tradition. Denn dieses war eine männliche Tradition, die auf dem schweren Pflug aufbaute, der nur von männlichen Arbeitern geführt werden konnte, es gab jedoch auch viele Traditionen die die Frau mit der Erde verbanden, mit der Ernte, mit der Kultivierung der Erde, die wir allesamt genauer bestimmen müssen, um ein exaktes Bild dieser tiefsten Ebene der serbischen Identität zu bekommen. Das war eine Art einführende Analyse des serbischen Daseins. Die neue Fassung dieses Daseins beginnt jedoch mit der Nemajidendynastie. Die Christianisierung fand auch hier im Zusammenhang des Großmährischen Reiches sowie der Tradition von Kyrill und Method statt. Bereits hier haben wir es also mit etwas Slawischen in all dem zu tun. Die Serben empfingen die christliche Tradition als auf die kyrillische, slawische Art. Dabei handelt es sich um einen sehr wichtigen Schritt, weil er im religiösen Sinn eine Verbindung zur bulgarischen Initiative schuf, die eine besondere slawisch-christliche Kirche schaffen wollte, das sogenannte sechste Patriarchat, welches von den Bulgaren proklamiert wurde um von der slawischen Christenheit autonom und unabhängig zu sein. Und dies war der Anspruch ein erstes slawisches Patriarchat zu schaffen, welcher im ersten bulgarischen Königreich nach der Christianisierung bestand. Die Serben befanden sich also im selben konzeptuellen Feld. Dieses bestand in der Annahme des orthodoxen Christentums in seiner slawischen Form mit dem Kirchenslawischen, einer einzigartigen Form der bulgarischen Sprache, die in Großmähren ausgearbeitet worden und in Bulgarien wie Russland angenommen worden war. Das Kirchenslawische ist also weder russisch noch serbisch, sondern vielmehr eine bulgarische Sprache – besser gesagt: man sieht es also eine besondere südslawische Sprache an.

  Wichtig ist hieran jedoch vor allem, dass die Serben in die christliche Gesellschaft nicht nur im Sinne der byzantinischen Herrschaft integriert wurden, sondern auch in den slawischen Zusammenhang. Dies geschah zur Gänze während der Nemanjidendynastie. Diese Idee bestand darin, dass es genau jetzt an der Zeit sei mit den Nemanjiden ein serbisches Königreich zu erschaffen und damit das Ereignis in der serbischen Geschichte, ein Königreich im vollen byzantinischen Sinne und zur gleichen Zeit das bulgarische Beispiel zu wiederholen. Wiederholen deshalb, weil die Bulgaren als erste ein slawisches Königreich und eine besondere, autonome slawische Kirche beanspruchten. Das serbische Königreich war also die Fortsetzung des bulgarischen Erbes, die gewissermaßen auch in Konkurrenz zu den Bulgaren stand, aber gleichzeitig ihr Erbe fortsetzte. Großmähren war für die Orthodoxie und die besondere slawische Tradition verloren und in dieser Zeit beanspruchte Russland sie nicht, also gab es zwei Ansprüche darauf eine unabhängige slawische Christenheit im byzantinischen Sinne zu erschaffen und nun tritt dieser buchstäblich auf und zeigt wie wichtig der Zusammenhang des Königreichs in all dem war, denn Byzanz bedeutet eine Art des Reiches. Dieses muss auf einer symphonischen Beziehung zwischen dem heiligen König und dem Patriarchen, dem Oberhaupt der Kirche, gründen. Dies geschah zuerst bei den Bulgaren im Fall des ersten und zweiten bulgarischen Königreiches. Mit den Nemanjiden und dem Heiligen Sava wurde dies jedoch im serbischen Fall wiederholt. Die Gründung des serbischen Königreichs und des serbischen Patriachats in Fünfkirchen (Pécs) war das gleiche Ereignis im Sinne einer Annahme der katheonischen Mission. Den ersten Anspruch darauf, Katehon zu sein, tätigten die Bulgaren und Makedonier im selben Raum. Und die Nemanjiden stellten ihn zum zweiten Mal. Die Gründung des serbischen Staates war also die Vorbereitung darauf, das Erbe der Byzantiner anzutreten und die Mission des Katehon von der Universalität des Byzantinischen Reiches auf die slawische Welt zu übertragen. Darüber hinaus gab es die Prä-Tendenzen Bulgariens und Serbiens. In einem bestimmten Moment dominierten die Bulgaren und die Serben hatten das Nachsehen, unter den Nemanjiden jedoch fand der Aufstieg der serbisch-katehonischen Tradition statt – dies beeinflusste die serbische Identität in der nächsten Periode entscheidend.

  Diese katehonische Tradition baut jedoch auf der Symphonie zwischen dem serbischen König und dem serbischen Patriarchen mit dem siebenten Patriarchat (diesmal serbisch) auf, dass einen Anspruch auf das byzantinische Erbe darstellte. Wir können also feststellen, dass Russland und der Aufstieg Russlands ein Drittes Rom waren. Davor war in während des zweiten bulgarischen Königreiches und in Veliki Preslav das Dritte Rom, jetzt befindet sich das Dritte Rom in Russland. Es war der zweite Anspruch innerhalb des slawischen Existenzraumes auf die byzantinisch-orthodoxe Mission. Das Konzept bestand also aus dem serbischen Staat, der serbischen Kirche und dem serbischen Patriarchat als Katehon. Dies war bereits eine Vorform des serbischen logos. Aufgrund aller christlichen Traditionen und den Verbindungen des Heiligen Sava mit dem Berg Athos, mit all der metaphysischen Tradition der Mönche wurde die geistig-mystische Orthodoxie nach Serbien gebracht und das serbische Königreich in das Zentrum gestellt, welches mit der serbisch-christlich-katehonischen Erleuchtung in Zusammenhang stand. Zur Zeit der Nemanjiden wurde es bereits als Proto-Reich betrachtet, dieses serbische Reich, dass die ganze Welt in sich einschließen sollte, da in der katehonischen Tradition, wie wir bereits erklärt haben, der Kampf gegen den Antichristen ausgetragen werden muss. Dies war also die apollinisch-dionysische Mission des Zaren, die jedoch auch in weiterer Folge durch das Volk ausgeübt wurde. Also bildeten Zar, Kirche und Volk die katehonische Einheit. Sie bildet das logische philosophische Werkzeug für die byzantinische Tradition welche sowohl das Christentum als auch die vorchristliche Art des Denkens mit einschloss und das war die Organisation der ersten und (so würde ich zumindest sagen) großartigsten Form des serbischen logos. Mit den Nemanjiden , dem Heiligen Sava und dem Patriarchat von Fünfkirchen wurden die Grundlagen des serbischen logos gelegt. Das ist die serbische Identität in der der Existenzhorizont und das serbische Dasein ihren Höhepunkt erreichten. Wir können also nichts vergleichbares oder auch nur ähnliches in der gesamten serbischen Geschichte vorfinden. Dies war also der Höhepunkt, an dem das immanente serbische Dasein einen serbischen logos im Staat erschaffen hatte, in der religiösen Tradition der Serben mit dem Heiligen Sava und dem serbischen Volk als katehonisches Volk mit der Aufgabe die Dunkelheit mithilfe des Zaren und der Könige zu bekämpfen zugunsten des Christentums. Und genau darin lag die serbische Sendung. Die Serben sind also grundsätzlich Träger dieses serbischen logos der zur Zeit der Nemanjidendynastie von Anfang an geformt und explizit manifestiert wurde.

  Und dieser Anspruch setzte die katehonischen Erwartungen der Serben in Gegensatz zu denen der Bulgaren. Doch handelte es sich dabei um keine richtige Opposition, sondern um einen Wettbewerb. Dies lag daran, dass sie beide eine sehr ähnliche post-byzantinische, aber auch slawische, orthodoxe und katehonische Identität besaßen. Darin liegen also die Wurzeln des Wettstreits zwischen den beiden größten slawischen Völkern des Balkans, zwei Fassungen der katehonischen Gesellschaft, unabhängig vom byzantinischen Königstum sowie politischen Staat und bis zu einem gewissen Punkt unabhängig von der Kirchenorganisation. Das war die Präfiguration Großrusslands, des Dritten Roms, denn es waren genau diese beiden Beispiele die im vierzehnten Jahrhundert von Russland wiederholt wurden. Dieser Anspruch wurde aber schon zuvor formuliert, da der bulgarische und serbische Anspruch darauf ein katehonisches slawisches Volk mit der eschatologischen Mission im Krieg des Lichtes gegen die Mächte der Dunkelheit zu kämpfen schon vor dem russischen Vorhaben gleicher Art formuliert wurde. Die Russen hatten vielleicht einen viel spektakuläreren Erfolg, da sie es bis zur Weltmacht brachten, aber die Ideologie war sehr ähnlich, vielleicht sogar die selbe. Russlands Drittes Rom ist das Konzept der Übertragung des Reichs, eine Wiederholung des bulgarischen Beispiels. Am Ende der byzantinischen Geschichte im 15. Jahrhundert fand jedoch der Höhepunkt in diesem Prozess statt und dieser bestand in der Herrschaft Dušan des Mächtigen.

  Dušan erschuf ein echtes Reich, das fast den gesamten Balkan und große Teile Griechenlands beherrschte. Und in genau diesem besonderen politischen Raum erhielt die von ihm übernommene Mission ihre konkreten Grenzen. Diese waren das von ihm geschaffene Großserbische Reich. Es hatte nicht allzu lange Bestand, brachte aber auch den Berg Athos unter die Kontrolle des serbischen Königs. Zur Zeit Dušan des Mächtigen fand also die konkrete Realisierung der katehonischen Tradition mit Russland im Zentrum und einem zu dieser Zeit sehr schwachen Bulgarien statt, welches keine Alternative dazu darstellen konnte. Der Aufstieg der Nemanjiden stellte also den Höhepunkt dieses logos dar. Der logos wurde somit zur intellektuellen, geistigen und religiösen Zeit am Anfang der Nemanjidenherrschaft geformt und erreichte seine vollständige Manifestation im Raum unter der Herrschaft Dušan des Mächtigen auf dem Balkan. Demnach war die gesamte Epoche der Nemanjiden der Geburt, der Entwicklung und der Reifung des serbischen logos gewidmet. Die echten Serben, die in dieser Epoche lebten waren also eine Art Archetyp. Serbe zu sein, bedeutet also diesem Punkt, der Geschichte anzugehören, genauso wie es für uns bedeutet, Russe zu sein, der Epoche Ivan des Schrecklichen anzugehören. Denn das war der Höhepunkt unserer geschichtlichen, spirituellen, politischen und kulturellen Leistung. Der serbische logos lässt sich also in Raum und Zeit verorten. Es gibt also einen großserbischen Raum und eine großserbische Zeit, weil der logos in der byzantinischen und slawisch-christlichen historischen Situation geformt wurde. Alles was wir dort und zu dieser Zeit vorfinden ist also rein serbisch in jeder Hinsicht. Alles was vor den Nemanjiden existierte war eine Art Einführung. Alles das nach Dušan dem Mächtigen existierte war eine Art Widerhallen davon, eine Fortsetzung mit allen Konsequenzen. Das ist das Zentrum der serbischen Geschichte und der Höhepunkt des serbischen logos.

