Nachruf auf David Lynch
David Lynch – Filme für das Erwachen, gegen die Verdummung
Während das Gros der Regisseure Filme dreht, die die Zuseher verdummen, ging er einen anderen Weg und versuchte sie aufzuwecken. Er trug zum großen Erwachen der Amerikaner bei, dass sich gerade vor unseren Augen abspielt. Die Rede ist von David Lynch, dem amerikanischen Regisseur, dessen Filme den Bildschirm durchdringen und den Zuseher ergreifen. Dieser Weg war nicht vorgezeichnet: Mitte der 1960er Jahre begann er ein Studium in Philadelphia an der Pennsylvania Academy of Fine Arts, Lynch übt sich hier als Maler, doch als er nachts im Garten sah, wie das Schwarz dem Grün wich dachte er sich: „Es wäre gut ein sich bewegendes Gemälde zu malen!“ In seinen Filmen finden sich viele Elemente seiner Gemälde wieder: Industrielandschaften, surrealistische Horrorszenen, aber auch das Amerika der 1950er Jahre: Kleinstädte, Autos, Diners und Kirschkuchen. Lynch selbst wuchs in einer solchen auf, in der Kinder nachts allein auf der Straße spielen konnten – doch als er einmal bei helllichtem Tag eine verstörte nackte Frau auf der Straße sah, wusste er instinktiv, dass etwas nicht stimmt.
Das reale Amerika: Kleinstädte, Kirschkuchen und blaue Rosen
Dementsprechend sind seine Filme Darstellungen des realen Amerikas, geprägt von einer Sehnsucht nach dem ländlichen Leben fernab der Metropolen und der pragmatischen Philosophie des amerikanischen Geistes, in der alles möglich ist, solange es funktioniert und Normen bedeutungslos sind. Andererseits sind sie bestimmt von Gewalt, zügelloser Sexualität und Unschuld. So stellen Filme von ihm wie Blue Velvet (1986) ein bürgerliches Kleinstadtidyll dar, hinter dessen Fassade der Sadismus regiert. Lynch ging es dabei allein um die Abbildung der Realität. Das „kleine Glück“ kann keine Grundlage haben, wenn es nicht durch Opfer abgesichert ist – in seinen Filmen nimmt diese alte Gewissheit Gestalt an in den Monstern, die im Hintergrund schlummern und ihren Tribut fordern. Die blaue Rose wird von hier an zum Symbol für Tabu und Erinnerungslücken der USA in seinen Filmen: Der Völkermord an den Indianern, die Atombombe und die kulturelle Hegemonie werden in ihnen thematisiert. Auch Hollywood erfuhr in seinem als Meisterwerk gefeierten Film Mulholland Drive (2001) eine Kritik an der Traumfabrik, die massenhaft Menschen missbraucht und wieder ausspuckt, nur damit einige wenige Erfolg haben können – lange Zeit vor dem „Metoo“-Skandal.
Twin Peaks – das konservative Utopia und der Weg in die schwarze Hütte
Für viele gilt die Serie Twin Peaks (1990 – 2017) als Gipfel seines Schaffens: In mehr als drei Staffeln und einem Kinofilm wird die Geschichte des konservativen Utopias Twin Peaks erzählt, einer scheinbar idyllischen Kleinstadt im Herzen der USA, die durch den Mord an Laura Palmer erschüttert wird. Auch Linke liebten die Serie, in der das tiefe Amerika auf seine irreale Verklärung trifft, die so nie existiert hat. Der aus der Großstadt stammende FBI-Agent Dale Cooper trifft bei seinen Ermittlungen nicht nur auf die charmanten Bewohner, sondern begreift schnell, dass er Teil eines kosmischen Kampfes zwischen Gut und Böse ist. In der Schwarzem Hütte, wo Zwerge und Riesen existieren läuft die Zeit rückwärts – Oberwelt, Welt und Unterwelt der indoeuropäischen Mystik finden sich hier wieder. Auch Dale Cooper ist kein einfacher Held – das reine Böse erschafft einen Doppelgänger, der fortan mordend durch die Stadt zieht. Es scheint, dass Lynch unsere Aufmerksamkeit auf dieses Eingreifen der schwarzen Hütte (die Moderne) in unsere Realität lenken will und ihre schwarzen Wunder (Gentechnik, Transhumanismus). Laura Palmer kehrt ins Leben zurück, ist aber geistig nicht mehr derselbe Mensch. Die USA haben als erste Nation den Weg in die Schwarze Hütte angetreten und verlassen sie auch wieder erste. David Lynchs Werk lässt uns Europäer diesen Weg besser verstehen und kann vielleicht auch uns einen Ausweg zum großen Erwachen aus der Moderne weisen.