  Darauf folgte ein sehr schneller Niedergang und der Aufstieg des Osmanischen Reiches. Und der nächste Wendepunkt war die Schlacht am Amselfeld, wo die Zukunft des Katehon entschieden wurde. Das Lied über die Schlacht am Amselfeld und das Lied König Lazars in der Volksliedersammlung von Vuk Karadžić sind sehr erhellend. Mir ist klar, dass Sie besser als jeder andere wissen, dass vor König Lazar die Entscheidung lag, entweder das himmlische Königreich царство небесное oder das irdische Königreich царство земаљско zu gewinnen. In beiden Fällen muss er kämpfen. In beiden Fällen müssen die Serben zum Amselfeld kommen und an der Schlacht teilnehmen. Und jede Familie die ihre Teilnahme verweigerte, war verdammt. Das war die Verdammung König Lazars. Es muss also jeder den logos verteidigen. Jedoch wurde die Entscheidung getroffen die irdische Schlacht zu verlieren und den Krieg des Lichts zu gewinnen, was jedoch bedeutete, den Tod am Amselfeld zu erleiden, anstatt auf Erden zu obsiegen und den Kampf des Lichtes zu verlieren. Hier finden wir die iranische Tradition wieder, dass die Armee des Lichts schwach ist. Dies liegt daran, dass es einen Zeitpunkt für das Licht gibt an dem es die Dunkelheit überwindet und sie besiegt, wodurch die Armee des Lichtes bestimmten Begrenzungen unterworfen wird, da sie nicht mit den Waffen der Dunkelheit kämpfen können.

  Sie kann nicht ihr heiliges Wesen verraten und bunterliegt Begrenzungen, da das Böse und die Dunkelheit keinen Gesetzen unterworfen sind. Es ist die Hybris, welche es den titanischen Mächten einfach macht die natürlichen Grenzen zu überwinden. Doch die Armee des Lichts unterliegt dem Gesetz und kann nicht um jeden Preis siegen. Sie muss an der Seite Christus bleiben, auf der Seite der Vertikalität bis zum Ende. Und genau das war die Wahl König Lazars und die Entscheidung die er getroffen hatte – „Ich werde gegen die Osmanen kämpfen und die Niederlage akzeptieren. Ich opfere mich selbst und mein Volk, um das himmlische Königreich zu erringen.“ Das war also die Entscheidung des Helden des Lichtes. Es war die Transzendierung des Nemanjidenreiches und die Annahme einer Dimension jenseits des Menschlichen und jenseits des Todes durch den serbischen logos. Das war reines Märtyrertum und die reine Aufopferung aller serbischen Menschen, um das himmlische Königreich zu erhalten.

  Wir haben es hier also nicht mit einer Niederlage zu tun, sondern mit dem größtmöglichen Sieg. Dies spiegelte sich in der sarmatischen Ethik wider – entweder in der Schlacht zu sterben um unsterblich zu werden, oder zu sterben um zu siegen. Es ist besser mit Christus besiegt zu werden, als mit dem Teufel zu gewinnen. Das war die eigentliche Lehre aus der Schlacht am Amselfeld. Und wenn wir das Lied über die Schlacht am Amselfeld lesen, finden wir dort keine Glorifizierung der Serben vor, sondern nur die Beschreibung ihrer Demut als größte Tapferkeit. Sie kämpften bis zum bitteren Ende. Sie töteten alle Feinde, derer sie habhaft werden konnten, den Anführer der Osmanischen Armee miteingeschlossen. Es war also eine heroische, sehr ernste Schlacht. Aber die Entscheidung war bereits vor der Schlacht getroffen worden. Sie war eine rein christliche, rein sarmatische, rein indoeuropäische Entscheidung und nichts gewöhnliches, keine Niederlage im Angesicht materieller Gewalt und Macht. Das ist also die Himmelsfahrt Serbiens, vom irdischen Serbien zum himmlischen Serbien, die die Erfüllung der katehonischen Mission darstellt. Sie bestand im Kampf gegen den Antichristen und der Niederlage. Und so kam das Ende.

  Danach bestand die nächste Phase der serbischen Geschichte darin, in der irdischen Hölle zu schmoren und die eigene Identität in der Hölle zu bewahren. Nicht darin sie zu betrügen, zum Islam zu konvertieren, sich den Regeln der herrschenden Macht zu fügen, sondern seine Nemanjidenidentität zu bewahren, die eigene tiefe Identität zu erhalten, seine christlich-orthodoxen, slawische Identität, mit all dem Leiden das damit einhergeht. Dies war eine Geschichte des Leidens, des Seins in der geschichtlichen Hölle für einen Zeitraum von Jahrhunderten. Das war also ein sehr dramatischer Abschnitt im Dasein der Serben, aber er war nicht bedeutungslos. Es war die Fortsetzung und Konsequenz ihrer glanzvollsten Periode in der Geschichte und ein neuer göttlicher Test für das serbische Volk und damit die Voraussetzung für seine Wiederauferstehung. Es war der Tod, um wiederauferstehen zu können, also kein bedeutungsloses Leiden. Es war ein in jeder Hinsicht bedeutungsvolles Leiden, genauer gesagt ein eschatologischer Test um Wiederaufzuerstehen, genauer gesagt um den serbischen logos wiederbeleben zu können. Der nächste Moment im serbischen logos war genau der Augenblick, als sich die Gelegenheit ergab das serbische Volk von der osmanischen Besatzung zu befreien. Das war eine neue Herausforderung für den serbischen logos. Und was taten die Serben in dieser Situation? Einerseits besannen sie sich ihrer Tradition. Diese war gewissermaßen monarchistisch, imperial, orthodox, serbisch, patriotisch und archaisch. Sie bewahrten also die Bestandteile des echten und tiefen serbischen logos der in direkter Beziehung mit dem serbischen Dasein selbst stand, dem Kern dieses Daseins. Dies war möglich eben weil es eine Art orthodox-serbische imperiale Tradition gab, welche bis zum Ende der osmanischen Herrschaft fortexistierte. All das war eine außergewöhnlich große Inspiration für das serbische Volk und zeigte auf, was in ihm schlummerte. Aus einem Teil der serbischen Aristokratie traten Obrenović und Karađorđević hervor und versuchten, diesen Geist und diese Identität sich einzuverleiben um das serbische Königreich wiederherzustellen, Großserbien mit der serbisch-orthodoxen Identität, dem logos nach dem Vorbild der Nemajiden, um den serbischen logos nach diesem traumatischen Leidensweg wiederauferstehen zu lassen.

  Aber es war genau während der Moderne, als dieser Adel erschien, das Osmanische Reich zerstört wurde und der kybelische logos dominierte sowie der Westen bereits komplett von dieser modernen Weltsicht dominiert wurde, es also keinen Platz mehr für den apollinischen logos, die christliche Tradition, das Reich, Königtum oder kriegerisch-heroische Werte gab. All dies war im Westen bereits entweder diskreditiert oder zerstört worden. Daher versuchten die westlichen Mächte die gegen die Osmanen kämpften, den Willen des serbischen Volkes dazu zu nützen, seine Identität wiederherzustellen, um diese als Werkzeug zu benützen damit das traditionelle Osmanische Reich zerstört werden kann, das österreichische Reich zu vernichten und Russlands Expansion auf dem Balkan zu verhindern. Daher organisierten sie Freimaurerstrukturen in Serbien, bildeten die serbischen Nationalisten im republikanischen Geiste und versuchten darüber hinaus auch, sich in den Prozess der Befreiung einzumischen, um ihre nationalistische (die Dritte Politische Theorie), ihre liberalistische Weltsicht (Erste Politische Theorie) und danach mit Tito schließlich die Zweite Politische Theorie vorzuschlagen. Alle drei politischen Theorien waren eine Art Netzwerk, welches über die serbische Identität gelegt wurde, aber keine Verbindung zu dieser besaß. Das Ziel dieses Netzwerk war es die serbische Identität nicht in einem ordentlichen Sinne wiederzubeleben, sondern zu lähmen und die serbische Energie sowie die katehonische Wiederbelebung in andere Bahnen umzulenken.

  Innerhalb der serbischen Befreiungsbewegung waren jedoch viele logoi vorhanden. In ihr gab es einerseits die tiefe katehonische Nemanjidenidentität, welche den reinen serbischen logos darstellte. Es gab auch Einfluss aus Westeuropa. Und dann gab es den pragmatischen Einfluss Russlands und seines orthodoxen Reiches, ein der serbischen Tradition gegenüber sehr freundlich eingestellter logos, der aufgrund pragmatischer Gründe eine Affinität für das Dritte Rom und Moskau, aber auch für die Opposition gegen die Westmächte teilte. Es gab eine Art abweichende Form von dem was ich Archeo-Moderne nenne. Die Archeo-Moderne ist nicht das selbe wie die Moderne im Westen. Genauso wie im Westen gab es eine Tradition und das Schwächerwerden der Tradition zog den Aufstieg der Moderne nach sich (also herrschte entweder die Tradition oder die Moderne). Die Archeo-Moderne ist aber der Modus der Koexistenz zwischen Tradition und Moderne auf einer sehr schlechte und kranke Art. Entweder habe Sie etwas oder Sie haben sein Gegenteil, entweder Sie haben Tradition oder Moderne. Dies war der Fall beim Beispiel Westeuropa. Aber in Russland und Serbien war es die Archeo-Moderne. Sie treten gleichzeitig für Modernisierung und für archaische Wurzeln ein. Sie sind gleichzeitig für Modernisierung und für archaische Wurzeln. Dies führte zur Erschaffung einer Art schizophrenen Gesellschaft. Die russische Gesellschaft nach Peter dem Großen ist rein archeo-modernistisch und schizophren.

  Ich gehe davon aus, das auch etwas ähnliches hier produziert wurde. Der serbische logos nach dem Ende des Osmanischen Reiches war schizophren und archeo-modern, da die legitimen Ansprüche auf die Wiederherstellung des serbischen logos mit der modernen republikanisch-liberalistisch-sozialistisch-nationalistischen Tradition vermischt wurden. Dadurch wurden beide blockiert, weil sie zwei unterschiedliche logoi waren. Die Moderne ist mit dem logos der Kybele deckungsgleich und der innere serbische logos mit dem logos des Apoll und dem logos des Dionysos. Das war also der tiefe noologische Widerspruch der nicht bemerkt, nicht als solcher akzeptiert und nicht geheilt wurde, wodurch eine kranke Gesellschaft erschaffen wurde, denn die Archeo-Moderne ist eine kranke Gesellschaft. Das ist auch der Fall bei vielen anderen Gesellschaften. Aber der Unterschied zwischen der westlichen Gesellschaft und der archeo-modernen Gesellschaft ist genau jener, dass die Moderne in Europa logisch in die Gesellschaft eintrat und dabei der aristotelischen Logik folgte (Moderne oder Tradition. Wenn Sie an einem Platz etwas modernes haben, darf dort nichts traditionelles existieren.) Deswegen zerstören Sie zum Beispiel die Monarchie und installieren eine Republik. Und das war das selbe, wie die Wahl zwischen Kirche und Atheismus. In der archeomodernen Gesellschaft koexistierten Atheismus und Kirche, Republik und Königreich, Tradition und Moderne auf eine sehr schlechte Art und Weise ohne einander zu kommentieren. Dies schafft eine zweifach interpretierbare Lesart, alles wird doppelt. Es ist eine rein bipolare Krankheit, denn wenn Sie etwas sehen, interpretieren Sie es jedes Mal auf zwei gegensätzliche Arten gleichzeitig. Es gibt also Demokratie und Nicht-Demokratie. Demokratie und Diktatur sind dann das selbe. Das ist nicht dionysisch, sondern wir bezeichnen es nach den Begriffen von Gilbert Durand als mystisch-nokturn. Sie sehen ein Ding und nennen es bei einem ganz anderen Namen. Das ist deswegen eine schizophrene Haltung, weil sie eine Spaltung in der Persönlichkeit verkörpert. In Westeuropa hingegen gab es eine klare Persönlichkeit: Entweder nehmen Sie die Moderne an oder die Tradition.

  In unserer Gesellschaft hingegen gab es die Archeo-Moderne. Sie akzeptieren beides. Der serbische logos und der Liberalismus oder Kommunismus oder Nationalismus gehören jeweils komplett unterschiedlichen Zusammenhängen an, ohne es zu bemerken. Dabei handelt es sich um keine bewusste, sondern um eine unbewusste Lüge. Wir haben es mit einer bewussten Lüge zu tun, wenn wir die Wahrheit wissen und diese verbergen, aber mit einer unbewussten Wahrheit, wenn wir die Wahrheit nicht kennen und uns nicht um sie kümmern. Wir lügen also, weil wir überhaupt kein Interesse an der Wahrheit haben. Das ist die Archeo-Moderne und ich gehe davon aus, dass am  Ende des Osmanischen Reiches und dem Beginn des modernen Serbiens genau dieses Element – diese Mischung zwischen Tschetniks, zwischen Kommunisten, zwischen Liberalen, zwischen Freimaurern, zwischen Traditionalismus, zwischen Orthodoxen Popen und all dem, dass diese Mixtur komplett archeo-modern war ohne klar definierte Trennlinien.

  Genau das war die Erschaffung Jugoslawiens. Zunächst bestand Jugoslawien aus zwei gegensätzlichen Lesarten der selben Sache. Die Mehrheit der Serben sah in ihm die Wiederherstellung von Großserbien und das war so bis zum Ende der Karađorđevićherrschaft die alle anderen zu Reaktionen provozierte (zuallererst natürlich die Kroaten). Genauso sahen die Serben Jugoslawien. Für sie war es die Herrschaft der Serben, die Wiederbelebung Großserbiens und die Rückkehr zur Nemanjidendynastie unter neuen Umständen, aber gleichzeitig handelte es sich dabei um eine Republik mit einer gänzlich modernistischen Ideologie, dem Ausbalancieren der Interessen und dem bourgeoisen Typ im Zentrum. Das materialistische, händlerische und egoistische Element dominierten also im nationalistischen und liberalen Sinne. Darin bestand die archeo-moderne Mischung der Gesellschaft. Und genau darin lag der Grund für das Missverständnis der Bestandteile Jugoslawiens. Diese waren ihrem Wesen nach kein Internationalismus, kein reiner Liberalismus, kein Reich, keine Konföderation, sondern etwas archeo-modernes.

  Und jeder Pol im frühen Jugoslawien hatte seine eigene Lesart davon, was passierte. Für die Serben war es ein Sieg und auch für die radikalen Tschetniks stellte es eine Rückkehr zu den Wurzeln dar, eine Art Erfüllung der Aufgabe der katehonischen Tradition. Für die anderen war es eine konventionelle, multinationale Konföderation die aus rein pragmatischen, materialistisch und bürgerlichen Gründen organisiert wurde. Es gab eine Vielzahl von Lesarten Jugoslawiens. Einerseits als das Ende der deutschen Besatzung und den Kampf zwischen zwei Mächten: Kommunistischen Partisanen und Tschetniks, den monarchistischen Partisanen. In genau diesem Kampf wurde die Zukunft Jugoslawiens nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegt. Und der Sieg der Sowjetunion über das Naziregime war der Grund dafür, warum die Zweite Politische Theorie in Osteuropa und auch Jugoslawien herrschte.

  Das neue Jugoslawien gründetet also auf der Zweiten Politischen Theorie, gleichzeitig war aber diese neue Lesart davon was Jugoslawien ist, mit ihrem Marxismus der konkreten Entwicklung der ländlich-bäuerlichen Gesellschaft Serbiens mit ihrer archaischen Tradition, ihren teilweise modernisierten Städten, vollkommen fremd und dies war nun eine neue Fassung der Archeo- Moderne, in der die reine Form des serbischen logos verboten worden war. Dieser wurde verdrängt, als dissident betrachtet und die Tschetniks schließlich als Konterrevolutionäre verfolgt. Die rein orthodoxe Fassung des serbischen logos war also verboten worden. Darauf folgt die Herrschaft der Zweiten Politischen Theorie, des Marxismus, die absolut kybelisch war und genau das war das neue Jugoslawien.

  Als die Zweite Politische Theorie jedoch in der Sowjetunion zu wanken begann, hatte das auch Auswirkungen auf Jugoslawien und mit Milosevic tauchte die serbische Lesart Jugoslawiens wieder auf. Es handelte sich dabei also um eine nationalistische Reaktion, die weder philosophisch klar war, noch sich selbst erklärte. Aber dieser serbische Kampf um Jugoslawien war intuitiv der Kampf um die katehonische Interpretation des serbischen Staates. Das war auch die Größe des Kampfes der Serben um die Republik Srpska, die serbische Krajina, Knin, Slowenien, die Baranya und Westsyrmien und zuletzt auch der Kampf um den Kosovo gegen die Albaner. Die Serben unter Milosevic betrachteten also Jugoslawien unbewusst als katehonische Entität, ohne es klar auszusprechen, ohne es zu erklären. Und er sprach all das in einer plumpen Sprache aus, die er jeweils an die kommunistische, nationalistische und westlich-liberale Agenda anzupassen versuchte. Dies war die archaeo-moderne Version des serbischen logos. die besiegt wurde. Doch wie jede Niederlage eines logos trägt auch sie etwas positives in sich. Wie die Schlacht auf dem Amselfeld handelt es sich hierbei um einen Kampf für das Licht. Jeder serbische Held, der sein Leben für die Verteidigung Jugoslawiens gab, hat sein Leben für die Sache des logos des Lichts geopfert, für eine zutiefst katehonische Mission. In ihrem Fall gab es keine Vereinbarung, das war der Fehler. Sie war der eindeutige Durchbruch zur Realität der serbischen Identität. Sie haben ihr Blut und ihr Leben für diese serbische Identität gegeben, die nicht einfach spurlos verschwinden konnte. Das war die Fortsetzung der Schlacht am Amselfeld, die Fortsetzung des serbischen Wegs durch die Geschichte. Und dies war die Vorbereitung der Zukunft auf eine echte eschkatologische, katehonische serbische Zukunft.

  Danach kam es durch den Verrat Russlands, welches sich in den 1990er Jahren und danach selbst verraten hatte, zu einer Art eigentlichem Moment des serbischen Staates. Diese Niederlage wurde von der Gesellschaft, dem Staat und dem serbischen Volk anerkannt. Russland konnte keine echte Alternative zur Modernisierung oder Verwestlichung anbieten. Dort ist es die Erste Politische Theorie, die jetzt im rein kybelischen Sinne herrscht. Aber wo befindet sich jetzt der serbische logos? Ich gehe davon aus, dass er hier ist. Er ist im serbischen Volk, der serbischen Identität, dem serbischen Raum und in der serbischen Kultur. Und nachdem er diese Niederlage erlitten hatte, muss man diese Niederlage zuallererst verstehen und entschlüsseln, man muss ihn richtig interpretieren, um in der serbischen Geschichte voranschreiten zu können, denn das Problem welches wir jetzt mit dem serbischen logos konfrontieren, ist fast das selbe, das wir in anderer Form mit dem apollinischen logos oder dem dionysischen logos im apollinisch-dionysischen Sinn haben. Es gibt also diesen riesigen planetarischen Kampf, der von fast jedem verloren worden ist.

  Vielleicht haben wir Russen die Vorstellung, dass wir noch immer Widerstand leisten oder die Syrer und die Iraner noch immer Widerstand leisten. Aber die Macht welche die Serben übermannt hat, besteht nicht nur aus den Vereinigten Staaten, sondern ist etwas tieferliegendes. Diese Situation sollte keinen Anlass zur Verzweiflung darstellen. Denn die Macht der Kybele und die Rückkehr der Großen Mutter stellt gewissermaßen die Ankunft des Antichristen dar sowie die Befreiung Satans aus dem Abgrund, die von Gott geplant und zugelassen wurde. Und das ist der letzte Test. Ich denke, was den serbischen logos anbelangt ist es nun nicht an der Zeit den Staat oder die Gesellschaft anzuklagen, oder die Russen und den Westen weil sie das tun was sie tun, sondern jetzt ist es an der Zeit, sich auf die Kultivierung des logos zu konzentrieren, weil es sich hierbei um die geplante letzte Prüfung handelt, vielleicht die letzte. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht wird es noch eine weitere Prüfung geben, noch einen zusätzlichen Kampf, noch eine weitere Chance, Sie als Serben haben ja zwei Chancen: Die Gründung des ersten Jugoslawiens und den Kampf Milosevics mitsamt der nationalistischen Erneuerung. Doch beide Chancen wurden vertan, beide wohlgemerkt, aber vielleicht wird es noch eine neue geben.

  Solange es eine lebendige Tradition gibt, solange es ein lebendiges serbisches Dasein gibt, muss es eine Analyse anfertigen, warum diese beiden Chancen vertan wurden und wie wir es verhindern können, den Fehler der anderen zu wiederholen, wie man die reine Form des serbischen logos gegen diesen Angriff verteidigen kann, denn jetzt ist noch nichts zu Ende. Wenn es also Serben gibt, gibt es ein serbisches Dasein, dort ist der serbische Staat. Das ist bereits etwas. Vielleicht ist es etwas schwierig in der gegenwärtigen Situation, aber es ist da. Und das ist von besonderer Wichtigkeit. Das ist bereits etwas das man als Gelegenheit nützen kann, nicht als Reaktion, nicht als Antwort, sondern als einen positiven serbischen Wert. Das serbische Volk, die serbische Tradition, die serbische Kultur, das serbische Erbe, der serbische Staat, die serbische Kirche, das serbische Christentum. Wir besitzen also bereits viele Dinge und deswegen befinden wir uns in einem geistigen Kampf, nicht in einem materiellen Krieg. Es lässt sich nicht in materiellen Aspekten vergleichen. All das ist sekundär. Wenn wir diesen geistigen Kampf kämpfen, werden wir alles gewinnen. Wenn wir ein serbisches Herz gewinnen können, können wir alles gewinnen. Der Kampf ist vorbei und das ist der Sieg. Das ist also der Kampf um den Menschen, der unmenschlich wird. Das ist keine materialistisch-atomistische Konfrontation zwischen den Massen der Materie. Es gibt den menschlichen Geist und innerhalb von uns findet dieser Kampf statt und der logos ist in uns drinnen. Es geht hier nicht um etwas, das uns von außen aufgezwungen wird. Denn wir sind der logos und der logos wirkt durch uns. Und der serbische logos handelt und lebt immerwährend oder vielleicht auch nicht immerwährend und hält bis ans Ende der Zeit.

  Ich denke also, dass das serbische Volk dazu auserwählt wurde, seine Identität bis ans Ende der Zeit zu bewahren und im letzten Augenblick der Geschichte an der Seite Gottes, Christus und dem logos des Apoll sowie der Vertikalität wieder zu erscheinen, um an der universalen Schlacht am Amselfeld teilzunehmen und das universale Reich des Lichts zu erschaffen, das Reich Christi, dessen Präfiguration das Nemanjidenreich und Dušan der Mächtige waren. Das ist also meine Ausführung zum serbischen logos. Und wir müssen sagen, dass auch Jugoslawien und das moderne Serbien ein Simulacrum des wahren Serbiens waren und sind, das ist offensichtlich. Das Simulacrum aber ist archeo-modern. Es ist teilweise archaisch und teilweise eine pervertierte Karikatur. Wir müssen also das Problem des Simulacrums lösen und die Authentizität sowie den reinen Zustand dessen, was kein Simulacrum ist und sich hinter dem Simulacrum versteckt, wiederherstellen. Wir müssen also daraus das Korn Wahrheit extrahieren.

Die Noomachie im 21. Jahrhundert

(Zehnte Einheit)

Dies ist nun die zehnte und letzte Vorlesung, die das Endergebnis dieses Kurses darstellt, der als eine Einführung zur Noomachie betrachtet werden kann. Die zehnte Einheit ist der Noomachie im 21. Jahrhundert gewidmet. In der Soziologie sagt man, dass wir gerade an einem Wendepunkt leben, nämlich der Transformation der Moderne in die Postmoderne. Wir haben die Moderne nun also als Rückkehr oder Rache des logos der Kybele identifiziert. Jetzt können wir uns fragen, „Wer ist der logos der Post-Moderne?“ „Welche Art von noologischer Struktur besitzt er?“. Der logos der Post-Moderne ist gewissermaßen die Vollendung der kybelischen Revolution. Es ist das logische Ende, die logische Konsequenz der vorhergehenden Moderne. Wir sollten uns also nicht von der anti-modernen Sprache der Post-Moderne täuschen lassen. Der Post-Modernismus ist im Grunde genommen modern. Er ist die Essenz der Moderne, keine Alternative zu ihr.

Der Post-Modernismus wie er ist, zuallererst in der französischen Philosophie, gründet auf der Idee, dass die Moderne nicht genug ist. Anders gesprochen, ist die Moderne nicht die reine Moderne. Sie begann mit der Frankfurter Schule, die sagte, dass „Die Aufklärung aufgeklärt werden muss“ und das „Die Aufklärung nicht wirklich aufgeklärt war und wir deswegen die reine Moderne reinigen müssen“. Dies stellt eine Art Reinigung der Moderne dar, die von allen Resten der Tradition befreit werden soll. Die Idee der Post-Moderne besteht also darin, die historische Moderne zu Ende zu bringen und eine „reine Moderne“ zu erschaffen. Im philosophischen Sinn ist es die Idee, eine reine Immanenz, reine Materie und einen reinen Körper – um mit Deleuze zu sprechen – zu erschaffen. Den Denkern der Postmoderne zu Folge war alles an der Moderne zu stark von der Vor-Moderne und damit der Tradition durchdrungen, zum Beispiel die Vernunft. Die menschliche Vernunft wurde zum Schlachtruf im Kampf gegen die Theokratie, gegen die Kirche und gegen die Theologie. All das wurde im Namen der menschlichen Vernunft getan. Das war die Position der Avantgarde im Kampf für die Moderne.

Die Postmodernisten hatten jedoch entdeckt, dass nach dem Sieg der menschlichen Vernunft über die Theologie und der Erschaffung einer absolut autonomen Wissenschaft und Philosophie, sie unter diesen neuen Umständen eine Art Dominanz entdeckten, einen philosophischen Faschismus. Aber diesmal wurden die menschliche Vernunft und das menschliche Gehirn als eine radikale Diktatur angesehen. Davor bestand die Idee der Moderne darin, die menschliche Vernunft von der Theologie zu befreien (daher auch Name Liberalismus). Nun sei es an der Zeit den Menschen auch von der Vernunft zu befreien, denn die Vernunft ist eine Diktatur. Die Vernunft sieht voraus, was zu machen ist. Sie setzt sich mit unausgeglichenen radikalen, hierarchischen Systemen in Klassen auseinander, durch Klassifizierungen. Daher müsse man in der Postmoderne zur nächsten Stufe voranschreiten. Es geht nicht mehr um die Befreiung „der“ Vernunft, sondern um die Befreiung „von“ der Vernunft.

Dies ist das Konzept der schizophrenen Revolution von Gilles Deleuze und Félix Guattari, das man als Anti-Ödipus bezeichnet. Das Konzept Freuds stellte zum Beispiel eine Art moderne Revolution gegen die Rationalität dar. Es war auch eine Einführung in die Postmoderne, da die Vernunft in Frage gestellt und mit Zweifeln belegt wurde, um das Funktionieren des Hirns durch die irrationale Motivation des Hirns durch das Unterbewusstsein zu erklären. Doch Deleuze und Guattari entdeckten in der reinen Postmoderne, dass die Theorie Freuds eine Reflexion des männlichen Verständnisses der Funktion des Unterbewusstseins darstellte. Der Ödipuskomplex war eine männliche Projektion, daher schlugen sie vor, eine weibliche, feministische Psychoanalyse zu erschaffen, die nicht vom paranoiden, partikular männlichen Konzept des irrationalen Begehrens beeinflusst werde. Dies war also die Idee, allen Irrationalismus zu Ende zu bringen und dabei entdeckten sie zwei Typen des psychologischen Systems: Das paranoide und das schizophrene System. Das Paranoide war hierarchisch und die Vernunft wurde nach Deleuze und Guattari als paranoid angesehen, die Schizophrenie aber stelle eine Spaltung des inneren Selbst’ dar, die viel stärker feministisch und egalitärer ist. Daher müsse man die schizophrene Haltung als die normative Haltung der Gesellschaft propagieren. Und dazu gehört auch der Kampf gegen das Gehirn und dessen Diktatur. Wir müssen also die verschiedenen Organe befreien, so Deleuze und Guattari. Sie sollten sich ihrem Willen entsprechend verhalten, ohne dem „Hitlerismus“ des Geistes unterworfen zu sein. Die Postmoderne stellt also den Kampf gegen jede Art von vertikaler Hierarchie dar, nicht nur im traditionellen, sondern auch im individuellen Sinne.

Zuerst hatten wir es mit dem Kampf gegen Alles zum Wohle des Individuums zu tun und nun ist es die Konstruktion des Individuums selbst, welche als zu apollinisch angesehen wird (um bei unseren Begriffen zu bleiben). Eben weil der Mensch vertikal ist, ist er nicht normal. Dadurch wird eine Art Privileg des Kopfes und des Gehirns erschaffen, weil sie sich an der Spitze des menschlichen Organismus befinden. Wir müssen in den Augen Deleuzes und Guattaris aber das genaue Gegenteil machen, wir müssen ‘wie Schlangen kriechen’. Wir müssen unseren Organen die volle Freiheit gewähren und unseren Körper nicht als Königreich der Vernunft, sondern als eine Art parlamentarische Versammlung der Organe betrachten, die politische Parteien organisieren könnte, Wahlen zur Richtungsentscheidung treffen kann, die nicht von der Vernunft diktiert, sondern von den anderen Organen propagiert und unterstützt werden können. Die radikalste Idee lag darin, dass auch die Organe selbst totalitär sind, weil sie zu viele besondere Formen besitzen. Sie hätten sich einer mechanischen Funktion angepasst, also müssten wir den Körper ohne Organe betrachten. Das ist das Konzept – der Körper soll ohne jegliche Form existieren, ohne jeden organischen Status. Das könnte man durch die virtuelle Existenz erreichen. Diese ist ein zweidimensionaler Raum und wir müssen in dieses Netzwerk auswandern, um sie nicht mit unseren Organen, sondern mit unseren ganzen Körper auszufüllen. Das ist das Rhizom, das Konzept welches das Individuum ersetzen soll. Das Rhizom ist ein Netzwerk der Menschheit, das nicht vereint ist und mit jedem als Individuum agiert, sondern zwischen Organen in einer komplett schizophrenen Art. Eine Hand kann sich also auf ihre eigene Art benehmen, anders als die andere Hand.

Wir haben es in den Netzwerken auch mit einer Verschwendung der Persönlichkeit mit den Avataren und den Namen zu tun. Dort können wir das Geschlecht ändern, das Alter, alles – sogar die Persönlichkeit. Wir können uns selbst verschwenden. Und das nicht nur in Rollen, denn der Mensch besteht laut der Soziologie aus einer Versammlung von Rollen. Diese sozialen Rollen und Beziehungsspiele werden durch das Netzwerk verteilt und aufgelöst, wodurch auch etwas neues, das Rhizom entsteht.

Rhizom bedeutet auf Griechisch Wurzel, aber nicht etwa die Wurzel einer Pflanze, sondern eher das Wurzelgeflecht einer Kartoffel oder eines Pilzes. Diese expandieren nicht in einer vertikalen, sondern in einer horizontalen Ebene. Und darin besteht symbolisch die nächste Stufe hin zur postmodernen Gesellschaft. Sie ist nicht das Individuum, sondern das Dividuum. Es gibt also eine neue Stufe der Immanenz und des Materialismus. Es handelt sich dabei nicht um den Materialismus der Dinge, sondern um den Materialismus von etwas, das sich unter den Dingen befindet. René Guénon nannte dies die „unterkörperliche Welt“ und diese „unter-körperliche Welt“ wurde in den traditionellen Religionen von rein unterirdischen Wesen bewohnt. Dieser Materialismus besteht darin, den Menschen in eine Versammlung von Dämonen zu verwandeln. Das ist die Idee von Deleuze. Und um die Möglichkeit zu eröffnen, dass der materielle Geist durch uns lebt und sich in uns offenbart und sich in uns frei als eine Art Parlament der Organe und Begierden, sowie der Begehrensmaschinen die im Netzwerk verteilt sind, ausleben kann. Dabei handelt es sich somit um die Zerstörung jeder vertikalen Form auch in ihrer frühen liberalen und kapitalistischen Version. Hier ist der Unterschied zwischen dem klassischen Liberalismus (der ersten politischen Theorie) und dem Post-Liberalismus nur sehr gering. Es ist eine Mischung zwischen Kommunismus und Marxismus, die nicht das Proletariat oder den Klassenkampf verteidigt, sondern Hand in Hand mit dem Liberalismus den Materialismus und Egalitarismus beschützt. Daher handelt es sich beim Postmodernismus um eine Art Kulturmarxismus gemischt mit Liberalismus (genauer gesagt Linksliberalismus). Das ist die neue Version des Liberalismus. Während der alte Liberalismus sich mit dem Individuum beschäftigte und mit ihm operierte, dämmert nun das Dividuum heran.

Die normale menschliche Vernunft wird durch die künstliche Intelligenz ersetzt. Die Netzwerke sollen die gewöhnlichen Beziehungen ersetzen und schließlich die Virtualität die Realität. Ich habe die gestrige Präsentation des Buches „Netzwerkkriegsführung“ zum Teil diesem postmodernen Horizont und seiner Perspektive gewidmet. Die Idee dahinter besteht darin, alles das im Paradigma der Moderne als Realität angesehen wurde, durch die Virtualität zu ersetzen. Doch ist die Virtualität nicht nur eine Reflexion der Realität – hier haben wir es mit einem sehr interessanten Moment zu tun. In der Virtualität findet die Reflexion der Realität oder die Übersetzung von etwas Realem in etwas Digitales statt. Danach wird mit etwas Digitalem gearbeitet. Die Verbesserung des Tons zum Beispiel oder eines Bildes mit Photoshop, dabei kommt es zur Klang, bzw. Bildverbesserung sowie der neuen Emulation oder Verschönerung eines Abbilds der Realität. Wenn man mit einem 3D-Drucker druckt, druckt man zum Beispiel zurück in die Realität. Der wichtigste Aspekt ist dabei die Autonomie dessen was digitalisiert wird. Diese Realität, die im Computer in Zahlen zerlegt wird, wird als die allerwichtigste Sache angesehen. Denken wir nur an die Kreditkarte. Es gibt Zahlen, etwas Elektronisches, einen Kalkulationsprozess. Wir geben Geld auf die Karte und nehmen Geld, wobei es durch eine virtuelle Instanz geht. Hier ergibt sich die Möglichkeit mit unserem Geld alles zu machen, weil es nicht materiell ist. Und die Virtualität besteht in der Idee, dass wir diese Art von Operation nicht zu oft durchführen werden. Wir transformieren die Realität nicht in Virtualität und wir emulieren die Realität nicht zurück. Wir sind zufrieden damit bei der Kreditkarte und dem virtuellen Geld zu bleiben. Wir zahlen kein Geld auf sie ein und heben wieder welches von ihr ab. Wir haben eine Kreditkarte und sind damit zufrieden und glücklich. Wir verstehen, wie sie funktioniert, also sind wir glücklich darüber eine zu haben.

Kommen wir nun zu den Offline-Beziehungen am Beispiel des Datings. Am Anfang steht das Photo, das Photo eines Mädchens und eines Mannes (ich gehe von normalen Beziehungen aus). Und dann gibt es die Möglichkeit einer Online-Begegnung, eines Treffens und dann die Offline-Ebene. Die Offlinebegegnung kann enttäuschend sein, wenn Sie sich aber beweisen und die Qualität des Mädchens oder des jungen Manns bezeugen, den sie im Internet gesehen haben und ihm mit der Realität vergleichen, dann stellt er eine Emulation der virtuellen Persönlichkeit dar. In der Postmoderne wird uns nahe gelegt, diese virtuellen Bilder so anzunehmen, wie sie sind, einfach mit ihnen zu leben und sie nicht zu hinterfragen. Sie können eine Persönlichkeit Ihrer Wahl erschaffen und in nicht allzu ferner Zukunft Ihren eigenen Körper. Und das hat alles bereits begonnen mit der Emulation des Körpers und der Erschaffung verschiedener Organe mit dem 3D-Drucker. Das ist der reine Avatar. Ein weiteres Beispiel ist die gegenwärtige Verbesserung des Körpers mit Botox, der Kampf gegen das Altern und die künstlichen Anpassungen der weiblichen wie männlichen Figur in der modernen westlichen Gesellschaft. Eine Emulation des Körpers ist also möglich. In diesem Prozess verlieren wir das Individuum und werden zu einer Kombination von Teilen. Wir können Dinge in Zahlen und Berechnungssequenzen umwandeln und selbst emuliert werden. Wir können in der Virtualität verschwinden und in der Realität wieder auftauchen und dabei vielleicht verbessert zurückkehren. Es handelt sich hierbei also um keine reine Reflexion. Dadurch wird Virtualität zu etwas Primordialem, etwas das zuerst kommt. Wir können also zum Beispiel etwas emulieren, dass in der Realität nicht existiert, Chimären, Cyborgs, Zentauren und Russalkas zum Beispiel. Wir können in der Zukunft etwas ausdrucken das keine Reflexion der Realität und nur ein Produkt der virtuellen Phantasie ist.

Wir haben mehr und mehr Vertrauen in etwas Virtuelles und werden dabei ersetzt, wir werden in das Reich der Virtualität transferiert und damit immer virtueller. Die künstliche Intelligenz ist die Grenze davon. Es wird keine getrennten Individuen mehr geben, sondern ein Netzwerk. Bei der künstlichen Intelligenz handelt es sich nicht um einen besonders intelligenten Kerl oder eine kluge Frau, sie ist vielmehr ein Netzwerk, dass auf viele Computer aufgeteilt ist. Das ist das neurale Netzwerk, das dazu in der Lage ist, etwas Neues zu schaffen und sich etwas Neues vorzustellen.

Es gibt zwei Arten von künstlicher Intelligenz: Schwache künstliche Intelligenz und starke künstliche Intelligenz. Eine schwache künstliche Intelligenz wurde bereits erzeugt. Dabei handelt es sich um Datenbanken, welche über großes Wissen über die Menschheit in digitalisierter Form verfügen. Darin befinden sich große Massen an Büchern, Wissen, Technologie – all das befindet sich griffbereit in Computern, wodurch wir sofort auf dieses oder jenes Buch zugreifen können und es in unserem Gedächtnis haben. Wenn wir also permanenten Zugriff darauf gewährleisten können, befinden wir uns innerhalb dieser schwachen künstlichen Intelligenz, die an unserer statt Berechnungen durchführen, Vergleiche machen und Sprachen übersetzen kann; sie ist also dazu im Stande, sowohl Dinge zu übertragen als auch semantische Elemente zu verarbeiten. Diese verbessert sich jeden Tag – die Übersetzungen von Google Translate aus dem Englischen und ins Englische werden zum Beispiel jeden Tag besser, auch wenn das bei anderen Sprachen nicht der Fall ist, aber mit dem Englischen wird es immer besser. Wir können also an diesem Beispiel erkennen, wie die schwache künstliche Intelligenz fortschreitet.

Es gibt aber auch die starke künstliche Intelligenz, deren Ankunft für das Jahr 2020 – 2025 erwartet wird, es bleibt uns also nicht mehr viel Zeit bis zum Singularitätsmoment. Der Singularitätsmoment kennzeichnet die Ankunft dieser starken künstlichen Intelligenz, die mit der menschlichen Intelligenz komplett vergleichbar sein wird. Dabei wird es sich nicht um programmierte Operationen, sondern um ein künstliches neuronales Netzwerk handeln. Das Neuronennetz ist ein (mathematischer) Algorithmus, der etwas erschaffen kann, dass nicht von Beginn an in ihm einprogrammiert war. Es handelt sich dabei um die Selbstentwicklung der Berechnung. Auch die einfachsten Neuronennetzwerke sind vom Operator abhängig, entwickelte Neuronennetzwerke sind jedoch unabhängig. Sie werden immer stärker vom Operator unabhängig und könnten daher zu einer Entscheidung kommen, die von ihrem Operator nicht geplant war. Auf diese Art funktioniert auch die menschliche Vernunft. Denn auch sie ist autonom, folgt aber einigen Regeln, weil sich auch die menschliche Vernunft an gewisse Regeln hält. Dieser Singularitätsmoment wird als Wendepunkt betrachtet, als bisher größte Wende in der Menschheitsgeschichte, ab der es keine menschliche Vernunft mehr auf der Erde oder im Raum geben wird. In dieser nächsten Stufe des menschlichen Fortschritts und der Evolution wird etwas uns vergleichbares erscheinen. An unsere Stelle wird eine post-menschliche Spezies treten, ein post-menschliches Wesen.

In der modernen Philosophie gibt es eine Tendenz die man Akzelerationismus nennt und die uns dazu einlädt, den Singularitätsmoment noch schneller und immer schneller zu erreichen, also die Ankunft der Singularität zu beschleunigen. Diese Möglichkeit wird von großen Unternehmen studiert, von Google, Microsoft und anderen. Auch das ist ein Absicherungsprozess. Sie investieren Milliarden in die Entwicklung künstlicher Intelligenz. Und diese Milliarden dienen auch zur Absicherung, werden auch in Sicherheit investiert, um die Gefahren dieser Entwicklung zu identifizieren. Es handelt sich dabei also um einen Hedge Fond für künstliche Intelligenz und Entwicklungsprojekte für diese.

Gleichzeitig wird das Konzept dessen was menschlich ist, in der Postmoderne geändert. Die Post-Moderne bewegt sich also hin zum post-menschlichen, zu einer neuen Evolutionsstufe. Eben da die Moderne auf dem Konzept aufbaut, dass sich der Mensch aus dem Tier entwickelt hat, ist die Singularität die nächste Stufe. Zuerst entwickelte sich das Tier, darauf folgte die Entwicklung des Menschen und danach kommt die Entwicklung der Maschine. Aber die künstliche Intelligenz ist keine Maschine, sie ist etwas anderes. Interessant daran ist, dass um eine künstliche Intelligenz zu erschaffen, wir unsere Gehirne als etwas Künstliches verstehen müssen. Wir können unsere menschlichen Gehirne also nur dann reproduzieren, wenn wir sie als etwas Materielles und Mechanisches betrachten. Genau das ist die Wissenschaft des Kognitivismus, das Studium des bewussten Körpers, der Bewusstseinsprobleme und der Versuch, die Funktion der menschlichen Vernunft zu emulieren. Aber um dies zu bewerkstelligen, müssen wir die Menschen im Hier und Jetzt in Maschinen verwandeln. Dies wird den Prozess erleichtern und genau das geschieht gerade.

Und nicht zuletzt: Heute werden die Menschen einander immer ähnlicher. Wir werden immer künstlicher, denn die politische Korrektheit ist eine neue Spielart des Totalitarismus.

Sie versuchen uns davon zu überzeugen, wie genau man zu denken hat, was die normative Denkart sein solle und preisen dabei Rede- und Versammlungsfreiheit. Gleichzeitig werden wir immer weniger frei. Jedes Infragestellen dieses Prozesses wird als Verbrechen betrachtet, als Gedankenverbrechen, als Meinungsverbrechen. Wenn Sie damit aber nicht einverstanden sind, werden Sie zum Faschisten, genauso wie wenn Sie Auschwitz oder den Stalinismus verteidigen würden – es ist für die Befürworter des Fortschritts dasselbe. Sie dürfen also nicht die Evolution und den Fortschritt in Frage stellen. Sie können zum Beispiel nicht sagen: „Lasst uns unsere Gesellschaft so erhalten, wie sie ist!“. Die hysterische Reaktion der amerikanischen Gesellschaft auf den Sieg Trumps ist ein Beweis dafür, wie intolerant die Progressiven sind. Trump ist aber auch keine Alternative zu ihnen. Er hat nicht vor, die Forschung im Bereich der Künstlichen Intelligenz zu stoppen. Er protestiert nicht gegen die „Gay Pride“ Paraden usw.; er ist sogar sehr tolerant. Doch er ist weniger fortschrittlich als von den Anhängern des Fortschritts als notwendig erachtet wird und darum gilt er als ein Faschist. Es stehen russische Faschisten hinter ihm. Wenn Sie also nicht fortschrittlich sind, sind Sie ein Feind des Fortschritts. Die Konsequenzen davon können wir im Verbot meines Buches auf Amazon sehen: nämlich dass in der Freien Welt jeder das absolute Recht genießt alles zu sagen, außer wenn das Gesagte den status quo herausfordert. Es ist Ihnen erlaubt, komplett frei und liberal zu sein: rechtsliberal, linksliberal oder zentristisch. Aber es ist Ihnen nicht erlaubt anti-liberal zu sein. Wenn Sie nicht liberal sind, machen Sie sich verdächtig. Vielleicht sind Sie ein Terrorist, ein Fundamentalist, ein Russe oder Trumpanhänger und so weiter.

Das alles stellt eine Karikatur dar. Wir erkennen, wie diese Art der politisch-totalitären Propaganda ohne jede Vernunft funktioniert, weil alles virtuell ist. Ein Beispiel dafür ist die russische Einmischung in die amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Es gibt keinen Beweis dafür, das ist alles virtuell. Sie konnten keinen Beweis dafür in der Welt der Netzwerke finden. Sie wiederholen einfach immer wieder diese Anschuldigungen – man kann das als einen Algorithmus betrachten. Zum Beispiel zitiert jeder die New York Times oder die Washington Post als würden sie die Wahrheit darstellen, dabei sind sie nur ein Algorithmus. Es handelt sich dabei um eine Emulation des status quo, die komplett ohne Beziehungen zur Realität existieren kann. Oder Sie können etwas einfach übertreiben, ein kleines Element, oder Sie könnten es mit etwas anderem kombinieren. Ich gebe zum Beispiel der westlichen Presse viele Interviews, aber nur jene Fragmente, die dem entsprechen, was sie von mir erwarten, werden gedruckt und ausgestrahlt. Zum Beispiel habe ich in einem Interview mit der BBC gesagt, dass russische Oligarchen den Wahlkampf von Hillary Clinton finanziert haben. Nein, das wurde mit keiner Silbe erwähnt und berichtet. Als ich gefragt wurde, ob die Russen die Wahl Trumps unterstützt haben, habe ich „nein“ gesagt, aber sie berichteten hingegen: „Ja, haben sie“. Wenn sie also eine komplett gegenteilige Reaktion erhalten, kümmert es sie nicht. Sie emulieren, was sie brauchen. Dabei handelt es sich um eine Information, die unabhängig von dem ist, was zuvor an Informationen zerstört und verarbeitet wurde. In der Postmoderne stirbt also die Information zuerst. Und Sie können sich die Information einbilden und beliebig zusammensetzen. Also kann sie niemand verifizieren. Wenn wir ein Bild sehen, etwas lesen, es wiederholen, wenn das in vielen anderen Agenturen auch verteilt wird, dann ist das die Wahrheit. Daher handelt es sich dabei um eine Emulation und nicht um eine Reflexion.

Im metaphysischen Sinn bedeutet diese Entwicklung eine Verschiebung vom Realen ins Virtuelle. Die Virtualität ist also wichtiger als die Realität, eben weil sie keine bloße Reflexion der Realität, sondern die grundlegende Emulation von ihr darstellt. Es handelt sich um eine Empörung alten Stils bei jenen Menschen, die sagen: „Lasst uns die Realität gegen die Virtualität verteidigen“, denn das ist unmöglich, weil uns die Realität von der Moderne gebracht wurde. In der Welt der Tradition, des apollinischen logos existierten die Ideen. Die Ideen waren echte Wesen, Geister, Gott, etwas Verstecktes, etwas Himmlisches, etwas Göttliches, das als das grundlegende Argument für die Realität existierte. Die Realität bezog ihr Sein also aus der Tatsache, dass sie von Gott erschaffen worden war. Die Schöpfung war die ontologische Erklärung für die Realität. Als wir einen Schritt weg vom logos des Apoll und der Grundlage der Realität machten, als wir die Vernunft als solche akzeptiert hatten, den Mensch als solchen, die Welt als solche, die Natur als solche und die Substanz ohne Autor, hatten wir bereits alle Beziehungen mit der metaphysischen Grundlage der Existenz gekappt. Die Realität ist virtuell. Aus diesem Grund ist diese Verschiebung von der Realität zur Virtualität möglich. Metaphysisch gesprochen, können wir nicht die Realität verteidigen ohne zuerst die Spiritualität zu retten. Denn die metaphysische Grundlage der Realität war nicht real, sondern vor-real. Die Ideen existieren in der Realität, die ewigen Ideen des Dings. Wenn wir sie abschneiden und das verleugnen könnten, haben wir Dinge, aber die Dinge sind genauso wie die Realität schlussendlich nicht real. Sie sind bereits etwas Virtuelles, etwas Emuliertes, ein Simulacrum und nicht das Ding. Die Virtualität ist die letzte Konsequenz dieses Prozesses. In der Postmoderne gibt es nichts Neues. Es scheint besonders neu und sehr modern zu sein, ist aber die logische Schlussfolgerung der Moderne.

Wenn wir also nun darüber nachdenken, worin die noologische Analyse der Postmoderne besteht, müssen wir anerkennen, dass sie im Vergleich zur Moderne nichts Neues ist, sondern ihre finale Phase. Als wir über den logos der Kybele gesprochen haben, haben wir festgestellt, dass die Postmoderne die absolute Dominanz des kybelischen logos darstellt. Der logos der Kybele breitete sich während der Moderne aus und hat nun seine größte Ausdehnung erreicht. Es gibt also verschiedene Augenblicke in der Noomachie. Es gibt den Kampf und den Zeitpunkt, wenn der Kampf vorbei ist. Im Sinne der christlichen Eschatologie haben wir es also mit dem Königreich der scharlachroten Frau zu tun und der totalen Herrschaft der Großen Mutter in ihrer Vollendung. Aus diesem Grund gibt es heutzutage den Feminismus.

Nun einige Worte zum Feminismus ­­- es könnte auch andere Formen des Feminismus geben. Der moderne Feminismus ist anders, doch ich möchte herausstellen, dass es einen anderen Feminismus geben könnte, den ich Hekatefeminismus nenne. Dieser basiert auf der sehr besonderen Figuren der großen Gottheit Hekate, die in der frühen griechischen Geschichte von Hesiod als die Gottheit beschrieben wurde, die jede Frucht gibt, jedes Ding das begehrt wird, doch wenn Hesiod von dem spricht was Hekate gibt, dann spricht er von „der Weisheit, der Tapferkeit, dem Sieg im Kampf und dem Vieh“, nicht aber von den Feldfrüchten. Hekate war im ursprünglichen Sinn also eine turanische Gottheit und stellte gewissermaßen den femininen Archetyp der Turaner dar. Danach wurden sie mit Demeter und Persephone assoziiert und in das Reich der Nacht und der Unterwelt verbannt. Hekate war ursprünglich jedoch keine chthonische Gottheit. Sie war eine himmlisch-feminine Figur. Im Hekatefeminismus ist es die Würde der Frau die patriarchale Werte reflektiert, wie am Beispiel von Athene ersichtlich wird. Athene stellt den reinen Typ dessen dar, was man als das rein Patriarchalische bezeichnen kann: Die Weisheit der Priester und den Heroismus der Krieger. Das war der Hekatefeminismus. Vielleicht kann er wieder zum femininen indoeuropäischen Prinzip werden und die falsche, abweichende Form des materialistischen Patriarchats ersetzen. Der Hekatefeminismus ist also die Wiederherstellung der Würde der Frau als Freund und Verbündeten des Mannes, des indoeuropäischen Mannes. Dies ist ein indoeuropäischer Feminismus als Gegenspieler des logos der Kybele, da er eine Glorifizierung des femininen Prinzips eines rein indoeuropäischen logos darstellt. Interessant ist dabei, dass in der Tradition der Hindus das Konzept der Shakti existiert. Die Shakti ist dabei nichts, dass sich gegen das männliche Prinzip richtet. Sie ist vielmehr eine Macht dieses männlichen Prinzips. Dieses wird auch von der Schechina in der Kabbalah verkörpert. Sie ist also das weibliche Prinzip des Lichts und keine chthonische Gottheit. Dies trifft jedoch nicht auf den heutigen Feminismus zu, da der heutige Feminismus postmodern und absolut anti-indoeuropäisch sowie rein kybelisch beschaffen ist.

Dabei handelt es sich nicht um den Anfang der Befreiung der Frau. Im Gegenteil: Es geht dabei um die totale Vernichtung des Mannes, die mit der Moderne begann. Die materialistischen Grenzen, die dem Mann gesetzt wurden mitsamt der Diskreditierung der Priesterschaft und der Mönche sowie der Krieger war bereits ein Sieg des Matriarchats. Der bürgerliche Typ an sich ist matriarchalisch. Wenn also die Frauen in der modernen Welt vortäuschen Macht zu haben, dann ist das, ebenso wie die deleuzische Metaphysik, nichts Neues. Es stellt vielmehr den Abschluss eines Prozesses dar. Die Macht der Kybele tritt heute offen und manifest zu Tage. Und hier eine interessante Anmerkung zum Feminismus: Traditionell können Frauen kein garantiertes Glück erwarten: Es kann passieren, aber auch nicht. Dabei hängt es vom transzendenten Moment ab. Die Frau kann den richtigen Mann treffen, mit ihm Kinder, eine ordentliche Familie haben und glücklich sein, oder auch nicht. All das hängt von einem transzendenten Moment ab. Die Möglichkeit des Glücks hängt also von etwas Anderem ab. Aber der moderne kybelische Feminismus sagt, „Auf Nimmerwiedersehen!“ zu diesem Glück. Das feminine Glück ist für ihn eine Illusion. Es ist mehr ein Traum als real. Es gibt kein weibliches Glück und jede Frau sollte sich davon verabschieden. Es gibt kein Glück, es ist eine Illusion. Es handele sich dabei um einen Trick des Patriarchats um die Frauen unter Kontrolle zu halten. Sie werden niemals das weibliche Glück erlangen, aber stattdessen können sie die Macht haben. Daher tauschen Sie also das problematische weibliche Glück gegen den nicht-problematischen Kampf um die Macht und den Willen zur Macht ein. Dadurch entsteht aber kein Anspruch auf mehr Glück und mehr Gleichheit. Das ist der Kampf um die Macht in der Gesellschaft. Und dieser ist fast erfolgreich gewesen. Wir befinden uns nicht in der ersten Phase des Feminismus, sondern in seiner letzten Stufe. Und dieser Kampf um die Macht und das Konzept der Frau als Macht reflektiert das weibliche Prinzip in der Tradition, da in der indischen Tradition der reine Status, der Purusha, das männliche Prinzip in der Weisheit, ohne Macht besteht. Es ist das reine Licht des Denkens. Und die Macht ist bereits weiblich. Diese Befreiung der Macht von der Weisheit führt zur Macht an sich, der blinden Macht. Genau das passiert im gegenwärtigen Feminismus. Er stellt das Erreichen der absoluten femininen Macht dar, die Frau verliert sich selbst, ihre Natur und ihren Inhalt. Sie wird zur absolut blinden Macht, einer Art Vitalität. Es gibt also die blinde Macht der Dinge an sich, reine Schwere, reine Materie, Materie im orientierungslosen Zustand. Es gibt also kein Glück mehr, aber eine neue Macht und die Verweiblichung einhergehend mit dem Verschwinden des Mannes. Der Mann muss verschwinden. In dieser Situation verlieren sie den Mann, ihren Archetyp und an seine Stelle tritt die Idee der Anerkennung der Homosexualität des Mannes als Norm in der westlichen Gesellschaft, die zum Ende des Mannes führt, sie bedeutet das Ende des Gleichgewichts zwischen den Geschlechtern, das dadurch zerstört wird, alles wird optional und Sie verlieren die beiden Pole von Mann und Frau. Das ergibt den Sieg der Kybele, der nun offen und manifest zu Tage tritt, nicht nur implizit wie in der Moderne, sondern eben explizit.

Nun kommen wir zum Post-Liberalismus. Wenn man den Liberalismus, alleine im freien Raum stehen lässt, gibt es keine zweite oder dritte politische Theorie, wodurch auch die Vierte Politische Theorie als Möglichkeit ausgeschlossen wird. Doch wird auch die Erste Politische Theorie (der Liberalismus) dadurch in eine Art Post-Liberalismus verwandelt. Es gibt kein Individuum mehr, sondern nur das Dividuum, etwas Geteiltes, Tomisches, da das Atom nicht atomisch war. Als man das Atom entdeckte wurde es als etwas erkannt, das man noch weiter teilen kann. Daher ist es nicht atomisch, obwohl das Atom seinem Namen nach unteilbar ist. Wenn aber etwas teilbar ist, dann ist es kein Atom. Wenn Sie also etwas, das teilbar ist, Atom nennen, dann können Sie auch noch immer etwas als ein Individuum bezeichnen, auch wenn es nicht mehr als etwas “in-dividuelles” und damit “un-teilbares” betrachtet wird. Es ist also damit bereits etwas Rhizomatisches, eine Umwandlung, die sich im Zuge der Globalisierung ereignet. Die Globalisierung zerstört jede Art von Gesellschaft, ebenso wie sie die Moderne zerstört. Dem Liberalismus fehlen nationale Grenzen in jeder Hinsicht, genauso wie er überhaupt keine Grenzen kennt. Er besteht aus reinem Kosmopolitismus – er kennt weder Rasse, Ethnos noch Gesellschaft. Jeder kann an jedem Platz im Raum leben. Heute ist es die Freiheit der Individuen, morgen wir es die Freiheit der Netzwerke sein. Denn es ist eine Art Matrix, mit einer künstlichen Intelligenz und Körpern die Körper emulieren. Das Konzept des Körpers kann sich auch wandeln, jedoch wird uns stattdessen die Unsterblichkeit versprochen, aber es handelt sich dabei um die Unsterblichkeit der Maschine, nicht um die Unsterblichkeit des Menschen, denn die Maschine kann nicht sterben. Die Maschine kann angepasst, zerlegt oder zusammengesetzt werden, so stirbt die Maschine nicht. Und wenn wir sagen, dass wir physisch unsterblich werden, bedeutet dies: auf immanente Art. In diesem Moment hören wir auf, menschlich zu sein. Und genau das ist der Singularitätsmoment, der nur wenige Jahre in der Zukunft vor uns auf uns wartet. Wir leben nicht in einer Epoche einhundert oder zweihundert Jahre vor der Singularität. Wir befinden uns bereits kurz vor der Singularität.

Nun kommen wir zu einigen Fragen bezüglich der Rolle Russlands in all dem. Russland, und hier sollten wir keine Fehleinschätzungen treffen, ist eine konservative Gesellschaft, welche den vorhin beschriebenen Prozess zu verlangsamen versucht. Das heutige Russland stellt keine Alternative dar. Es versucht gewissermaßen den gegenwärtigen Trend aufzuhalten, daher ist es in diesem Sinne eine anti-akzelerationistische Macht. Wir sagen: „Nicht so schnell!“ Unsere Gesellschaft, unser Präsident sagt: „Nicht so schnell. Die Richtung ist gut, aber wir wollen jetzt noch nicht dorthin.“ Das ist reiner Konservatismus. Das ist kein Vorschlag zur Wiederherstellung des apollinischen logos. Das ist reine Trägheit. Das ist eine komplett unverantwortliche, aber sehr vernünftige Reaktion auf die Postmoderne. Denn die radikalste Formulierung des russischen logos ist gegenwärtig die Russische Föderation, die sich einer sehr schüchternen Verteidigung der Realität verschrieben hat. Die besten und tapfersten Russen täuschen vor, die Realität gegen die Virtualität zu verteidigen. Sie sind absolute Materialisten und einige von ihnen sogar absolute Modernisten. Aber sie wollen nicht den letzten Schritt in diese Richtung wagen. Es gibt eine stark traditionalistische Gefühlslage im Volk, in unserer Kirche gibt es eine radikale Gruppe die gegen den status quo protestiert, gründend auf dem Berg Athos, auf den Traditionen der Alten, aber es ist eine absolut marginale Minderheit die keinerlei Einfluss auf die Gesellschaft besitzt. Sie werden als komplett verrückt angesehen. Denn unsere Gesellschaft ist archeo-modern. Sie ist modernistisch im alten Sinne, sie kann und will die Postmoderne nicht akzeptieren, besitzt aber auch keinen Willen, kein Begehren und keine Kapazität dazu, zum vor-modernen logos zurückzukehren. Ich nehme an, dass das wohl schlechte Neuigkeiten sind, denn von außen gesehen sieht das alles ganz anders aus. Von außen ist Russland eine konservativ-revolutionäre Macht, die gegen den Westen und all das kämpft. Dem ist aber nicht so! Vielleicht sollten wir diesen Punkt nicht überstrapazieren, aber Russland besitzt großes Potenzial, denn unser Dasein und unser Volk sind der Träger einer katehonischen Mission. Und dies können wir in der Reaktion des Volkes erkennen. Wir besitzen russisches Dasein. Das russische Dasein baut viel stärker auf dem Dionysischen auf als auf dem apollinischen logos, aber es ist gefangen. Unsere Identität ist gefangen. Diese Gefangenschaft ist nicht alleine auf den Liberalismus der 90er Jahre zurückzuführen, sondern auch auf die kommunistische Periode kybelischer Herrschaft. Aber auch das späte Zarenreich der Romanovs war modernistisch, archeo-modern, prowestlich und so weiter.

Russland befindet sich also in Schwierigkeiten: Sein logos, sein Volk, sein Dasein, sein Existenzhorizont. Aber „nichts ist verloren, wenn es etwas gibt, das nicht verloren ist“, um Curzio Malaparte zu zitieren. Daher denke ich, dass wir in einer Lage sind, die sich strukturell nahe am serbischen Volk befindet. Wir haben andere Ausmaße, eine andere Macht, einen anderen Raum und eine unterschiedlich große Bevölkerung, aber das Problem bleibt das gleiche. Russland kann also nicht als Antwort, geschweige denn als Alternative angesehen werden zu allem was gegenwärtig passiert. Es handelt sich bei ihm nur um einen Ort, an dem die Noomachie noch immer weitergeht, wobei der kybelische logos dominiert. Wir befinden uns also innerhalb von Kybele, nicht außerhalb von ihr. Darauf wurde auch von Milos Crnjanski als letzter Punkt in seinem Buch hingewiesen. Russland ist gut, aber nicht die Antwort auf der Suche Serbiens nach seiner Identität. Das Ergebnis von Milos Crnjanskis Zusammenfassung ist tragisch, weil die Serben dadurch gewissermaßen ins Exil geschickt werden, ins dauerhafte Exil, ohne ein Mutterland, das für sie übrigbleibt. Aber alle Hoffnungen die auf Russland liegen sollten an der pessimistischen, jedoch sehr offenen Lösung von Milos Crnjanski gemessen werden, weil er Russland liebte und die Serben Russland lieben. Und das ist auch gut so, aber wenn wir falsche Erwartungen haben, könnten wir die Frage nicht begreifen und uns im Kampf mit etwas vereinen, dass bereits vollendet ist. Dies ist besonders wichtig für die Serben und alle anderen, die um ihre Identität kämpfen, nämlich zu wissen, dass Russland bereits auf dem Schlachtfeld steht und kämpft. Russland ist bis jetzt noch nicht formell besiegt, denn unser Volk existiert. Aber wir haben so große Probleme mit dem russischen logos, dass wir mit der Erschaffung der russischen Philosophie in dieser Situation nicht fortfahren können, da wir von den Kommunisten darin drastisch eingebremst wurden. Aus diesem Grund befinden wir uns außerhalb des Ortes, wo die Philosophie wirklich anfängt. Und dieser Ort wurde bis jetzt noch nicht erreicht. Wir kämpfen, um dorthin zu gelangen. Aufgrund des großen Schadens den wir während der letzten hundert Jahre erlitten haben, konnten wir diesen Prozess nicht von Neuem beginnen. In Russland herrscht heute der reinste soziale Wahnsinn. Wir können mit niemandem sprechen. Als Volk sind wir sehr gut, offen und auch sehr christlich, aber nicht als Träger einer intellektuellen Tätigkeit. In einem so großen Volk sind nur so wenige Menschen dazu in der Lage richtig zu denken, es ist unvorstellbar. Das ist eine Art tiefer, dogmatischer Schlaf (nicht dogmatisch im positiven Sinne, er ist adogmatisch) ein moderner, post-moderner Schlaf, der konservative Schlummer des Volkes. Wir schlafen, doch das Gute daran ist, dass wir wieder aufwachen können, lasst uns das zumindest hoffen!

Wenn wir zum nächsten Moment voranschreiten stellt sich die Frage: Was ist das Problem der Post-Moderne? Die Post-Moderne ist das Problem des Dionysos, weil wir den logos des Apoll nicht direkt anrufen können, da er sich außerhalb der Reichweite unseres Verständnisses befindet. Er ist vor langer, langer Zeit verschwunden, als solcher wahrscheinlich mit dem Ende des Mittelalters, wahrscheinlich sogar früher. Wir haben nur die Figur des Dionysos, diese ist die Sonne inmitten der Nacht. Es handelt sich dabei also um einen verborgenen Intellekt, das ist der verborgene logos. In der Hölle sein, aber nicht in der Hölle sein, in der Nacht stehen, aber nicht zur Nacht gehören, in der Welt der Kybele sein, aber kein funktionierendes Teil der kybelischen Welt sein. Ich nenne dies einen gänzlich anderen Typ der philosophischen Richtung: das radikale Subjekt. Das radikale Subjekt ist das Subjekt, welches sich im Zentrum der Nacht befindet, aber nicht in der Nacht ist. Doch es existiert das Problem von Dionysos schwarzem Doppelgänger; es gibt etwas Titanisches, das Dionysos imitiert und als Adonis seinen Spiegel und Doppelgänger darstellt. Das Problem liegt nun darin, sie voneinander zu unterscheiden. Das ist das Problem des Simulacrums im religiösen Sinne, das Problem des Antichristen, denn der Antichrist ist nicht die scharlachrote Frau selbst. Er ist nicht Kybele. Er ist vielmehr eine Schöpfung die aus dem Abgrund kommt und vortäuscht Christus zu sein. Das Problem des Antichristen, des Simulacrums sowie das Problem des Doppelgängers von Dionysos ist das zentrale Problem der Postmoderne, da es vortäuscht, das radikale Subjekt zu sein. Es täuscht vor, die Figur des Dionysos in ihrem Zentrum zu sein. Und es ist nicht Christus, das radikale Subjekt ist nicht Christus. Christus ist himmlisch, Gott und der Mensch ebenso. Aber es ist etwas ganz anderes und Dionysos ist die Figur die wirklich ausgesprochen problematisch ist. Und ich benannte eines meiner Bücher danach: „Das radikale Subjekt und sein Doppelgänger.“ Das ist anders gesagt das Problem des Dionysos. Wir müssen also diesen Punkt in der Nacht finden, der nicht zur Nacht gehört. Dabei müssen wir aufpassen, ihn nicht mit seiner Parodie zu verwechseln, die nahe bei ihm existiert. Das ist also die metaphysische Erklärung für die Noologie und die Noomachie im 21. Jahrhundert. Und ich denke, dass dies die tiefgehendste Analyse ist, die in der derzeitigen Situation gemacht werden kann.

Um diese Vorlesungsreihe abzuschließen, können wir uns fragen, wo der Platz Serbiens in diesem letzten Augenblick der Noomachie liegt. Das ist eine offene Frage und wir können sie nicht abstrakt beantworten. Es liegt also am serbischen Volk über seinen Platz zu entscheiden. Es ist von großer Wichtigkeit den noologischen Raum zu definieren, um diese Analyse machen zu können, sorgsam die wesentlichen Figuren zu identifizieren, ebenso wie die wesentlichen Tendenzen. Aber das alles hängt von dieser Entscheidung ab. Und was wichtig zu sein scheint ist, dass diese Entscheidung immer möglich ist, bis zu dem Punkt an dem die Singularität kommt. Wir haben also nur sehr wenig Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. So lange wir das Dasein haben, dass Da-Sein, bleibt immer die offene Entscheidung sich für die eine oder die andere Richtung zu entscheiden. Die Wahl ist also solange möglich, solange es Menschen gibt. Der Mensch ist da, wenn das Dasein existiert. Doch ich denke, dass wir durch die Künstliche Intelligenz unwiederbringlich ersetzt und unseres Todes beraubt werden (der Bedingung für unsere Existenz, das Dasein nach Heidegger) und aufhören zu sein, was wir sind. Und damit werden wir unwiederbringlich die Möglichkeit einer Entscheidung verlieren. Jetzt haben wir nur noch wenig Zeit vor uns, denn etwas schrecklicheres und fürchterlicheres als der Tod nähert sich, viel fürchterlicher als der Tod, Folter oder eine Katastrophe. Es ist das Ende des menschlichen Daseins wie wir es kennen, als Folge nicht korrekt getätigter Entscheidungen. Heidegger zu folge hat sich das europäische Dasein, das westliche Dasein dazu entschlossen, nicht zu sein. Und das ist die Definition der Moderne und Post-Moderne. Es hat sich dazu entschieden nicht zu sein und nicht in der Nacht aufzuwachen, zur Mitternacht, wo wir uns gerade befinden. Aus diesem Grund hat Heidegger auch in seinem Interview gesagt, „Nur ein Gott kann uns retten“, weil die getroffene Entscheidung falsch und bereits getätigt worden war. Die Vielheit des Daseins, die auf der Noomachie gründet, bewahrt die Möglichkeit sich anders zu entscheiden. Auch wenn der Westen sich dazu entschieden hat, denke ich nicht, dass die Entscheidung, nicht zu existieren, nicht auch für uns Serben und Russen durch ihn getroffen worden ist. Das war nicht unsere Entscheidung. Und wir haben uns noch nicht abschließend entschieden, also müssen wir dazu voranschreiten. Wir haben Zeit, sehr wenig Zeit, um diese Entscheidung zu treffen. Und das ist das Ende der zehn Vorlesungen zur Noomachie als einführenden Kurs in dieses Studium.

 

Aus dem Englischen übersetzt von Alexander Markovics